Die Spur der Gräber Verein in Ballenstedt veranstaltet erste touristische Friedhofsführung

Mann mit grauen haaren und roten Fleece-Pullover macht ein Selfie vor einem Fachwerkhaus mit MDR-Logo
Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Friedhöfe üben auf manche Menschen eine besondere Anziehung aus, nicht zuletzt, wenn dort Prominente begraben sind. In Ballenstedt will ein Verein deshalb jetzt den dortigen Friedhof als Touristen-Attraktion erschließen. Auf ihm liegen bekannte Dichter, Schauspieler und Prinzessinnen. Es gibt aber auch architektonisch interessante Grabstätten.

Eine Fremdenführung mal ganz anders gab es am Samstagabend in Ballenstedt. Der dortige Kulturverein Akzente will den städtischen Friedhof für Gäste erschließen und veranstaltete nun seine erste Friedhofsführung. Diese verlief sehr erfolgreich.

Ein Schild lädt zur Führung auf dem Friedhof Ballenstedt.
Ein Schild lädt zur Führung auf dem Friedhof Ballenstedt. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Ein wenig aufgeregt waren sie am Anfang, die Damen vom veranstaltenden Verein. Kurz vor 18 Uhr hatten sie an einem Dichtergrab Portraits befestigt und kleine Laternen mit Kerzen verteilt. Noch ein letztes Zurechtrücken der Kleidung. Sie stelle eine trauernde Witwe des 19. Jahrhunderts dar, sagt Vereinsvorsitzende Bettina Fügemann, die an dem Abend die Gäste über den Friedhof ihrer Heimatstadt führen will.

Friedhofsführung in Ballenstedt: Viel mehr Gäste als erwartet

Ein Grabstein
Das älteste Grab ist mehr als 200 Jahre alt. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Und dann kommen die Gäste. Die Organisatoren rechnen mit rund 20 Personen. Es kommen aber immer mehr. 18:30 Uhr sind es schließlich fast 50 Menschen, die sich über den Friedhof von Ballenstedt führen lassen wollen. Die Friedhofsführung startet am ältesten Grab aus dem Jahr 1813.

Grabstein auf dem Friedhof Ballenstedt
Sogar leibhaftige Prinzessinnen sind in Ballenstedt begraben. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Bettina Fügemann und ihre Mitstreiterinnen nehmen die Gäste mit auf eine eineinhalbstündige Spurensuche zu Gräbern von Prinzessinnen, Dichtern, Generälen, Widerstandskämpfern sowie alteingesessener Familien und zu architektonisch interessanten Gräbern, zum Bespiel zu einem Grab im Bauhausstil oder einem aus der Biedermeierzeit. Ballenstedt war Residenzstadt der Herzöge von Anhalt. Es gab ein Schlosstheater und Beamte am Hofe.

Friedhofskultur in Deutschland ist Immaterielles Kulturerbe

Auf Empfehlung der Deutschen Unesco-Kommisssion hat im März 2020 die Kultusministerkonferenz die Aufnahme in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes beschlossen. Die Kultusministerkonferenz definiert es so: "Zum Immateriellen Kulturerbe gehören mündliche Traditionen, darstellende Künste, wie Tanz, Theater, Musik, überlieferte soziale Traditionen, wie Rituale und Feste, traditionelle Handwerkskunst, traditionelle Kenntnisse der Flora, Fauna oder des Kosmos. Von Generation zu Generation wurden und werden all diese Kenntnisse weitergegeben und sind prägender Teil jeder Gesellschaft."

Verein will Stadtgeschichte vermitteln

Ein junger Mann mit schwarzem Zylinder
Lukas Kühne Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Zu jedem Grab gibt es die entsprechenden historischen Fakten und auch Geschichten. Hinzu kommen Zitate, Gedichte und Tagebucheintragungen, die u.a. auch von Lukas Kühne zitiert werden. Der 20-Jährige war schon am Gymnasium in der Theater AG und ist nun, bekleidet mit schwarzem Gehrock und Zylinder, einer der Mitwirkenden.

