Kurs zur Selbstverteidigung und Deeskalation Wie sich Ranger im Harz gegen Gewalt wehren sollen

Swen Wudtke
Bildrechte: MDR/Swen Wudtke

Ranger im Harz werden zunehmend beschimpft, beleidigt oder gar bedroht. Um angemessen reagieren zu können, bietet der Naturwacht-Bundesverband Deeskalationskurse an. Einige Ranger aus dem Nationalpark Harz ließen sich in Schierke schulen – und fühlen sich nun besser auf brenzlige Situationen vorbereitet.

Männer stehen in einer Sporthalle
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Es geht sportlich zur Sache in der Turnhalle der Jugendherberge Schierke. Gekonnt drücken die Ranger ihre Arme nach vorne – erst rechts, dann links. Dabei drehen sie sich geschwind auf den Fußballen zur Seite. Mit dieser Übung wehren sie potenzielle Angreifer ab und halten sie auf Distanz. Trainiert wird unter Anleitung von Frank Grütz. Als Leiter der Naturwacht im Saarland kennt er den Rangeralltag in- und auswendig – und mit dem schwarzen Gürtel in der Tasche gibt er obendrein als Karate-Trainer seinen Kollegen Techniken für eine defensive Selbstverteidigung an die Hand.

Meist rücksichtsvolle Besucher im Harz

20 Ranger aus ganz Deutschland absolvieren den Deeskalationskurs, unter ihnen ist auch Alexander Ehrig. Sein Revier erstreckt sich zwischen Königskrug, Torfhaus und Brocken. Wenn er im Nationalpark Harz unterwegs sei, treffe er auf Wanderer und Besucher, die sich rücksichtsvoll in der Natur bewegten. "Das ist das Gros, gar keine Frage", sagt der Forstwirt und geprüfte Landschaftspfleger.

Doch seine langjährige Erfahrung zeige ihm, dass der Ton rauer werde. "Falschparker, Wildcamper, Mountainbiker auf verbotenen Wegen, missachtete Leinenpflicht für Hunde: Wenn ich die Leute auf ihr Fehlverhalten aufmerksam mache, wird insgesamt die Zündschnur kürzer", so Ehrig.

Männer stehen in einer Sporthalle
Karate-Trainer Frank Grütz bringt den Rangern Techniken zur Selbstverteidigung bei. Bildrechte: MDR/Swen Wudtke

Stimmung in der Pandemie gereizter

Solch kritische Situationen sind kein Harzer Phänomen. Als Ranger im Nationalpark "Vorpommersche Boddenlandschaft" kann auch Carsten Wagner ein Lied davon singen. Gerade nach dem Pandemie-Lockdown "explodieren die Leute regelrecht", beklagt Wagner, der auch dem Bundesverband Naturwacht e.V. vorsteht. "Dafür müssen wir Ranger gewappnet sein. Und wir müssen uns präventiv selbst überprüfen – wie spreche ich die Leute an, wie wirke ich auf sie. Auch dazu soll das Seminar beitragen", erklärt Wagner.

Deshalb steht neben der körperlich defensiven Selbstverteidigung auch der Theorieblock "Deeskalierende Kommunikation" auf dem Stundenplan. In Sachen Körpersprache und Gesprächsführung "fängt idealerweise alles mit einem Lächeln an", meint Gertrud Hein von der Natur- und Umweltschutzakademie NRW. Um das zu vermitteln, hat sie einige Rollenspiele mitgebracht, die im Seminar unterschiedlichste Situationen und Wirkungen des eigenen Handelns veranschaulichen.

Frau steht neben einer blauen Pinnwand
Gertrud Hein leitet den Kurs "Deeskalierende Kommunikation". Bildrechte: MDR/Swen Wudtke

"Auch wenn es mir tierisch auf den Geist geht, weil ich heute vielleicht schon zehnmal an die Leinenpflicht appellieren oder Mountainbiker verbotener Wege verweisen musste. Als Ranger dürfen wir nicht den überheblichen Scheriff raushängen lassen", raunt sie autoritär den Teilnehmern zu und legt unmittelbar danach ein Lächeln auf. "Was kommt emotional wohl besser an? Wir erwarten Freundlichkeit, also müssen wir natürlich auch freundlich das Gespräch suchen", gibt Hein den Kursteilnehmern mit auf den Weg.

