Entwicker im Silicon Valley Wie ein Magdeburger für Google arbeitet

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Es ist das Traumziel vieler Start-Up-Macher, die Schlagader des Internets, der Taktgeber für digitale Technologien: Das Silicon Valley, der südliche Teil von San Francisco in Kalifornien. Bei einem der größten Konzerne der Welt, bei Google, arbeitet der Magdeburger Alex Kuscher. Er ist für ChromeOS und die Chromebooks zuständig.

Ein lichtdurchfluteter Raum, minimalistisch eingerichtet, aufgeräumt: helles Holz, graues Sofa. Vor seiner Webcam zu Hause in San Francisco sitzt Alex Kuscher: freundliches Gesicht, dunkle, runde Brille, hellgrauer Hoodie. Er ist 35 Jahre alt, ist in Magdeburg-Salbke aufgewachsen und hat sein Abi am Hegel-Gymnasium gemacht. Als Kind wollte er Erfinder werden. Studiert hat Alex Kuscher am Hasso-Plattner-Institut (HPI), in Cambridge und in Stanford – drei renommierte Orte für IT-Experten.

Vor zehn Jahren hat Google ihn von Großbritannien nach San Francisco geholt, "entführt", sagt Kuscher mit einem Lachen. Bei Google ist er heute für das hauseigene Betriebssystem ChromeOS und die Chromebooks des Konzern zuständig.  Das Betriebssystem ist auch auf Laptops anderer Hersteller installiert. Und weil die Hardware günstig ist, sind Chromebooks an US-Schulen verbreitet.

Eine Software aus vielen Händen

Alex Kuscher, junger Mann Porträt
Kuscher ist in Magdeburg aufgewachsen, arbeitet seit 10 Jahren in San Francisco. Bildrechte: Alex Kuscher

Sein Job hat nicht mehr viel mit programmieren zu tun, sagt Kuscher: "Ich bin eher dafür verantwortlich, aus den vielen Teilen ein Ganzes zu machen. Ich manage ein Team von etwa 50 Produktmanagern und 500 Ingenieuren." Vor allem sie würden das Produkt bauen und designen. "Es ist mein Job, es so aussehen zu lassen, als wäre das alles von einer Einzelperson gemacht."

Das Besondere an dem Betriebssystem und den Geräten, die seit zehn Jahren auf dem Markt sind: Daten, Einstellungen und Programme sind automatisch in Google Drive, dem Cloudspeicher des Konzerns, gespeichert. Manche Geräte mit ChromeOS lassen sich auch als Tablet nutzen. Und weil Googles Playstore installiert ist, laufen auch Android-Apps auf den mobilen Computern. Und klar: Vorinstalliert sind auch – wie bei Android – Googles Suchmaschine, Gmail, Youtube und Google Maps – das volle Angebot des Konzerns. Datenschützer sind dabei immer skeptisch.

modernes Bürogebäude mit Grünflächen, Blumenbeeten und Sonnenschirmen davor. Menschen sitzen unter den Sonnenschirmen und laufen herum
Googles Hauptsitz in Mountain View im Silicon Valley bei San Francisco. Der US-Konzern nennt es Googleplex. Bildrechte: Google

Datensammler Google

Die Kritik, Google würde vor allem Daten sammeln, kontert Alex Kuscher, indem er sagt, dass der Konzern sich permanent weiterentwickele und Rücksicht auf die Wünsche der Kunden nehme. Auch in der Familie müsse er mitunter erklären, was Google macht und wie die Firma funktioniert: "Oft erkläre ich, dass wir auch nur eine Firma voller Menschen sind, die das Richtige machen wollen." Viele Missverständnisse seien anfangs wohl nur deshalb entstanden, weil es eine amerikanische Firma ist. "Es ist wichtig, sich als Firma auch zu entwickeln. Und weil die Nutzer global werden, wird auch die Firma global. Die Mitarbeiter machen eine Firma aus und so ist sie auch zum Teil eine deutsche Firma."

Kuscher will nicht, dass alle Produkte von Google über einen Kamm geschert werden. "Ein Produkt ist anders als das andere." YouTube müsse sich zum Beispiel mit anderen Fragen beschäftigen als ChromeOS. "Lokale Gesetze werden natürlich beachtet und natürlich eingebaut. Das ist das Minimum." Googles berühmter Leitspruch "Don't be evil", der mittlerweile wohl nicht mehr genutzt wird, sei als Einstellung bei den Google-Leuten trotzdem noch da. "Ich mag das 'don't be evil' nicht, weil es das Böse in den Mittelpunkt stellt", sagt Kuscher.

