Geschlechterneutrale Erziehung Für Mädchen meist in rosa, für Jungen alles blau

Oft haben wir bestimmte Vorstellungen, was typisch Junge und was typisch Mädchen ist. Aber können wir nicht auch anders erziehen – geschlechterneutral? In vielen Kitas Sachsen-Anhalt wird das gemacht, so zum Beispiel in der Kita Käte Duncker in Burg. Ein Medienkoffer zum Thema Geschlechtervielfalt vom Kompetenzzentrum geschlechtergerechte Kinder- und Jugendhilfe Sachsen-Anhalt hilft den Kindern, spielerisch zu verstehen, was Geschlechtervielfalt bedeutet.

Kitakinder spielen in einem großen Sandkasten, in dem Spielzeuge und ein Klettergerüst stehen.
Die Kita Käte Duncker in Burg versucht, Kinder geschlechtergerecht zu erziehen. Bildrechte: MDR/Carina Emig

Dass jedes Kind spielen kann, womit es möchte, das ist heute mal wieder Thema in der Kita Käte Duncker in Burg. Kita-Leiterin Manuela Kiewatt erlebt des Öfteren traurige Kinder, die zu Hause zu sehr in bestimmte Jungen- und Mädchen-Rollen gepresst werden. Jungs sollen möglichst keine Kleider tragen oder mit Puppen spielen, Mädchen kommen in unbequemer Glitzerklamotte, durch die das Toben und Räubern erschwert wird. "Das merken auch Erzieherinnen, wenn Kinder dann manchmal so traurig sind: 'Ich möchte auch so etwas Schönes haben wie du.'"

Kinder und Erzieherinnen stehen im Kreis.
In der Kita Käte Duncker in Burg tauschen die Kinder können die Kinder spielerisch verschiedene Geschlechterrollen ausprobieren. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Deswegen ist es Manuela Kiewatt wichtig, dass sich die Kinder zumindest in der Kita in verschiedenen Rollen spielerisch ausleben können. Das sei absolut förderlich für die kindliche Entwicklung. Deshalb dürfen die Kita-Kinder unterschiedliche Rollen ausprobieren und lernen spielerisch, was Geschlechtervielfalt bedeutet.

Zum Nachhören: Für Kita-Leiterin Manuela Kiewatt ist geschlechtsneutrale Erziehung ein wichtiges Thema.

Was heißt Geschlechtsneutrale Erziehung?

Geschlechtsneutrale Erziehung bedeutet in erster Linie, nicht binär zwischen Mädchen und Junge zu unterscheiden, Kinder also nicht stereotyp weiblich oder männlich zu erziehen.

Selberlernen mit Geschichten

Heute liest Erzieherin Andrea Stephan ihrer Kitagruppe eine Geschichte über eine rote Blume vor. Dazu schlüpfen die Kinder selber in die Rolle von Blumen. Ein Kind spielt die Rolle der roten Blumen, die von den restlichen blauen Blumen wegen ihrer Farbe ausgegrenzt wird. Um so zu sein wie die anderen, trinkt die rote Blume blaue Tinte, woran sie fast zugrunde geht. Am Ende sind sich alle Kinder einig: Die rote Blume soll sich nicht anpassen, sondern darf ruhig anders sein. Die Blumenwiese ist sogar viel schöner, wenn sie bunt ist.

Viele Kinder im Kindergartenalter und zwei Erzieherinnen stehen in einem bunten Raum. Die Erzieherinnen stecken den Kindern blaue Kränze in die Haare.
Gemeinsam mit ihren Erzieherinnen spielen die Kinder die Geschichte der roten Blume nach. Bildrechte: MDR/Carina Emig

Ein Koffer voller Geschlechtervielfalt

Die Geschichte stammt aus einem Buch namens "Die Wiese". Es ist Teil eines Medienkoffers zum Thema Geschlechtervielfalt, mit dem Jonathan Franke seit 2018 in den Kitas von Sachsen-Anhalt unterwegs ist. Dem Geschlechterprofi und Kindheitswissenschaftler vom Kompetenzzentrum geschlechtergerechte Kinder- und Jugendhilfe Sachsen-Anhalt e.V. ist es ein Anliegen, Kindern einen eigenen Zugang zur Vielfalt der Welt zu vermitteln.

Zum Nachhören: Jonathan Franke über den Medienkoffer

In seinen Medienkoffern befinden sich unter anderem Kinderbücher, Handreichungen für Fachkräfte, ein Methodenbuch, eine Regenbogenfahne und Spiele zu den Themen Rollenzuschreibungen, Geschlechtervielfalt und Familiendiversität. Die Kinderbücher sind laut Franke ein wichtiges Instrument, durch das die Kinder einen transparenten Einblick in die Vielfalt der Welt bekommen sollen.

Zum Nachhören: Jonathan Franke erklärt die Wirkung der Kinderbücher

Jonathan Franke empfiehlt eine Website zur Orientierung für verschiedene altersgerechte Bücher für Interessierte.

