Ausrasten, nur anders als früher So kämpft ein Musiker mit Querschnittslähmung um Eigenständigkeit

Alexander Klos, MDR-Reporter im Studio Stendal
Bildrechte: MDR/Felix Moniac

Gabor Schneider hat immer 100 Prozent im Leben gegeben – als Gitarrist, als Fan, als Kumpel. Doch vor elf Jahren kam der große Einschnitt: ein Badeunfall an der Ostsee. Seitdem kämpft der lebensfrohe Musiker um ein selbstbestimmtes Leben und versucht, anderen Mut zu machen. Dabei erfährt er viel Unterstützung von seinen Freunden.

Ein Mann im Rollstuhl und seine Pflegerin hören eine Schallplatte.
Auf einer Wellenlänge, auch was die Musik angeht: Gabor Schneider und Jenny Keune sind seit Jahren befreundet. Nach dem Unfall entschied sie sich, den Beruf der Pflege zu erlernen, um ihm ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Bildrechte: MDR/Alexander Klos

Die Nadel legt sich langsam aufs Vinyl. Pflegerin Jenny nimmt das Booklet aus dem Plattencover und hält es hoch. Ihr gegenüber, im Rollstuhl: Gabor Schneider. Er lauscht in seinem Wohnzimmer der Musik und liest die Texte mit. An den Wänden hängen Bilder der Vergangenheit, von seiner Band, von Freunden und Familie. Es sind Erinnerungen an eine Zeit vor dem Unfall. 

"Ich bin dann halt mit so einem Flachköpper ins Wasser rein. Dann hat es hinten geknackt in der Wirbelsäule. Und da war mir dann gleich klar, irgendwas ist hier kaputt. Bin dann auch nicht weggetreten, ich habe das alles mitbekommen. Und dann habe ich zu meinen Kumpels gesagt: nicht anfassen, ich habe mir mein Genick gebrochen", erzählt er. Querschnittsgelähmt mit Mitte 20. Was folgte, war der Kampf um ein selbstbestimmtes Leben - in Kliniken, Reha-Zentren und mit Krankenkassen.

Musik als Antriebskraft

Das Audio zum Nachhören:

Mutmacher waren Freunde, Familie und immer die Musik. Seine Oma hatte ihm mit 13 die erste Akustikgitarre geschenkt. Die Liebe zur Musik war geboren: "Ich habe mir mit dem Geld von der Jugendweihe meine erste elektrische Gitarre gekauft, habe meine erste Band gegründet."

Mucke war schon immer mein Leben.

Gabor Schneider

"Sie begleitet mich jetzt immer noch, leider durch die ganze Situation mit Corona, das brauche ich ja keinem erzählen, ist es gerade alles ein bisschen beschissen. Aber: Konzerte halten mich am Leben. Da muss ich auch hin, zu Festivals und Shows. Ausrasten, nur nicht mehr so wie früher. Ich bin jetzt immer angezogen und stehe brav in der Ecke und gucke mir die Shows an und bin nicht mehr nackt und springe nicht mehr von der Bühne."

Kampf um passende Pflegekräfte: Unter Coronabedingungen noch schwieriger als sonst

Für den Mann, dessen Muskulatur und das Lungenvolumen geschwächt sind, ist das Coronavirus eine besonders ernste Gefahr. Eine andere Gefahr für das selbstbestimmte Leben: Pflegekräfte fehlen. Essen reichen lassen, Körperpflege, Ausflüge gestalten - Gabor ist immer auf Hilfe angewiesen. Im Dezember 2021 muss Gabor Schneider mit zwei statt vier Leuten planen, trotz Impfschutz fallen zwei angesteckt aus. Aktuell ist sein Lebensumfeld vor allem auf das eigene Zuhause nahe Rübeland im Harz beschränkt.

