Schwieriges Erbe nach 15 Jahren Nationalpark Harz: Direktor Pusch geht in Pension

Annette Schneider-Solis
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Nach 15 Jahren im Amt geht der Direktor des Nationalparks Harz, Andreas Pusch, in den Ruhestand. Er hinterlässt seinem Nachfolger einen Wald im Wandel: Tote Fichten-Monokulturen weichen langsam neuen Bäumen.

Der Direktor des Nationalparks Harz 2006 bis 2021, Andreas Pusch (links)
Der Direktor des Nationalparks Harz, Andreas Pusch (links), geht nach 15 Jahren im Amt in den Ruhestand. Bildrechte: Friedhart Knolle

Wer den Harz nach langer Zeit zum ersten Mal besucht, ist entsetzt über den Zustand des Waldes. Abgestorbene Bäume säumen den Weg, die Berge sind kahl. Ein Anblick, der auch dem scheidenden Nationalparkdirektor Andreas Pusch Einiges abverlangt. "Für mich als Förster ist das ein dramatisches Bild. Vor allem meine Kollegen im Wirtschaftswald tun mir leid, denn das Absterben der alten Hölzer ist ein dramatischer Verlust für sie. Als Naturschützer hat die Sache für mich zwei Seiten. Einerseits tut es weh, diese großen abgestorbenen Fichtenbestände zu sehen. Andererseits weiß ich, dass sich das Ganze in eine viel größere Diversität entwickelt, die besser mit den neuen Bedingungen klarkommt."

Denn der Wald stirbt mitnichten. Er ist vital, sagt Pusch. Er passt sich den neuen Bedingungen mit langen Hitze- und Dürreperioden an. Hier im Nationalpark Harz führt die Natur dabei das Zepter. Man lässt sie machen. Was auf den ersten Blick tot wirkt, bezeichnet der Nationalparkdirektor als intakt. "Der Wald bleibt am Leben, er ändert nur dramatisch sein Aussehen", erklärt er. Selbst dort, wo auf den ersten Blick alles abgestorben zu sein scheint, sprießt neues Leben. Kleine Bäumchen brechen durch den Boden. Sträucher beginnen zu wuchern, vor allem Brombeeren.

Blick auf eine Schneise in einem abgestorbenen Stück Wald im Harz
Die Fichten im Harz sind durch Hitze, Trockenheit und Borkenkäfer-Befall großflächig abgestorben. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Borkenkäfer-Schutzstreifen um den Nationalpark

Auf einer solchen Fläche nahe Drei Annen Hohne bohren Forstarbeiter Löcher in den Boden und pflanzen Bäume. Das sei die Randzone des Nationalparks, erklärt Andreas Pusch, der einzige Bereich, wo der Mensch unterstützend eingreife. Denn gleich dahinter beginnt privatwirtschaftlich genutzter Wald. Um diesen vor dem Borkenkäfer zu schützen, wurden auf einem Schutzstreifen die Fichten beseitigt und Laubbäume gepflanzt.

"Der Borkenkäfer war schon immer da", betont Andreas Pusch, der seit 2006 Direktor der beiden vereinigten Nationalparks Harz Niedersachsen und Sachsen-Anhalt gewesen ist. "Die Fichten gehörten hier eigentlich gar nicht her. Darum hatten sie dem Borkenkäfer so wenig entgegenzusetzen und waren besonders anfällig. Dramatisch unterstützt wurde das Baumsterben durch die Klimaentwicklung mit einer Abfolge von zu trockenen und heißen Sommern."

Abgestorbene Bäume 1 min
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Do 18.07.2019 15:34Uhr 00:48 min

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Fichtensterben im Harz hat vor 15 Jahren begonnen

Schon zu Beginn von Andreas Puschs Amtszeit begannen die Bäume zu sterben. Die Fichten, die ursprünglich zur Holzgewinnung für den Bergbau angebaut worden waren und seit Jahrhunderten den Harz prägen, krankten auf immer größeren Arealen. Dem typischen Flachwurzler fehlt einfach das Wasser.

Andreas Pusch geht zu einem umgestürzten Baum, bricht ein Stück morsches Holz heraus und zeigt auf kleines Getier: Spinnen, Asseln, Tausendfüßler, Insekten. Gemeinsam mit Pilzen zersetzen sie die umgestürzten Bäume. Dort, wo die Stämme keinen Bodenkontakt haben, dauert es länger als da, wo sie über den Boden Feuchtigkeit aufnehmen "Hier kann man sehr gut sehen, dass der alte Spruch ‚Totholz ist Leben‘ stimmt", sagt der Förster. In einigen Jahren seien die Bäume mineralisiert und in den Oberboden eingearbeitet.

Nachwachsender Wald: bunter Mix an Arten und Altersstufen

Junge Buchen vor abgestorbenen Fichten im Nationalpark Harz.
Junge Buchen stehen vor abgestorbenen Fichten im Nationalpark Harz. (Archivbild) Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Am Meineberg bei Ilsenburg, wo die Bäume bereits um 2008 herum begannen abzusterben, kann man sehen, was sich daraus entwickelt. Dort stehen jetzt 12-jährige Birken, eine typische Pionierbaumart, die inzwischen mehrere Meter hoch sind. Dazwischen kleine Fichten, Erlen, Buchen, Lärchen, kleine Birken und Brombeeren. Ein bunter Mix an Arten und Altersstufen. Der Wald hat sich verjüngt und verändert sich weiter. In einigen Jahren wird hier die Buche die Birke verdrängt haben. Die Buche, von der einige alte Exemplare überlebt und sich ausgesät haben. Die Buche, die hier ursprünglich die dominierende Baumart war. Diese Entwicklung sei ein riesiger Fortschritt im Vergleich zum Ausgangszustand, den riesigen Fichtenreinkulturen, meint Nationalparkdirektor Andreas Pusch.

In nur wenigen Jahren wird es auch an anderen Stellen im Harz so aussehen. Auch dort, wo heute abgestorbene Bäume dominieren, ist sich Andreas Pusch sicher. Ein Prozess, der dauert, der aber längst im Gang ist.

Wenn Andreas Pusch nun pensioniert wird, hinterlässt er einen anderen Wald. Keinen toten, wie es auf den ersten Blick aussieht, sondern einen Wald im Wandel. Er wird er den dienstlichen Blick auf seinen Wald vermissen. Der Wald selbst werde ihm aber nicht verlorengehen. "Ich werde oft hier wandern und spazieren gehen", verrät er. "Und mit großem Interesse verfolgen, wie sich hier alles entwickelt."

Annette Schneider-Solis
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Über die Autorin Annette Schneider-Solis arbeitet seit Mai 1994 für den MDR. Sie ist vor allem als Reporterin für Fernsehen, Hörfunk und Online im Land unterwegs. Ihre Themenpalette ist breit. Annette Schneider-Solis ist in Magdeburg geboren, hat in der Nähe von Stendal Zootechnikerin gelernt, das Abi an der Abendschule gemacht und in Leipzig Journalistik studiert. Seit 1985 arbeitet sie als Journalistin, seit 1994 als Freie, vor allem für den MDR, aber auch für die dpa und ab und zu für verschiedene Zeitungen.

Lieblingsorte in Magdeburg hat sie viele – dazu gehören der Stadtpark und der Möllenvogteigarten in Magdeburg und die ländlichen Regionen. Vor allem das weite Grünland in der Altmark und die Felder in der Börde.

MDR/Maria Hendrischke

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 30. April 2021 | 19:00 Uhr

1 Kommentar

Moewe1 vor 6 Wochen

Der Mann des toten Waldes geht.

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