Landkreis Harz will Zuschüsse runterfahren Kein Geld mehr für die Feininger-Galerie in Quedlinburg?

Mann mit grauen haaren und roten Fleece-Pullover macht ein Selfie vor einem Fachwerkhaus mit MDR-Logo
Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Um die künftige Finanzierung der Feininger-Galerie in Quedlinburg gibt es Streit. Der Landkreis will nach und nach seine finanzielle Unterstützung komplett herrunterfahren. Damit droht der Galerie, die Menschen aus der ganzen Welt anzieht, an Attraktivität zu verlieren.

Bilder in einer Ausstellung
Bald könnten Sonderausstellungen in der Feininger-Galerie Geschichte sein. Bildrechte: Rebekka Prell

Um die berühmte Feininger-Galerie in Quedlinburg gibt es Streit. Zum Etat der Galerie zahlt der Landkreis Harz bisher einen jährlichen Zuschuss. Künftig aber will er das berühmte Kunstmuseum nicht mehr mitfinanzieren. Die Stadt Quedlinburg soll das übernehmen, hat dafür aber selbst kein Geld. Die einzigartige Sammlung steht vor einer ungewissen Zukunft.

Das Gemälde "Selbstbildnis mit Tonpfeife" in der Lyonel-Feininger-Galerie in Quedlinburg betrachten zwei Besucher.
Bildrechte: dpa

Die Feiniger-Galerie Einzigartig, besonders – so urteilen Besucher – viele aus dem Ausland – über die Quedlinburger Feininger-Galerie. Diese beherbergt die größte Grafiksammlung des deutsch-amerikanischen Malers Lionel Feininger (1871-1956), der am Dessauer Bauhaus lehrte und als einer der bedeutendsten Vertreter der klassischen Moderne gilt.

Die Galerie befand sich einst in Landkreiseigentum. Heute gehört die Galerie zur Kulturstiftung des Landes. Der Landkreis Harz trägt noch ein knappes Fünftel zum Etat bei. Jedes Jahr zahlt er 200.000 Euro. Ab dem nächsten Jahr soll sich das ändern. Schrittweise will der Landkreis Harz seinen Zuschuss pro Jahr um 40.000 Euro bis auf Null herunterfahren. Das bestätigte Landrat Thomas Balcerowski (CDU).

Finanzierung schon länger auf der Kippe

Seine Idee: Die Stadt Quedlinburg soll den Anteil übernehmen. Diese profitiere schließlich am meisten von der berühmten Galerie, so der Landrat. Die Stadt habe die Möglichkeit, den Mehrbetrag über die Kurtaxe zu finanzieren. Die Stadt habe außerdem ein erhebliches Aufmaß an neuen Bettenkapazitäten und könne so mit Mehreinnahmen bei der Kurtaxe rechnen. Solche Möglichkeiten habe der Landkreis nicht, so Balcerowski. Der Landrat begründet das Vorgehen mit erheblichem Druck, dem er selbst wegen des Landkreis-Haushalts ausgesetzt sei.

Bereits im Jahr 2019, unter Balcerowskis Vorgänger, hatte es eine Vorlage für einen Kreistagsbeschluss gegeben, in der stand, dass sich der Landkreis Harz aus der Finanzierung der Feininger-Galerie zurückziehen sollte. Damals versuchte der für Kultur zuständige Staatsminister Rainer Robra (CDU) zu vermitteln. Eine Vereinbarung kam aber nicht zustande. Allerdings herrschte danach Ruhe. Nun laufen die aktuell gültigen Verträge zum Jahresende aus. Der Kreistag hatte deswegen Mitte letzten Jahres den Landrat beauftragt, das Thema erneut anzugehen und mit den Beteiligten zu verhandeln.

Stadt will Anteil verdoppeln, aber das reicht nicht

Das Gebäude der Feininger-Galerie in Quedlinburg
Laut Landrat Balcerowski profitiere die Stadt Quedlinburg am meisten von der Galerie. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Im Quedlinburger Rathaus ist man indes gar nicht abgeneigt, den eigenen Anteil zu erhöhen. Dass die Stadt Nutznießer der Galerie sei, wird gar nicht abgestritten. Die Galerie sei ein Besuchermagnet für Touristen, allerdings nicht gleichzusetzen mit dem Stiftsberg, sagt Quedlinburgs stellvertretende Oberbürgermeisterin Kerstin Frommert, die gleichzeitig Fachbereichsleiterin für Finanzen der Stadt ist. Die Stadt werde sich der Aufgabe nicht verschließen, versichert sie. Es sei aber schwierig, große Unterstützungszahlungen aufzubringen.

