Jugend in Sachsen-Anhalt Wir Kinder aus Quedlinburg: Bleiben oder Gehen?

Ann-Kathrin Canjé
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mit Fachwerkidylle und Weltkulturerbe lockt Quedlinburg Scharen von Touristinnen und Touristen. Doch in dem Harzstädtchen fehlen Orte für die Jugend. So kommt es, dass sie sich auch ein bisschen wie zu Besuch fühlt in den engen Gassen mit den hübschen Cafés, die für sie aber leider viel zu teuer sind. Gehör verschaffen will sich eine Gruppe Jugendlicher deshalb via Jugendforum im Stadtrat. Etwa mit dem Wunsch nach mehr Räumen, in denen sie agieren können. Mia Weberling, Adele Probst und Bengt Wurm sind drei von ihnen.

Jugendliche in Quedlinburg 15 min
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Als ich im Oktober 2020 zum ersten Mal den Hauptbahnhof Quedlinburg verlasse, tauche ich ein in eine pittoreske Weltkulturerbestadt, in der sich die Fachwerkhäuser aneinanderreihen und das Kopfsteinpflaster jeden Schritt von mir wie das Hufeklappern eines Pferdes klingen lässt. Die Frage, die ich mitgebracht habe: Wie gestaltet sich das Leben hier für junge Menschen? Um ihr nachzugehen, treffe ich einige zum Interview im Jugendzentrum Reichenstraße. Für eine Onlinereportage zum Thema "Demografischer Wandel" für MDR SACHSEN ANHALT will ich mit ihnen über die Perspektiven sprechen, die sie für sich in der Stadt sehen: Was macht Quedlinburg für die Jugend lebenswert? Wie gehen sie damit um, dass viele Gleichaltrige zur Ausbildung oder zum Studium doch erstmal wegziehen wollen? Und: Unter welchen Umständen würden sie bleiben oder nach Ausbildung bzw. Studium zurückkehren in die Heimatstadt?

Was sich ändern soll

Volo-Reportage: Normsprenger:in – Wir Kinder aus Quedlinburg
Erstmals machen die Jufo-Leute auf dem Marktplatz auf sich aufmerksam. Bildrechte: MDR / Ann-Kathrin Canjé

Ich lerne sieben Jugendliche kennen, drei davon sind: Adele, Bengt und Mia.

Wir unterhalten uns über den Tourismus, den Generationenkonflikt und ihre Lieblingsorte in Quedlinburg.

Darüber, wie es ist, im Harz groß zu werden; darüber, was nervt, was sich ändern muss und wie das Jugendforum (Jufo), in dem sie sich engagieren, dabei helfen kann.

Ich finde das Jugendforum wichtig, weil man dadurch merkt, dass man nicht alleine ist und dass es die Probleme, die man sieht, auch wirklich gibt. Mit dem Jufo zeigen wir der Stadt, dass wir auch da sind und uns nicht unterdrücken lassen wollen, um das jetzt mal ein bisschen verschärft auszudrücken. Wenn wir jetzt eine starke Grundlage schaffen für das Jufo, dann ist es später auch für neue Leute einfacher zu handeln.

Mia Weberling

Stichwort: Jugendforum Quedlinburg

Das Jugendforum ist im November 2019 auf Initiative der Stadt Quedlinburg im Rahmen der Projekte "Demokratie leben" und "Partnerschaft für Demokratie Quedlinburg" entstanden. Perspektivisch soll es den Stadtrat in Sachen Jugend beraten. Das Jugendforum trifft sich – angepasst an die aktuelle Corona-Lage – einmal wöchentlich. Es kommen junge Leute, die sich für ihre Anliegen in Quedlinburg engagieren möchten. Geleitet wird das Jugendforum von Jennifer Fulton, Dozentin für Kinder- und Jugendarbeit.

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Wie funktioniert die Arbeit im Jugendforum Quedlinburg, wer unterstützt die Jugendlichen und was wollen sie errreichen? Auskunft gibt u.a. Jennifer Fulton, die das Jugendforum leitet.

MDR Dok Sa 05.06.2021 18:00Uhr 02:06 min

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Eines der wichtigsten Anliegen für sie ist es, mehr Räume für die Jugend in der Stadt zu schaffen – sprich Discos oder Freizeitanlagen. Bisher bilden das Jugendzentrum Reichenstraße und ein weiterer Jugendtreff der Stadt die einzigen Rückzugsorte. Viele Treffen verlagern sich dann im Sommer automatisch nach draußen. Das sei wiederum vielen älteren Menschen ein Dorn im Auge, berichten Adele, Bengt und Mia. Dabei liege den meisten jüngeren Menschen die Stadt genauso am Herzen.

