Harsleben im Landkreis Harz Vier Jahre nach dem Hochwasser im Harz: "Wir sind total enttäuscht"

Mann mit grauen haaren und roten Fleece-Pullover macht ein Selfie vor einem Fachwerkhaus mit MDR-Logo
Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Vor vier Jahren haben starke Regenfälle im Harzvorland ganze Dörfer überflutet. Nach dem Aufräumen wurde viel über Schutzmaßnahmen gesprochen und diskutiert. Passiert ist nur wenig. Es gab kleine, kostengünstige Maßnahmen, die im Extremfall wenig Wirkung hätten. Ein großes Hochwasser-Rückhaltebecken ist graue Theorie. Anwohner und Lokalpolitik sind enttäuscht.

Eine Straße steht unter Wasser. Absperrungen stehen unter Wasser.
Vor vier Jahren stand das Wasser in den Straßen von Harsleben im Harz. (Archivbild) Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Vor vier Jahren hieß es im nördlichen Harzvorland "Land unter". Die Flüsse Holtemme und Ilse und der Goldbach überfluteten Ende Juli 2017 Teile von Ilsenburg, Wernigerode und zahlreiche Gemeinden. Es kam zu Schäden in Millionenhöhe. In Wernigerode lief das Wasser über den Marktplatz. In Silstedt standen Straßen meterhoch unter Wasser. Besonders betroffen war der kleine Ort Harsleben bei Halberstadt, wo der normalerweise harmlose Goldbach das ganze Ortszentrum überflutete. Seitdem kämpfen die Anrainer für mehr Hochwasserschutz. Und gerade jetzt unter dem Eindruck der Bilder aus den Flutgebieten in Westdeutschland fragen sie sich: Was hat sich getan?

"Das hier ist wunderbar", sagt Ralf Meldau und zeigt auf eine Betonrinne. In seinem Haus in der Halberstädter Straße in Harsleben stand vor vier Jahren das Wasser halbmeterhoch. Küche, Wohnzimmer, alles war hinüber. Die Betonrinne, auf die er nun vier Jahre später zeigt, soll bei einem Hochwasser seine Straße entwässern, denn die bildet vor seinem Haus eine Mulde.

Brücken zu klein, um Hochwasser zu verhindern

Eine Betonrinne zieht sich durch eine Wiese.
Diese Rinne wurde nach dem Hochwasser in Harsleben gebaut. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Diese Betonrinne hätte vor vier Jahren, als der Goldbach nach Starkregenfällen im Harz ungeahnte Wassermassen mit sich führte, wohl auch nicht geholfen, aber bei kleineren Hochwassern erfüllt sie ihren Zweck. Diese Rinne ist eine der wenigen Investitionen, die seit 2017 in den Hochwasserschutz von Harsleben getätigt wurden.

Zwei Gassen weiter ist alles ganz anders. An der Straße "Im Gange" führt eine erst 2014 gebaute Brücke über den Goldbach. Diese habe einen viel zu engen Durchlass, was bei Hochwasser zum Rückstau führe, schimpfen zwei Anwohner, die sich in der Hochwasser-Bürgerinitiative des Ortes engagieren.

Lutz Gärtner zeigt, bis wohin damals das Wasser gestanden hat. Nichts habe sich seitdem getan. Es gebe viele enge Stellen im Bachlauf, die müssten weg. Sobald es stark regnen würde und der Goldbach ansteige, kämen die Bilder von damals wieder hoch, erklärt sein Nachbar Armin Voigt. Der hat "gar kein Verständnis" dafür, dass so wenig geschehen ist und "total enttäuscht" sei er, sagt Lutz Gärtner.

Kritik: keine Gelder für große Schutzmaßnahmen

Ein ähnliches Bild bietet sich am Ortsende, wo die sogenannte Hundeplatzbrücke über den Goldbach führt. Ein zu enger Brückendurchlass sorgte hier vor vier Jahren für einen Rückstau, der große Teile des Ortszentrums unter Wasser setzte. Bürgermeisterin Christel Bischoff kämpft um eine neue und größere Brücke. Allein es fehlt das Geld.

