Initiative baut um Wie aus der ehemaligen Lungenheilstätte Harzgerode ein modernes Wohnprojekt werden soll

Mann mit grauen haaren und roten Fleece-Pullover macht ein Selfie vor einem Fachwerkhaus mit MDR-Logo
Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Nachdem die ehemalige Lungenklinik lange leer stand, soll sie nun mit Leben gefüllt werden. Mehrere junge Menschen haben sich zusammengeschlossen und wollen aus dem großen Gebäude ein Wohnprojekt machen. Dazu haben sie nun auch Fördermittel bekommen. Künftig soll in der Anlage aber nicht nur gewohnt werden, sondern auch zu Kinoabenden und Feiern im großen Saal eingeladen werden.

Vorderansicht des Hauptgebäudes der ehemaligen Lungenklinik.
Das Hauptgebäude der ehemaligen Lungenklinik wird zu einem Wohnprojekt. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Für eine Gruppe Enthusiasten im Harz begann das Jahr sehr erfreulich. Die "Genossenschaft in der Heilstätte Harzgerode eG" bekam Fördergeld von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Es ist ein weiterer Schritt zur Verwirklichung eines besonderen Projekts. Auf dem Gelände der seit über 20 Jahren leerstehenden Kinder-Lungenheilstätte wird ein sozial-ökologisches Gemeinschaftsprojekt umgesetzt.

Gebäude im Bauhaus-Stil soll erneuert werden

Die junge Mitorganisatorin Julia Pleintinger in einem Porträt.
Julia Pleintinger setzt sich für das Wohnprojekt in Harzgerode ein. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Ein halbrunder Balkon-Turm an einem Zweigeschosser, davor eine Freitreppe. Das Gebäude selbst hat große Fenster und wurde terrassenförmig gebaut. Die Architektur stammt aus den 1920ern. Sie erinnert an Bauhaus, an das "Neue Bauen". Vor dem Gebäude steht Julia Pleintinger, 28 Jahre alt und aus Bayern stammend. Sie zeigt auf die Treppe. "Dafür haben wir jetzt Fördermittel bekommen", sagt sie. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz übergab kürzlich 30.000 Euro für die Sanierung dieses Gebäudeteils an die "Genossenschaft in der Heilstätte Harzgerode eG".

Dahinter steckt eine Gruppe, die sich selbst eine sozial-ökologische Gemeinschaft nennt. Derzeit umfasst sie 16 Menschen, die auf dem Gelände ein genossenschaftliches und nachhaltiges Wohnprojekt verwirklichen wollen, und Julia Pleintinger gehört dazu. Sie ist in der Gruppe für Öffentlichkeitsarbeit zuständig und muss erst einmal erklären. 2018 hätten sie eine Genossenschaft gegründet, die dann das Areal gekauft habe. Diese Form hätten sie gewählt, damit nicht einer oder einige wenige das Handeln bestimmten, sondern damit sich Eigentum und Entscheidungsbefugnisse auf alle gleichmäßig erstrecken.

Die ehemalige Lungenklinik Harzgerode wird zum Wohnprojekt

Der ehemalige leere OP-Saal der Lungenheilklinik.
Vom ehemaligen OP-Saal sind nur noch wenige Gegenstände im Raum. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß
Der ehemalige leere OP-Saal der Lungenheilklinik.
Vom ehemaligen OP-Saal sind nur noch wenige Gegenstände im Raum. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß
Ein Schild vor der ehemaligen Lungenklinik trägt die Aufschrift "Treffpunkt für Führungen".
Vor der ehemaligen Lungenklinik lädt ein Schild zu Rundgängen ein. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß
Eine der Projektleiterinnen zeigt das Chefarzt-Zimmer mit alten Sofas, Tisch und Schrankwand.
Im ehemaligen Chefarzt-Zimmer erinnern noch einige Möbel an alte Zeiten. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß
Die leerstehende Küche in der ehemaligen Lungenklinik.
In der Küche erinnern nur noch wenige Details an einen Betrieb. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß
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Jeder kann sich nach seinen Möglichkeiten beteiligen

Praktisch bedeutet das, dass alles gemeinsam angepackt wird. Natürlich sei auch Geld wichtig. Das Projekt müsse ja entwickelt werden, sagt Pleintinger. Es werde erwartet, dass jeder das gibt, was möglich ist. Wenn ein Mitglied viel Geld besitze, werde erwartet, dass er mehr einbringt als jemand, der finanziell nicht so gut ausgestattet ist. Außerdem werde niemand ausgeschlossen, wenn er kein Geld habe, so Julia Pleintinger. Es müsse sich etwas ändern auf der Welt, sagt sie, damit wir weiter gut leben können und einen guten Umgang mit der Natur finden.

Und da wollen wir nicht nur reden und jammern, sondern selbst anpacken und etwas dazu beitragen.

Julia Pleintinger

Fasziniert von dieser sozial-ökologischen Gemeinschaft ist zum Beispiel Lisanne Menzel. Die 27-Jährige stammt aus der Nähe von Hannover.

Die junge Mitorganisatorin Lisanne Menzel in einem Porträt.
Lisanne Menzel gehört zum Team des neuen Wohnprojektes. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Sie kennt Projekt und Akteure schon länger und ist vor einem knappen Jahr auf das Gelände gezogen. Sie ist begeistert von der Umgebung, vom Gegensatz der gewaltigen Klinikgebäude zur Natur ringsum. Selbstverwaltet wohnen, selbstorganisiert arbeiten, selbst über sein Leben und die Umgebung bestimmen, das finde sie toll. Das Gelände würde dafür unheimlich viele Möglichkeiten bieten.

