Klimafreundlicher Treibstoff Wie grüner Wasserstoff "Made in Blankenburg" funktionieren soll

Swen Wudtke
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Mit Wasserstoff lässt sich klimafreundlicher Treibstoff erzeugen. In Blankenburg im Harz soll grüner Wasserstoff produziert werden – mit dem Grubenwasser des ehemaligen Berkwerks. Wie das funktionieren soll.

Eine verfallene Fabrikhalle
Auf dem Gelände der ehemaligen Harzer Werke Blankenburg soll künftig grüner Wasserstoff produziert werden. Bildrechte: MDR/Swen Wudtke | Collage: Max Schörm

Zerborstene Scheiben, abblätternde Fassaden, verwahrloste Flächen: Das Gelände der ehemaligen Harzer Werke Blankenburg fristet seit Jahrzehnten ein trostloses Dasein. Abgesehen von kleineren Betrieben, die sich hier angesiedelt haben, kann die Industriebrache getrost als "Lost Place", als verlorener Ort, bezeichnet werden.

Doch es regt sich was: Genau hier soll grünes Gestrüpp weichen – für sogenannten grünen Wasserstoff. Die SSC Hydrovent AG Blankenburg ist in der ersten Phase eines Elektrolyse-Vorhabens – und hat dafür die Siemens AG mit ins Boot geholt. "Ein solches Unternehmen für unsere Idee hier im Harz zu begeistern, hat schon was", freut sich der SSC Hydrovent-Chef Lars Gottschligg und verweist auf "exzellente Standortfaktoren".

Verwildertes Areal in Blankenburg
Auf diesem verwilderten Areal soll der grüne Wasserstoff hergestellt werden. Bildrechte: MDR/Swen Wutdke

"Mit der A36 und einem Gleisanschluss vor der Haustür sind wir optimal an Straße und Schiene angebunden", meint Gottschligg. "LKW wären von diesem Standort ruckzuck auf der Autobahn und müssten auf ihren Wegen in Ballungszentren oder zum Hamburger Hafen nicht etwa durch die Blankenburger Innenstadt donnern."

Eine Grafik mit Windrädern und Solarpanels. 1 min
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Grubenwasser: Gestern ein Fluch, morgen ein Segen?

Doch die Industriebrache kann mit einem weiteren Pfund wuchern, das die Produktion grünen Wasserstoffs überhaupt erst ins Rollen bringen kann. Ganz in der Nähe entwässert die ehemalige Eisenerzmine "Braunesumpf". Und an einem Teil davon habe sich SSC Hydrovent die Wasserrechte gesichert, erklärt Gottschligg.

Die seit mehr als 50 Jahren stillgelegte Grube "Braunesumpf" ist ein kilometerlanges Stollengeflecht, mehrere der bis zu 400 Meter tiefen Sohlen sind geflutet. Zehn Millionen Liter täglich rauschen unterhalb des Eichenberges durch den Walter-Hartmann-Stollen zutage.

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Theoretisch unendlich vorhanden, wäre Wasserstoff eine saubere Alternative, um Motoren anzutreiben. Doch was ist Wasserstoff eigentlich und wie wird wo damit schon gearbeitet? Diese sechs Fakten sollen Auskunft geben.

