Klimawandel Landwirte im Jerichower Land kämpfen mit Dürre

MDR-Reporter Hagen Tober
Bildrechte: Hagen Tober

Landwirte im nördlichen Jerichower Land haben es schwer. Das Klima ist nicht ideal – und die Bedingungen werden immer schlechter. Das Wasser für die Felder wird knapp. Längst müssen die Bauern Tiefbrunnen einsetzen. Aber auch dafür sind teure und langwierige Anträge notwendig, eine Garantie auf Erfolg gibt es nicht. Und: Es kann immer sein, dass die Brunnen in harten Zeiten gar nicht genutzt werden dürfen.

Mann steht auf einer Art flachen runden Steinpyramide mit Metalldeckel vor einem Maisfeld
Tiefbrunnen sind eine Notlösung für die Bewässerung – eine, die viel Geld kostet und dennoch mit Unsicherheiten behaftet ist. Bildrechte: MDR/Hagen Tober

Staubtrocken sind die Feldwege in der Region um Jerichow. Und das trotz der vergangenen Gewitter. Die Niederschläge reichen hier nicht aus. Und das ist in der Region um Fischbeck und Jerichow im Nordosten Sachsen-Anhalts nicht Neues.

Schon im Sommer 1992 war der MDR mit einem Kamerateam vor Ort, um über die alljährliche Dürre zu berichten. Damals diskutierte kaum jemand über einen drohenden Klimawandel. Doch der hat sich in der Region lange schon angekündigt.

Landschaft zeigt modellhaft Auswirkungen des Klimawandels

Der Landstrich im Norden des Landkreises Jerichower Land hat ein besonderes Mikroklima, das modellhaft zeigen kann, wie sich Landwirtschaft unter neuen klimatischen Verhältnissen wandeln könnte.

Da ist zum einen die Elbe, die als Wetterscheide gilt und ergiebige Niederschläge daran hindert, die Flächen natürlich zu bewässern. Zum anderen ist es das geologische Profil, das einhergehend mit heißen Sommern den Wasserhaushalt erheblich reduziert. Den Landstrich dominieren sandige Böden und das bedeutet, dass bei anhaltender Trockenheit der Grundwasserspiegel schneller fällt als etwa anderenorts.

Landwirte müssen Tiefbrunnen erschließen

Den Landwirten bleibt nichts weiter übrig, als ihre Äcker künstlich zu bewässern. Anders sind keine Erträge zu erzielen. Damals, 1992, zapften die Bauern hauptsächlich Oberflächengewässer, wie Seen und Teiche an, um ihre Äcker zu bewässern. Heute, fast 30 Jahre später, sind viele der ehemaligen Wasserreservoirs ausgetrocknet.

Das hatte sich über Jahre angekündigt und die Landwirte begannen Tiefbrunnen zu erschließen. Damit zapfen sie Grundwasserleiter zwischen 80 und 150 Metern Tiefe an.

Inzwischen verbraucht die Landwirtschaft 22 Prozent des gesamten Wasserhaushalts im Jerichower Land für die Beregnung der Nutzflächen. Im Vergleich dazu: Der Verbrauch des öffentlichen Trinkwassers liegt bei 27 Prozent.

Videovorschaubild #MDRklärt: Die Niederschlagskarte für Sachsen-Anhalt aus dem Jahr 2000 1 min
Bildrechte: MDR/Deutscher Wetterdienst | Grafik Martin Paul

Brunnen-Lösung nicht dauerhaft möglich

Die untere Wasserbehörde des Landkreises, zuständig für die Vergabe von Wasserrechten, verzeichnet in den vergangenen Sommern, die extrem heiß waren, einen stetig fallenden Grundwasserspiegel. Franziska Wehr, die in der unteren Wasserbörde zuständig ist, sagt: "Wir können nicht unendlich Genehmigungen für Tiefbrunnen vergeben."

Und einfach so geht das ohnehin nicht. Die Hürden dafür sind enorm hoch, weiß Steffen Northe, Landwirt in Jerichow. Er berichtet, dass die Vorbereitung für die Beantragung eines einzelnen Tiefbrunnens rund 100.000 Euro beträgt. Eine Vorleistung, die er erbringen muss, ohne sich sicher zu sein, dass am Ende tatsächlich Wasser fließt.

