Von Homeschooling bis Abiball-Hoffnung So erleben Schüler aus Osterwieck ihre Abi-Zeit während der Corona-Pandemie

Johanna Daher
Bildrechte: MDR/Marieke Polnik

Für die aktuellen Abiturienten ist alles anders: Sie haben sich im Homeschooling mit wechselnder Schulpräsenz auf die Prüfungen vorbereitet. Sie hatten keine Parties und bangen um den Abiball. Ein Besuch im Fallstein-Gymnasium Osterwieck.

Das Fallstein-Gymnasium Osterwieck und Abiturienten
Lindsay Matthes, Tilman Hesselbach, Gero Döppelheuer und Milena Heyer machen aktuell ihr Abitur am Fallstein-Gymnasium in Osterwieck. Bildrechte: MDR/Johanna Daher

Eigentlich sollte ihnen der Ort bestens bekannt sein, da sie hier gerade ihr Abitur machen: das Fallstein-Gymnasium Osterwieck. Doch als Tilman Hesselbach, Milena Heyer, Gero Döppelheuer und Lindsay Matthes für unser Interview in einen der Räume kommen, sind sie verwundert: "So sieht es jetzt hier aus?" Die Tische sind deutlich weniger und weiter auseinander gestellt – "das wirkt hier einfach leerer als vorher", sagt Lindsay Matthes.

Abiturient Gero Döppelheuer
Abiturient Gero Döppelheuer fand es gut, die Prüfungen in einer leeren Schule ohne Lärm zu schreiben. Bildrechte: MDR/Johanna Daher

Die vier gehen in den aktuellen Abschlussjahrgang, haben derzeit nur noch ein Mal pro Woche Konsultationen für die mündlichen Prüfungen, die am 21. Juni anstehen – allerdings in der Aula der Schule. Hier waren sie auch vorher während der Pandemie schon für den Unterricht, was ziemlich ungewohnt und nicht ganz vorteilhaft war, meint Tilman Hesselbach: "Die Aula ist ein riesiger Raum, der technisch nicht so gut ausgestattet ist. Das heißt: keine normale Tafel, der Beamer steht hinten im Raum, so dass der Lehrer teilweise hinter der Klasse sitzt, wenn er unterrichtet." Gero Döppelheuer sieht auch das positive an der Situation: "Wir saßen alleine in der Aula, alles war ruhig. Wir konnten ganz entspannt unsere Prüfungen schreiben, ohne dass es Lärm in den Pausen gab, da nur wir in der Schule waren."

Als ich die vier frage, wie es ihnen aktuell so geht, ist eine gewisse Erleichterung zu hören – man merkt, dass der größte Abistress von ihnen abgefallen ist. Hesselbach erzählt unter Zustimmung der anderen: "Uns geht es eigentlich ganz gut, wir hatten jetzt zwei Wochen Ferien, in denen wir auch vom Prüfungsstress runterkommen konnten. Wir sind alle relativ zufrieden mit den Prüfungen, weil wir ein ganz gutes Gefühl bei den Ergebnissen haben. Das Einzige, was raus fällt, ist Mathe, da hatten einige Schwierigkeiten und haben sich darüber beschwert."

Mit Homeschooling und Präsenzunterricht zum Abitur

Dass das Mathe-Abitur als zu schwierig angesehen wird – die Diskussion gibt es gefühlt in jedem Jahr. Das Besondere für ihren Jahrgang: sie haben die schriftlichen Abiprüfungen während der Corona-Pandemie geschrieben; ihre Vorbereitung und das Lernen dafür fanden sowohl im Homeschooling, als auch im Präsenzunterricht statt. Trotz dieser ungewohnten Situation fühlten sich die Schülerinnen und Schüler gut vorbereitet, wie Milena Heyer erklärt:

Ich fand, dass wir gut aufgestellt waren, dadurch, dass wir letztes Jahr nur die kurze Zeit Zuhause waren und in diesem Jahr wieder zur Schule gehen durften und konnten. Der Dank geht hier auch an die Lehrer, die sich diesem Druck ausgesetzt und das auch in Kauf genommen haben. Sie standen uns immer mit Rat und Tat zur Seite und haben uns durch die Zeit begleitet.

