Herkunft nicht geschützt Darum kommt Harzer Käse nur noch selten aus dem Harz

Harzer Käse kommt – anders, als es der Name suggeriert – nur sehr selten aus dem Harz. Der Grund: Das Produkt unterliegt keiner geschützten Herkunftsbezeichnung der EU. Und größere Produktionsstätten gibt es in der Region auch nicht mehr. Ein kleiner Käsehof versucht aber einen Neuanfang.

Harzer Käse auf Brot
Die Bezeichnung "Harzer Käse" ist nicht geschützt. Bildrechte: imago/Westend61

Stinkig, gelblich-glasig und oft gerollt: Harzer Käse ist für viele eine Delikatesse, während andere einen großen Bogen um die Speise aus dem Mittelgebirge machen. Auch wenn der Name es Glauben machen lässt, kommt der Käse in den meisten Fällen gar nicht mehr aus der Region. Seit über zehn Jahren gibt es dort laut dem Harzer Tourismusverband keine größere Produktionsstätte mehr.

 Die Grossmolkerei der Müllermilch Unternehmensgruppe Theo Müller GmbH & Co. KG in Leppersdorf bei Dresden
Die Molkerei im sächsischen Leppersdorf Bildrechte: imago/Robert Michael

In den 1990ern und frühen 2000ern wurden nach und nach die Käsereien im Harz aufgekauft. Die letzte größere Käserei, die zuvor von der Müller-Gruppe geschluckt worden war, zog 2005 zum Werk nach Leppersdorf in Sachsen um; zwei Jahre später wurde auch der letzte kleine Standort im Harz dicht gemacht. Mit der Verlagerung der Produktion ging in vielen Harzdörfern eine über hundert Jahre alte Tradition verloren - und der Name Harzer Käse zog mit den Unternehmen um.

Schutz der Herkunftsbezeichnung wurde offenbar vergessen

Dass der Käse trotz des Namens nicht aus dem Harz kommen muss, liegt daran, dass er keiner geschützten Herkunftsbezeichnung der EU unterliegt. Als er im Mittelgebirge noch im größeren Maße produziert wurde, hat offenbar niemand daran gedacht, ihn schützen zu lassen. Würde er unter dem Schutz der EU stehen, so wie andere regionale Spezialitäten in Europa, dürfte kein in Sachsen oder anderswo produzierter Käse Harzer heißen.

EU-Gütesiegel zum Schutz regionaler Produkte

Ob Thüringer Rostbratwurst oder Nürnberger Lebkuchen ‒ das EU-Recht sieht den Schutz traditioneller Spezialitäten und regionaler Produkte vor. 1992 wurden deshalb Gütesiegel eingeführt. So können etwa geografische Angaben oder eine traditionelle Herstellung geschützt werden.

Europaweit gibt es drei Gütezeichen, die die Herkunft der Produkte zeigen und diese vor Missbrauch und Nachahmung schützen sollen: die geschützte Ursprungsbezeichnung (g.U.), die geschützte geografische Angabe (g.g.A.) und die garantiert traditionelle Spezialität (g.t.S.). Um eines der Zeichen zu bekommen, müssen interessierte Hersteller zunächst in ihrem eigenen Mitgliedsstaat einen Antrag einreichen. Dieser wird nach erfolgreicher Prüfung an die EU-Kommission weitergeleitet und wird dort weiteren Prüfverfahren unterworfen ‒ und dann gewährt oder abgelehnt.

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EU-weit tragen nach Angaben der Europäischen Kommission mehr als 3.400 Lebensmittel eine geschützte Ursprungsbezeichnung oder eine geschützte geografische Angabe - inklusive Wein und Spirituosen. Bei der geschützten geografischen Angabe reicht es allerdings, wenn eine der Herstellungsstufen in der entsprechenden Region erfolgt. Das ist etwa beim Schwarzwälder Schinken der Fall, bei dem nur ein Produktionsschritt, Räuchern und Pökeln, im Schwarzwald erfolgen muss. Zucht der Schweine, die Schlachtung und der Schnitt des Schinkens können woanders erfolgen. In Deutschland sind in beiden Kategorien gerade einmal 171 Produkte verzeichnet. Zum Vergleich: In Frankreich sind es fast 750.

