Kolumne zu Corona-Demos Die große Inszenierung, welche Magdeburg nur als Kulisse braucht

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Normalerweise gilt die Zeit zwischen Weihnachten und dem sechsten Januar in Sachsen-Anhalt als relativ ruhige Zeit. In diesem Jahr war das anders. Corona-Demos, Treckerkonvois und Polizeihubschrauber – MDR-Kolumnist Uli Wittstock hat Tagebuch geführt.

Teilnehmer an der Friedenswanderung gehen durch die Innenstadt der Landeshauptstadt
An mehrere Orten in Magdeburg versammelten sich am Sonnabend Demonstrierende und zogen durch die Stadt. Bildrechte: dpa

Die Silvesternacht ist die Wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnung, wie die Meteorologen später feststellen werden. In den bayerischen Skigebieten regnet es und in Sachsen-Anhalt beginnen die ersten Minuten des neuen Jahres mit frühlingshaften Temperaturen.

Doch viele gleiten alles andere als entspannt in das neue Jahr, was nicht nur an dem deutlich gedämpften Feuerwerk zum Jahreswechsel lieg. Das aktuelle Stimmungsbarometer des MDR hatte zuvor eine große Corona-Verunsicherung festgestellt.

Am Neujahrsmorgen kehren die Beschäftigten der städtischen Abfallwirtschaft deutlich weniger Müll zusammen, als sonst üblich, und auch die Polizei meldet einen außerordentlich ruhigen Jahreswechsel.

Neujahransprachen und Trecker auf dem Domplatz 

Der erste Januar zeigt sich so grau wie der Vortag. Kanzler Olaf Scholz stellt in seiner ersten Neujahrsansprache fest, dass es in Deutschland keine Spaltung der Gesellschaft gebe. Ebenso wie Ministerpräsident Reiner Haseloff in seiner Ansprache dankt er den engagierten Menschen in Medizin und Pflege für ihren Einsatz.

Am Abend versammeln sich an der Magdeburger Hubbrücke stromabwärts Menschen mit Kerzen zu einer schweigenden Lichterkette am Elbufer, eine Aktion in irgendeinem Corona-Zusammenhang wahrscheinlich.

Alles andere als schweigend erweist sich hingegen nahezu zeitgleich eine Invasion von landwirtschaftlichen Nutzfahrzeugen, die festlich beleuchtet die Magdeburger aus ihrer Neujahrsruhe hupen. Der Treckerkonvoi, aus dem ganzen Land zusammengerollt, hat den Magdeburger Domplatz zum Ziel, wo die Bauern dem Landwirtschaftsminister einen Scheck über 15.000 Euro überreichen, um damit die Kinderkrebsforschung zu unterstützen. Wegen der nachrichtenarmen Zeit wird auch noch am Folgetag darüber berichtet.

Ob der Landwirtschaftsminister den Scheck an den zuständigen Wissenschaftsminister weiterleitet, wird nicht gemeldet.  

Spaziergang mit Impfgegnern          

Der Sonntag zeigt sich überwiegend ereignisarm. Dafür verspricht der Montagabend mit tausenden "Spaziergängern" eine überregionale Aufmerksamkeit. Mikrofon und Kamera sorgen ja auf solchen Demonstrationen häufig für zusätzliche Empörung, so dass ich mich diesmal entschließe, mich ohne Technik unter die Spaziergänger zu mischen.

Wenn man sich als Mitarbeiter des MDR in diesen Kreisen vorstellt, trifft man nicht unbedingt auf höfliches Interesse, der Begriff "Lügenpresse" ist da eher noch die freundliche Form der Reaktion.

Dennoch komme ich recht schnell mit einem jungen Mann ins Gespräch, der am Schleinufer auf seine Begleitung wartet. Vor Corona habe er noch nie protestiert, erzählt er. Ihm gehe es vor allem um das Thema Impfpflicht. Er persönlich sei davon zwar beruflich nicht betroffen, kenne aber Menschen in seinem Umfeld, die nun vor dieser Frage stünden. 

