Gebärmutterhalskrebs Wenn der Krebs das ganze Leben verändert

Daniel Tautz vor einer grauen Wand
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Es ist ein Schock, der alles auf den Kopf stellt. Bei Kristin Otto war es Gebärmutterhalskrebs. Mit der Diagnose kommt oft Trauer, Verzweiflung und Wut. Aber daraus kann auch Stärke, Kraft und Leichtigkeit werden. Ein Lebenswandel, der Mut macht.

Kristin Otto
Kristin Otto am Grab ihrer Mutter. Bildrechte: Daniel Tautz/ MDR

Die Welt von Otto bricht im Sommer 2017 gleich zweimal zusammen. Erst ist es ein aufgelöstes Gespräch mit der Mutter, ihre Tränen am Telefon und die Diagnose ihrer Mama: metastasierter schwarzer Hautkrebs. Noch bevor sie ihrer Tochter davon erzählt, bittet sie eindringlich: "Geh endlich zu allen Vorsorgeuntersuchungen."

"Meine Mutter hat mich dann schon richtig genervt", erinnert sich Kristin Otto heute. Sie mache das irgendwann, antwortete sie ihrer Mutter damals. "Nicht irgendwann, jetzt", erwiderte die Mutter. Also macht Kristin Otto bei allen möglichen Ärztinnen und Ärzte Termine. Bis im August der zweite Rückschlag kommt: der Anruf ihres Gynäkologen und die Diagnose – aggressiver Gebärmutterhalskrebs.

Kristin Otto
Kurz vor der Krebsdiagnose wog Kristin Otto noch mehr als 120 Kilogramm. Bildrechte: Daniel Tautz/ MDR

Von tiefer Verzweiflung zu neuem Mut

"Der Kopf macht dann eh, was er will", sagt Kristin Otto heute. Abends ins Bett gehen und einfach einschlafen sei nicht mehr gegangen. "Da denkt der Kopf nach übers Sterben und wie sich die eigenen Kinder dabei fühlen, wenn man sie alleine lässt."

Kristin Ottos erste Operation geht schief. Dann legt sie sich neun Stunden am Universitätsklinikum Leipzig unters Messer. Diesmal mit Erfolg. "Das war das Schönste überhaupt, auf der Intensivstation wach zu werden. Und dann sagt die OP-Schwester: 'Frau Otto, sie werden wieder gesund.'" Und Kristin Otto ist nicht nur gesund geworden, sie hat ihr ganzes Leben radikal umgekrempelt.

Kristin Otto halbiert ihr Gewicht

Veränderung 1: Der Sport. Das Laufen und Radfahren hatte sich schon in schweren Zeiten zur dankbaren Ablenkung entwickelt. Schließlich sollte es nur eine von vielen einschneidenden Veränderungen in ihrem Leben werden.

Kristin Otto geht ständig in den Wald, macht Cardio- und Ausdauertraining, treibt sich hoch und kommt dabei runter. "Man hat hier draußen schön Zeit, um zu sich zu finden und ein bisschen nachzudenken. Zu spüren, dass man noch lebt. Dass die Vögel noch singen, dass man das Laub hört."

Luca mit Mama an der Ostsee 30 min
Luca mit Mama an der Ostsee Bildrechte: MDR/Werkblende

Draußen im Wald spürt sie nicht nur, dass sie am Leben ist. Sie verliert auch viel Körpergewicht. Kurz vor ihrer Diagnose wog Kristin Otto noch weit über 120 Kilo. Mittlerweile hat sie ihr Gewicht locker halbiert.

