Im Harzort Wienrode hat sich eine völkische Gruppe angesiedelt.
Im beschaulichen Wienrode, einem Ortsteil von Blankenburg, hat sich die Gruppe "Weda Elysia" angesiedelt. Bildrechte: MDR/Jana Merkel

Völkische Siedler in Wienrode Wirken Rechtsextreme bald in der Harzer Kommunalpolitik mit?

von Tim Schulz, MDR SACHSEN-ANHALT

07. November 2023, 19:30 Uhr

In der Gemeinde Wienrode im Landkreis Harz sorgt die Anwesenheit der völkischen Gruppierung Weda Elysia e.V. seit einigen Jahren für eine Kontroverse. Der Verein wird mittlerweile vom Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt beobachtet und laut Verfassungsschutzbericht des Landes Sachsen-Anhalt 2022 als rechtsextremistisch eingestuft. Nun treten Mitglieder der Gruppe bei der Wahl zum Ortschaftsrat Wienrode an. Anwohner berichten, dass die Gruppe versuche, Einfluss im Ort zu gewinnen.

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"Ja! Das wollen die. Darum wollen die sich mit einem unterhalten und überzeugen. Wissen Sie. Und dann wird das immer mehr. Und das ist gefährlich." Günter W. ist seit gut 50 Jahren im Kleingartenverein Sonneck e.V. in Wienrode aktiv. Er ist an einem sonnigen Tag im Spätsommer gerade mit der Pflege seines Gartens beschäftigt. Der Rentner spricht mit Reportern von MDR SACHSEN-ANHALT, während er Unkräuter am Wegesrand bekämpft. Er schildert, im Gartenverein und in Wienrode herrsche Unfrieden. Die neuen Vereinsmitglieder seien durch ungewöhnliche Bräuche aufgefallen. Immer wieder seien auch Ortsfremde zu Besuch gewesen. Nicht alltäglich in dem kleinen Verein. Günter W. beobachtet mit Sorge, dass eine völkische Gruppierung hier versuche, zunehmend Einfluss zu gewinnen.

exactly: Rechtsextreme Nachbarn im Ort 25 min
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Viele Wienröder bestätigen diesen Eindruck im Laufe dieser Recherche. Weda Elysia, das ist der Name des Vereins, dessen Anwesenheit eine Kontroverse in dem kleinen Ort im Harz befeuert. Seit einigen Jahren ist die Gruppe in Wienrode ansässig und wird laut einigen Anwohnern immer präsenter in der Ortsgemeinschaft. Nun versuchen Mitglieder der Gruppierung auch in der Kommunalpolitik Fuß zu fassen. 

Weda Elysia beruft sich auf esoterische Buchreihe

Aber was will Weda Elysia? Im Internet präsentiert sich die Gruppe traditionsbewusst und naturnah. Auf den Tisch kommt Gemüse aus eigenem Anbau. In Videos zeigen sich die Mitglieder des Vereins mal in Trachten beim Aufführen alter Volkstänze, mal bei der Kartoffelernte. Aussteigerleben und Landydille also. Seit 2019 baut die Gruppe den verfallenen Dorfgasthof in Wienrode aus. In der alten Gaststätte soll ein "kulturelles Zentrum" für den Harzort entstehen. Mittlerweile betreibt die Gruppe dort an Wochenenden ein Café, das laut einigen Wienrödern auch Ortsansässige anziehe.

Völkische Siedler bauen den alten Gasthof in Wienrode offenbar zu einem kulturellen Zentrum um.
Völkische Siedler bauen den alten Gasthof in Wienrode offenbar zu einem kulturellen Zentrum um. Bildrechte: MDR/Christian Werner

Das Problem: Weda Elysia beruft sich auf die sogenannten Anastasia-Bücher, eine Art Fantasy-Romanreihe des russischen Autoren Wladimir Megre. Megres Werke sind Mischungen aus Esoterik, Naturromantik und Aussteigertum. Die Hauptfigur, Anastasia, eine mystische Frau mit offenbar übersinnlichen Fähigkeiten, ruft die Leser darin auf, sich auf dem Land anzusiedeln, um im Einklang mit der Natur zu leben. Auch Weda Elysia wirbt auf der Website der Gruppe für sogenannte "Sippen-Landsitze". In den Büchern finden sich neben den Anleitungen zum naturnahen, autarken Leben aber auch extremistische Inhalte.

Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt stuft Gruppe als rechtsextremistisch ein

Das hat mittlerweile auch den Verfassungsschutz auf den Plan gerufen. Im Juni veröffentlichte die Landesregierung in einer Pressemitteilung zum Verfassungsschutzbericht 2022, dass Weda Elysia vom Verfassungsschutz in Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextremistisch eingestuft und beobachtet wird. Ein "handfester Grund" dafür sind laut Jochen Hollmann, dem Leiter der Behörde, antisemitische Inhalte in der Anastasia-Buchreihe. "Dazu kann ich also ganz speziell sagen, dass in der Buchreihe unter anderem behauptet wird, dass Juden die Presse verschiedener Länder unter ihre Kontrolle gebracht hätten und das Fernsehen von Grund auf jüdisch sei. Ferner sei der Geldfluss in der Welt zum größten Teil von Juden kontrolliert. Juden werden in den Büchern als Draht- und Strippenzieher dargestellt, die unter dieser Maßgabe Wirtschaftskrisen, Revolutionen oder Kriege anzetteln, um hieraus Vorteile zu ziehen", so Hollmann. Der Inlandsnachrichtendienst rechnet Weda Elysia dem Kreis der völkischen Siedler zu. Der Verein selbst streitet dies ab. Der Vorsitzende Maik Meinhard Schulz teilte auf schriftliche Anfrage mit, man habe bereits rechtliche Schritte gegen die "willkürliche Einstufung" eingeleitet.

Laut Jahresbericht 2022 des Verfassungsschutzes Sachsen-Anhalt sind einige Akteure von Weda Elysia auch mit einer anderen rechtsextremen Gruppierung vernetzt: der sogenannten "Artgemeinschaft" – eine völkische und rassistische Gruppierung, die als "wichtige Schnittstelle der deutschen Neonaziszene" fungiere. Diese rechtsextreme Organisation wurde erst Ende September durch das Bundesinnenministerium verboten.

Wienröder sind gespaltener Meinung

Wie sehen das die Menschen in Wienrode? Das Stimmungsbild im Ort ist gemischt. Viele Wienröder schweigen zum Thema Weda Elysia lieber. Die Anwesenheit der völkischen Siedler ist für viele der Bewohner des kleinen Dorfes offenbar ein unangenehmes Thema. Aber es gibt auch andere Stimmen. Am Rand des Ortes treffen wir auf eine Ortsbewohnerin, die die Gruppe und deren Engagement kritisch sieht. Die junge Frau möchte anonym bleiben. Sie wirkt zurückhaltend, aber kritisiert deutlich, wie die rechtsextreme Gruppierung im Ort wirke: "[...] die versuchen, ihr Gedankengut zu verbreiten. [...] Und das gehört sich halt einfach nicht." Mit dem Engagement rund um den Ausbau des Gasthofes hätten die völkischen Siedler auch Sympathien in der Dorfgemeinschaft gewonnen, so schildert sie ihre Beobachtungen. Gerade bei älteren Menschen komme das gut an. "So sagen die halt auch: Na, es kommt mal einer und macht was". Lange sei der Gasthof ein "Schandfleck" im Ort gewesen.

Völkische Siedler bauen den alten Gasthof in Wienrode offenbar zu einem kulturellen Zentrum um.
Mit dem Ausbau des Gasthofes haben die völkischen Siedler auch Sympathien in der Dorfgemeinschaft gewonnen. Bildrechte: MDR/Christian Werner

Wie viele Unterstützer Weda Elysia im Ort hat, wird sich bald auf die Probe stellen. Denn in dem kleinen Ort werden am 12. November neue Vertreter für den Ortschaftsrat gewählt. Die Nachwahl wurde nötig, weil die erst im vergangenen November gewählte Ortsbürgermeisterin Steffi Halupnik im Juli überraschend von ihren Ämtern zurücktrat. Über die Gründe für den Rücktritt schweigt die ehemalige Ortsbürgermeisterin. Ein Interview mit MDR SACHSEN-ANHALT lehnte sie ab. Zur Wahl treten neben Kandidaten der CDU auch zwei Mitglieder der völkischen Gruppierung an.

