Magdeburg-Stendal Wie eine Hochschule für den Klimaschutz 2.000 Tonnen CO2 verschwinden lässt

Elisa Sowieja-Stoffregen
Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Bis 2030 will die Hochschule Magdeburg-Stendal in den ersten Bereichen klimaneutral werden, bis 2050 gar kein CO2 mehr ausstoßen. Das Versprechen ist Teil einer weltweiten Initiative, bei der bisher vier Hochschulen in Deutschland mitmachen. Eine Klimaschutz-Managerin kümmert sich um die Umsetzung. Der Einsatz kann sich schon allein fürs Marketing lohnen.

Hochschule Magdeburg-Stendal von Außen
Die Hochschule Magdeburg-Stendal hat sich mit einer Selbstverpflichtung ehrgeizige Klimaziele gesetzt. Bildrechte: MDR/Matthias Piekacz

  • Die Hochschule Magdeburg-Stendal hat mit dem Global Climate Letter eine internationale Selbstverpflichtung zum Klimaschutz unterschrieben und für die Umsetzung Klimaschutzmanagerin Julia Marie Zigann eingestellt.
  • Die Klimaschutzmanagerin will zum Beispiel Diensträder attraktiver machen und die Grünanlagen des Campus klimafreundlicher bepflanzen.
  • Beim Klimaschutz an Hochschulen müssen auch Hürden überwunden werden, zum Beispiel Widerstand aus den eigenen Reihen.

Julia Marie Zigann ist eine grüne Ideenmaschine. Wie mache ich der Professorenschaft ein Dienstrad schmackhaft? Was kann man tun, damit auf den Grünflächen des Campus möglichst viel CO2 gebunden wird? Und wie überzeuge ich skeptische Wissenschaftler von Recyclingpapier? Die Ingenieurökologin arbeitet seit Juni als Klimaschutzbeauftragte der Hochschule Magdeburg-Stendal. Ihre Ideen werden dringend gebraucht. Denn die Hochschule hat gerade offiziell ein ehrgeiziges Klimaversprechen abgegeben.

Als eine von bisher vier Hochschulen in Deutschland hat sie den Global Climate Letter unterschrieben und in diesem Zuge versprochen: Bis 2030 will sie in Sachen Energie und Mobilität klimaneutral werden, bis 2050 dann in allen Bereichen. Damit toppt sie die Mindestverpflichtung, die alle Teilnehmer der weltweiten Initiative eingehen. Nun muss Zigann also 2.000 Tonnen CO2 verschwinden lassen. So viel stieß die Hochschule zuletzt jährlich aus. Zum Vergleich: Der Wert pro Einwohner in Deutschland lag bei rund 8 Tonnen.

Über den Global Climate Letter

Der Global Climate Letter ist eine Initiative mit dem Ziel einer klimaneutralen Erde. Ihn zu unterzeichnen ist eine Vorstufe zur Teilnahme am Race to Zero der Vereinten Nationen, bei dem auch Städte, Bundesstaaten und Unternehmen mitmachen. Ein Jahr nach der Unterzeichnung wird jede Hochschule überprüft, ob sie die Mindestkriterien für das Race to Zero einhalten kann. Ein Kriterium: Bis 2030 müssen die Treibhausgase um 50 Prozent reduziert werden, bis 2050 bei Null liegen.

Weltweit sind bisher knapp 1100 Hochschulen dabei. In Deutschland ist die Hochschule Magdeburg-Stendal die erste Hochschule für Angewandte Wissenschaft, die dabei ist. Außerdem machen noch drei deutsche Unis mit: die Freie Universität Berlin, die Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt und die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen.

Fahrräder für Dienstfahrten und Recyclingpapier in den Druckern

Für Julia Marie Zigann ist diese Herausforderung eine Selbstverständlichkeit. "Wir sind schließlich eine innovative Bildungseinrichtung mit einer Vorbildfunktion", sagt sie. Bei der Bewältigung setzt die 27-Jährige an vielen Stellen an. Sie möchte zum Beispiel den Verleih von Diensträdern vereinfachen und Werbung für die Nutzung des neuen Lastenanhängers machen. Außerdem will sie den Campus so bepflanzen lassen, dass die Gewächse möglichst viel CO2 binden. Auch bei den Druckern setzt sie an. Die Flotte wird gerade umgestellt auf weniger Geräte an zentralen Orten, und seit Herbst wird nur noch Recyclingpaper nachgelegt.

Die Klimaschutzmanagerin will zudem die CO2-Einsparung sichtbar machen, die Forschung und Lehre bewirken. Denn die Hochschule Magdeburg-Stendal hat Studiengänge, die direkt zum Klimaschutz beitragen, wie Ingenieurökologie und Wasserwirtschaft. Wenn etwa nach einer Abschlussarbeit über Kläranlagen das Partnerunternehmen Energie einspart, soll das der Hochschule in ihrer CO2-Bilanz künftig gutgeschrieben werden. An einem passenden Modell tüftelt sie gemeinsam mit der Hochschule Zittau/Görlitz. Um einen Bereich muss sich Zigann nicht mehr kümmern: Das Land Sachsen-Anhalt finanziert seinen Hochschulen ab 2022 Ökostrom.

