Truppenverlegung mit Halt in Burg Atlantic Resolve: US-Armee auf umstrittener "Friedensmission" durch Sachsen-Anhalt

Luca Deutschländer
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

"Atlantic Resolve", die Vierte. In der Clausewitz-Kaserne in Burg haben in den vergangenen Tagen Hunderte Soldaten der US-Armee Halt gemacht – als Zwischenstopp auf ihrem Weg in Richtung Polen. Sogar der US-Botschafter in Berlin, Richard Grenell, kam in Sachsen-Anhalt vorbei. Mit offenen Armen wurden die Soldaten aber längst nicht von jedem empfangen.

Fahrzeuge des US-Militärs stehen bei Abenddämmerung auf einem Platz in der Clausewitz-Kaserne in Burg hintereinander aufgereiht.
Auf dem Gelände der Clausewitz-Kaserne in Burg haben in den vergangenen Tagen Hunderte Soldaten der US-Armee mit ihren Fahrzeugen Halt gemacht. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Sie sind ein paar Minuten zu früh. Die Uhr zeigt gleich 19 Uhr – und in Burg ist es winterlich kalt. Die wärmende Sonne hat sich an diesem Donnerstag Ende Januar längst zurückgezogen. Jetzt kommt die Zeit der Amerikaner. Und die sind pünktlicher als gedacht: Mit knatternden Motoren fahren die Laster und Humvees im Konvoi vom Hof der Clausewitz-Kaserne in Burg. Raus aus dem Militärischen Sicherheitsbereich, einmal über die Bundesstraße 246a und von dort auf die Autobahn 2. Es geht in Richtung Polen.

Szenen wie diese kennen die Menschen in Burg schon. Wenn Fahrzeuge des US-Militärs durch Sachsen-Anhalt rollen, dann hängt das meist mit der Operation "Atlantic Resolve" zusammen. Die gibt es seit 2014 – mit dem Ziel, Russland abzuschrecken. Die Verlegung einsatzfähiger Truppen will schließlich geübt sein, falls im Fall der Fälle ein schnelles Eingreifen nötig ist.

Dass es so weit gekommen ist, liegt an der Annexion der Krim 2014. Die Mitgliedsstaaten der NATO wollten damals ein Zeichen setzen, die Präsenz an der Ostflanke des Bündnisses verstärken. Zusätzlich riefen die Vereinigten Staaten von Amerika die Operation "Atlantic Resolve" ins Leben – als Zeichen der Unterstützung, als Signal für die "Sicherheit der Bündnispartner", wie US-Präsident Barack Obama damals sagte.

Dazu aber später mehr.

Erst einmal zurück in die Clausewitz-Kaserne in Burg. Das Logistikbataillon 171 "Sachsen-Anhalt" ist hier untergebracht, außerdem das Feldjägerregiment 1. Die Kaserne liegt günstig im Zentrum von Deutschland, das begründet auch den Zwischenstopp der US-Soldaten. Die waren mit Schiffen in Antwerpen in Belgien angekommen, haben dann Halt in Augustdorf in Nordrhein-Westfalen gemacht. Jetzt also Burg, das Ziel Polen rückt näher.

Stichwort: Host Nation Support

Während ihrer Verlegung nach Polen haben die US-Soldaten Halt in der Clausewitz-Kaserne in Burg gemacht. Der Grund dafür ist schnell erklärt: Neben der Präsenz, die das US-Militär in Europa zeigen will, liegt die Kaserne in Burg strategisch günstig für eine Verlegung. Die Bundeswehr hat auf Antrag der USA den sogenannten Host Nation Support bewilligt. Dessen Ziel ist es, befreundete oder verbündete Streitkräfte bei deren Einsätzen oder Übungen zu unterstützen. Konkret bedeutet das: Die US-Streitkräfte können in Burg ihr Material lagern, übernachten (auf 180 Feldbetten) und verpflegt werden. Dazu kommen Instandsetzungsleistungen. Die Bundeswehr hat sich außerdem darum gekümmert, dass Sprit für die Fahrzeuge der US-Armee bereitsteht.

All diese Leistungen müssen die USA allerdings bezahlen. Schließlich sind sie das Land, das die Truppen entsendet hat.

