Tradition fördern Aus Harsleben wird "Harschlewe": Harz-Ort pflegt Plattdeutsch

Swen Wudtke
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Harsleben ist die erste Gemeinde Sachsen-Anhalts, die ihre Einwohner und Gäste auf den gelben Ortsschildern auch mit ihrem plattdeutschen Namen begrüßt. "Harschlewe" bekennt sich damit offen zur Tradition und Pflege des Platt- und Niederdeutschen. In Sachsen-Anhalt könnte das Schule machen.

Auf einem gelben Ortseingangsschild sind die Begriffe Harsleben und Harschlewe zu sehen.
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Wer dieser Tage nach Harsleben fährt, wird das Ortseingangsschild wohl zwei, drei Mal lesen. Noch recht ungewohnt kommt einem die salatige Buchstabenfolge entgegen, vor allem, wenn man dem Niederdeutschen nicht gerade mächtig ist. "Harschlewe" steht da schwarz auf gelb, oben und unten eingebettet von den Schriftzügen "Harsleben" und "Landkreis Harz".

Auch wenn die Straßenmeisterei die neuen Ortsschilder bereits Mitte der Woche aufgestellt hatte, symbolisch enthüllt wurde eines am Samstagabend in der Mehrzweckhalle. Unter akustischem Trommelwirbel in Form frenetischen Applauses lassen Schülerin Lea-Sophie Schmolka und Manuel Slawig vom Landkreis Harz die Hüllen des neuen Schildes fallen. Die Gäste jubeln und zeigen damit, wie stolz sie sind auf ihr "Harschlewe".

Eine Frau und ein Mann enthüllen ein Ortsschild, auf dem Harsleben und Harschlewe steht.
Lea-Sophie Schmolka und Manuel Slawig haben das Schild am Wochenende enthüllt. Bildrechte: MDR/Swen Wudtke

Ortschronist hat maßgeblich beigetragen

Auch Christel Bischoff scheint sichtlich gerührt, denn "wir haben hart darum gekämpft", sagt die Bürgermeisterin. "Im August wurde der Antrag gestellt, den wir mehrfach begründen mussten." Schließlich habe es sich gelohnt, insbesondere durch den Forschergeist von Olaf Fricke. Als Historiker und Ortschronist von Harsleben habe er der Schreibweise durch Jahrhunderte auf den Zahn gefühlt – wissenschaftlich begleitet durch den Landesheimatbund und die Universität Magdeburg. "Schließlich hat sich im 19. und frühen 20. Jahrhundert die niederdeutsche Schreibweise Harschlewe durchgesetzt", so Olaf Fricke.

Angelehnt an die Europäische Charta der Regional- und Minderheitensprachen verfügt das Innenministerium Sachsen-Anhalts, die Heimat- und Traditionspflege zu fördern. Dies ermöglicht den niederdeutschen Namenszusatz auf den Ortstafeln. Aber Harsleben engagiert sich schon viel länger, dass das Niederdeutsche nicht zum Aussterben verdammt ist. So trifft sich monatlich eine Plattsprecher-Gruppe zum Platt-Abend im Rathaus. Und die einstige Arbeitsgemeinschaft "Plattdeutsch für Grundschüler" soll wiederbelebt werden. Zwar nicht in Harsleben, sondern im benachbarten Wegeleben, kündigt die Leiterin der Dr.-Wilhelm-Schmidt-Grundschule, Heike Stiemer, an: "Wir versuchen, die AG ab Anfang nächsten Jahres wieder anbieten zu können."

Und Olaf Fricke erhofft sich vom Zusatz auf den Ortstafeln, dass "Menschen animiert werden, wieder mehr Muttersprache zu sprechen." Denn Niederdeutsch sei eine sogenannte Minderheitensprache, kein Dialekt.

Harsleben 1 min
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Der Goldbach und die vielbefahrene B79 prägen den Ort Harsleben im Landkreis Harz. Heben Sie ab zum Drohnenflug über das sachsen-anhaltinische Dorf.

So 27.05.2018 09:00Uhr 01:28 min

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Vandalismus möglich – "nicht davon abhalten lassen"

Beliebte Ortsschilder kriegen mitunter auch mal Beine. Oder im Falle von Harschlewe könnten Lausbuben den ersten Buchstaben wegkratzen. "Davor möchte ich absolut warnen, das wäre doch nichts für das Image von Harsleben", zeigt Christel Bischoff plattem Vandalismus die rote Karte. "Wir sollten alle gemeinsam daran arbeiten, dass diese Schilder erhalten bleiben."

Eine Frau hält eine Urkunde in den Händen.
Bürgermeisterin Christel Bischoff ist stolz, dass sich die Anstrengungen gelohnt haben. Bildrechte: MDR/Swen Wudtke

Und Olaf Fricke ergänzt: "Solche Spitzbubenstreiche wird es vielleicht geben. Aber deshalb dürfen wir uns nicht davon abhalten lassen. Ich finde es trotzdem schön."

Bei allem rund um Harschlewe: Harsleben bleibt Harsleben. Die Ergänzung erfordere eben nicht, dass Ausweise oder andere amtliche Dokumente geändert werden müssten. "Das wäre dann doch zu kompliziert und kostspielig gewesen", meint Christel Bischoff. Wohl auch deshalb schlagen inzwischen einige niederdeutsche Wellen. "Wir haben sehr viele Glückwünsche bekommen – aus dem Oberharz, aus Westerhausen, aus der Oschersleber Ecke", freut sich die Bürgermeisterin. "Und sie sind dabei, sich zu positionieren. Ich denke, da wird in der Zukunft ganz schön was passieren."

Auf einem gelben Ortseingangsschild sind die Begriffe Harsleben und Harschlewe zu sehen.
Nur, weil Harsleben sich jetzt Harschlewe nennen darf, fällt der alte Name nicht automatisch weg. Bildrechte: MDR/Swen Wudtke

MDR/Swen Wudtke, Luca Deutschländer

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 25. Oktober 2021 | 08:30 Uhr

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