Volkstrauertag Warum zwei Harzer Jugendliche Kriegsgräber betreuen

Mann mit grauen haaren und roten Fleece-Pullover macht ein Selfie vor einem Fachwerkhaus mit MDR-Logo
Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Am Volkstrauertag wird der Kriegstoten und der Opfer von Gewaltherrschaft gedacht. Diese Erinnerung wollen auch zwei Jugendliche im Harz wachhalten. Sie pflegen Kriegsgräber an Straßenrändern und in den Wäldern der Region.

Zwei Jugendliche vor einem Grab
Lukas und Tom Kipry kümmern sich um Kriegsgräber im Harz. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Tom und Lukas Kipry sind wieder mal unterwegs. Es geht tief in den Wald hinein. An einer Weggabelung zwischen Hasselfelde und Allrode im Landkreis Harz steht ein Kreuz vor einem kleinen Grabhügel, eingerahmt von einer an sechs Pfeilern angebrachten Eisenkette. "Unbekannter Soldat" steht auf einem Messingschild.

Keine Ortsangaben wegen Angst vor Grabschändern

Das Grab ist gepflegt. Die beiden 18-Jährigen waren erst vor kurzem hier. Jetzt gilt es nur, ein paar auf das Grab gefallene Zweige wegzuräumen. Tom macht noch ein Foto – für ihre Facebook-Seite "Zweiter Weltkrieg im Harz". Den genauen Ort des Grabes allerdings schreiben sie dort nicht hinein, aus Angst vor Grabschändern.

Verwahrlostes Grab war der Anfang

Seit drei Jahren pflegen die Zwillingbrüder Kriegsgräber im Harz. Angefangen hat ihr Engagement, als sie im Sommer 2018 bei einer Wanderung ein Holzkreuz fanden. Es trug die Aufschrift "Unbekannter Soldat – im April 1945". Das Grab war verwahrlost. Die damals 15-Jährigen störte das. Sie kamen mit Blumenerde und Werkzeug zurück, fassten das Grab mit Steinen ein, pflanzten Blumen und errichteten einen kleinen Zaun aus Birkenästen. Seitdem kommen die beiden regelmäßig vorbei, beseitigen Unrat, pflanzen im Sommer Blumen und im Herbst Heidekraut.

Inzwischen sind es mehr als zehn Gräber, meist vergessen im Wald oder an Wegesrändern gelegen, um sie sich in ähnlicher Weise kümmern. Die beiden Brüder interessieren sich seit Jahren sehr für Geschichte, haben unter anderem ein Praktikum in einer KZ-Gedenkstätte absolviert. Sie versuchen auch die Geschichte zu den Gräbern zu recherchieren und dokumentieren ihre Arbeit.

60.000 Soldaten bei Blankenburg eingekesselt

Die Region war im April 1945 umkämpft. Die 11. Armee hatte sich damals im Harz gesammelt. Ende April 1945 waren rund 60.000 Soldaten bei Blankenburg eingekesselt, die sich dann am 22. April ergaben. Zu der Zeit haben zahlreiche Soldaten im Harz ihr Leben lassen müssen. Viele Gräber zeugen davon.

Brüder hoffen auf weniger Achtlosigkeit

Während der Arbeit an den Gräbern würden auch sie sehr viel nachdenken, sagt Lukas Kipry, vor allem, wenn die Gefallenen etwa in ihrem Alter waren. An einem Grab nahe Altenbrak, das sie erst vor kurzem entdeckt haben und dass noch der Pflege bedarf, verhält es sich so. Drei Soldaten sind hier 1945 zu Tode gekommen, deren Namen auf einem Holzkreuz notiert sind. "Geboren 1926, gestorben 1945 – unser Alter", liest Lukas laut vor sich hin und schüttelt mit dem Kopf. Im Krieg sterben, das liegt so fern für einen 18-Jährigen heute. Lukas und Tom Kipry sind sich einig. Demnächst werden sie wohl hier tätig werden. Es gibt einiges zu tun. Nur ein paar Steine deuten ein Grab an. Immerhin ist das Holzkreuz in gutem Zustand.

Ein Grab
Bei einigen Gräbern gibt es noch viel zu tun. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Vor dem Volkstrauertag waren sie jetzt öfter unterwegs. In den nächsten Tagen werden sie zum Totensonntag Grablichter auf den Gräbern verteilen. Den Volkstrauertag selbst finden sie wichtig als Möglichkeit, an die Greuel des Krieges zu erinnern – und auch daran, dass es vielleicht nicht selbstverständlich ist, dass wir im Frieden leben, sagt Tom Kipry. Eines wünschen die beiden Brüder sich sehr: Dass die Menschen nicht mehr so achtlos an den Gräbern als Zeugnisse von Krieg und Gewalt vorübergehen.

MDR/Carsten Reuß, Gero Hirschelmann

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 14. November 2021 | 19:00 Uhr

1 Kommentar

ule vor 10 Wochen

Recherche und Grabpflege ist ein wichtiges kulturelles Ereignis.
Ich selbst bin bei Recherchen zu Kriegsgräbern in mehreren Ostdeutschen Städten, hin zur Westgrenze auf Soldatenfriedhöfe gestoßen, die nach 1945/46 , meist in den Zentren kleiner Städte angelegt wurden. So finden wir Kriegsgräber gefallener russischer Soldaten in Städten, wo überhaupt keine Kriegshandlungen mit russischen Soldaten stattgefunden haben, Städte die von amerikanischen oder englischen Truppen eingenommen wurden und erst zu einem späteren Zeipunkt der russischen Armee übergeben wurden.

Jede Recherche wirft neue Fragen auf. Die Zeit jedoch lässt mögliche Antworten verblassen. Am Ende stellt sich für die nachfolgende Generationen die Frage, "ob es überhaupt einen Krieg gegeben hat ?"
So weit aber darf es nicht kommen.

Also, was hat es mit den russischen Kriegsgräberanlagen in den Zentren der Städte auf sich ?
Was verbirgt sich hinter diesem Handeln, Friedhöfe anzulegen, wo es keine gefallenen Soldaten gibt ?

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