Stoff der zukunft?! 6 Fakten über Wasserstoff
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Wasserstoff ist der Stoff, aus dem das Universum besteht. Es ist das einfachste und leichteste Element. Es macht drei Viertel der gesamten bekannten Materie aus. So besteht auch unser Sonnensystem zum größten Teil aus dem Wasserstoff der Sonne, den sie nach und nach verbraucht.
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In verschiedenen Regionen in Sachsen-Anhalt wird an Wasserstofftechnologie geforscht und gearbeitet.  Bad Lauchstädt - weltweit erste Wasserstoffspeicher unter Tage Chemiepark Bitterfeld-Wolfen - Wasserstoff-Dorf  Chemiepark Leuna – Forschung zu grünem Wasserstoff in großen Mengen Blankenburg – Herstellung grüner Wasserstoff ab 2023 mit dem Grubenwasser des ehemaligen Bergwerk
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Für die Aufspaltung von Wasser in die beiden Bestandteile Sauerstoff und Wasserstoff wird Energie gebraucht. Es gibt also mehrere Arten von Wasserstoff: Unter "grauem Wasserstoff" versteht man Wasserstoff, der nicht C02-neutral hergestellt wird. Kommt der Strom für diesen Prozess aus erneuerbaren Energien, wie aus Wind- oder Solarenergie-Anlagen, spricht man von "grünem Wasserstoff".
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Wasserstoff ist theoretisch unbegrenzt vorhanden. Er lässt sich in synthetisches Erdgas umwandeln, mit dem sich zum Beispiel Autos antreiben oder Häuser beheizen ließen. Denkbar ist Wasserstoff auch als Grundstoff in der Industrie und als Stromspeicher für grüne Energie aus Sonne oder Wind.
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Grüner Wasserstoff ist teuer. Aus den wenigen Zapfsäulen kommt grauer Wasserstoff. Wegen der klimaschädlicheren Herstellung, ist eine Tankladung aktuell genauso teuer wie eine Tankfüllung Benzin. Beim grünen Wasserstoff dagegen sind zurzeit die Kosten für die Produktion noch hoch.
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Wasserstoff soll auch als Treibstoff für Automobile dienen. Die Frage: "Wasserstoff oder Strom?" beziehungsweise "Brennstoffzelle oder Batterie?" ist dabei fast zu einer Glaubensfrage geworden.  Wasserstoff oder Strom als Antrieb fürs das Auto? In beiden Fällen treibt ein Elektromotor das Auto an. Der Unterschied: Im einen Fall kommt der Strom dafür direkt aus der Batterie. Im anderen wird er von einer Brennstoffzelle im Fahrzeug erzeugt. Die größere Reichweite haben aber weiterhin Wasserstoff-Autos. Sie schaffen 500 bis 600 Kilometer mit einer Tankfüllung, ein Elektrofahrzeug muss man nach 200, spätestens 300 Kilometern laden. Vor ein paar Jahrzehnten sollten die Wasserstofffahrzeuge Diesel und Benziner ersetzen. Sie hatten die Nase vorne unter den alternativen Antrieben für die Straße. Inzwischen haben die Batterien aufgeholt. Und das kostet mit etwa 20 Minuten auch noch vier Mal so viel Zeit wie man für eine Tankfüllung Wasserstoff braucht. Allerdings haben auch die Batterien Fortschritte gemacht.
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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 26. Juli 2021 | 19:00 Uhr

Wasserentnahme beeinflusst Lebensraum geschützter Tierarten nicht

Seit Jahren gehe dieses Grubenwasser ungenutzt den Bach runter, erzählt Ralf Selle vom Berg- und Naturschutzverein zu Blankenburg. "Früher hat uns das Wasser vor riesige Probleme gestellt", erinnert sich der ehemalige Bergmann. "Dass es plötzlich von großem Nutzen bei der Energiewende sein kann, hätte ich nie im Leben gedacht."

Ralf Selle vom Berg- und Naturschutzverein am Stolleneingang in Blankenburg
Ralf Selle, Naturschützer und ehemaliger Bergmann, vor dem Stollen in Blankenburg. Bildrechte: MDR/Swen Wutdke

Während er auf die reine Trinkwasserqualität schwört, denkt er auch an die Umwelt. "Durch die Wasserentnahme wird nichts beeinflusst, auch nicht die Habitate seltener Höhlenkrebse oder Bechsteinfledermäuse." Naturschützer Selle ergänzt: "Wir nehmen niemandem etwas weg, senken keinen Grundwasserspiegel, und das Grubenwasser muss nicht aufwendig gepumpt werden."

Grubenwasser für die Elektrolyse

Das in seiner CO2-Bilanz unbelastete Wasser eigne sich hervorragend als Prozesswasser, ist sich Projektleiter Thorsten Ducke sicher. Das Wasser werde der Elektrolyse zugeführt, für die grüner Strom von Windanlagen aus dem Netz und von eigenen Solaranlagen bezogen werden solle. "Diese Komponenten machen unseren Wasserstoff grün", erklärt Ducke.