Milena Heyer, Abiturientin aus Osterwieck
Abiturientin Milena Heyer
Abiturientin Milena Heyer schätzt den Einsatz der Lehrer während der Pandemie sehr. Bildrechte: MDR/Johanna Daher

So gab es zahlreiche Momente, in denen die Lehrerinnen und Lehrer nur für die Abiturkurse zum Fallstein-Gymnasium gekommen sind, um danach wieder nach Hause zu fahren, um andere Klassen via Videokonferenz zu unterrichten. Als ich in diesem Zusammenhang frage, ob die Zoom-Konferenzen während ihrer Zeit im Homeschooling funktioniert hätten, bekomme ich erst einmal Lachen als Antwort. Dann erzählt Milena Heyer: "Manchmal war das echt schwierig mit dem Netz. Es war für uns alle eine neue Erfahrung, gerade auch, weil die Lehrer neue Programme ausprobiert haben, bevor der Bildungsserver Moodle kam." Mit Moodle sind die Abiturientinnen und Abiturienten gar nicht glücklich, wie Heyer weiter erzählt: "Manchmal gab es Wartungsarbeiten in den Ferien, wenn wir Abiturvorbereitungen und Aufgaben machen wollten – und das ging dann nicht."

Unterschiedliche Lerntypen – oder: Bessere und schlechtere Noten als zuvor

Die Zeit im Homeschooling und somit auch das Lernen Zuhause, spiegeln sich in den Noten der Abiturientinnen und Abiturienten wider. Hier zeigt sich ebenfalls: Die Lerntypen sind so individuell, wie die Menschen hinter den abgegebenen Prüfungsleistungen selbst. So konnten die einen Zuhause ziemlich gut lernen und haben auf den Zeugnissen der 11. Klasse mit Homeschooling bessere Noten als vor der Corona-Pandemie. Den anderen hat das Lernumfeld in der Schule gefehlt – ihre Noten sind schlechter geworden. So sagt Lindsay Matthes beispielsweise: "Ich bin so um 8 oder 9 Uhr aufgestanden, das war ganz entspannt. Wir haben am Anfang der Woche unsere Aufgaben bekommen. Für mich war das kein Problem, weil ich lieber alleine und selbstständig arbeite. Ich konnte meinen Tag selbst planen ohne an die Schule gebunden zu sein." Gero Döppelheuer ergänzt: "Ja, man konnte sich den Tag selbst einteilen. Wenn man aber einen Tag mal nichts für die Schule gemacht hat, hat man am zweiten Tag direkt gemerkt, dass es ganz schön viele Aufgaben sind und man sich ranhalten muss."

Tilman Hesselbach hingegen gehört zu denjenigen, die in der Schule besser lernen können und hier motivierter sind. Er sagt: "Das Halbjahreszeugnis war mein schlechtestes. Ich selbst komme mit dem Schulsystem gut klar – ich weiß, das ist nicht bei allen so. Zuhause ist man auch einfach abgelenkter und verleiteter nichts zu machen, als in der Schule mit klar geregelten Zeiten."

Ein großer Punkt, der dazu geführt hat, dass die Noten bei den anderen dreien besser wurden: Die Überraschungstests sind weggefallen. "Durch die kamen sonst die schlechten Noten", sagt Lindsay Matthes und Milena Heyer ergänzt: "Man war immer darauf vorbereitet, was an Prüfungen kam. Wenn wir etwas abgeben mussten, wusste wir, wie lange man Zeit hat und konnte sich das selber einteilen. In der Schule muss man manchmal einen Aufsatz am Ende der Stunde abgeben und jetzt konnte man da viel besser nochmal drüberlesen."

Kritik an den politischen Entscheidungen

Dass sich die jüngere Generation mit ihren Bedürfnissen hinten anstellen musste zum Schutz der älteren, dafür hat Hesselbach großes Verständnis. Gleichzeitig betont er: "Wir haben den Drang etwas Neues zu erleben, man will die Welt erkunden, hat gerade den Führerschein gemacht und will wohin fahren. Das ist alles weggefallen."