Viele Menschen laufen eine Straße entlang 2 min
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MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir Sa 08.01.2022 17:00Uhr 02:12 min

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Die rote Linie

Ganz offenbar gibt es Menschen, die von den Corona-Maßnahmen derart berührt sind, dass sie sich an einem ungemütlichen Montagabend aufraffen, um ihren Unmut in die Stadt zu tragen.

In der Hegelstraße, auf Höhe der Staatskanzlei, die schwarz in den Abendhimmel ragt, treffe ich eine Gruppe von Männern und Frauen. Sie sei generell gegen jede Form von Impfung sagt die Ältere der Frauen. Allerdings ist sie in einem Alter, in dem sie die Impfpolitik der DDR sicherlich auch am eigenen Arm gespürt haben dürfte. Welche Nachteile dies zur Folge hatte, frage ich. Doch stattdessen antwortet eine jüngere Frau, sie sei nur gegen die Corona-Impfstoffe, weil die nicht ausreichend geprüft seien. Die Männer sagen nichts.

Vor dem Domplatz hat inzwischen die Polizei Stellung bezogen, die Zugänge sind abgesperrt. Eine Frau mit kleinem Hündchen trägt einen Hoodie. "Wir sind die rote Linie", lese ich. Die Coronapolitik sei für sie der letzte Tropfen gewesen, der nun das Fass zum überlaufen gebracht habe. Das Land sei eine Diktatur geworden und die Medien seien ihre Büttel.

Ein älteres Ehepaar erklärt, letztmalig bei einer Mai-Demonstration in der DDR auf der Straße gewesen zu sein. Nun aber greife der Staat in Grundrechte ein, was nicht hinnehmbar sei. Dann wünschen sie einen schönen Spaziergang. Die Menschen, die sich auf ein Gespräch mit mir einlassen, sind offenbar ernsthaft besorgt, aus Gründen, die ich nicht teilen kann. Aber Krawalltouristen sind sie wohl nicht.

Gewalt ist eingepreist

Dass aber auch diese unterwegs sind, wird kurz darauf auf dem Breiten Weg deutlich, bei dem Versuch einiger Demonstranten, die Polizeikette zu durchbrechen. Videoaufnahmen werden später zeigen, dass hier durchaus straßenkampferfahrene Personen den Intensivkontakt zu den Beamten suchen. Diese Bilder bestimmen dann auch die Berichterstattung der nächsten Stunden.

Da der Demonstrationszug feststeckt, geht es nun in Richtung Hasselbachplatz weiter. Vereinzelt hallt der Ruf "Widerstand" in das Dunkel, begleitet vom Geräusch des Polizeihubschraubers über uns. Die Zusammensetzung des Demo-Zuges ist divers, überwiegend Menschen mittleren Alters "spazieren", gelegentlich Familien, junge Leute hingegen kaum.

Ein Mann mit schwarzem Tuch vor dem Mund geht auf offener Straße auf die Kamera zu. 12 min
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MDR S-ANHALT Mo 03.01.2022 19:00Uhr 12:19 min

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Nach wenigen hundert Metern verhindert eine neuerliche Polizeikette das Weiterkommen. Die Polizisten hätten alle einen Chip im Hirn, erklärt ein älterer Herr seinen Zuhörenden. Das war offenbar nicht als Witz gemeint, denn er fährt fort: Man habe es mit transhominiden Lebensformen zu tun. Die Umstehenden nicken ahnend.

Überhaupt scheint es hier viele zu geben, die den Polizisten als Vertreter eines "Unrechtsstaates" jede Form von Menschlichkeit absprechen. Schimpfworte aller Art werden bemüht, unwidersprochen, und von irgendeiner Art bürgerlichen Anstand ist in dieser Situation nichts zu spüren. 

Freiheit aus dem Autoradio

Über Nebenstraßen umgehe ich die Absperrung und nähere mich der Polizeikette von der anderen Seite. Auf diese Idee sind natürlich auch andere gekommen. Viele halten ihre Handys ins Dunkel und kommentieren das Geschehen. Von Überwachungsstaat ist oft die Rede, dann rollt ein Auto mit Haldensleber Kennzeichen heran. Eine Frau mit Dreadlocks springt heraus und dreht das Autoradio auf. Ein wenig blechern singt Marius Müller Westernhagen "Freiheit", dann scheint plötzlich die Batterie zu versagen.