Mitstreiter müssen zusammenpassen

Doch einfach hinziehen und mitmachen geht nicht. Wer Mitglied der Gemeinschaft werden will, muss eine Art Probejahr absolvieren. Es gehe vor allem darum, dass es menschlich zusammenpasst, so Julia Pleintinger. Bereits nach der Versteigerung der Klinik 2014 hatte es erste Versuche geben, ein solches Projekt auf dem Gelände zu etablieren. Es sei sehr schleppend gewesen, bis sich eine passende Gruppe gefunden habe, so Julia Pleintinger. 2018 dann habe es gepasst. Seitdem gehe es vorwärts.

Mann mit Schutzausrüstung sägt Zweige an einem Baum ab.
Auch auf dem Gelände der ehemaligen Lungenklinik muss einiges erneuert werden. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Das allerdings immer nur in kleinen Schritten. Die finanziellen Mittel sind begrenzt, die Zahl der Mitstreiter derzeit noch sehr überschaubar. Im Gegensatz dazu steht die Größe des Objekts. Das Gelände der einstigen Kinder-Lungenheilstätte ist riesige 21 Hektar groß. Es umfasst Waldflächen, große Wiesen, mehrere Wohngebäude, eine ehemalige Schule, eine Gärtnerei, ein Torhaus mit Garagen und das mehrflügelige Klinikgebäude für einst 150 kleine Patienten und ebenso viele Mitarbeiter.

Viel Arbeit am historischen Gebäude

Die Kinderheilstätte wurde vor 90 Jahren mitten in einem Waldstück errichtet, etwa 1,5 Kilometer vom Stadtrand von Harzgerode entfernt. 1998 wurde sie geschlossen. Danach stand sie lange leer. Obwohl das Gelände bewacht wurde und sich Schäden durch Vandalismus deshalb in Grenzen halten, hat der lange Leerstand natürlich Spuren hinterlassen. Die meisten Gebäude wirken desolat und sanierungsbedürftig.

Die Akteure vor Ort scheint das nicht abzuschrecken. Sie sind stolz, dass sie inzwischen alle Dächer dicht bekommen haben. Sie haben Gebäude bewohnbar gemacht, Bäume gepflanzt und einen Feuerlöschteich angelegt. Letzteres mussten sie unter der Rubrik "Lehrgeld zahlen" abhaken. Der Feuerlöschteich war eine Auflage der Behörden. Doch sehr viel mehr muss auf dem Gelände noch getan werden. Die jetzt geförderte Sanierung der Haupteingangstreppe ist ein weiterer kleiner Schritt in diese Richtung, die geplante Sanierung des Saales ein weiterer.

Freitreppe am Gebäude der ehemaligen Lungenklinik.
Die Freitreppe führt zum Eingang des Wohnprojektes. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Zukunftspläne für das Gebäude

Wo früher Kinderlieder gesungen und Märchen für die kleinen Patienten aufgeführt wurden, sollen einmal Lesungen, Kinoabende und Konzerte stattfinden. Dass irgendwann auch Leute den Saal für private Feiern mieten, könnten sie sich auch vorstellen, sagen Julia Pleintinger und Lisanne Menzel. Vor zwei Jahren wurde das Dach abgedichtet. Wenn wieder Geld vorhanden ist, soll der Saal hergerichtet werden.

Mehrere Aufsteller mit Informationen über die Geschichte der Lungenklinik stehen nebeneinander.
Auf mehreren Aufstellern wird über die Geschichte der ehemaligen Lungenklinik informiert. Bildrechte: MDR/Carsten Reuß

Julia Pleintinger, Lisanne Menzel und ihre Mitstreiter haben die Vision eines genossenschaftlichen Wohnmodells mit solidarischer Landwirtschaft, Werkstätten, Bildungsbetrieb und Kulturveranstaltungen. Ein Waldkindergarten auf dem Gelände zu etablieren, könne sie sich auch gut vorstellen, sagt Lisanne Menzel. Bis zu 80 Menschen sollen einmal auf dem Gelände der ehemaligen Heilstätte leben und vielleicht auch arbeiten. Es wird noch ein langer Weg dorthin sein.

Fürs neue Jahr wünschen sie sich mehr Mitstreiter und dass die Fertigstellung des fast sanierten Ostflügels für Gästeübernachtungen gelingen möge. Sie schauen optimistisch ins neue Jahr in der ehemaligen Lungenheilstätte von Harzgerode. Julia Pleintinger: "Es ist auf jeden Fall eine große Vision, selber Arbeitsplätze zu schaffen und nicht zu warten, bis irgendwer den Arbeitsplatz macht, den ich haben will. Klar, wenn wir nicht dran glauben würden, wären wir nicht hier. Wir alle sind ein bisschen hoffnungslose Optimisten."

MDR (Carsten Reuß)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 09. Januar 2022 | 16:20 Uhr

2 Kommentare

Atheist vor 19 Wochen

„Wer Mitglied der Gemeinschaft werden will, muss eine Art Probejahr absolvieren. Es gehe vor allem darum, dass es menschlich zusammenpasst, so Julia Pleintinger.„
Wir werden nicht gefragt wer zu uns menschlich zusammenpasst.
ImGegenteil wir müssen uns schon lange anderen anpassen.

Karl Schmidt vor 19 Wochen

Atheist:
Wurden Sie so in Bayern "empfangen"?

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