"Bester Synthesizer der Welt" Orgelsounds für Hiphop-Beats: Komponist erfindet die Orgel neu

Ein Mann mittleren Alters und mit kurzem Haar schaut in die Kamera
Bildrechte: MDR/Alexander Kühne

Michael Vajna ist mit seiner Familie nach Parchen aufs Land gezogen, um in Ruhe Musik machen zu können. Seine Nachbarin hat es ihm schnell angetan, seit über zwei Jahren ist sie nun seine Freundin. Aoch seine Frau muss nicht eifersüchtig sein. Denn es handelt sich um eine Orgel.

Ein Orgelregister wird gezogen.
Michael Vanjna zieht an der Orgel "alle Register". Bildrechte: Alexander Kühne


Michael Vajna drückt ein paar Tasten der Orgel, sofort erschallt ein markerschütterndes Getöse, das nicht aufhört, solange Vajna die Tasten gedrückt hält. Langsam zieht er an einem Register, der Ton verändert sich, schwillt sogar noch an, bis er wie das Pfeifen einer Lokomotive klingt. "Das waren viele Register ineinander verschoben und verwoben. Dadurch stimmen die Töne nicht mehr, aber das macht den Charme ja auch aus", erzählt der Komponist MDR SACHSEN-ANHALT.

"Das ist ein Klang, den ich so noch nicht kannte"

Vajna beginnt jetzt die Tasten rhythmisch zu drücken, die Lokomotive fängt an zu schnaufen, das Kirchenschiff verwandelt sich akustisch in einen Bahnhof. Er startet die Aufnahme an seinem Laptop. In der Orgel stehen zwei Mikrofone, die den brachialen Sound einfangen. "Die Orgel wurde gebaut, um ganze Orchester nachzubilden, dadurch hat man ein riesiges Klangspektrum", sagt Vajna. Und somit auch eine unerschöpfliche Inspirationsquelle, aus der Vajna seit zweieinhalb Jahren schöpft.

Mit seiner Frau und den drei Kindern ist der Musiker damals nach Parchen ins Jerichower Land gezogen. Liebe- und mühevoll haben sie ein altes Fachwerkhaus saniert, das ihnen jetzt viel Platz für die Kinder und die Kreativität bietet. "Anfangs kamen Leute zu uns und wollten uns ihr Corona-Leid klagen, weil sie dachten, wir wären die neuen Pfarrer", erzählt Michael Vajna. Verdenken kann er es ihnen nicht, wohnen sie doch im alten Pfarrhaus, direkt neben der Dorfkirche von Parchen.

Michael Vajna Geboren in der Nähe von Mannheim, hat Michael Vajna an der Popakademie Baden-Württemberg studiert und danach in Leipzig und Bad Schmiedeberg gelebt und gearbeitet. Seine Kompositionen wurden schon von Jan Delay und anderen Größen der Musikszene genutzt.

"Diese Orgel ist der beste Synthesizer der Welt"

Es hat nicht lange gedauert, bis der Pianist Vajna das erste Mal an der Orgel nebenan Platz genommen hat. "Da habe ich sie erstmal ein bisschen angetastet. Und schon zu Weihnachten sollte ich die Orgel spielen, da ist mir erst so richtig bewusst geworden, wie wenig ich das kann", erzählt der 35-Jährige. Irgendwann fing er an, einzelne Sounds für seine Produktionen am Computer aufzunehmen. Damit wuchs die Neugier darauf, was die Orgel alles zu bieten hat. Ein Universum aus Klängen tat sich ihm auf, "das kein Synthesizer der Welt bieten kann".

Seitdem hat er schon einige Produktionen mit der Orgel umgesetzt. Für ein Projekt war er in mehreren Kirchen unterwegs und hat mit den dortigen Orgeln Klanginstallationen erzeugt. Mal nutzt er sie für klassische Musik, mal für Pop. Sogar für Hiphop eignet sich das Instrument. "Ich hab hier ein Stück, da hab ich die Orgel als Bett eingesetzt, noch etwas Schlagzeug für den Rhythmus und Gitarre für die Melodie, aber ohne Orgel passiert da nicht viel, die klebt den ganzen Song zusammen", erzählt Vajna.

"Dass die Orgel so extrem zart und leise sein kann, hat mich total überrascht"

Als nächstes möchte sich Vajna an Kirchenmusik versuchen. "Die derzeitige Kirchenmusik fußt auf Traditionen, die schon ein paar hundert Jahre zurückliegen und wir haben mittlerweile ganz andere Hörgewohnheiten", erzählt der Produzent. Besonders magisch wirkt für ihn die Orgel, wenn sie nur einen einzelnen Klang spielt, anstatt eines Donnerwetters aus vielen Tönen. Die letzten 400 Jahre wurde Bach gespielt, die nächsten 400 kann es gerne Vajna sein. Dann fahren bald Lokomotiven durch die Kirchenschiffe.

Ein Mann mittleren Alters und mit kurzem Haar schaut in die Kamera
Bildrechte: MDR/Alexander Kühne

Über den Autor Alexander Kühne arbeitet seit 2020 als freier Mitarbeiter bei MDR SACHSEN-ANHALT. Vorher studierte er in Halle Politikwissenschaft und Kunstgeschichte. Daher findet er seine Themenschwerpunkte in Gesellschaft und Kultur, die er trimedial für Fernsehen, Radio und Online umsetzt. Vor seinem Studium lernte der gebürtige Hallenser den Beruf des Mediengestalters und arbeitete für das Stadtfernsehen in Halle. Zum Fernsehen kam er über ein FSJ Kultur beim Offenen Kanal Wettin, wo er alle Bereiche der Produktion, egal ob vor oder hinter der Kamera kennenlernte. Jeden Tag im Land unterwegs zu sein, neue Leute kennenzulernen und in alle Facetten des Zusammenlebens zu schnuppern – das sind für ihn die Gründe, die den Journalistenberuf zum besten Job der Welt machen.

MDR/Lukas Schliepkorte

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 02. Juni 2021 | 19:00 Uhr

0 Kommentare

Mehr aus Jerichower Land, Magdeburg, Salzlandkreis und Börde

Mehr aus Sachsen-Anhalt