Hürden sind hoch

Zur Prozedur gehören eine Umweltverträglichkeitsvorprüfung, ein Hydrogeologisches Gutachten, die Stellungnahme der Naturschutzbehörde und und und… Am Genehmigungsverfahren können laut Landkreis noch wesentlich mehr Behörden beteiligt werden, je nach Standort des geplanten Tiefbrunnens.

Der Bauernverband beschwert sich: Die Hürden sind so hoch, dass sie bereits im Vorfeld die Landwirte von ihrem Vorhaben einen Tiefbrunnen anzulegen, abhalten sollen. Hat der Landwirt dann alle Instanzen durchlaufen und bekommt die Genehmigung für den Bau eines Tiefbrunnens, muss er allerdings damit rechnen, dass in Zeiten extremer Trockenheit die Genehmigung zum Betreiben des Brunnens temporär durch den Landkreis ausgesetzt wird. Und das hat mitunter fatale Folgen für die Feldfrüchte.

Landwirt sucht nachhaltigere Lösungen

Verständlicherweise bringt das die Landwirte auf die Palme, ihr Argument: "Bitte vergesst nicht: Wir produzieren hier Lebensmittel!"

Mann mit kurzen blonden Haaren vor blauem Himmel.
Landwirt Steffen Northe aus dem Jerichower Land. Bildrechte: MDR/Hagen Tober

Und genau das unterstreicht Steffen Northe, Landwirt in Jerichow. Er hat kein Verständnis dafür, dass in den Supermärkten etwa Kartoffeln aus Ägypten verkauft werden. Die CO2-Bilanz sei katastrophal und zum Bewässern nutzen die Ägypter den Nil, das habe eben auch Klimafolgen, so sein Fazit.

Natürlich gibt es inzwischen auch Methoden die Beregnung der Felder effizient zu gestalten, nämlich mittels Tröpfchen-Beregnung. Dafür werden dünne Plastikschläuche mit winzigen Löchern direkt an die Pflanze gelegt und so das Wasser zielgenau eingebracht. Keine Verluste durch Verdunstung oder Windabdrift, die ja die Nachteile klassischer Beregnungsanlagen sind.

Doch die Variante hat auch eine Kehrseite, sagt Steffen Northe. Die Plastikschläuche, zig Kilometer am Stück müssen jedes Jahr entfernt und recycelt werden. Mit Blick auf den Plastikmüll eigentlich ein No-go.

Brunnenbauer-Betrieb muss wegen Klimawandel neue Wege gehen

Mann mit Brille und blauem Hemd an einer Feldmaschine.
Olaf Haußen baut in Tangermünde Brunnen. Bildrechte: MDR/Hagen Tober

In Tangermünde sitzt das 1878 gegründete Familienunternehmen Rudolph Brunnenbau. Hier laufen derzeit die Vorbereitungen für große Investitionen in neue Maschinen. Olaf Haußen, Mitarbeiter im Unternehmen, schildert, dass sich der Brunnenspezialist darauf vorbereitet, in den nächsten Jahren an Orten nach Grundwasser bohren zu müssen, mit denen man eigentlich nie gerechnet hatte.

Doch der Klimawandel zwingt den Familienbetrieb komplett neue Wege zu gehen. Apropos Wege: Angesichts dieser Entwicklungen hat Landwirt Steffen Northe auch schon mal ans Aufgeben gedacht. Aber: Er ist mit Leib und Seele Landwirt und will das auch bleiben – auch in der Region um Fischbeck und Jerichow.

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MDR/Hagen Tober,Julia Heundorf

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 09. August 2021 | 19:00 Uhr

1 Kommentar

Realist62 vor 9 Wochen

+ Zum anderen ist es das geologische Profil, das einhergehend mit heißen Sommern den Wasserhaushalt erheblich reduziert. Den Landstrich dominieren sandige Böden und das bedeutet, dass bei anhaltender Trockenheit der Grundwasserspiegel schneller fällt als etwa anderenorts.+
Ja, das ist das eigentliche Problem des Landstriches dort. Ja, deshalb sollte man in dieser Legislatur das Augenmerk in die Wissenschaft stecken, damit auch dort aufgrund des Klimawandels die Menschen, auch ihr gutes Auskommen dort haben.

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