Am 3. Oktober 1959 fing alles an 60 Jahre Rappbodetalsperre: Das Geburtstagskind erinnert sich

Johanna Daher
Bildrechte: MDR/Marieke Polnik

Am 3. Oktober 1959 wurde Deutschlands höchste Talsperre eingeweiht – nach einer 13-jährigen Bauzeit. Ein Blick zurück auf eine bewegte Geschichte mit Zeitzeugen, Wegbegleitern und historischen Aufnahmen.

Die Rappbode-Talsperre früher (Bild: Helmut Pape) und heute (Bild: mdr um vier/MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK).
Die Rappbodetalsperre vor dem Bau und heute. Bildrechte: Collage/Helmut Pape/mdr um vier/MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Vorbereitungsphase: Die Planung der Rappbodetalsperre

An den ersten Zeitraum kann ich, die Rappbodetalsperre, mich nicht erinnern. Denn: Damals war ich noch im Planungsprozess. Aber zum Glück gibt es ja viele andere Personen, die davon erzählen können. Erste Ideen für die Talsperre gab es bereits 1891. Möglich wäre auch der Standort Thale gewesen – dann wären Altenbrak und Treseburg geflutet worden. 1925 gab es allerdings ein Hochwasser im Harz, die Rappbodetalsperre sollte letztendlich Schutz bieten. So entstand ich also. Wer das genauer wissen will: der Verband Harzer Urania informierte bereits vor dem Bau bis heute vor Ort über mich. Peter Schories, aktuell Vorsitzender des Verbands, berichtet von meiner Entstehungsgeschichte:

Schories hat den Verbands-Posten von Helmut Pape übernommen. Pape war damals als Oberingenieur und Objektleiter der Bodetalsperren an dem Bau beteiligt. "Natürlich macht mich das bis heute stolz, ich habe da mein Denkmal hingebaut", sagt Pape gegenüber MDR SACHSEN-ANHALT. Der 88-Jährige ergänzt: "Ich fühle mich bis heute damit verbunden. Ich wohne in Blankenburg in einer der ehemaligen Dienstwohnungen der Talsperrenbetriebe des Landes Sachsen-Anhalt. Die habe ich dann gekauft. Bis heute habe ich auch noch Kontakt zu einigen der damaligen Kollegen."

Was Helmut Pape ebenfalls als Erinnerung aufbewahrt hat, sind Bilder von meiner Entstehung. Einige davon können hier angeschaut werden:

3. Oktober 1959: Meine Geburtsstunde

Es ist der 3. Oktober 1959, als ich zur Welt komme oder wie meine Baumeister sagen würden, ich "fertig gestellt" wurde. 1938 begannen die Arbeiten, der Zweite Weltkrieg führte zum Baustopp. Erst 1952 wurde ich weitergebaut. Und da stehe ich nun: etwa 415 Meter lang, ein Volumen von zirka 860.000 Kubikmetern Beton und 106 Meter hoch. Meine Staumauer ist seitdem die höchste Deutschlands. Spätestens seit dem Zeitpunkt ist meine Bestimmung klar: Ich soll zusammen mit weiteren Tal- und Vorsperren dem Hochwasserschutz im Ostharz, genau wie zur Trinkwasser- und Stromversorgung, dienen.

Um diesen besonderen Tag meiner Geburt hervorzuheben, wurde ich sozusagen tätowiert. An meiner Mauer stehen auf der rechten und linken Seite folgende Inschriften:

Die Rappbodetalsperre – ein Großbau des Sozialismus. Grundsteinlegung am Tag des Friedens 1952 – übergeben am 3. Oktober 1959 aus Anlass des 10. Jahrestages der Deutschen Demokratischen Republik

Die sozialistischen Produktionsverhältnisse unseres Arbeiter- und Bauernstaates. Die grossen Leistungen der am Bau beteiligten Arbeiter, Techniker und Ingenieure waren die Grundlagen der Entstehung dieses Werkes. Anerkennung und Dank den Erbauern

Nicht nur mein "Papa" Helmut Pape war damals dort. Wen ich bereits kennenlernen durfte: die 17-jährige Bärbel Weigelt. Sie war beim Talsperrenbetrieb als Sekretärin bis zu ihrer Rente tätig. So erinnert sich Weigelt an meine Geburt:

Ab 1990: Meine Wasserqualität wird noch besser

Der Talsperrenbetrieb untersucht regelmäßig meine Wasserqualität. Ute Dorn arbeitet dort im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit und erklärt, dass sich die Qualität über die vielen Jahre grundsätzlich kaum verändert habe. Es sei sehr gut für die Trinkwasser-Aufbereitung geeignet, sagt sie. Und das freut mich natürlich. Einige Parameter, die anderen Einflüssen unterliegen, seien unterschiedlich. So steige die Wassertemperatur beispielsweise durch den Klimawandel stetig an. Und das wiederum habe unter anderem Auswirkungen auf die Plankton-Entwicklung und den Sauerstoffhaushalt.