Völkische Siedler auch im Kleingartenverein aktiv

Und wie MDR-Recherchen zeigen, versuchen die völkischen Siedler von Weda Elysia nicht nur im Ortschaftsrat an Einfluss zu gewinnen. Als im Jahr 2020 der Vorstand des Kleingartenvereins altersbedingt zurücktrat, übernahmen einige neue Vereinsmitglieder die Führungspositionen. Was die Gärtner nicht wussten: Es handelte sich um Personen aus dem Umfeld von Weda Elysia. "Also, das sind wirklich Leute, denen man das eben nicht ansieht. Und die kommen dann in den Verein oder in die Gartensparte, gucken sich die Gärten an, sind nett, sind höflich, sind zuvorkommend. Also, das Gefährliche ist wirklich daran, man merkt es nicht." So schildert es eine Kleingärtnerin, die nicht namentlich genannt werden möchte. Von der Zugehörigkeit der Neuzugänge zu Weda Elysia hätten sie und die anderen Vereinsmitglieder erst später erfahren. Es sei immer wieder zu Reibereien zwischen den Gärtnern und den Mitgliedern von Weda Elysia gekommen, so beschreiben es auch andere Pächter. Irgendwann hätten einige Vereinsmitglieder beschlossen, so die Kleingärtnerin, den rechtsextremen Gartennachbarn "das Leben einfach so schwer wie möglich [zu] machen" und sie zu "ignorieren". Im Juli 2023 trat der Vereinsvorstand überraschend zurück. Der Grund dafür ist unklar.

Blick von oben auf die Kleingartenanlage in Wienrode
Im Kleingartenverein von Wienrode sind die völkischen Siedler bereits aktiv. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die ehemalige Vereinsvorsitzende des Kleingartenvereins Sonneck e. V. lehnte ein persönliches Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT ab. Bei einem Besuch vor Ort verweist sie die MDR-Reporter lautstark des Vereinsgeländes. Über ihre Mitgliedschaft bei Weda Elysia wolle sie nicht reden. Auf eine schriftliche Anfrage teilt der rechtsextreme Verein Weda Elysia mit, der Rücktritt sei erfolgt, weil die Mitglieder der völkischen Gruppe andere Möglichkeiten zum Anbau von Gemüse gefunden hätten.

Verfassungsschutz: Engagement im Ort ist Teil der Strategie

Der Versuch in der Lokalpolitik Fuß zu fassen, die Eröffnung des Cafés, die Aktivitäten im Gartenverein – für den Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt sind das Warnzeichen: Gruppierungen wie Weda Elysia geben sich laut Jochen Hollmann "naturverbunden und freundlich" und knüpfen Kontakte in der Gemeinde mit dem Ziel, ihr rechtsextremes Weltbild zu verbreiten. "Für uns gehört das mit zur Strategie, dort Raum zu besetzen und Raum zu ergreifen", so Hollmann. Wenn diese Raumnahme dazu führt, dass sich demokratisch engagierte Bürger zurückziehen, spiele das Rechtsextremen in die Hände.

Tatsächlich scheuen sich viele Wienröder davor, sich zu den Aktivitäten der rechtsextremen Siedler zu positionieren. Viele Bewohner schildern in vertraulichen Gesprächen, dass sie Angst hätten, zum Ziel von Angriffen zu werden, sollten sie Kritik an Weda Elysia äußern. "Also, ich hoffe nicht, wenn ich jetzt hier interviewt werde, dass man damit rechnen muss, dass irgendwas kaputtgeht oder was weiß ich. Das hatten wir schon", sagt eine Frau unsicher, als sie auf die angespannte Situation im Ort angesprochen wird. Zunächst stimmt sie einem Interview zu, bittet aber im Nachgang darum, unkenntlich gemacht zu werden. In den vergangenen Jahren kam es laut Betroffenen mehrfach zu Sachbeschädigungen gegen Kritiker von Weda Elysia. Zerstochene Reifen, beschädigte Fahrzeuge. Die Täter konnten nicht ausfindig gemacht werden. Wer hinter den Angriffen steckt, ist unklar. Aber die Angst ist bei vielen Bürgern in Wienrode präsent. Und einige berichten auch von Anfeindungen und Drohungen durch Ortsbewohner, die sich auf die Seite von Weda Elysia stellen.

Blick auf die Ortschaft Wienrode
Bei der Wahl für den Ortschaftsrat am 12. November treten auch Mitglieder von Weda Elysia an. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch ein MDR-Kamerateam wird Zeuge des aufgeheizten Klimas im Ort. Mehrfach stört ein älterer Mann in Arbeitskleidung die Dreharbeiten für eine Reportage, während er das MDR-Team mit seinem Smartphone filmt. Die Aufnahmen würden später ausgewertet werden, sagt er. Auf Nachfrage gibt er an, mit der völkischen Gruppe zu sympathisieren, aber kein Mitglied zu sein. Der Mann verfolgt das Kamerateam hartnäckig durch den Ort, bis er schließlich davonfährt. 