Abiturient Tilman Hesselbach
Abiturient Tilman Hesselbach kritisiert die politischen Entscheidungen – besonders im Vergleich von Schulen und Betrieben. Bildrechte: MDR/Johanna Daher

Deshalb kritisiert der Abiturient auch die Entscheidungen seitens der Politik – auch wenn er sich persönlich freut, dass sie in Sachsen-Anhalt das Glück hatten, 2021 nicht noch einmal in den Lockdown zu müssen, sondern zum Großteil Präsenzunterricht zu haben: "Wie dieses Jahr mit uns Schülern und den Lehrern umgegangen wurde, ist teilweise echt skandalös – man verheizt da eigentlich eine ganze Generation. Es gibt wahnsinnige Unverhältnismäßigkeiten, wenn man Betriebe und Schulen vergleicht." Hesselbach erklärt weiter: "In Schulen gibt es die Test-Pflicht, in Betrieben sind Tests weitestgehend freiwillig. Wir werden ins Homeschooling geschickt, in Betrieben sagt man: 'Ja, wenn [Home-Office] möglich ist.' Da sind wir sauer drüber, weil das Sachen sind, die man anders handhaben könnte." Mit Blick auf sich selber fügt Tilman Hesselbach hinzu:

Ich will Lehrer werden – so fällt einem die Entscheidung deutlich schwerer sich fürs Lehramt zu entscheiden, wenn man sieht, wie mit der jungen Generation und wie mit den Lehrern in den Schulen umgegangen wird. Man merkt, dass die Lehrer teilweise richtig fertig waren.

Tilman Hesselbach, Abiturient aus Osterwieck

Ausfallende Klassenfahrten: Brief ans Bildungsministerium bleibt unbeantwortet

Weitere Kritik an den Politik kommt seitens des gesamten Fallstein-Gymnasiums. Anfang des Jahres hatte das Bildungsministerium Sachsen-Anhalt verkündet, dass Klassenfahrten für das gesamte Jahr 2021 ausfallen werden. Ungerechtfertig, wie die Schülerinnen und Schüler mit Blick auf die sinkenden Corona-Fallzahlen und die Möglichkeit für Urlaubsreisen finden. Hesselbach: "Klassenfahrten sind nicht nur für den Spaß da, sondern man lernt dabei auch etwas, es sind ja auch Bildungsfahrten und es stärkt den Zusammenhalt."

Zeichnung des Christian-Wolff-Gymnasiums in Halle auf einer Schultafel. 81 min
"Corona ist Neu(stadt) - eine hallesche Schulklasse zwischen Ausbruch und Abiprüfungen" – zu finden bei MDR, apple, spotify, und fast überall wo es Podcasts gibt. Bildrechte: MDR/ Schörm

Deshalb hat Schulsprecher Jakob Proft im Namen des Gymnasiums aus Osterwieck dem Bildungsministerium einen Brief geschrieben, der MDR SACHSEN-ANHALT vorliegt. Darin fragt er nach, wieso bereits so früh alle Klassenfahrten ausgeschlossen wurden. Zum Beispiel würde die 11. Klasse gerne eine Kanufahrt auf der Mecklenburger Seenplatte machen – an der freien Luft und nur mit den Personen, die man sowieso in der Schule trifft. Auf Anfrage von MDR SACHSEN-ANHALT beim Bildungsministerium hieß es, dass die Schule eine inhaltliche Antwort bekommen solle. Außerdem hieß es:

Zunächst erst einmal bleibt die kommende Eindämmungsverordnung abzuwarten. Gerade weil noch keine langfristig zuverlässigen Prognosen über die Lage gegen Ende des Schuljahres möglich sind, können wir zum derzeitigen Zeitpunkt keine abschließende Aussage zu Klassenfahrten und den weiteren Regelungen im Schuljahresverlauf treffen. Klassenfahrten sind ein Thema, das wir situationsbedingt immer aktuell bewerten werden.

Antwort des Bildungsministeriums zu Klassenfahrten gegenüber MDR SACHSEN-ANHALT

Bisher hat die Schule noch keine persönliche Antwort vom Bildungsministerium bekommen, wie Lehrer Sebastian Knobbe aus Osterwieck am Dienstagabend bestätigt. Dafür hat das Bildungsministerium eine öffentliche Bestätigung vorgenommen: Im aktualisierten Rahmenplan vom 20. Mai 2021 heißt es auf Seite 23: "Klassen– und Schulfahrten aller Art – auch solcher im Rahmen des Unterrichts – die mit Übernachtungen verbunden sind, finden bis zum Ende des Schuljahres 2020/2021 nicht statt."