Eigenständigkeit bewahren: Oft ein täglicher Kampf

Geeignete Pflegekräfte zu finden, war und ist für Gabor Schneider immer wieder schwer. "Die Guten, die krauchen auf den Knochen und können alle nicht mehr. Ich habe das auch im Krankenhaus erlebt. Die guten Pflegekräfte können einfach nicht mehr, weil sie zu viel arbeiten müssen."

Es ist, als würde man mit 5 Menschen eine Ehe führen – nur ohne Sex

Ein junger Mann mit Brille und Cape sitzt in einem Rollstuhl. Auf Gesichtshöhe hängt ein Handy.
Gabor Schneider liebt das Leben und die Musik. Seit einem Badeunfall kämpft er für seine Eigenständigkeit und erfährt dabei viel Unterstützung durch seine Freunde. Bildrechte: MDR/Alexander Klos

"Dann musst Du von den Leuten, die noch da sind, die Passenden finden. Es ist ja nicht so, dass ich nur eine Person habe, ich brauche ein ganzes Team von fünf. Es ist quasi so, wie mit fünf Leuten eine Ehe zu führen, nur ohne Sex. Es ist schwierig passende Leute zu finden, weil es muss einfach menschlich passen. Und wenn es menschlich geil ist, dann müssen sie noch examiniert, also eine ausgebildete Pflegekraft, sein."

Ein selbstbestimmtes Leben trotz der Querschnittslähmung wäre ohne Hilfe nicht möglich. Hilfe, für die die beste Freundin, Jenny Keune, neue Wege gegangen und extra Pflegerin geworden ist. Sie sagt: "Da wir schon viel zusammen Zeit verbracht haben, war es naheliegend, einfach noch einmal eine Ausbildung zu machen. Und ich habe es nicht bereut. Ich hätte es eigentlich schon viel früher machen sollen, weil es einfach ein sehr schöner Beruf ist."

Pflegerinnen, Pfleger und Technik sind wichtige Bausteine

Eine Frau putzt einem Mann im Rollstuhl die Zähne.
Jenny Keune ist eine von aktuell vier Pflegenden, die für Gabor Schneider arbeiten. Genug passende Pflegekräfte zu finden sei schwer, sagt er. Bildrechte: MDR/Alexander Klos

Jenny Keune und Gabor Schneider hoffen, dass sich wieder mehr Menschen für den Pflegeberuf begeistern lassen. Ein Beruf, der in diesem Beispiel seit über zehn Jahren selbstbestimmte Fürsorge ermöglicht und auf Vertrauen setzt. "Meine Leute sind meine Arme und Beine", sagt Gabor.

Wichtig sind aber auch zwei technische Geräte. Neben seinem elektrischen Rollstuhl ist das vor allem sein Smartphone und sein kleines Studio. Das Smartphone steuert er mit der Zunge und kann damit Lichter im Haus bedienen, die Musik lauter und leiser stellen oder auch, was sehr wichtig ist, über die sozialen Netzwerke mit seinen Freunden und Musikern in aller Welt kommunizieren.

Mut machen für ein selbstbestimmtes Leben

Ein junger Mann im Rollstuhl sitzt vor einem Mikrophon und einem Handy.
Als "Mr. Wheelchair" ist Gabor Schneider bei Youtube aktiv. Dort interviewt er Bands der Metal- und Hardcoreszene und spricht über seine Leben mit der Querschnittslähmung. Bildrechte: MDR/Alexander Klos

In seinem Studio produziert er auf seinem Youtube-Kanal unter dem Titel "Mr. Wheelchair" Interviews mit Bands und spricht über seine Erfahrungen als querschnittsgelähmter Mensch. Gabor Schneider – ein lebensfroher Mann, der seine Geschichte gern auch in einem Buch festhalten möchte, um auch anderen Mut zu machen, die mit Angst vor Absagen der Krankenkassen, der Angst vor Absagen von Pflegekräften und anderen Sorgen zu kämpfen haben.

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 03. Dezember 2021 | 19:00 Uhr

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