NORMsprenger:in | Wir Kinder aus Quedlinburg: Bleiben oder Gehen? Wofür sich die Jufo-Leute engagieren

Quedlinburg: Das sind mehr als 2.000 denkmalgeschützte Fachwerkhäuser in einem Kleinstadtzentrum. Für die Rettung dieses Schatzes gab es den Welterbetitel. Was aber hält junge Leute in der Stadt?

Volo-Reportage: Normsprenger:in – Wir Kinder aus Quedlinburg
Drei der engagierten Jugendliche aus Quedlinburg: Mia, Adele, Bengt. Bildrechte: MDR / Ann-Kathrin Canjé
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Vorbereitungen für den ersten großen Auftritt Bildrechte: MDR / Ann-Kathrin Canjé
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Adele muss noch verkabelt werden. Bildrechte: MDR / Ann-Kathrin Canjé
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Die Leiterin des Jugendforums – Jennifer Fulton – kurz vor Aufbruch zur Marktplatzaktion. Bildrechte: MDR / Ann-Kathrin Canjé
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Bengt gibt Auskunft über das Problem der "Mülleimerinfrastruktur". Bildrechte: MDR / Ann-Kathrin Canjé
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Drei der engagierten Jugendliche aus Quedlinburg: Mia, Adele, Bengt. Bildrechte: MDR / Ann-Kathrin Canjé
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Das Jugendforum Quedlinburg präsentiert sich zum ersten Mal auf dem Marktplatz. Bildrechte: MDR / Ann-Kathrin Canjé
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Ins Gespräch kommen mit älteren Quedlinburgern war das Ziel. Bildrechte: MDR / Ann-Kathrin Canjé
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Einmal die Woche treffen sich die jungen Leute, wenn und wie es die Pandemie zulässt. Bildrechte: MDR / Ann-Kathrin Canjé
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Thema "Mülleimerinfrastruktur"

Dafür steht ein Wort, das der 17-Jährige Bengt im Interview fallen lässt: "Mülleimerinfrastruktur". Bengt erzählt, dass es auch Jugendliche nerve, wenn überall Müll rumfliege. Das sei allerdings auch deshalb so, weil es einfach zu wenige Mülleimer in der Stadt gebe. Deswegen wollten sie sich im Jufo für mehr Abfallentsorgungsmöglichkeiten einsetzen. Das Müll-Problem dürften auch ältere Menschen auf dem Schirm haben. Doch die wenigsten Mitbürger:innen wissen wohl von dem Einsatz der jungen Leute, etwas dagegen zu unternehmen. Deswegen ist es Bengt und seinen Mitstreiter:innen ein Anliegen, das Jufo als Institution in der Stadt bekannter zu machen.

Thema: Räume für Jugendliche

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Hier in der "Reiche" treffen sie sich einmal die Woche. Bildrechte: MDR / Ann-Kathrin Canjé

Bei meinem ersten Treffen mit den Jugendlichen war ich überrascht, dass sie sich neben der Schule noch so viel Zeit für ehrenamtliches Engagement nehmen. So entstand die Idee, dass ich das Jugendforum-Team für meine Abschlussreportage nochmal drei Tage mit einem Kamerateam begleite. Ich wollte erfahren, wie genau das aussieht, wenn sich die Jugendlichen treffen, worüber sie diskutieren, was ihnen am Herzen liegt.

Also, wir haben die 'Reiche', aber wir hätten gerne einen größeren Ort, nicht nur für eine Disco, sondern auch für Sport, ganz verschiedene Freizeitaktivitäten. Da sind wir auf der Suche und reden immer noch mit der Stadt. Das wäre das Größte, was ich gerne hier erreichen würde für alle Kinder und Jugendlichen, die nach mir hier leben werden.

Adele Probst

Dafür haben wir uns angeschaut, wie eine der wöchentlichen Jufo-Sitzungen abläuft, wie Adele, Bengt und Mia einen Politiker des Stadtrats interviewen, wie sie sich vor der Kamera in so genannten "Elevator Pitches präsentieren, um bald auch einen YouTube-Channel mit ihren Anliegen bespielen zu können.

Thema: Generationsübergreifender Austausch

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Ins Gespräch kommen wollten sie Ende Oktober gerade mit Älteren. Bildrechte: MDR / Ann-Kathrin Canjé

Damit das Jufo stadtweit bekannter wird, haben sie sich im Oktober zum ersten Mal der Öffentlichkeit gestellt, mitten auf dem Quedlinburger Marktplatz. Auch da bin ich mit dem Kamerateam dabei gewesen, um zu erleben, wie sie ihre Themen in selbstgeschriebenen Redebeiträgen vorbringen; zur Stadt-Beleuchtung, zum ÖPNV und zur digitalen Infrastruktur, aber auch zu Themen wie Umweltschutz und Anti-Diskriminierung. Ein wichtiger Programmpunkt ist auch an diesem Tag der "Dialog der Generationen", um etwa über das Vorurteil zu diskutieren, die jungen Leute seien nur laut, machten Dreck und zeigten keinen Respekt.

