"Praktikalotsen" Wie ein Projekt im Harz gegen Nachwuchssorgen in Handwerk und Co. helfen soll

Mann mit grauen haaren und roten Fleece-Pullover macht ein Selfie vor einem Fachwerkhaus mit MDR-Logo
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Besonders im Handwerk gibt es große Nachwuchssorgen, aber nicht nur dort. Wie finden Schüler und Schülerinnen einen Beruf, der ihnen liegt? Und wie finden Unternehmen den idealen Azubi? Wie ein Projekt aus dem Harz bei der Vernetzung von Unternehmen und potenziellen Auszubildenden helfen soll.

Praktikalotsen
Praktikalotse Manfred Witzel (l.) hat Praktikant Nils beim Finden eines geeigneten Betriebes geholfen. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Nils hantiert gerade mit der Maurerkelle. In gleichmäßigen Bewegungen verteilt er feinen weißen Spezialspachtel. Der Neuntklässler aus Thale absolviert gerade ein Praktikum in einem Fliesenlegerbetrieb im Harzort Gernrode. Er opfert dafür seine Ferien.

"Tapezieren, Malern, Fugen, Spachteln, wie man die Kelle hält, wie man was zusammen mischt – man kann was lernen", erklärt Nils. Dass der 15-Jährige dieses Praktikum überhaupt absolvieren kann, daran hat Manfred Witzel einen gehörigen Anteil. Er arbeitet eigentlich beim VHS-Bildungswerk in Quedlinburg, ist aber einer von sechs sogenannten Praktikalotsen im Landkreis Harz. 

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Manfred Witzel ist einer von sechs Praktikalotsen im Landkreis Harz. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Praktikalotsen kümmern sich um bürokratische Hürden

Das gleichnamige Projekt läuft seit November 2017 im Landkreis Harz. Das Aus- und Weiterbildungszentrum GmbH Halberstadt (AWZ) führt es im Trägerverbund mit der VHS-Bildungswerk GmbH Quedlinburg und dem Teutloff Bildungszentrum Wernigerode – Gemeinnützige Schulgesellschaft mbH durch. Finanziert wird es aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds, des Landes Sachsen-Anhalt und der Agentur für Arbeit.

Die Idee hinter dem Projekt "Praktikalotsen": Schüler und Unternehmen sollen miteinander bekannt gemacht werden, damit die Schüler herausfinden, was ihnen liegt und Spaß macht oder eben auch was nicht. Die Unternehmen können auf diese Weise auch Kontakt zu potentiellen Auszubildenden aufnehmen.

Die Praktikalotsen treten dabei als Vermittler auf. Sie führen Gespräche mit Schülern, Eltern und Unternehmern, ebnen Wege, kümmern sich um bürokratische Hürden, klären sogar Probleme der Anreise zum Praktikumsbetrieb.

Wichtige Einordnung zu den dargestellten Entgelten

In den Werten sind alle laufenden und einmaligen Einnahmen enthalten, also auch etwaige Sonderzahlungen oder Schichtzulagen. Zudem gelten die Angaben nur für sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigte (ohne Auszubildende), da keine stundengenaue Erfassung bei Teilzeitbeschäftigten erfolgt.

Und: Das Entgelt der Beschäftigten wird als Medianentgelt ermittelt und dargestellt. Der Median ist derjenige Wert einer Einkommensverteilung, der genau in der Mitte aller Einzelwerte liegt. Ein Medianentgelt von 2.000 Euro etwa besagt, dass genau 50 Prozent der Beschäftigten mehr verdienen als 2.000 Euro, die anderen 50 Prozent weniger.

Fast 700 Praktika seit 2017 vermittelt

Davon profitieren Schüler wie Unternehmer gleichermaßen, erklären alle Beteiligten. Den Schülern werde geholfen, ihre beruflichen Talente und Interessen zu finden, und die Unternehmer erhielten Kontakt zu potentiellen Auszubildenden. Und selbst wenn ein Schüler beim Praktikum merke, dass der Beruf ihm doch nicht liegt, sei das für beide besser als eine abgebrochene Lehre.

So wundert es kaum, dass das Projekt sehr erfolgreich ist. Seit Projektstart im November 2017 wurden fast 700 Praktika vermittelt, 205 allein im vergangenen Jahr – und das trotz Corona.

Tausende Gespräche haben die Praktikalotsen geführt. Betriebe wie der Fliesenlegerbetrieb aus Gernrode werden von den Projektbetreuern mit dem Praktikumssiegel ausgezeichnet. 115 waren es allein im vergangenen Jahr.

Handwerksbetrieb zeigt sich selbstkritisch bei Nachwuchssuche

Der Betrieb aus Gernrode ist seit zwei Jahren mit dabei. Geschäftsführer Peter Nitschke bekennt selbstkritisch, man habe zu lange zu wenig gemacht und meint damit das gesamte Handwerk. Es sei an der Zeit, hier zu investieren. Es sei wichtig, wieder junge Leute ins Handwerk zu bekommen. Und wenn das nicht klappe, so würden die Praktikanten doch auf diesem Wege das Handwerk schätzen lernen.

Peter Nitschke freut sich, dass demnächst zwei ehemalige Praktikanten eine Ausbildung bei ihm beginnen. Und bei Nils könnte man darüber nachdenken. Denn er mache seine Sache gut, findet der Chef.

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Peter Nitschke ist mit seinem Fliesenlegerbetrieb seit zwei Jahren bei dem Projekt dabei. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Und Nils ist auch gar nicht abgeneigt. Nachdem er verschiedene Berufsfelder getestet hatte, würde er gern in dem Unternehmen eine Maler-Ausbildung beginnen. Unternehmer und Betreuer hören es gern. Das Projekt "Praktikalotsen" wurde übrigens gerade verlängert – und wird somit weiterlaufen.

MDR (Daniel George)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 19. Februar 2022 | 19:00 Uhr

1 Kommentar

Realist62 vor 25 Wochen

Schönes Projekt, das in ganz Deutschland Schule machen sollte. Den solides Handwerk ist Millionenfach besser als ein Genderstudium.

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