Der Verein möchte auf diese ungewöhnliche Weise Stadtgeschichte vermitteln. Bettina Fügemann wohnt unweit des Friedhofs und will Geschichtsinteressierte mit architektonisch interessanten Grabmälern und bekannten Persönlichkeiten vertraut machen, die auf dem Friedhof bestattet wurden.

"Blättern in einem Geschichtsbuch"

Die bekannteste dieser Ballenstedter Persönlichkeit ist der Maler und Schriftsteller Wilhelm von Kügelgen. Er war herzoglich-anhaltinischer Kammerherr und starb in Ballenstedt im Mai 1867. Das Familiengrab ist nicht zu übersehen. Daneben liegt eine Hofdame begraben, zwei Gräber weiter der Gründer der ersten Ballenstedter Schule. Ein Gang über den Friedhof sei wie das Blättern in einem Geschichtsbuch, sagt Fügemann, die selbst auch Schriftstellerin ist.

Grab von Wilhelm von Kügelgen
Das Grab von Wilhelm von Kügelgen Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Das "Lieblingsgrab" der Vereinsvorsitzenden ist ein Grab aus der Biedermeierzeit. Hofapotheker Ferdinand Mönch starb 1835 gerade einmal 34 Jahre alt. Seinen Grabstein schmücken Sterne und Getreidegarben, um die sich ein grüner Kranz windet. Darunter steht ein Bibelvers.

Grabstein des Hofapothekers Ferdinand Mönch
Grabstein des Hofapothekers Ferdinand Mönch Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Ein außergewöhnliches Grab befindet sich nur weniger Meter entfernt – ein Grab im Bauhausstil. Angelegt wurde es für den im Jahr 1927 in Ballenstedt verstorbenen und damals bekannten Schauspieler Arthur Vollmer. Theodor Fontane schrieb von ihm als dem "weitaus reichsten Talent" an der königlichen Bühne in Berlin. Das komplette Zitat wird vor seinem Grab verlesen.

Grab im Bauhausstil
Grabstein für den Schauspieler Arthur Vollmer Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Etwas gruselig wird es als die Vereinsvorsitzende vor dem ältesten Kindergrab steht und später im Dämmerlicht davon erzählt, dass früher Mütter, die bei der Geburt starben, deren Kinder aber überlebten, nach einem besonderen Ritual begraben wurden. Der Weg mit dem Sarg zum Friedhof wurde über Umwege zurückgelegt. Die Seele der toten Mutter sollte nicht den Weg zurückfinden und ihr Kind holen kommen.

Friedhofsführung in Ballenstedt: Fortsetzung folgt

Zwölf Grabstellen werden während der eineinhalbstündigen Führung besucht. Am Ende gibt es Beifall und angeregte Diskussionen. Viele sind erstaunt, welche Geschichten der Friedhof bereithält. Manche ahnen: Es gibt noch viel mehr – und fragen nach einer Fortsetzung. Es wird nicht die letzte Führung dieser Art auf dem Friedhof von Ballenstedt gewesen sein.

Mann mit grauen haaren und roten Fleece-Pullover macht ein Selfie vor einem Fachwerkhaus mit MDR-Logo
Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Über den Autor Carsten Reuß wurde in Aschersleben geboren und ist in einem kleinen Ort in der Nähe, nur wenige Kilometer vom Harzrand entfernt aufgewachsen. Nach seinem abgeschlossenen Werkzeugmaschinenbaustudium entdeckte er die Liebe zum Journalismus. Nach ersten Erfahrungen bei einer Tageszeitung und einem Abstecher in ein Maschinenbauunternehmen arbeitet Carsten Reuß seit 1993 für den MDR. Seitdem berichtet er regelmäßig aus dem Harz. Den erkundet er außer zu Fuß auch gern auf dem Motorrad, mit dem Fahrrad oder auf Skiern.

MDR/Carsten Reuß, Gero Hirschelmann

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 22. August 2021 | 19:00 Uhr

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