Eine große Veränderung sieht Ute Dorn aber doch: "Sehr markant und sehr positiv auf die Entwicklung der Wasserqualität hat sich die deutliche Verringerung von Phosphor-Einträgen nach der politischen Wende ab 1990 ausgewirkt." Dazu zähle beispielsweise eine veränderte Waschmittel-Zusammensetzung und dass seit 1995 häusliches Abwasser herausgeleitet werde. Dadurch, dass es weniger Phosphat-Phosphor im Wasser gibt, gibt es auch weniger schädliche und unerwünschte Algen im Gewässer der Rappbodetalsperre.

12./13. April 1994: Zu viel Wasser!

In der Nacht im April 1994 ist mein Hochwasserüberlauf zum ersten Mal angesprungen. Vielleicht erinnere ich mich daran auch noch so gut, weil das Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt Sachsen-Anhalt das Ganze 2015 so detailliert aufgeschrieben hat. In seinem Hochwasserschutz-Konzept heißt es, dass dieses Hochwasser-Ereignis "geprägt durch die nahezu abgeschlossene Schneeschmelze, hohe Sättigung der Bodenfeuchte und den dadurch erzeugten direkten Abfluss extremer Niederschlagsmengen" war. Ich hatte also aus unterschiedlichen Gründen ziemlich viel Wasser. Das Ministerium notiert weiter, dass es an fast allen "unterhalb der Talsperre liegenden Pegeln zu bis heute nicht wieder erreichten Höchstwasserständen" kam. Laut des Talsperrenbetriebs stellte das Hochwasser zu keiner Zeit eine Gefahr für mich dar.

Ab 1998: Ich werde echt lange und oft saniert

Im Jahr 1998 starten die Sanierungsarbeiten. Ziemlich lang wurde an mir herumgedoktert. 2015 waren die Bauarbeiten fertig – endlich! Der Talsperrenbetrieb hat 40 Maßnahmen verzeichnet, die in diesem Zeitraum an mir vorgenommen wurden. Dazu zählen beispielsweise:

  • die Rekonstruktion meiner Mauerkrone mit darüber verlaufender Landstraße 96,
  • der Austausch der Regel- und Verschlussorgane für die Rohwasserbereitstellung,
  • die Sanierung der markanten Dienstgebäude (Schieber- und Windenhaus)

13. Dezember 2003: So niedrig war mein Wasserstand noch nie!

Ich habe bereits von dem einzigen Moment erzählt, an dem mein Hochwasserüberlauf angesprungen ist. Ende 2003 hat der Talsperrenbetrieb Sachsen-Anhalt meinen bisher niedrigsten Wasserstand verzeichnet. Er lag damals bei 396,42 Meter über Normalnull. Ute Dorn vom Talsperrenbetrieb erklärt: "Der Gesamtinhalt betrug noch 35,9 Millionen Kubikmeter und lag damit noch zirka 25 Millionen Kubikmeter oberhalb des Reserveinhalts. Die Rohwasserversorgung war damit noch für weitere sechs Monate (ohne Berücksichtigung der üblichen Winterzuflüsse) gesichert."

Der Talsperrenbetrieb zeichnet regelmäßig auf, wie sich meine Wasserstände entwickeln. So sieht das für die vergangenen zehn Jahre aus:

2005: Fischereirecht für Talsperrenbetrieb Sachsen-Anhalt

Mein Talsperrengewässer ist bis heute ein beliebter Anlaufpunkt für Angler. "Mit der Fertigstellung aller Talsperren 1967 konnte bereits an den verschiedenen Stellen unterschiedlich geangelt werden", sagt Udo Leier, Vorstand der Pachtgemeinschaft Bodetalsperren und Mitarbeiter des Talsperrenbetriebs. Das Fischerei-Pachtgesetz galt bereits 1993, allerdings gingen die Verträge damals noch vom Land Sachsen-Anhalt aus. Für 12 Jahre wurden sie unterzeichnet. Seit 2005 – eben 12 Jahre später – ist der Talsperrenbetrieb Sachsen-Anhalt für die Verpachtung zuständig.