Viele regional geschützte Produkte in Frankreich

In Frankreich gebe es viele Produkte, die regional geschützt seien, sagte der Wirtschaftswissenschaftler Marcel Lichters von der Universität Chemnitz, der vorher an der Uni Magdeburg gearbeitet hat. Das fange beim Champagner an und führe bis zum Armagnac der Gascogne. "Das haben die Franzosen einfach viel, viel schlauer und sehr viel früher erkannt", so Lichters.

Dabei hätte aus dem Harzer Käse durchaus eine Spezialität werden können: Harzer Käse sei sehr ikonisch vom Geschmack, sagte der Konsumforscher, der selbst im Harz aufgewachsen ist. Es gebe tatsächlich auch wenig, was als Produkt vergleichbar sei. "Aus Marketing-Sicht würde ich sagen, das Ding hätte wirklich das Potenzial gehabt, eine Delikatesse zu sein, wenn man es geschützt hätte. Und heute ist es Mainstream", so Lichters weiter.

Kleiner Käsehof will Tradition im Harz wiederbeleben

Doch es gibt sie wieder, die Käseproduktion nach traditioneller Art im Harz – wenn auch nur in kleinem Umfang: Seit gut anderthalb Jahren wird in der Region auf dem Westerhäuser Käsehof von Peter Gropengießer wieder der Sauermilchkäse produziert, der früher in fast jedem Dorf in der Gegend hergestellt wurde. Die runden, noch weißen, handtellergroßen Quarktaler, die bei ihm im Reifeschrank liegen, werden unter dem Namen "Magermilchkäse vom Harzer Roten Höhenvieh" verkauft. Im Supermarkt landet er allerdings nicht.

Käss aus Sauermilchquark heißt nicht Harzer

Jede Woche stellen Gropengießer und seine Schwiegermutter gerade einmal zwischen 1 und 1,5 Kilogramm des Käses aus Sauermilchquark nach einem traditionellen Rezept her. Die Milch kommt von den eigenen Kühen. Gewürzt ist er mit Kümmel und wenn er reif ist, wird er auch glasig. Er könnte also berechtigterweise Harzer Käse heißen. Der Landwirt hat sich aber dagegen entschieden.

Harzer Käse als gesundes Produkt auf dem Markt

Der Pro-Kopf-Verbrauch von Sauermilch-, Koch- und Molkenkäse ist in Deutschland seit 2000 leicht gestiegen. Hat jeder vor 21 Jahren im Schnitt noch rund 520 Gramm verzehrt, waren es nach Angaben der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung im vergangenen Jahr rund 610 Gramm. Zahlen nur für den Harzer gibt es nicht.

Der Wirtschaftswissenschaftler Lichters glaubt, dass das bewusste Konsumverhalten, das immer wichtiger werde, Einfluss auf den Erfolg des Produkts hat. Harzer Käse ist proteinreich. Daher werde er auch zunehmend als gesundes Produkt auf dem Markt wahrgenommen, so der Konsumexperte.

Für Hersteller gibt es also keinen Grund, das Produkt umzubenennen. Harzer Käse ist etabliert. "Es ist meistens besser, mit einem bekannten Konzept zu arbeiten, als ein neues etablieren zu wollen", sagte Lichters. Der Konsument liebe es, sich am Bekannten zu orientieren.

Firmen nehmen Täuschung der Verbraucher in Kauf

In seinen Augen nehmen die Unternehmen allerdings bewusst in Kauf, dass sie Konsumenten möglicherweise in die Irre leiten bezüglich der Herkunft des Produktes. "Das sehen wir auch aus anderen Bereichen. Nehmen Sie sich zum Beispiel den Emmentaler Käse, der ja auch nicht immer aus Emmental ist."

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