Mit offenen Armen werden die US-Soldaten allerdings längst nicht von jedem empfangen. Einige Stunden zuvor, am Donnerstagnachmittag. Malte Fröhlich und seine Mitstreiter stehen an einer viel befahrenen Kreuzung kurz vor Burg und halten Transparente in den Händen. "Ziehe niemals in den Krieg", ist darauf zu lesen, oder auch "Antimilitarismus ist eine Tugend". Ein friedlicher Protest soll es sein, erzählt Fröhlich. Er gehört zur Bürgerinitiative "Offene Heide" und sagt: "Ich halte die amerikanische Armee für den größten und effektivsten Kriegsverbrecher, den es auf der Welt gibt." Diese Meinung wollen er und die rund 15 Menschen, die am Nachmittag vor Ort sind, kundtun.

"Größter und effektivster Kriegsverbrecher, den es gibt"

Viele von ihnen tragen gelbe und orangene Warnwesten, auf deren Rückseite ein durchgestrichener Panzer zu sehen ist. Auch Malte Fröhlich hat sich so eine Weste übergezogen. Wer mit ihm ins Gespräch kommt, nimmt einen energischen Mann wahr. Einen, der für seine Überzeugungen einsteht. Politisch sei er in der DDR-Friedens- und Anti-AKW-Bewegung verortet, erzählt er.

Malte Fröhlich und seine Mitstreiter aus der Bürgerinitiative treffen sich immer an einem Sonntag im Monat. Dann gehen sie gemeinsam über einen "Friedensweg". Eigentlich ist die Bürgerinitiative viel in der Colbitz-Letzlinger-Heide unterwegs, deshalb auch der Name "Offene Heide". Heute aber stehen sie in Burg. "Die Kriege werden nicht nur in der Colbitz-Letzlinger-Heide vorbereitet", sagt Fröhlich. Ihm sei wichtig, zu widersprechen. "Es ist wichtig, dass die schweigende Mehrheit der Bundesbürger, die Kriege ablehnt, gehört wird und wahrnehmbar ist."

Fröhlich sagt nicht ohne Stolz, dass er und seine Mitstreiter ohne jedes Problem die Kreuzung vor ihren Augen besetzen könnten. "Wir haben viele Geübte dabei." Aber nein, darum geht es hier und heute nicht, findet er. "Es geht darum, ein Statement zu setzen." Der Verkehr, der soll rollen. "Und die Menschen, die vorbeifahren, die sollen sehen, dass sie mit ihrer Haltung nicht allein sind."

Nun stehen sie also da und halten die Banner in den Händen, genau beobachtet von Polizeibeamten. Ein Auto nach dem nächsten rauscht vorbei. Manche Fahrer hupen. Die Sonne scheint.

Auch politisch ist die Truppenverlegung der US-Armee umstritten. Die Linke im Landtag von Sachsen-Anhalt spricht von einem "Bedrohungsszenario" im Verhältnis zwischen der NATO und Russland. Eine solche Zuspitzung verschlechtere die Bedingungen für eine internationale Verständigung, argumentiert die Fraktion – und lehnt die Operation "ausdrücklich" ab. Und auch die AfD im Landtag nennt "Atlantic Resolve" eine "unnötige Provokation" Russlands. Das Land werde von vielen Bürgern als wirtschaftlicher Partner Deutschlands gesehen – und nicht als Feind, den man abschrecken müsse.

Motoren röhren, der Ölstand wird geprüft

Gut zwei Kilometer entfernt bekommen die US-Soldaten von der Kundgebung an der Bundesstraße nichts mit. Und selbst wenn, die Männer und Frauen haben gerade sowieso andere Dinge zu tun. Sie müssen ihre Fahrzeuge für die knapp 300 Kilometer durchchecken, die ihnen an diesem Abend bevorstehen. Von Burg geht es über die A2 durch Brandenburg und später auf den Truppenübungsplatz in die Oberlausitz, wo die nächste Rast ansteht.

Jetzt, am späten Nachmittag, ist also "March Preparation" angesagt. Auf dem Platz in der Clausewitz-Kaserne tummeln sich mehr und mehr US-Soldaten. Zwischendurch hört man ein paar englische Wortfetzen. Motorhauben werden geöffnet, der Ölstand geprüft, Motoren angelassen. Es röhrt, Abgaswolken stehen in der Luft. Der beinahe romantische Sonnenuntergang am Himmel passt da nicht wirklich ins Bild. Um den zu bewundern, haben die Soldaten gerade aber nun wirklich keine Zeit. In gut einer Stunde wollen sie auf der Autobahn sein. Bis dahin gibt es noch gut zu tun.

Zeit also, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen. Warum macht die US-Armee all das hier?