Grubenwasser in Blankenburg
Das Grubenwasser könnte vielfältig genutzt werden. Bildrechte: MDR/Swen Wutdke


Doch mit dem Wasser könne man noch viel mehr anstellen, sagt der Projektleiter. Vorstellbar sei etwa, im ehemaligen Speisesaal der Harzer Werke ein Rechenzentrum zu betreiben und mit dem zwölf Grad kalten Grubenwasser die Server zu kühlen. "Das würde enorm viel Energie sparen. Und das Wasser wäre für die anschließende Elektrolyse schon mal auf Temperatur gebracht. Das würde auch wieder Energie sparen", so Ducke.

Das passiert bei der Elektrolyse des Grubenwassers

Bei der Wasserelektrolyse wird Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff gespaltet. Dies geschieht mittels elektrischen Stromes. Wenn dieser Strom aus erneuerbaren Energien stammt, also aus Windkraft oder Solaranlagen, spricht man beim Elektrolyse-Produkt von grünem Wasserstoff – und Sauerstoff.

Grüner Wasserstoff soll Industriestandort Harz sichern

Lars Gottschligg und Thorsten Ducke glauben ganz fest an ihre Vision. Und sie erfahren dabei auch Zuspruch. Der Landrat des Landkreises Harz, Thomas Balcerowski (CDU), spricht von einem wichtigen Baustein der Energiewende. Es gehe vor allem darum, den grünen Wasserstoff der verarbeitenden Industrie zur Verfügung zu stellen. "Dazu gibt es derzeit eine ganze Reihe an Gesprächen", sagt er. Es gehe auch darum, den Industriestandort Harz zu sichern. "Das wäre mit einer Investition, die in Blankenburg im Gespräch ist, möglich", meint Balcerowski.

Thorsten Ducke und Lars Gottschligg
Thorsten Ducke und Lars Gottschligg Bildrechte: MDR/Swen Wutdke

Ähnlich sieht es Blankenburgs Bürgermeister Heiko Breithaupt und bietet dem Vorhaben in Kooperation mit dem Landkreis Unterstützung bei den Genehmigungsverfahren an, beispielsweise für energieintensive Unternehmen, die sich in direkter Nachbarschaft ansiedeln könnten. Auch dafür, so Lars Gottschligg, eigne sich das Areal der Industriebrache. Er ergänzt, dass die Elektrolyse nicht nur Wasserstoff hervorbringe: "Neben Wasserstoff gehören zu unseren Produkten auch Sauerstoff und Abwärme."

Noch im Sommer soll die erste Projektphase finalisiert werden. Im kommenden Jahr, so die derzeitigen Planungen, soll der Baustart erfolgen. Und dannach könnte bereits 2023 grüner Wasserstoff aus Blankenburg kommen.

MDR/Maria Hendrischke, Swen Wutdke

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 26. Juli 2021 | 19:00 Uhr

13 Kommentare

Eulenspiegel vor 7 Wochen

Hallo Ule
Hier geht es um Wasserstoff und nicht um Biogas.
Na gut einen kleinen Abstecher zum Biogas.
Biogas kann man aus Mais, aus Gülle und biologischen Abfällen erzeugen.
Ich denke es ist schon eine merkwürdige Landwirtschaft die Biogas aus Mais produziert anstatt aus Gülle plus anderen biologischen Abfällen. Zumal wir ein Gülle -problem haben und die Gülle eine ähnlich hohe Gas-ausbeute bietet wie der Mais.

hansfriederleistner vor 7 Wochen

Im Verkehrsmuseum in München hatte BMW schon vor 15 Jahren eine Ausstellung zu Wasserstoff und Auto.Die Entwicklung war schon ziemlich fortgeschritten. Warum hört man nichts mehr davon?

Jan vor 7 Wochen

Ich freue mich, dass dieses Projekt gestartet wird. Grüner Wasserstoffantrieb gehört genauso die Zukunft wie dem Elektroantrieb. Beide Arten haben ihre Berechtigung

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