Einen Anteil in der Höhe, den der Landkreis derzeit trägt, werde die Stadt nicht übernehmen können. Die Orientierung gehe mittelfristig in Richtung eines mittleren fünfstelligen Betrages, so Frommert. Sechsstellig komme nicht infrage. Es seien bereits Gespräche mit den Vorsitzenden der Stadtratsfraktionen erfolgt. Der derzeit recht niedrige Anteil von 10.000 Euro pro Jahr soll verdoppelt werden, so die stellvertretende Oberbürgermeisterin. Die Stadt will also demnächst 20.000 Euro im Jahr zum Millionenetat der Galerie dazugeben.

Im schlimmsten Fall: Nur noch Dauerausstellung

Das würde natürlich bei weitem nicht ausreichen. Deshalb wird der ganze Vorgang bei der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt auch mit Sorge beobachtet. Kommt es zu keiner Einigung, könnte wohl nur noch die Dauerausstellung gezeigt werden können. Vorträge, Sonderausstellungen, Seminare und Wettbewerbe mit Kindern, museumspädagogische Arbeit – das alles könnte wohl dann nicht mehr stattfinden. Gerade hier aber hatte sich in den letzten Jahren viel getan. Die Galerie gelangte so stärker ins Bewusstsein der Bevölkerung.

Lyonel Feininger: Vollersroda I (Öl, 1913) 5 min
Bildrechte: VG Bild-Kunst, Bonn 2021/Punctum/Bertram Kober

"Becoming Feininger": Lyonel Feininger zum 150. Geburtstag. Von der Stadt am Ende der Welt und dem Sehnsuchtsort Ostsee – Sandra Meyer über eine Ausstellung zu Leben und Werk.

MDR KULTUR - Das Radio Sa 03.04.2021 06:00Uhr 04:30 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Große Einsparmöglichkeiten gäbe es nicht, rechnet denn auch Claus Rokahr, Verwaltungsdirektor der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt vor. Etwa 90 Prozent seien Fixkosten. Obendrein rechne die Stiftung mit Einnahmeverlusten in Millionenhöhe wegen der coronabedingten Schließungen ihrer Einrichtungen. Es sei für ihn, so Rokahr, bedauerlich, dass sich der Landkreis aus der Verantwortung stehle.

Im Quedlinburger Rathaus hofft man nun auf ein stärkeres Engagement des Landes. In der für Kultur zuständigen Staatskanzlei habe man sich aber noch keine abschließende Meinung dazu gebildet, bestätigte ein Sprecher. Da heißt es wohl warten bis nach der Landtagswahl. Zum 31. Dezember laufen die entsprechenden Vereinbarungen mit dem Landkreis Harz aus. Harzkreis-Landrat Thomas Balcerowski will bis dahin Klarheit.

Mann mit grauen haaren und roten Fleece-Pullover macht ein Selfie vor einem Fachwerkhaus mit MDR-Logo
Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Über den Autor Carsten Reuß wurde in Aschersleben geboren und ist in einem kleinen Ort in der Nähe, nur wenige Kilometer vom Harzrand entfernt aufgewachsen. Nach seinem abgeschlossenen Werkzeugmaschinenbaustudium entdeckte er die Liebe zum Journalismus. Nach ersten Erfahrungen bei einer Tageszeitung und einem Abstecher in ein Maschinenbauunternehmen arbeitet Carsten Reuß seit 1993 für den MDR. Seitdem berichtet er regelmäßig aus dem Harz. Den erkundet er außer zu Fuß auch gern auf dem Motorrad, mit dem Fahrrad oder auf Skiern.

MDR/Carsten Reuß, Fabian Frenzel

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 18. Mai 2021 | 07:30 Uhr

0 Kommentare

Mehr aus dem Harz

Ein Mann im Rollstuhl und seine Pflegerin hören eine Schallplatte. mit Video
Auf einer Wellenlänge, auch was die Musik angeht: Gabor Schneider und Jenny Borstel sind seit Jahren befreundet. Nach dem Unfall entschied sie sich, den Beruf der Pflege zu erlernen, um ihm ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Bildrechte: MDR/Alexander Klos
Buntes Treiben auf dem Quedlinburger Weihnachtsmarkt
So sah es ohne Corona aus: Der Weihnachtsmarkt in Quedlinburg (Archivbild) Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Mehr aus Sachsen-Anhalt

Reiner Haseloff mit Video
Sachsen-Anhalt hat am Samstag neue Corona-Regeln beschlossen, die ab Montag gelten werden. Bildrechte: dpa