Die Operation "Atlantic Resolve" geht auf die Annexion der Krim durch Russland zurück. Damals, im Sommer 2014, machte US-Präsident Barack Obama klar, dass es einer "dringenden Reaktion auf die russische Aggression" bedürfe. Kurze Zeit später war die European Reassurance Initiative geboren. Reassurance steht dabei für "Beruhigung". Die Operation "Atlantic Resolve" ist Teil dieser Initiative.

Stichwort: European Reassurance Initiative (ERI)

European Reassurance Initiative (ERI) – das ist ein Verteidigungsprogramm der Vereinigten Staaten von Amerika. Ziel der Initiative ist nach Angaben aus dem Weißen Haus, die Bereitschaft und Reaktionsfähigkeit der US-Streitkräfte in Europa zu verbessern. Man wolle vorbereitet sein für den Fall der Fälle, heißt es in einem Papier aus dem Sommer 2017. Dafür wurden in 2015 985 Millionen US-Dollar bereitgestellt, 2016 waren es 789 Millionen Dollar. Und 2017, da flossen den Angaben zufolge 3,4 Milliarden Dollar in ERI.

Mit "Atlantic Resolve" will die US-Armee die Verlegung und Bereitstellung einsatzfähiger Truppen in Richtung Osten üben. Man will im Notfall gerüstet sein. Alle neun Monate wird deswegen eine gepanzerte Brigade aus den USA nach Osteuropa verlegt – mit einem Zwischenstopp in mehreren deutschen Kasernen, darunter Burg. Das ist der Beitrag der USA.

Und auch die übrigen Mitgliedsstaaten der NATO befanden auf ihrem Gipfel in Wales im Herbst 2014: Die Präsenz an der Ostflanke des Bündnisses – also rund um das Baltikum und Polen – müsse gestärkt werden.

Tausende Soldaten für Osteuropa

Im Juli 2016 schließlich der nächste Beschluss: Die Mitgliedsländer der NATO einigten sich in Warschau darauf, Tausende Soldaten nach Osteuropa zu verlegen – konkret nach Polen, Lettland, Litauen und Estland. Es waren diese Länder, die sich nach dem russischen Eingreifen in der Ukraine bedroht fühlten und die NATO um Hilfe gebeten hatten.

Nicht nur die Operation "Atlantic Resolve" zeigt, dass dieser Beschluss auch zweieinhalb Jahre später noch nachwirkt. In Litauen zum Beispiel ist eine sogenannte Battlegroup der NATO unter Führung der Bundeswehr angesiedelt.

Ziel von all dem soll der Frieden sein. Das macht auch Richard Grenell deutlich, als er am Freitagmittag in der Kaserne in Burg vor die Presse tritt. Grenell ist 52 Jahre alt und Donald Trumps Mann in Berlin. Er ist Botschafter der USA in Deutschland – und als solcher nicht gerade unumstritten. Am Freitag ist er nach Burg gekommen, um seine Landsleute zu begrüßen und ein kurzes Statement für die Öffentlichkeit zu sprechen. Man spürt nicht nur daran: Die USA bemühen sich um Transparenz. Das hat auch damit zu tun, dass "Atlantic Resolve" in Sachsen-Anhalt Kritik nach sich zieht. Während im Mai vorigen Jahres vieles unter Ausschluss der Öffentlichkeit passierte, folgt in diesem Jahr ein Pressetermin auf den nächsten.

Fotos machen und fürs Fernsehen drehen? Das ist kein Problem, im Gegenteil. So auch bei Grenells Besuch in der Clausewitz-Kaserne. Da betont der Botschafter – gekleidet mit einer legeren Lederjacke –, wie wichtig "Atlantic Resolve" doch sei. Die NATO lobt er als eine der erfolgreichsten Allianzen überhaupt – wenn nicht sogar als die erfolgreichste. Man will vorbereitet sein für den Fall der Fälle, sagt Grenell. Was "Atlantic Resolve" nicht bewirken soll, das sei eine Aufrüstung des russischen Militärs.

Wir mögen Frieden. Wir wollen Frieden. Wir suchen Frieden.

US-Botschafter Richard Grenell bei seinem Besuch in der Clausewitz-Kaserne in Burg

"Die deutschen Freunde" seien dabei ein wichtiger Partner, sagt Grenell. Man sei ihnen dankbar und wolle auch weiter "Seite an Seite" mit Deutschland zusammenarbeiten. Es sind warme Worte, die der Botschafter bei seinem Kurzbesuch wählt. Zwischendrin begrüßt er ein paar Soldaten, lächelt für die Kameras – danach ist er von der Bildfläche verschwunden. Fragen? Beantwortet Grenell nicht.