Neue Ernährung, frische Tattoos

Kristin Otto
Seit der erfolgreichen OP macht Kristin Otto viel Sport. Bildrechte: Daniel Tautz/ MDR

Veränderung 2: Kristin Otto stellt außerdem ihre gesamte Ernährung um. Wenn sie heute ihren Küchenschrank öffnet, sieht es da ganz anders aus als früher: kein Industriezucker, kein Weizen, keine Lebensmittel, die potentiell Krebs fördern könnten. Stattdessen gibt es bei ihr viele Proteine und rote Beeren. "Sollte ich nochmal krank werden oder ein Krebs ausbrechen, will ich ausschließen können, dass es an der Ernährung lag."

Mit Veränderung 3 hat Kristin bereits vor der Krebsdiagnose begonnen: Auf ihrem Körper sammelt sie großflächige, bunte Tattoos, allesamt Teil ihrer 45-jährigen Lebensgeschichte. Auf ihrer rechten Wade prangt ein Kinderbild ihrer Mama. Zwei Jahre hat sie noch gemeinsam mit ihr gegen ihre Krebserkrankungen gekämpft. Kristin Otto hat es geschafft, Mutter Sabine nicht.

Auf ihrem Rücken ist ein großer Löwe dazugekommen, der steht für ihre Stärke und Selbstsicherheit. Die Blüten rund um den Körper drücken Ottos neu entdeckte Nähe zur Natur aus. Und hinter ihrem rechten Ohr sitzt ein kleiner Marienkäfer – genau dort, wo einst ihr Venenkatheter lag.

Am Grab ihrer Mutter

Kristin Otto ist erst dieses Jahr von Holzweißig im Landkreis Anhalt-Bitterfeld nach Halberstadt gezogen. Hier leitet sie mittlerweile eine christliche Kita und wohnt in derselben Straße, in der sie einst aufgewachsen ist. Das Grab ihrer Mutter liegt nur ein paar Minuten von ihrer Wohnung entfernt.

Kristin Otto
Eine weitere Veränderung in ihrem Leben: viele neue Tattoos, die etwas mit ihrer Lebensgeschichte zu tun haben. Bildrechte: Daniel Tautz/ MDR

"Hier komme ich zum Lachen und zum Weinen her", sagt sie, als sie vor das gepflegte Grab mit den hellen kleinen Steinen tritt. "Also ich sehe es so, dass meine Mutter mir zweimal das Leben geschenkt hat." Einmal zur Geburt und einmal, weil sie sie so penetrant zur Vorsorge gedrängt habe. Nur so kann Kristin Otto das Leben führen, wie sie es heute tut. Und damit kommen wir zu Veränderung 4: Der ganz grundsätzlichen Einstellung zum Leben.

"Um Alltagsprobleme mache ich mir eigentlich gar keine Gedanken mehr", sagt sie. Sie lebe seit dem Krebs immer im Moment, blicke mit Leichtigkeit aufs Leben, genieße die kleinen Dinge. Was auf den ersten Blick ein bisschen banal, ein bisschen pathetisch klingt, ist von Kristin Otto mit Leben gefüllt worden. Und damit möchte sie anderen Mut machen.

Wenn jemand so eine Diagnose erhält, sollte er gucken, dass er bewusst damit umgeht. Dass er den Tag genießt. Dass er versucht, auf jeden Fall zu kämpfen. Und wenn hinter der Diagnose was steht und man weiß, man hat nicht mehr viel Zeit: Dann genießt sie verdammt nochmal.

Kristin Otto

Auf dem Weg zum zweiten Geburtstag

Bald jährt sich Kristin Ottos lebensrettende OP zum fünften Mal. Dann kann sie davon ausgehen, den Krebs wirklich besiegt zu haben. "Am 17. Oktober feiere ich meinen zweiten Geburtstag", sagt sie mit einem Lächeln im Gesicht. Und wie sie den feiert, weiß sie schon. "Ich werde ins Klinikum gehen und eine Sektflasche mitnehmen. Noch vor Ort geht die auf. Und dann werde ich nur Dinge tun, die mir Spaß machen."

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MDR (Daniel Tautz, Mario Köhne)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 29. Juni 2022 | 19:00 Uhr

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