Ohne große Parties, dafür mit Hoffnung auf den Abiball

Was in der Regel neben Klassenfahrten für den Abijahrgang dazugehört: Parties, mit denen unter anderem Geld für den Abiball eingenommen werden kann. Das war wegen der Pandemie auch nicht möglich, dafür konnten sie ein bisschen auf dem Schulhof an ihrem letzten Schultag feiern. Den vier Abiturienten ist anzusehen, wie besonders dieser Augenblick für sie war. Nicht nur, weil sie damit das Kapitel Schulunterricht abgeschlossen haben. Sondern auch, weil es ein Lichtblick mit besonderen Erinnerungen innerhalb der letzten Monate ist.

Abiturientin Lindsay Matthes
Abiturientin Lindsay Matthes ist im Abiball-Kommittee und hofft, dass das Event stattfinden kann. Bildrechte: MDR/Johanna Daher

Worauf sie ebenfalls hoffen: auf den Abiball. Ob er im Juli stattfinden kann, ist bisher noch unklar, wie Lindsay Matthes erzählt, die im Organisations-Kommittee des Events ist: "Der Veranstalter hat gesagt, dass er sich drei Wochen vorm Abiball meldet. Wenn wir nur eine Begleitperson mitnehmen dürfen, würden wir den Abiball absagen, weil es sich unserer Meinung nach nicht lohnen würde." Zum einen wäre der Aufwand dann zu groß, zum anderen fänden die Schülerinnen und Schüler es unfair zwischen den Elternteilen, dem Freund oder der Freundin zu entscheiden, wer diese Begleitperson sein darf. "Wir hoffen natürlich, dass er stattfinden kann, weil es vermutlich auch das letzte Mal ist, dass wir uns alle im Jahrgang so sehen werden", meint Milena Heyer.

Das haben die vier Abiturienten nach der Schule vor

Denn wie es nach der Schule weitergehen soll, wenn die mündlichen Prüfungen geschafft sind und die vier die Abschlusszeugnisse endlich in den Händen halten, wissen sie schon: Lindsay Matthes möchte erst einmal ein FSJ, also ein Freiwilliges Soziales Jahr, machen. Milena Heyer bewirbt sich auf ein duales Studium zur Diplom Finanzwirtin und Gero Döppelheuer will eine Ausbildung zum Landwirt im Harz machen. Und Tilman Hesselbach? Will er trotz des Erlebten weiterhin Lehrer werden? "Ja", sagt er lächelnd. "Am liebsten würde ich das Studium in Leipzig machen, wenn das mit meinem Abischnitt klappt."

MDR/Johanna Daher

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 26. Mai 2021 | 19:00 Uhr

5 Kommentare

MDR-Team vor 16 Wochen

In diesem Artikel haben wir uns angeschaut, wie Abiturientinnen und Abiturienten in Osterwieck die Coronazeit erleben. In anderen Artikel haben wir die Situation von z.B. Realschülerinnen und -schüler oder von Azubis thematisiert:
https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/ausbildung-zu-corona-zeiten-azubis-lockdown100.html

https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/politik/schule-aenderung-pruefungsanforderungen-corona-100.html#:~:text=Anpassungen%20der%20Abiturpr%C3%BCfungen-,Sch%C3%BClerinnen%20aus%20Mittelsachsen%20fordern%20Anpassungen%20der%20Abiturpr%C3%BCfungen,wochenlangen%20Homeschoolings%20ein%20faires%20Abitur

Ritter Runkel vor 16 Wochen

@MDR-Team
Aus welchen konkreten Gründen befragen sie nicht Schüler aus Grund- und Sekundarschulen Sachsen-Anhalts?
Denn Schüler in einem Gymnasium sind zumeist in einer relativ privilegierten Situation.

ElBuffo vor 16 Wochen

Der Großteil der 68er ist längst in Rente.
Für das Müll abholen braucht es nun wahrlich keine Fachkräfte. Da wird es vor allem Kraft und Ausdauer brauchen. Wird beim Pflastern nicht viel anders sein.
Die Alten werden wohl darauf hoffen müssen, dass sie auch in der nächsten Krise auf Kosten der Jugend gepampert werden. Leichter wird das freilich nicht.

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