Nutzer im Mittelpunkt

"Ich sage meinem Team immer: auf den Nutzer gucken und das Richtige für den Nutzer machen. Wenn dem Nutzer Privatsphäre wichtig ist, dann müssen wir das einbauen und einfach erklären." Daran glaube er ernsthaft. Denn die Nutzer hätten die Auswahl. Google sei mit seinen Produkten in verschiedenen Ländern in einem starken Wettbewerb, deshalb müsse man die Herzen der Nutzer gewinnen. Eine Firma, die darauf achte, würde wachsen. ChromeOS hat im vergangenen Jahr Marktanteile gewonnen. Vermutlich auch, weil wegen geschlossener Schulen viele der günstigen Geräte gekauft wurden.

Alex Kuscher, junger Mann Porträt
Bildrechte: Alex Kuscher

Kuscher hält verschiedene Patente: "Als Teil der Arbeit ist es oft so, dass man eine neue Idee hat und die als Patent anmeldet. Ich habe verschiedene Patente, von Nutzer-Schnittstellen bis hin zu Werbetechnologien für mobile Werbung, als die noch neu war. Die Details habe ich schon lange vergessen." Dass er ein ordentliches Gehalt verdient, davon kann man ausgehen. Im teuren San Francisco hat er eine Wohnung. Aber er sagt auch: "Ich habe keine drei Lofts. Ich wüsste gar nicht, was ich mit drei Lofts machen soll, ich bin ja nur eine Person." Auf die Frage, ob er sich in ein paar Jahren zur Ruhe setzen könne, antwortet er: "Die Arbeit macht mir Spaß. Das ist das Wichtigste. Solange sie einem Spaß macht, warum sollte man in den Ruhestand gehen?"

Für immer in Kalifornien?

Wer Alex Kuscher genau zuhört, nimmt vielleicht die leichte amerikanische Sprachmelodie wahr, wenn er deutsch spricht. In San Francisco fühlt er sich wohl, es sei eine sehr europäische US-Stadt am Pazifik und er würde jeden Morgen mit einer Siemens-Straßenbahn zur Arbeit fahren. Die Stadt sei sehr lebenswert. "Und auch die Menschen hier sind super interessant. Jeder ist von irgendwo her, keiner ist von hier. Das bleibt spannend." Einziger Wermutstropfen: Während der Waldbrandsaison würde er die Rauchschwaden von seinem Haus aus sehen. Ans Zurückkommen denkt er trotzdem nicht.

Normalerweise ist er einmal im Monat auf Reisen. Seine Eltern und seinen Bruder sieht er meist zu Ostern und Weihnachten in Magdeburg. "Ich sehe dann auch immer so eine Zeitaufnahme. Und ich finde es absolut spannend, wie sich das Land und wie sich Magdeburg als Stadt entwickelt." Er sei großer Magdeburg-Fan, vom Handball bis zum Rotehornpark liege ihm alles noch sehr, sehr am Herzen, sagt er. "Wer weiß, wenn ich mich Google mal in Deutschland braucht, ist es durchaus interessant für mich, nach Berlin oder München zu gehen. Mein Herz liegt in Magdeburg, aber da bleibt es vielleicht bei einem Besuch bei den Eltern."

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Über den Autor Marcel Roth arbeitet seit 2008 als Redakteur und Reporter bei MDR SACHSEN-ANHALT. Nach seinem Abitur hat der gebürtige Magdeburger Zivildienst im Behindertenwohnheim gemacht, in Bochum studiert, in England unterrichtet und in München die Deutsche Journalistenschule absolviert. Anschließend arbeitete er für den Westdeutschen Rundfunk in Köln. Bei MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er über Sprachassistenten und Virtual Reality, über Künstliche Intelligenz, Breitbandausbau, Fake News und IT-Angriffe. Außerdem ist er Gastgeber des MDR SACHSEN-ANHALT-Podcasts "Digital leben".

Quelle: MDR/Marcel Roth, André Plaul

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 30. März 2021 | 12:00 Uhr

1 Kommentar

Realist62 vor 24 Wochen

Gerade so einen Burschen braucht man, wenn man in Deutschland durch die FDP ein Bundesdigitalministerium aufbauen will.

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