Vorgabe zu Dienstreisen mit der Bahn nach Widerstand auf Eis gelegt

Doch reicht das aus, um die sportlichen Ziele zu erreichen? Rektorin Professor Anne Lequy ist davon überzeugt. "Die Entscheidung wurde nicht übergestülpt, sondern ist aus der Hochschule heraus entstanden", erklärt sie. Wichtig sei allerdings, alle mit einzubeziehen und auf Widerstände zu reagieren. Manchmal muss man nur Gerüchte entkräften – etwa dass Recyclingpapier mehr Papierstau im Drucker verursacht. Es wurde aber auch schon eine geplante Vorgabe zu Dienstreisen mit der Bahn nach Protesten auf Eis gelegt. Lequys Klimaschutzbeauftragte klopft deshalb viele Ideen erst in Umfragen ab.

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Die Einbindung aller Beteiligten ist auch laut einer Studie der Körber-Stiftung wichtig, damit Klimaschutz an Hochschulen gelingen kann. Zudem dürfen die Bemühungen nicht von oben vorgegeben werden. Die Aktivitäten sollten koordiniert sein, und man braucht nationale und internationale Netzwerke. Auch ein großes Ziel kann helfen. Sieht so aus, als hätte man die Studie an der Hochschule Magdeburg-Stendal gelesen. Die Untersuchung benennt auch Hürden. Sie reichen von internem Widerstand, über Kleinstaaterei innerhalb der Hochschule bis hin zu Finanzierungsproblemen und staatlichen Regulierungen.

Wir möchten gern ein unverwechselbares Profil haben.

Anne Lequy, Rektorin Hochschule Magdeburg-Stendal

Klimapolitik: Hochschule kämpft mit Vorgaben

Mit Vorgaben der Politik hat auch die Hochschule Magdeburg-Stendal zu kämpfen. Sie würde gern CO2-Zertifikate kaufen, um zum Beispiel notwendige Auslandsflüge zu kompensieren. Das Landeshaushaltsrecht erlaubt das aber nicht. Lequy sieht diese Hürde sportlich. "So etwas kann man ändern", sagt sie. Immerhin sind Ausgleichszahlungen andernorts erlaubt, etwa an der HTW Berlin. Auch die Finanzierung hält sie für machbar. Die Rektorin verweist auf immer mehr Fördertöpfe für Klimaprojekte beim Bund, vor allem jetzt mit den Grünen in der Regierung. Außerdem, sagt sie, könne man mit Klimaschutz auch Geld sparen, etwa beim Energieverbrauch.

Anne Lequy ist sich sicher: Der Aufwand für das freiwillige Großprojekt lohnt sich – schon allein fürs Marketing. "Die Hochschulen im Osten Deutschlands sind im Moment besonders auf der Suche nach Studierenden", sagt sie. "Wir möchten gern ein unverwechselbares Profil haben, und das ist bei so einem breiten Portfolio an Studiengängen nicht einfach. Jetzt haben wir eine Couleur."

#MDRklärt Mit diesen Ideen will die Hochschule Magdeburg-Stendal klimaneutral werden

Mit diesen Ideen will die Hochschule Magdeburg-Stendal klimaneutral werden
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Mit diesen Ideen will die Hochschule Magdeburg-Stendal klimaneutral werden
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EIne auflistung von Klima-Maßnahmen
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Bis 2030 sollen so die Bereiche Mobilität und Energie klimaneutral werden. Bis 2050 will die Hochschule gar kein CO2 mehr ausstoßen.
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MDR (Elisa Sowieja-Stoffregen)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 23. Dezember 2021 | 06:30 Uhr

6 Kommentare

Na.Ti vor 27 Wochen

Der wesentliche CO2 Anteil wird ziemlich sicher dem Heizen zuzuordnen sein. Mehrere Punkte sind dagegen in der Wirksamkeit mehr für das eigene Gewissen gut. Mir fällt dann immer nur ein "Sie waren stets bemüht". Was mir massiv fehlt ist das Beschäftigen mit den dringend notwendigen neuen Techniken. Da hätte ich von einer HS mehr erwartet. Auch medial kommt da viel zu wenig zum Thema mit Inhalt.

hansfriederleistner vor 27 Wochen

Hoffentlich vergessen die Verantwortlichen nicht, daß die Hauptaufgabe einer Hochschule die Ausbildung von Studenten ist. Dann können sie ja Zertifikate handeln.

Jan vor 27 Wochen

So wie ich das gelesen habe, geht es hier notwendige Flugreisen. Und hier möchte die Hochschule, so mein Verständnis, gern einen Beitrag zum Klimaschutz leisten und nicht nur den Ticketpreis bezahlen. Die Zertifikate entstehen, so wiederum mein Verständnis dadurch, dass anderer mehr als nur C02 wirtschaften und das Plus ein Einsparung verkaufen können. Die Zertifikate müssen eigentlich erst "produziert" werden, damit andere diese erwerben können. Aber vielleicht liege ich falsch, was schade wäre

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