Sie habe Multiple Sklerose, erzählt mir die Frau, also MS. Als sie in den Corona-Impfdokumenten das Kürzel MS entdeckt habe, sei sie hellhörig geworden. Sie habe gelernt, auf ihren Körper zu hören und mit ihrer Krankheit zu leben. Gentechnisch veränderte Impfstoffe lehne sie ab.

Während wir reden, nähert sich weitere Gruppe. Es folgen ein überraschtes "Hallo" und eine äußerst freundliche Begrüßung. Corona zerstört offenbar nicht nur Freundschaften, sondern knüpft auch neue. Was sie auf die Straße gebracht habe, frage ich noch einmal. Eine der Frauen erklärt, dass sie misstrauisch geworden sei, als die Berichte in den Medien und die Ansprachen der Politiker so gar nicht mit dem übereinstimmten, was sie in ihrem privaten Umfeld erlebe. Und so habe sie recherchiert, über die Rolle von Pharma-Riesen, über die Rolle der WHO und sei so immer mehr politisiert worden. Wie es nach Corona weitergehen könne, frage ich. Dann werde eine neue Pandemie kommen, so die Antwort.

Wenig später schaffen es dann doch noch einige Gruppen, sich an der Polizei vorbei am Schleinufer zu treffen. Ein Teil der Spaziergänger steht auf der Brücke, ein anderer auf der Straße. "Kommt hoch" rufen die einen. "Kommt runter" rufen die anderen. Der Polizeihubschrauber kreist noch bis halb drei in der Nacht über der Stadt.         

Kein 2G+ in Sachsen-Anhalts Gastronomie

Am folgenden Tag warnt Sachsen-Anhalts Innenministerin Tamara Zieschang vor einer weiteren Radikalisierung von Impfgegnern. Zugleich werden die Arbeitsmarktzahlen veröffentlicht. Sie haben in Sachsen-Anhalt einen historischen Tiefststand erreicht.

Am Donnerstag scheint erstmals im neuen Jahr für ein paar Stunden die Sonne, begleitet von einem kühlen Wind, der durch das Land fegt.

Am Freitag sagt Ministerpräsident Haseloff, er glaube nicht, dass das Land vor einer Spaltung stehe. Wichtig sei es, dass die Politik mit ihren Entscheidungen immer nachvollziehbar bleibe.

Am Freitagnachmittag treffen sich die Ministerpräsidenten in virtueller Runde. Im Anschluss teilt Haseloff mit, dass Sachsen-Anhalt die beschlossene 2G+-Regel für Gaststätten nicht übernehmen wird. 

Ziellose Großdemo 

Am Sonnabend kommen dann erneut tausende Impfgegner nach Magdeburg zu einer angekündigten "Megademo". Tatsächlich sind viele Menschen aus den angrenzenden Bundesländern angereist. Auffällig viele der Demonstrierenden haben professionelle Videotechnik im Einsatz. Hunderte von Kameras und Mikrofonen begleiten die Züge, die scheinbar ziellos zwischen den Polizeiketten durch die Stadt ziehen.

Und plötzlich habe ich so einen Art Eingebung: Möglicherweise ist ja der Protest nur eine große Inszenierung, welche die Stadt allenfalls als Kulisse braucht. Es geht wohl vor allem darum, Datenmengen für die eigenen Online-Kanäle zu produzieren und weniger um eine konkrete politische Wirkung.

Insofern wundert es auch nicht, dass die Protestierenden keine politischen Forderungen erheben. Zumal sich außer der Impfgegnerschaft bei den verschiedenen Gruppen wenig Gemeinsamkeit zeigt. Also die "Megademo" als "Megabit-Event", aber möglicherweise ist das ja auch nur eine raunende Verschwörungserzählung.              

       

MDR (Daniel George)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 09. Januar 2022 | 19:00 Uhr

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