Zum Nachhören: Empfehlungen zur Orientierung für Bücher zu geschlechtergerechter Erziehung

Erzieher sind wichtige Vorbilder

Über die Medienkoffer hinaus würde sich die Kitaleiterin Manuela Kiewatt wünschen, dass mehr Männer den Schritt in erzieherische Berufe wagen. Da es in unser Gesellschaft zunehmend mehr alleinerziehende Mütter gäbe, würden Erzieher immer mehr zu wichtigen männlichen Vorbildern für die Kita-Kinder.

2021 waren bundesweit 92 Prozent der in erzieherischen Berufen Beschäftigten weiblich. In Sachsen-Anhalt lag der Anteil mit 93 Prozent sogar nochmal leicht über dem Bundesdurchschnitt. Auch in der Kita Käte Duncker gibt es momentan nur einen männlichen Erzieher bei 26 Erzieherinnen.

Ein Balkendiagramm auf dem zu sehen ist, dass die Anzahl an männlichen Erziehern in Sachsen-Anhalt und bundesweit bei unter 10 Prozent liegt.
Der Anteil an männlichen Erziehern in Sachsen-Anhalt ist sehr gering. Bildrechte: MDR/Statistischen Bundesamt

Jonathan Franke hat in seiner Bachelorarbeit untersucht, warum sich Männer für erzieherische Berufe entscheiden. Er hat herausgefunden: Auffallend häufig hätten die selber männliche Vorbilder gehabt, die sie erzogen, umsorgt oder den Haushalt als alleinerziehende Väter geschmissen hätten.

Tipps zur geschlechtsneutralen Erziehung zu Hause

Immer mehr Eltern wollen ihre Kinder auch selbst geschlechterneutral erziehen. So auch Ronald Miersch. Der Vater ist großer Befürworter der geschlechtsneutralen Erziehung in der Kita Käte Duncker und erzieht seine Kinder auch zu Hause nach diesem Prinzip.

Zum Nachhören: Kindheitsforscher Jonathan Franke mit Tipps für Eltern

Eltern, die im Alltag geschlechterneutral erziehen möchten, rät der der Geschlechterprofi Jonathan Franke, alle möglichen Arten von Spielzeug anzubieten und über Bücher zum Thema ins Gespräch zu kommen sowie bei der Kleidung weniger auf Farbe, als auf Funktionalität zu achten. Wenn es nach der Kita Käte Duncker in Burg geht, soll die Kinderwelt bunt sein wie eine Blumenwiese. Und auf der dürfen natürlich auch Jungs mit Puppen spielen.

Egalia – Geschlechterneutralität in Schwedens umstrittenster Vorschule

Die Stockholmer Lehrerin Lotta Rajalin eröffnete bereits 2012 in Stockholm die inzwischen bekannteste aber auch umstrittenste Vorschule Schwedens „Egalia“. Ziel dieser Schule ist die geschlechtsneutrale Erziehung. Die Erzieherinnen und Erzieher sagen statt "Jungen" und "Mädchen" "Freunde". Die Pronomen "er" und „sie“ gibt es nicht, stattdessen wird der in Schweden mögliche geschlechtsneutrale Kunstbegriff "hen" benutzt. Dabei handelt es sich um einen Kompromiss aus "han" (er) und "hon" (sie). Inzwischen wurde er sogar in die Onlineversion der Nationalenzyklopädie aufgenommen. Zudem arbeiten einige Zeitschriften und Bücher bereits mit ihm.

Im ARD-Weltspiegel-Video erfahren Sie mehr über "Egalia".

MDR (Carina Emig)

Dieses Thema im Programm: MDR S-ANHALT | 05. März 2022 | 09:30 Uhr

13 Kommentare

Sozialberuflerin vor 15 Wochen

"Können (dürfen) Eltern ihre Kinder nicht mehr nach eigenen Vorstellungen erziehen ?"

@regenbogen
Leider muss ich Ihnen da die Antwort geben : BEIDES

Kinder kriegen ist nicht schwer
Eltern sein dagegen sehr

Und Verantwortung, für sein/e "Wunschkind/er" war noch nie so einfach wie heute!!
Ob gewollt oder nicht

Rotti vor 15 Wochen

Gott sei Dank sind unsere Kinder erwachsen. Unter solchen Bedingungen wäre Kindergarten keine Option. Wenn ein Mädchen zum Jungen oder sonst was mutieren soll, nein, das geht gar nicht umgekehrt auch nicht. Jetzt zeigen sich die Gefahren für die Familien und die Gesellschaft wenn sich der Staat die Hoheit über die Kinderzimmer aneignen will.

hinter-dem-Regenbogen vor 15 Wochen

@Stealer __"denken Sie mal darüber nach, wie Sie Kinder und ihre Erziehung betrachten. . ."

Ich höre immer nur Erziehung, Erziehung, Erziehung.

Früher wurden die Kindern durch die staatlichen Einrichtungen, abseits des Elternhauses zu sozialistischen Persönlichkeiten erzogen .
Heute werden Kinder, abseits des elterlichen Haus, zu was erzogen ?
Von wem bekommen diese Einrichtungen den Erziehungsauftrag ?

Können (dürfen) Eltern ihre Kinder nicht mehr nach eigenen Vorstellungen erziehen ?

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