Analyse OB-Wahl in Magdeburg: Warum Borris so viele Stimmen bekommen hat

Ein Mann schaut in die Kamera
Bildrechte: MDR/Simon Kremer

Bei der Oberbürgermeisterwahl in Magdeburg am 24. April konnte sich keiner der neun Kandidaten im ersten Wahlgang durchsetzen. Mit Simone Borris lag im ersten Durchgang eine parteilose Kandidatin weit vorn. Eine Klatsche für die etablierten Parteien ist das aber nur auf den ersten Blick. Eine Analyse.

Als Simone Borris um kurz nach 18 Uhr mit FCM-Schal um den Hals ins Rathaus kommt, laufen die ersten Ergebnisse der Oberbürgermeisterwahl in Magdeburg bereits ein. Zunächst hat sie den Sieg der Fußballer im Stadion gefeiert, dann kann sie zusehen, wie sie den ganzen Abend über bei der OB-Wahl vorn bleibt, als ein Wahlbüro nach dem anderen seine Ergebnisse liefert.

Einziger Wermutstropfen für die parteilose Kandidatin: Sie muss noch eine Runde weitermachen, weil es im ersten Wahlgang nicht für die absolute Mehrheit gereicht hat.

Stichwahl absehbar

Damit war jedoch zu rechnen. Schließlich waren neun Kandidatinnen und Kandidaten angetreten, um neuer Chef bzw. Chefin im Magdeburger Rathaus zu werden. Kurz nachdem klar wird, dass Simone Borris mit mehr als 40 Prozent der Stimmen weit vorn liegt, bedankt sie sich in den sozialen Netzwerken für das "grandiose Zwischenergebnis".

Man könnte es auf den ersten Blick als Schlappe für die etablierten Parteien in der Stadt werten. Schließlich hatte Amtsinhaber Lutz Trümper (SPD), der seit mehr als 21 Jahren Oberbürgermeister ist, zuletzt immer mit absoluter Mehrheit bereits im ersten Wahlgang gewonnen. Sein Parteikollege Jens Rösler kommt jetzt "nur" auf 26,3 Prozent. Damit zeigte sich Rösler allerdings zufrieden. Die Traumwerte des beliebten aktuellen Oberbürgermeisters schienen ohnehin weit entfernt.

Auch das Ergebnis von CDU-Bewerber Tobias Krull (12,2 Prozent) lag über dem Ergebnis seines Parteikollegen bei der vorigen OB-Wahl vor sieben Jahren. Abstrafen sieht anders aus.

Borris: gut vernetzte Einzelbewerberin

Simone Borris (links), OB-Kandidatin am Wahlsonntag
Simone Borris (links): OB-Kandidatin am Wahlsonntag mit FCM-Schal. Bildrechte: MDR/Simon Kremer

Denn ganz von außen kommt Simone Borris nicht, auch wenn sie als Einzelbewerberin antritt. Sie ist seit mehr als 30 Jahren in der Stadtpolitik und -verwaltung aktiv und bestens in Magdeburg vernetzt. Zunächst leitete sie das Sozialamt. Seit 2014 ist sie Sozialbeigeordnete. Die Unterbringung syrischer Kriegsflüchtlinge 2015 war eine ihrer ersten großen Aufgaben in der Stadt. Später kam mit dem Management der Coronakrise eine weitere große Aufgabe hinzu.

Borris genießt auch im Stadtrat große Rückendeckung. Erst im Oktober vergangenen Jahres wurde sie als Bürgermeisterin und damit als Stellvertreterin von Oberbürgermeister Lutz Trümper gewählt, mit 44 von 51 Stimmen des Stadtrats und über Fraktions-Grenzen hinweg.

Vertraute von OB Trümper

Ganz ohne Partei-Unterstützung geht Simone Borris nicht in die Wahl: Die drei Parteien FDP, Future! und die Tierschutzpartei unterstützen sie. Zudem gilt sie als Vertraute von Lutz Trümper. Der war zwischenzeitlich ja auch mal aus der Partei ausgetreten und ohne Parteibuch Oberbürgermeister.

Am Wahlabend war zu beobachten, wie sich Lutz Trümper und Simone Borris unterhielten. Am Nachmittag gab es bereits gemeinsame Bilder aus dem Fußballstadion.

SPD-Kandidat Rösler: Unterstützung durch Grüne

Jens Rösler, der eigentliche Parteikollege des scheidenden Oberbürgermeisters, blieb dabei im Hintergrund. Ihm dürfte vor allem sein Parteibuch Stimmen gebracht haben. Schließlich wird Magdeburg seit mehr als 30 Jahren von SPD-Bürgermeistern geführt – auch wenn es bislang nur zwei Oberbürgermeister in Magdeburg nach der Wende gab. Neben seiner eigenen Partei unterstützen auch die Grünen Jens Rösler und verzichteten auf einen eigenen Kandidaten.

Rösler arbeitet im Finanzamt und hat sich inhaltlich im Wahlkampf klar positioniert: Vor allem mit dem Thema Wohnen und günstiger Wohnraum. Mit der geplanten Ansiedlung von US-Chiphersteller Intel dürfte dieses Thema auch viele Menschen in der Stadt bewegen. Zuletzt waren die Miet- und Kaufpreise von Wohnungen in Magdeburg bereits stark angestiegen.

Zusätzlich stellte Rösler aber auch heraus, die Stadt besser an die Auswirkungen des Klimawandels anpassen zu wollen, vor allem an Hitzewellen und Starkregen-Ereignissen. Ein Thema, das sicherlich auch auf die Unterstützung der Grünen für ihn zurückzuführen ist.

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MDR (Maria Hendrischke)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 24. April 2022 | 19:00 Uhr

24 Kommentare

DER Beobachter vor 15 Wochen

Netter Versuch, Thoralf. Es ist jedenfalls mit ziemlicher Sicherheit anzunehmen, dass verantwortungsbewusste und sachinteressierte und informierte/sich informierende Pflegekräfte weder AgD noch "Freie Sachsen" oder so wählen noch sich den Verquerdenkerdemos anschließen, die aus Gründen keinen Zulauf mehr haben... ;)

DER Beobachter vor 15 Wochen

Jedenfalls ist LE traditionell schon seit Jahrhunderten ein Zentrum von Bildung und bürgerlichem Widerstand gegen obrigkeitsstaatlichem Denken in Mitteldeutschland. Ist ja nicht zufällig seit Jahrhunderten, Jahrzehnten und Jahren Zentrum "eher links-liberaler Wählerschaft", Messezentrum, JSBach, Arbeiterwiderstand, DDR-kritischer Kirchgemeinden und Studentenbünde, die Demos zur Wendezeit, 9.10.1989, deutlicher Widerstand der Zivilgesellschaft gegen neurechte Demos... Sage ich aus der bürgerlich-behäbigen Residenzhauptstadt Dresden ;)

Naturfreund vor 15 Wochen

Ich bin jetzt mal frech und offen: Von den ~60% vermute ich, waren >50% einfach faul und lustlos. Es war Sonntag, der ganze Tag Zeit, außerdem konnte man per Brief wählen, wer arbeiten musste, krank war oder nicht in MD war. Aber es war immer schon so: Überall auf Gott und die Welt meckern und alles besser wissen (Die Besserwisser fühlen sich immer im Recht) - aber wählen, wenn die Chance mal da ist? Wählen gehen - die einzige Chance zur offenen Kritik die wir noch haben und dazu noch anonym - keine Gegendemo, kein Stress mit der Widersachern.

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