Endlich beim Traumjob angekommen Schwerbehinderte Magdeburgerin spricht über ihre Arbeitsmarkt-Erfahrungen

Wegen einer Einschränkung beim Gehen ist Maxi Storck aus Magdeburg schwerbehindert. Dadurch hat sie viel auf dem Arbeitsmarkt erlebt, wie sie im Interview erzählt – von negativen Momenten bis zum Traumjob.

Hunderte Bewerbungen brauchte es bis Maxi Storck da angekommen ist, wo sie hinwollte: In einem Job, der ihr Spaß macht und in dem sie zum ersten Mal einen unbefristeten Arbeitsvertrag bekommen hat. Seit September ist sie bei der Generaldirektion "Wasserstraßen und Schifffahrt" in Magdeburg angestellt. Die nehmen sie so, wie sie ist, freut sich Storck, die wegen einer Einschränkung beim Gehen schwerbehindert ist. Diese Behinderung hatte bisher dazu geführt, dass sie in mehr als 20 Jobs tätig war – kurze, befristete Arbeitsstellen oder welche, bei denen sie sich als Schwerbehinderte ausgenommen gefühlt hat. Im Interview gibt die gelernte Kauffrau für Bürokommunikation Einblick in ihre Erfahrungen als Schwerbehinderte auf dem Arbeitsmarkt.

Erinnern Sie sich mal an die ersten Tage in der Generaldirektion zurück. Wie waren die für Sie?

Maxi Storck arbeitet in der Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt in Magdeburg. Wegen einer Einschränkung beim Gehen ist sie schwerbehindert.
Maxi Storck freut sich, dass sie in ihrem neuen Job zum ersten Mal ein eigenes, großes Büro hat. Bildrechte: MDR/Stefan Bernschein

Maxi Storck: "Ich war sehr überrascht, als ich hier ankam. Ich hatte mein eigenes Namensschild – das hatte ich vorher noch nie. Es stand eine große Blume dort als Begrüßung. Das fand ich auch schon mal ganz toll. Und es ist das erste Mal, dass ich ein eigenes, großes Büro habe. Es war wie ein Sechser im Lotto – Glücksgefühle hoch Zehn."

Bevor Sie hier anfangen konnten, mussten Sie sich natürlich erstmal bewerben. Wie haben Sie das Bewerben generell wahrgenommen?

"Es war teilweise frustrierend. Diese Bewerbungsgespräche haben vor allem im öffentlichen Dienst stattgefunden, da die kleineren Firmen mich gar nicht eingeladen haben, wenn sie gesehen haben, dass da eine Schwerbehinderung vorliegt. Der öffentliche Dienst muss dann einladen, da hatte ich die Chance mich vorzustellen."

Wie haben Sie die Bewerbungsgespräche erlebt?

"Es war eigentlich immer ein Schwerbehinderten-Beauftragter dabei, der geschaut hat, dass es regelkonform ist. Es gab angenehmere, aber auch unangenehmere Gespräche. Das hier [bei der Generaldirektion 'Wasserstraßen und Schifffahrt'] war sehr angenehm – so ein gutes Bewerbungsgespräch hatte ich wirklich noch nie."

Was war da anders?

"Die Atmosphäre der Leute, die im Bewerbungsgespräch saßen und mich befragten haben, war nett, freundlich – sie haben mich als Person genommen, wie ich bin."

Menschen mit Schwerbehinderung bei der Generaldirektion

Auf Anfrage des MDR erklärt die Pressestelle der Generaldirektion für Wasserstraßen und Schifffahrt (GDWS): "In der GDWS sind 85 Personen mit einer Schwerbehinderung beschäftigt. Am Dienstort Magdeburg sind es sieben Personen. Die GDWS beschäftigt über das gesetzlich verankerte Maß hinaus Menschen mit Schwerbehinderungen. Je nach Einzelfall können folgende Unterstützungen genutzt werden: Leseassistenzen, barrierefreie Zugänge, Fahrstühle etc."

Haben Sie auch ein Kontrast-Beispiel, bei dem es weniger angenehm verlief?

"Das war das eine Mal weniger das Gespräch, sondern die Art der Chefin. Ich hatte ein Vorstellungsgespräch – und das war ziemlich weit oben, also ohne Fahrstuhl. Die Stufen waren für mich sehr schwierig zu steigen. Sie hat überhaupt keine Rücksicht genommen und meinte: 'Das ist ja kein Problem, dass Sie jeden Tag die Treppen hochsteigen.' Also das habe ich das Einfühlungsvermögen vermisst, wenn man schon sieht, dass man eine Schwerbehinderung hat, dass man da bisschen drauf eingeht oder zumindest Rücksicht nimmt."

Ohne etwas unterstellen zu wollen, aber könnte es auch sein, dass man Ihnen es dort bewusst schwer machen wollte, damit Sie die Stelle nicht annehmen?

"Also in dem Gespräch glaube ich das tatsächlich. Die Dame hat immer gegähnt, wenn ich gesprochen habe. Dann meinte sie: 'Sie erzählen langweilig, ich werde müde davon.'"

Aber warum laden sie Sie dann überhaupt ein?