Ein Bach fließt unter einer Brücke durch.
Die Brücken in Harsleben sind teilweise zu klein. Führt der Goldbach viel Wasser, staut es sich an den engen Überführungen. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Das Flussbett müsse aufgeweitet werden, erklärt die ehrenamtliche Bürgermeisterin des 2.200-Einwohner-Ortes. Gewöhnlich wäre der Goldbach etwa 4,30 Meter breit, erklärt sie, an manchen Stellen seien es derzeit nur zwei Meter. In der Kommune hätten sie angefangen, mit wenig Geld etwas zu machen. Es gäbe aber keine zusätzlichen Mittel. Die großen Maßnahmen würden nicht passieren. Es dauere einfach viel zu lang, schimpft sie.

Riesiges Hochwasser-Rückhaltebecken könnte Lösung sein

Ein Mann sitzt an einem Schreibtisch an einem PC.
Flussbereichsleiter Christoph Ertl hat mit seinen Kolleginnen und Kollegen eine Schwachstellenanalyse gemacht. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Dabei ist genau bekannt, was getan werden müsste. Beim zuständigen Flussbereich Halberstadt des Landesbetriebs für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft Sachsen-Anhalt wurde genau das analysiert und aufgelistet. Es seien Risikokarten erstellt und ein Risikomanagementplan erarbeitet worden, erklärt Flussbereichsleiter Christoph Ertl: "Was wir gemacht haben, war eine Schwachstellenanalyse und Vorschläge, was man machen kann." Schwachstellen seien demnach vor allem mehrere Brücken im Ort, die bei einem Hochwasser Nadelöhre darstellen würden. 

Ertl weiß aber auch: Selbst wenn das alles getan werden würde, es würde nicht ausreichen bei einem Ereignis wie vor vier Jahren. Die ganz große Hoffnung ist deshalb ein Hochwasser-Rückhaltebecken zwischen Blankenburg und Halberstadt. Etwa 1,2 Millionen Kubikmeter Wasser könnten bei Bedarf auf einer Wiesen- und Ackerfläche zwischen der B81 und der Burgruine Regenstein zurückgehalten werden. Ertls Mitarbeiter haben Varianten verglichen und erste Pläne erstellt. Mit dem Rückhaltebecken könnte der Abfluss massiv reduziert werden, erklärt Ertl. Geschätzte Kosten: etwa 3,5 bis 5 Millionen Euro.

Ob das Becken gebaut wird, steht derweil noch nicht fest. Wichtigste Frage hierbei: Wer finanziert das Bauwerk? Die Kommunen oder das Land? Erstere müssten trotz Förderung zwanzig Prozent Eigenmittel aufbringen, womit die meisten Kommunen schlicht überfordert sein dürften. Würde das Vorhaben in den Hochwasserschutzplan des Landes aufgenommen, würde das Land die Kosten tragen. Darum kämpfen zurzeit Harzer Kommunalpolitiker. Doch selbst wenn diese Frage geklärt ist, dürften noch Jahre vergehen, bis der Bau beginnen könnte.

Eine Feld im Harz
Hier könnte ein Hochwasser-Rückhaltebecken enstehen. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Bürgermeisterin wird jetzt aktiv und "nicht erst in zehn Jahren"

Darüber macht sich auch Harslebens Bürgermeisterin Christel Bischoff keine Illusionen. Sie wäre aber schon glücklich, wenn zielstrebig mit den Planungen begonnen werden würde, und wenn in ihrem Ort mehr gelingen könnte. Doch auch dazu bräuchte es mehr Geld. Jetzt habe man aktuelle Daten, mit denen müsste jetzt gearbeitet werden, meint sie, nicht erst in zehn Jahren.