Kurse geben Selbstbewusstsein

Nach dem Deeskalationskurs fühlt sich Nationalpark Harz-Ranger Bernd Boy gestärkt, um brenzlige Situationen besser und frühzeitig erkennen und angemessen reagieren zu können. Insbesondere die Techniken einer defensiven Selbstverteidigung seien neu für ihn. Dennoch hoffe er, sie "niemals anwenden zu müssen." Und findet: "Für meine mentale Stärke waren die Kommunikationseinheiten zur Körpersprache und Gesprächsführung eine richtig gute Auffrischung."

Zwei Männer auf einem Berg
Bernd Boy und Alexander Ehrig sind Ranger im Nationalpark Harz. Bildrechte: MDR/Swen Wudtke

Dem schließt sich sein Kollege Alexander Ehrig an. Als "alter Hase" sorgt er seit Mitte der 90er Jahre für Ordnung und Sicherheit im Nationalpark. "Bei Regelverstößen durch Besucher könnte ich Knöllchen verteilen, will ich aber gar nicht", so Ehrig. Nach den Kursen gehe er mit einem ganz anderen Selbstbewusstsein ran. "Ich kann deeskalierend wirken, also gar nicht erst Wut und Gewalt aufkommen lassen. Die Besucher sollen doch mit einem guten Gefühl den Harz verlassen. Und wiederkommen. Das ist es doch, was wir wollen", erzählt der Ranger.

Nach dem Auftakt in Schierke will der Bundesverband Naturwacht die Deeskalationskurse für Ranger nun weiterentwickeln und künftig deutschlandweit anbieten.

Swen Wudtke
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Über den Autor Swen Wudtke arbeitet seit 2020 bei MDR SACHSEN-ANHALT. Seine Heimat sind die Harzer Berge - und so liegt es auf der Hand, dass er aus dem Studio Wernigerode über alles berichtet, was die Harzer bewegt und für ganz Sachsen-Anhalt wichtig ist. Seine Erfahrungen sammelte Swen Wudtke in verschiedenen Medienhäusern, etwa bei radio ffn, RPR1., Radio38 oder auch bei Sat.1 und Baden TV. Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind seine Heimat rund um Rübeland und die weitläufige Natur des Drömlings.

MDR/Fabienne von der Eltz

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 15. September 2021 | 07:15 Uhr

4 Kommentare

BerndG. vor 5 Wochen

Das ist vollkommen richtig . Ich sehe das Problem aber in der Gesellschaft .Man sollte doch hinterfrsgen warum soll/muss der Rager eien solchrn Kurs absolvieren .ich gebe Ihnen natürlich völlig Recht ,-Jeder hat seinen Gegner der besser sein wird aber darum geht es ja nicht . Ich sehe das Problem wie gesagt solch Kurs ist gut und schön aber ob das erlernte in der Situation abrufbar ist ! ?

hans-p-brinke vor 5 Wochen

Hallo Bernd, formal gebe ich Dir recht, natürlich können solche Kurse zur Selbstüberschätzung führen, aber selbst voll ausgebildete "Profis" können auf einen noch besseren treffen und in einer Auseinandersetzung unterliegen. Ich halte solche Maßnahmen für äußerst wichtig und in Verbindung mit den deeskalierenden Kommunikationsübungen für richtig und notwendig. Auch weil sie das Selbstwertgefühl der Ranger festigen. Und ich bin auch davon überzeugt, dass kein Kursteilnehmer mit dem Gefühl nach Hause gegangen ist, ich kann jeden "umhauen".
In diesem Zusammenhang möchte ich mich bei den "Leuten" im Harz für ihre hervorragende Arbeit bedanken und kann nur sagen, macht weiter so.

part vor 5 Wochen

Diese Gesellschaft ist eine Ellenbogengesellschaft geworden mit dem täglichen Lehrbeispiel von Oben nach unten, Gemeinschaftsgefühle oder Akzeptanz von Regeln werden immer mehr zum Auslaufmodell. Mit Mimik, Gestik oder Ansagen kann niemand gestoppt werden, der ohnehin sein eigenes Recht nur bei sich sieht und auf Diskussionen abwehrend reagiert. Vielmehr sollte die gesellschaftliche und soziale Kompetenz der Ranger geschult werden, um Eskalationen vorzubeugen. Wie man in den Wald hinein ruft... so...

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