Dafür hat der US-Botschafter eine große Entourage mitgebracht. Generalkonsul Eydelnant, Generalmajor Rohling auf amerikanischer Seite, Generalleutnant Schelleis und Kommandeur Oberst Adrian auf deutscher Seite – sie alle und noch einige mehr sind dabei. Nicht unter den Gästen ist Ministerpräsident Reiner Haseloff – anders, als zunächst angekündigt. Die Landesregierung wird von Klaus Klang vertreten, dem Staatssekretär im Finanzministerium.

Die Operation "Atlantic Resolve" in Zahlen

4 Schiffe haben die Fahrzeuge des US-Militärs nach Antwerpen in Belgien gebracht +++ 80 Panzer werden während der gesamten Operation so nach Europa gebracht +++ 130 Schützenpanzer gehören ebenfalls zur Fracht +++ 500 Kettenfahrzeuge werden in Richtung der NATO-Ostgrenze verlegt +++ 1.500 Radfahrzeuge wie Humvees gehören ebenso zur Operation +++ Insgesamt 3.500 US-Soldaten werden an die NATO-Ostgrenze gebracht +++ Mehr als 80 Prozent aller Fahrzeuge werden noch bis Ende kommender Woche mit dem Zug nach Polen gebracht +++

Zurück zur "March Preparation". Es ist jetzt dunkel geworden über Burg, die Militärkonvois werden von großen Scheinwerfern angestrahlt. Das Röhren der Motoren ist noch einmal lauter geworden. Bis zur Abfahrt des ersten von drei Konvois an diesem Abend dauert es nicht mehr lange. Zwischendrin wird ein Humvee von zwei Soldaten beiseite gefahren. Hektik kommt auf. Mit dem Wagen scheint etwas nicht zu stimmen. Deshalb soll er offenbar noch einmal gründlich durchgechekt und bei Bedarf vor Abfahrt repariert werden.

Auch das ist neu in diesem Jahr: Nachdem bei der Truppenverlegung im vorigen Jahr Fahrzeuge liegengeblieben waren, sorgen die USA jetzt mit einem "Recovery Team" vor. Das besteht aus mehreren Schwerlasttransporten, die im Fall der Fälle bereitstehen, um liegengebliebene Fahrzeuge abzuschleppen. Die Auswirkungen auf den regulären Verkehr auf den Autobahnen sollen so gering wie möglich gehalten werden. Vor 19 Uhr ist auf der A2 deshalb kein US-Militär zu sehen.

Dann aber rollen sie los. Tag für Tag. Abend für Abend. Mittwoch bis Sonntag.

Vorerst kehrt in der Clausewitz-Kaserne in Burg jetzt wieder Alltag ein. Die amerikanischen Soldaten sind weitergezogen, bald werden sie ihr Ziel erreicht haben. Und im Herbst dieses Jahres, wahrscheinlich im Oktober und November, werden sie wiederkommen. Dann sind neun Monate vorbei – und die Operation "Atlantic Resolve" geht in eine neue Runde. Es wird die fünfte sein. Schon jetzt steht fest: Ein Zwischenziel der US-Soldaten wird auch dann wieder die Clausewitz-Kaserne in Burg sein.

Man kann davon ausgehen, dass es auch dann wieder Protest geben wird.

Luca Deutschländer
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Luca Deutschländer arbeitet seit Januar 2016 bei MDR SACHSEN-ANHALT – meist in der Online-Redaktion, außerdem für den Hörfunk. Seine Schwerpunkte sind Themen aus Politik und Gesellschaft. Bevor er zu MDR SACHSEN-ANHALT kam, hat der gebürtige Hesse bei der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeine in Kassel gearbeitet. Während des Journalistik-Studiums in Magdeburg Praktika bei dpa, Hessischem Rundfunk, Süddeutsche.de und dem Kindermagazin "Dein Spiegel". Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind das Schleinufer in Magdeburg und der Saaleradweg – besonders rund um Naumburg. In seiner Freizeit steht er mit Leidenschaft auf der Theaterbühne.

Quelle: MDR/ld

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 01. Februar 2019 | 19:00 Uhr

Mehr aus Jerichower Land, Magdeburg, Salzlandkreis und Börde

Mehr aus Sachsen-Anhalt