Ich setzte mich im Jufo ein, damit die Jugendkultur in der Stadt auf die Agenda kommt, damit die alten Leute auch mal sehen, dass die Jugendlichen nicht nur 'problematisch' sind. Es ist wichtig, auch mal aufzustehen und zu sagen, was stört.

Bengt Wurm

Die drei Tage, die ich die jungen Leute begleite, sind ausgefüllt mit Arbeit und zeigen ihr großes Engagement. Den gängigen Klischees widersprechen sie so. (Sie sind für ihr Alter sehr politikbewusst und geben Hoffnung, dass diese kleine Gruppe Jugendlicher für viele engagierte, politikinteressierte junge Menschen steht, egal ob Ost oder West, egal ob Quedlinburg oder Duisburg.)

Faktencheck: Bevölkerungsprognose 2030

Schöne Altstadt und Weltkulturerbe. Quedlinburg ist für Touristen sicher immer eine Reise wert. Wer aber wird dort künftig leben? Immer weniger junge Menschen, heißt es in der Bevölkerungsprognose bis 2030. Und je mehr weggehen, desto mehr folgen, scheint eine Gesetzmäßigkeit zu lauten. 1990 lebten noch rund 10.000 Menschen unter 25 im Stadtgebiet. Heute sind es noch etwa 4.000. Städte wie Magdeburg und Halle wachsen und werden wieder jünger, so die Annahme. Auf die Gesamtbevölkerung gesehen wird es bis 2030 z.B. in Magdeburg einen Zuwachs von rund 3,8 Prozent geben, in Quedlinburg dagegen einen Rückgang von 13,1 Prozent. Umso wichtiger wäre es, dem Trend etwas entgegenzusetzen.

[Anmerkung: Diese Reportage ist im Februar 2020 entstanden.]

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Ein alter Mann sitzt an Deck eines Kreuzfahrtschiffes und hält einen Gehstock mit Silbergriff in den Händen.
Bildrechte: imago/Winfried Rothermel | Grafik MDR/Martin Paul

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 05. Juni 2021 | 18:00 Uhr

4 Kommentare

PoliticalNerd99 vor 25 Wochen

Jetzt hören Sie mal: Genau wegen solcher Klischees und wegen solchem dämlichen Aussagen, ziehen die jungen Leute doch weg.
Man muss auch mal irgendwo attraktive und nachhaltige Jobangebote schaffen. Unsere Gesellschaft befindet sich im Wandel und viele Jobs werden in Zukunft ohnehin automatisiert stattfinden.
Sich da auf einem Job zu orientieren, der auch noch in Zukunft Bestand haben wird und einen als Mensch Erfüllung geben kann, ist kein Zeichen dafür, dass diese Jugend verweichlicht und verwöhnt ist, sondern schlicht ubd einfach, dass sie weitsichtig ist und die Zeichen der Zeit erkannt hat.

Erichs Rache vor 25 Wochen

1990 lebten noch rund 10.000 Menschen unter 25 im Stadtgebiet. Heute sind es noch etwa 4.000. Städte wie Magdeburg und Halle wachsen und werden wieder jünger, so die Annahme. Auf die Gesamtbevölkerung gesehen wird es bis 2030 z.B. in Magdeburg einen Zuwachs von rund 3,8 Prozent geben, in Quedlinburg dagegen einen Rückgang von 13,1 Prozent. Umso wichtiger wäre es, dem Trend etwas entgegenzusetzen.


SCHAFFT ENDLICH das bescheuerte EHEGATTENSPLITTING AB!

Siehe "Gesamtevaluation ehe- und familienpolitischer Leistungen in Deutschland" abrufbar auf der Internetpräsenz des bmfsfj.

425 Seiten einer tadellosen wissenschaftlichen Arbeit.

Das kann doch bald nicht mehr wahr sein!

DanielSBK vor 25 Wochen

Eine 3jährige Ausbildung zum Hotelfachmann'innen (um zu BLEIBEN) scheint wohl so weit weg für diese Jungen Leute zu sein, wie die 1te Mondlandemission der Afrikanischen Republik Kongo?!

Das man dort auch nicht Facharbeiter im Bereich Stahlgießer oder Binnenschiffer werden kann, dürfte auch klar sein...

Also, was wollt ihr dann??

Internet-Star, ÖRR-Journalist / Aktivist oder Influencer oder Gender-Studies oder "einfach irgendwas mit Verwaltung/Politik" und Mami und Papi zahlen dann einfach weiter, aber mindestens bis ihr 27 seid?!

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