Weda Elysia lehnt Interview ab

Wie steht die Gruppe selber zu der Kritik? Ein Interview lehnt sie ab. Als Reporter von MDR SACHSEN-ANHALT vor dem Gasthof stehen, läuft eine junge Frau in einem blau-roten Trachtenkleid über den Hof. Die Frau reagiert nicht auf die Zurufe der Reporter und verschwindet in einem Nebengebäude. Die Tür fällt laut ins Schloss. Auch ein telefonisches Gespräch bricht eines der Mitglieder des Vereins ab. Auf eine schriftliche Anfrage antwortet Maik Meinhard Schulz, Vorsitzender des Weda Elysia e.V., indes umfangreich: Gegen die "willkürliche Einstufung" als rechtsextremistische Gruppierung durch den Verfassungsschutz sei Anzeige erstattet worden. Die beiden Mitglieder des Vereins, die zur Ortschaftsratswahl kandidieren, würden sich "für ein gutes dörfliches Miteinander stark machen", versichert Schulz.

Am kommenden Sonntag (12. November) wird in Wienrode gewählt. Völkische Siedler könnten bald in kommunale Ämter kommen. Einige Menschen im Ort schließen nicht aus, dass die Mitglieder von Weda Elysia Erfolg mit ihrer Kandidatur haben könnten. "So viele Einwohner sind wir ja nicht, so viele Wähler demzufolge auch nicht. Also ich denke schon, dass es sein könnte", gibt eine Wienröderin im Gespräch zu bedenken.

MDR (Cornelia Winkler)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exactly | 06. November 2023 | 17:00 Uhr

31 Kommentare

Anita L. vor 36 Wochen

Tja, und da stellt sich die Frage, wie Sie auf die Idee kommen, dass Unruhen und das gewaltsame Austragen ideologischer Meinungsverschiedenheiten unter "weltoffen und tolerant" zählen würden. Und zeigen Sie mir bitte die Zeiten, da Grüne oder SPD solchen Mob je darunter gezählt oder ihn sonst akzeptiert hätten. Es sagt auch niemand, dass eine weltoffene und tolerante Gesellschaft keine Grenzen haben dürfte. Im Gegenteil. Das ist es ja, was ich mit falsch verstandener Meinungsfreiheit meine. Und da ist es egal, ob diese Grenzen von völkischen Herrenrasslern, fehlegeleiteten Korananhängern, ebenso fehlgeleiteten Koranverbrennern, Bibelschwenkern, selbst ernannten Kapitalismusbekämpfern oder wem auch immer angegriffen werden. Am schlimmsten jedoch sind die geistigen Brandstifter.

Ralf G vor 36 Wochen

Anita, nehmen Sie es mir bitte nicht übel, aber wenn ich lese " weltoffene, tolerante Gesellschaft" dann Frage ich mich, leben Sie in der Realität?
Selbst Teile der der SPD und kleine Teile der Grünen haben nach dem Toben des islamistischen, antisemitischen Mobs begriffen, dass es bereits Fünf nach Zwölf ist.
Multikulti ohne Grenzen und ohne Integration zerstört unsere Gesellschaft.

Anita L. vor 36 Wochen

@Ralf G, "so etwas" war schon immer da, nur eben nicht so offensichtlich. Natürlich kann man eine weltoffene, tolerante Gesellschaft dafür verantwortlich machen, dass Menschen in Extremen denken und handeln. Allerdings greift mir das zu kurz, weil es nicht zwischen Grund und Verantwortung unterscheidet.
Viel wichtiger erscheint mir jedoch die immer öfter falsch verstandene Meinungsfreiheit, verbunden mit einer daraus resultierenden "Dagegen"-Haltung ursächlich zu sein, dass sich solche Extreme immer mehr aus ihren Nischen trauen, denn wenn "der Mainstream", "der Staat", "die Politik[er]", die "Multikulti"-Gesellschaft, "der Verfassungsschutz" vor diesen Menschen und Ideologien warnen, reicht das so manch Zeitgenossen ja schon aus, um diese Erscheinungen wenigstens zu verteidigen, zu bagatellisieren oder sogar zu unterstützen.

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