"Ich bin mir nicht sicher, aber ich denke, weil man auch nachweisen muss, dass man so und so viele Schwerbehinderte zum Bewerbungsgespräch einlädt."

Sie haben vorher unter anderem als Personalsachbearbeiterin in einer Zeitarbeitsfirma gearbeitet – bei der Sie, so Ihre Erzählung, Spaß hatten. Wieso haben Sie da dann aufgehört?

"Weil der Vertrag auf zwei Jahre befristet war – so lange, wie die Förderung der Arbeitsagentur ging. Und dann durfte ich gehen. Die [Unternehmen] kriegen Geld dafür, zum Beispiel für ein Jahr und haben dann die Verpflichtung, dass sie dich ein weiteres Jahr beschäftigen müssen."

Wie viele Bewerbungen haben Sie denn in den letzten Jahren etwa geschrieben und bei wie vielen wurden Sie auch eingeladen?

"Es waren schon ein paar hundert Bewerbungen, die ich geschrieben habe und eingeladen wurde ich vielleicht 20 Mal oder ein bisschen mehr. Es kam ja auch nicht immer direkt zum Arbeitsvertrag – man hat sich erstmal kennengelernt. Da muss man einfach dran bleiben und die Hoffnung nicht verlieren und dann klappt das."

FAKT IST! mit Gebärdensprache 59 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Fakt ist! Mo 12.04.2021 22:10Uhr 59:13 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Darüber wird bei FAKT IST! diskutiert Bei FAKT IST! wird am Montag, 12. April, ab 20:30 Uhr im Livestream und ab 22:10 Uhr im MDR-Fernsehen über dieses Thema diskutiert: "Doppeltes Handicap – Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt". Mit dabei sind unter anderem der Menschenrechtsaktivist Raul Krauthausen und Karsten Isaack (Bundesverband evanglische Behindertenhilfe, Halle). Bei der Sendung sind zwei Gebärdendolmetscherinnen dabei.

MDR/Stefan Bernschein, Johanna Daher

Dieses Thema im Programm: FAKT IST! | 12. April 2021 | 20:30 Uhr

4 Kommentare

DanielSBK vor 3 Wochen

Mir ist in den ganzen letzten 20 Jahren als Schicht-Arbeiter keiner ihrer genannten Punkte in produzierenden Unternehmen untergekommen.

Inklusion habe ich auch nicht erlebt - liegt wahrscheinlich daran, dass diese betroffenen Leute einfach in irgend eine "Werkstatt" abgeschoben werden und man die nie wieder sieht.

Und bis auf den wirklichen notwendigen Schutz vor schweren Unfällen oder Bereitsstellen von Schutzkleidung habe ich noch nie etwas von den o.g. Punkten irgendwo im Gewerbebereich erlebt. Papier ist halt geduldig.

Gibts wahrscheinlich alles nur im öffentlichen Dienst oder beim ÖR-Rundfunk....

Mfg

DanielSBK vor 3 Wochen

"Hunderte Bewerbungen brauchte es bis Maxi Storck da angekommen ist, wo sie hinwollte"

Ja schon; aber das gleiche trifft auch auf nicht eingeschränkte Menschen mit Facharbeiterbrief hier in Sachsen-Anhalt zu.

Und das sie selber Teil einer "Leih- und Zeitarbeitsfirma als Personalbearbeiterin" ist auch dahingehend moralisch verwerflich, weil diese ganze Zeitarbeitsindustrie Beschäftigte um ihre Erwerbslebensleistung (durch entgangenen Lohn) und Rentenpunkte bringt!

Da hilft auch kein "Tarifabschluss" der Zeitarbeit, wenn man als Facharbeiter dort in "EG-1" (Arbeitnehmer ohne Beruf) eingestuft wird und auf Mindestlohn-Niveau - für ne Appel und Ei 9,50€/Std. - arbeiten geht. Und dann noch mit Befristung.

Auch hier werden prekäre Arbeitsverhältnis gefördert.

Wagner1975 vor 3 Wochen

In der Arbeitsstättenverordnung (ArbStättV), der Gefahrstoffverordnung (GefStoffV) sowie dem SGB IX sind grundsätzliche und zusätzliche Vorgaben für die behindertengerechte Arbeitsplatzgestaltung zu finden. Dazu zählen (Auszug):

die Arbeitsumgebung muss sowohl Überforderung als auch Unterforderung der Beschäftigten vermeiden
die Einrichtung der Geräte und Möbel darf die Beschäftigten nicht bei ihrer Arbeit beeinträchtigen
der Arbeitsplatz ist im Einzelfall zu modifizieren, um bspw. bestehende Barrieren im Arbeitsleben zu beseitigen
schwerbehinderte Beschäftigte haben ihren Arbeitgeber bei vorzunehmenden Anpassungen zu informieren..
Wie z.B. Schwerbehinderte , die an Tourette-Syndrom leiden , dürfen aus Sicherheitsgründen nicht in der Systemgastronomie arbeiten....Kämpfen für Inklusion würde ihn auch nicht helfen! Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz haben höchste Priorität und sind fester Bestandteil aller Geschäftsaktivitäten.

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