Engagement: "GastroHilft" Wie eine Initiative aus Halberstadt gegen Lebensmittelverschwendung kämpft

Swen Wudtke
Bildrechte: MDR/Swen Wudtke

Zwölf Millionen Tonnen Lebensmittel landen bei uns in Deutschland jedes Jahr auf dem Müll. Das hat das Thünen-Institut im Auftrag des Bundesernährungsministeriums ausgerechnet. Ein haltloser Zustand, denken sicherlich viele. Andreas Gottschalt will dabei nicht nur zusehen, sondern etwas dagegen tun. Dafür hat der Halberstädter die Initiative "GastroHilft" ins Leben gerufen.

Ein Mann mit schwarzem Hemd und dichtem Bart steht vor einem Regal voller Lebensmittel.
Andreas Gottschalt rettet mit "GastroHilft" Lebensmittel. Bildrechte: MDR/Swen Wudtke

Ein kleiner, unscheinbarer Eckladen im Gerberhaus – am Rande der Halberstädter Altstadt: Vor der Tür steht ein Kombi, proppenvoll mit Mohrrüben und allerlei anderem Gemüse, Aprikosen, Milch, Butter, Käse. "Alles in Supermärkten eingesammelt, die diese Sachen nicht mehr verkaufen. Aber zum Wegschmeißen einfach zu schade", erklärt Andreas Gottschalt und schnappt sich zwei Kisten mit Kartoffeln. Im Laden packt er alles sortiert in Regale, seine ehrenamtliche Mitstreiterin Maren Jacob füllt die Kühl- und Gefrierschränke auf. Alles geht Hand in Hand, während draußen vor der Tür schon die ersten Kunden warten.

Die Kunden nennt Gottschalt "Gäste". Er sagt, viele seien Bedürftige, deren Geld hinten und vorne nicht reiche. "Wir wollen aber für alle da sein, selbst der Multimillionär kann zu uns kommen. Denn für uns steht an erster Stelle die Lebensmittelrettung", erklärt er das Konzept von "GastroHilft". Die moderne Wegwerfmentalität sei für ihn ein Unding. Diese Einstellung rühre aus seiner familiären Vergangenheit. Er erinnere sich nur zu gut an seinen Großvater, der "wirklich alles verwertet und nichts weggeschmissen hat". Das habe ihn geprägt.

Keine Konkurrenz zu Tafeln

"GastroHilft" entstand vor etwa eineinhalb Jahren, als Restaurants oder auch die Tafeln coronabedingt schließen mussten. Supermärkte blieben auf Lebensmitteln sitzen, die sich nicht mehr zum Verkauf eigneten. "Bedürftigen konnten sie nicht zugänglich gemacht werden. Das wollten wir ändern", beschreibt Andreas Gottschalt seine Idee, brauchbare Lebensmittel zu retten. Heute, da Tafeln oder Wärmestuben Bedürftigen wieder eine Anlaufstelle sein können, denkt Gottschalt nicht, dass "GastroHilft" deren Angebote verringert. "Wir sehen uns nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung."

Jeder kann kommen, muss keine Bedürftigkeit nachweisen. Über allem steht, dass wir Lebensmittel retten. Die sollen einfach nicht weggeworfen werden.

Andreas Gottschalt, "GastroHilft"

Viele Menschen sind dankbar über das Angebot

Inzwischen hat sich vor der Eingangstür eine Schlange gebildet. Bunt gemischt: junge Mütter mit ihren Kindern, ältere Damen und Herren. Ein Millionär scheint jedenfalls nicht dabei zu sein. Wie jeden Montag, Mittwoch und Freitag öffnet der kleine Eckladen im Gerberhaus punkt 14 Uhr. Kunden kommen einzeln oder maximal zu zweit die Treppe hinauf, Masken und Handschuhe sind Pflicht.

Vor einem Eck-Fachwerkhaus warten Menschen mit Taschen in einer Schlange.
Vor der Eingangstür bilden sich schnell Schlangen. Bildrechte: MDR/Swen Wudtke

Mandy Saß macht keinen Hehl daraus, arm zu sein. Sie und ihre kleine Tochter Leticia greifen zu Bananen, Milch, Butter und reichlich Gemüse. "Das hilft mir ganz dolle weiter", weiß Mandy das Gratis-Angebot zu schätzen. "Auch wenn's ein, zwei Tage drüber ist, das ist nicht so schlimm. Ich lebe noch", sagt sie mit einem humorvollen Lächeln.

Auch Frank Schröder nimmt das Angebot wahr: "Ich war LKW-Fahrer – fünf Bandscheibenvorfälle und ein kaputtes Knie. Hartz 4." Dann kommt Helene Nothnagel, sucht sich eine Tüte Brötchen aus und stöbert im Gefrierschrank. Dabei hat sie ebenso die Spendendose im Blick, in die sie, wie die anderen Kunden auch, einige Münzen wirft. "Das gibt mir ein gutes Gefühl", sagt die Rentnerin und verlässt den kleinen Eckladen wieder.