Fischarten im Stausee der Rappbodetalsperre

Wie viele Fische es sind, sei nicht bekannt, so Udo Leier. Seinen Angaben nach, befinden sich dort diese unterschiedlichen Arten (Stand: 2019):

  • Aal
  • Barsch
  • Hecht
  • Karpfen
  • Schleie
  • Zander
  • Seeforelle
  • Kleine Makrele
  • Kaulbarsch
  • Plötze
  • Rotfeder

"Insgesamt, also mit allen sechs Talsperren zusammen, haben etwa 1.300 Personen eine Jahresberechtigung zum Angeln. Die Anzahl hat sich in den vergangenen Jahren auch nicht geändert", sagt Leier.

11. November 2012: Eröffnung der "Megazipline" von Harzdrenalin

Seit diesem Tag hängen neben mir, 120 Meter über dem Abgrund, mehrere Drahtseile. Oder wie die Berke-Brüder, Gründer von Harzdrenalin, sagen: "Die größte Doppelseilrutsche Europas!" 1.000 Meter lang ist die Megazipline. Seitdem sind schon einige bekanntere Leute vor Ort gewesen und haben sich ihren Adrenalin-Kick geholt. So flog beispielsweise Hartmut Möllring, ehemaliger Minister für Wissenschaft und Wirtschaft in Sachsen-Anhalt, am 15. Juli 2015 an mir vorbei.

7. Mai 2017: Eröffnung der "TitanRT" von Harzdrenalin

Nach Eröffnung der Megazipline legte das Harzdrenalin-Team nach und baute neben mich nicht nur mehrere Drahtseile, sondern eine riesenlange Brücke: die TitanRT. Sie ist eine 483 Meter lange Fußgänger-Seilhängebrücke. Kurzzeitig war sie die längste der Welt, bis sie von der "Charles Kuonen Hängebrücke" in der Schweiz mit 494 Metern noch im selben Jahr überholt wurde.

Über die Brücke können Besucher nicht nur laufen oder im "Gigaswing" gesichert runterspringen. Hier gibt es wunderschöne Sonnenauf- und -untergänge zu sehen, wie dieses Zeitraffer zeigt (Man beachte, wie schön ich nachts leuchte!):

Oktober 2018: Weil ich so schön bin, ...

...schauen sogar Models bei mir vorbei! Die Nachwuchs-Talente der "MODAVISION", Sachsen-Anhalts größter Modenschau, mussten sich bei mir Herausforderungen stellen. Sie liefen beispielsweise vertikal, also im Wallrun, meine Staumauer hinunter.

...kommen immer wieder Touristen und besonders Fotografen vorbei, um Bilder von mir zu machen. Dazu zählt beispielsweise auch Christian Walter, der in den sozialen Netzwerken als "Magdeburger Hobbyfotografie" bekannt ist. So schön hat er mich beispielsweise eines Morgens abgelichtet:

Sonnenaufgang an der Rappbodetalsperre
Sonnenaufgang an der Rappbodetalsperre. Bildrechte: Christian Walter

2019: Es ist heiß, aber das Trinkwasser gesichert!

Da stehe ich – immer noch. Die Jobs, die ich zu meiner Geburtsstunde bekam, vor Hochwasser zu schützen, Energie und Trinkwasser zu liefern, habe ich immer noch. Und erfülle sie nach bestem Wissen und Gewissen. Erst in diesem Jahr war es im Sommer wieder besonders heiß, aber: "Trotz Hitzewelle: Trinkwasser durch Rappbodetalsperre gesichert", titelt MDR SACHSEN-ANHALT. 1,3 Millionen Menschen versorge ich damit aktuell.

3. Oktober 2019: Happy Birthday to me!

Wenn ich mir etwas zum heutigen 60. Geburtstag wünschen darf? Dann, dass ich meine Berufe weiterhin so zuverlässig erfüllen kann. Dass mich viele Leute weiterhin besuchen und viel Spaß dabei haben. Und: Dass es mindestens 60 weitere Jahre werden. Darauf ein Glas sauberes Wasser – Prost!

PS: Ohhh, ich freue mich so! Über Facebook erreichen mich ganz viele nette Glückwünsche und Bilder, die von mir gemacht wurden und seitdem eine besondere Erinnerung für ihre Fotografen sind. Hier können einige davon angeschaut werden – ich ergänze sie nach und nach:

Johanna Daher
Bildrechte: MDR/Marieke Polnik

Über die Autorin Seit Februar 2018 ist Johanna Daher Teil der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT. Ihr typischer Satz in den sozialen Medien beschreibt sie ihrer Meinung nach ziemlich gut: "Christin, Journalistin und Optimistin mit einer Liebe zum Multimedialen, Interaktiven und Programmieren."

Johanna Daher kommt gebürtig aus Nordhessen, hat in Dortmund Journalistik und in Wernigerode an der Hochschule Harz "Medien- und Spielekonzeption" studiert.

Quelle: MDR/jd

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 03. Oktober 2019 | 11:40 Uhr

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