Eine Frau zeigt auf einen Bach.
Harslebens Bürgermeisterin Christel Bischoff fordert mehr Unterstützung für ihre Gemeinde. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

"Warum gibt man der Gemeinde nicht Geld, damit sie wenigstens ihren örtlichen Hochwasserschutz bewerkstelligen kann?", fragt sie. Zuletzt habe die Gemeinde einen Antrag gestellt für eine neue Brücke zum Hundeplatz. Nicht nach Hochwasserschutz-Richtlinie, sagt Bischoff, wegen der zwanzig Prozent Eigenmittel, sondern nach Rahmenrichtlinie. "Und dann hoffen wir auf eine gute Förderung. Mal sehen ob das klappt."

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Mann mit grauen haaren und roten Fleece-Pullover macht ein Selfie vor einem Fachwerkhaus mit MDR-Logo
Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Über den Autor   Carsten Reuß wurde in Aschersleben geboren und ist in einem kleinen Ort in der Nähe, nur wenige Kilometer vom Harzrand entfernt aufgewachsen. Nach seinem abgeschlossenen Werkzeugmaschinenbaustudium entdeckte er die Liebe zum Journalismus. Nach ersten Erfahrungen bei einer Tageszeitung und einem Abstecher in ein Maschinenbauunternehmen arbeitet Carsten Reuß seit 1993 für den MDR. Seitdem berichtet er regelmäßig aus dem Harz. Den erkundet er außer zu Fuß auch gern auf dem Motorrad, mit dem Fahrrad oder auf Skiern.

MDR/Fabian Frenzel

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 27. Juli 2021 | 07:30 Uhr

8 Kommentare

Nordharzer vor 7 Wochen

Die Böschungskante des Goldbachs zu öffnen ist verboten, fremde Flächen können Sie nicht einfach im Rahmen eines Subbotniks verändern, das ist Privateigentum. Sinnvoll ist tatsächlich nur das Wasser fernzuhalten, wie mit dem Regenrückhaltebecken unterhalb des Regensteines. Dort hatte sich das Wasser schon 1994 natürlich aufgestaut, so dass dort monatelang ein See war. Nur machen muss man es endlich.

Ich nicht vor 7 Wochen

Natürlich sind "die Politiker" an allem Schuld. Hat sich einer der Kommentatoren irgendwann an seinen zuständigen Abgeordneten gewendet und den gefragt? Das ist dann doch zuviel Aufwand, meckern ist einfacher.
Mir fällt bei der Hundebrücke eine einfache Lösung ein. Die Wiese etwas absenken und eine Mulde schaffen damit der Fluss bei Hochwasser über den Weg laufen kann und sich nicht an der Brücke staut. Das sollte mit freiwilliger Hilfe aus dem Ort an einem Wochenende bewerkstelligt werden können. Aber dann fehlt natürlich die Zeit zum meckern wenn man selbst anpackt.

Jedimeister Joda vor 7 Wochen

Also wenn irgendwo ein paar Euro verdient werden ist der Staat da und holt sich einen Teil ab. Wenn irgendwo was zu tun ist was Geld kostet ist der Staat weit. Das ist so. Politiker aller Sorten und Farben sonnen sich im Licht der Erfolge. Wenn angepackt werden muß sind sie Zaungäste. Und natürlich muß alles so sein wie unserBürokratenstaat es vorsieht. Wenn jemand Eigeninitiative ergreift und macht einen Fehler ist er angearscht. Klappt alles sind Politiker sofort zur Stelle die Erfolge zu feiern. Und diese als ihre Erfolge darzustellen. Letzthin hatte ich beim Günther Jauch im RTL was gesehen. Eine Dame hatte einen Gewinn gemacht. Die Sprache kam auf ihre Tätigkeit und auf die Politiker. Da urteilt sie im Fernsehen über die Politiker. Sie hätten kein Herz, kein Hirn und keine Eier. Wenn diese Dame Recht hat gnade euch Gott. Joda aus dem Dagobasystem

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