Eine Frau mit rosa Haaren und rosa Pullover sortiert mit ihrer jungen Tochter, die ein Kuscheltier trägt, Lebensmittel in einen Einkaufskorb.
Mandy Saß und ihre Tochter sind dankbar über das Angebot. Bildrechte: MDR/Swen Wudtke

Jede Spende zählt

"GastroHilft" wird zum Beispiel von Vereinen, Gastronomen, Unternehmern, Einzelhändlern und Privatpersonen unterstützt. "Jede Spende ist willkommen", sagt Andreas Gottschalt. "Miete, Strom, Benzin – das muss ja alles bezahlt werden."

Der Umzug ins neue Domizil im denkmalgeschützten Gerberhaus aus dem Jahre 1620 ist noch nicht abgeschlossen, der Eckladen nur eine Zwischenlösung. Nebenan in der einstigen Gerberhütte lagern derzeit Sachspenden für die Flutopfer in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. "Aber genau hier hätten wir genügend Platz, um auch kochen zu können." Denn zu "GastroHilft" gehöre auch, Wohnungslosen täglich eine warme Mahlzeit anbieten zu können. "Im Augenblick kochen Gastronomen in ihren Küchen oder Privatpersonen bei sich zu Hause."

Vor einem Eck-Fachwerkhaus warten Menschen mit Taschen in einer Schlange.
Der Eckladen ist nur eine vorrübergehende Lösung. Bildrechte: MDR/Swen Wudtke

Bereits zwei Tonnen vor dem Schredder bewahrt

Lebensmittelretter Gottschalt schätzt, dass seine Initiative inzwischen fast zwei Tonnen Lebensmittel vor dem Abfall-Schredder bewahrt, und das jede Woche. Das entspricht über 100 Tonnen im Jahr. "Das macht mich und unser ganzes Team an Freiwilligen natürlich stolz, ändert aber nichts an der Überfluss-Situation", resümiert er. Seine Wunschvorstellung: "Nahrung als Grundbedürfnis müsste grundsätzlich für alle kostenlos sein. Dafür müssten eben andere Dinge teurer werden, und wenn es das Auto ist."

Dabei sei ihm klar, dass sich dieser Wunsch fernab der Realität bewege. Aber dass die "GastroHilft"-Idee in seiner Heimatstadt funktioniert, stimmt ihn froh. "Wenn sie jetzt auch über die Grenzen hinaus in andere Regionen schwappt, als eine Art Vorzeige- oder Pilotprojekt, wäre das großartig."

Swen Wudtke
Bildrechte: MDR/Swen Wudtke

Über den Autor Swen Wudtke arbeitet seit 2020 bei MDR SACHSEN-ANHALT. Seine Heimat sind die Harzer Berge - und so liegt es auf der Hand, dass er aus dem Studio Wernigerode über alles berichtet, was die Harzer bewegt und für ganz Sachsen-Anhalt wichtig ist. Seine Erfahrungen sammelte Swen Wudtke in verschiedenen Medienhäusern, etwa bei radio ffn, RPR1., Radio38 oder auch bei Sat.1 und Baden TV. Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind seine Heimat rund um Rübeland und die weitläufige Natur des Drömlings.

MDR/Swen Wudtke, Leonard Schubert

Dieses Thema im Programm: MDR S-ANHALT | 08. August 2021 | 19:00 Uhr

4 Kommentare

Rotti vor 17 Wochen

Eine sehr gute Aktion.
Lebensmittel muss man nicht wegschmeißen.
Auch das Hartz IV sollte überdacht werden.

Menschen, die arbeitslos wurden, den sollte bis zur Wiedereingliederung ins Arbeitsleben Arbeitslosengeld gezahlt werden.

Denen, die nie eingezahlt haben, sollten Gutscheine reichen. Läuft in Italien hervorragend so. Das würde ich dann auch für die Rente gelten lassen.
Wer nie einbezahlt hat, der bekommt Gutscheine statt Geld.

kleinerfrontkaempfer vor 17 Wochen

Produziert wird auf Teufel komm raus. Jeder will sein/seine Produkte vor der Konkurrenz platzieren und verkaufen. Der Anteil am Kuchen kann nicht groß genug sein. Marktkonform eben.
Bloß gibt es den bestimmenden Markt nicht. Es sind Menschen die den Markt machen, manipulieren und nutzen. Zum Geld verdienen. Nicht um satt und gesund zu machen. Also bleiben wir vor den Tricks und der Täuschung der allmächtigen Industrie nicht verschont. Und machen zwangsläufig tagtäglich mit. Als Konsument. Selbst wenn sich wohlgemeinte initiativen und Strömungen versuchen zu etablieren.

DanielSBK vor 17 Wochen

Lebensmittel (nicht Nahrungsmittel) sollten generell nicht kostenlos abgegeben werden - weder von der Tafel noch von solchen "Aktivisten". Nur im Ausnahmefall an Obdachlose und dann auch nur vom Staat.
Der Staat hat die Pflicht "Bedürftige" zu unterstützen. Obwohl mir das Wort Bedürftig schwer über die Lippen geht, wenn man Zuhause einen 55 Zoll Tv, eine Playstation5, Zigaretten, Alkohol und Internet 24/7 zu Hause hat ...

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