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Telefonseelsorge und Co.Attentat in Magdeburg: Hier bekommen Betroffene und Angehörige Hilfe

05. Februar 2025, 17:33 Uhr

Das Attentat von Magdeburg hat viele Menschen erschüttert. Neben Dutzenden Verletzten und sechs Toten haben zahlreiche Zeugen die Tat mitansehen müssen. Auch wer körperlich unversehrt ist, kann psychisch belastet sein. Wo man jetzt Hilfe bekommt und der Polizei Hinweise geben kann.

Menschen in Magdeburg kämpfen nach dem Attentat auf den Weihnachtsmarkt mit Dutzenden Verletzten und inzwischen sechs Toten nach wie vor mit dem Erlebten. Am 20. Dezember war ein 50 Jahre alter Mann aus Saudi-Arabien mit einem SUV in eine Menschenmenge gefahren. Der Magdeburger Weihnachtsmarkt war zu diesem Zeitpunkt gut besucht, entsprechend viele Menschen sind Zeugen der Tat geworden.

Die Stadt Magdeburg rief am Tag nach der Tat dazu auf, füreinander da zu sein und Hilfe anzubieten. Sachsen-Anhalts Sozialministerin Petra Grimm-Benne (SPD) betonte, die Betroffenen müssten schnell psychotherapeutisch versorgt werden.

Vor der Johanniskirche in Magdeburg sind Kerzen und Blumen niedergelegt worden. Bildrechte: IMAGO / Eibner

Allgemeine Anlaufstellen für Betroffene

  • Die Opferbeauftragung der Bundesrepublik hat speziell für Betroffene des Anschlags eine Nummer geschaltet. Verletzte und deren Angehörige, Zeugen und Ersthelfer können sich an die psychosoziale Beratung rund um die Uhr unter 0800 000 9 546 wenden.
  • Der Weiße Ring ist nach eigenen Angaben täglich zwischen 7 Uhr und 22 Uhr unter der Rufnummer 116 006 erreichbar. Dorthin können sich Verletzte, Angehörige, Augenzeugen und Ersthelfer wenden, um Hilfsangebote vermittelt zu bekommen. Die Außenstelle Magdeburg ist unter 0175 652 8447 erreichbar.
  • Schülerinnen und Schüler können nach Angaben des Bildungsministeriums telefonisch und vertraulich über ihre Gefühle und Ängste sprechen. Die Hilfe gibt es demnach von 10 bis 18 Uhr unter der Rufnummer: 0345 – 131 887 53.
  • Für das an Schulen beschäftigte Landespersonal ist laut Bildungsministerium ebenfalls eine Hotline geschaltet. Sie richtet sich an Betroffene, die eine psychologische Erstberatung brauchen. Die Kontaktdaten sind auf dieser Seite veröffentlicht worden.
  • Der Hospiz-​ und Palliativverband Sachsen-​Anhalt e.V. steht Betroffenen und Helfern mit seinen Angeboten der Trauerbewältigung und Verarbeitung zur Verfügung. Das Trauerinstitut ist erreichbar unter: 0152/ 21531959.
  • Weitere aktuelle Hilfsangebote finden Sie auf der Webseite des Ministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Gleichstellung.

Auch die Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Magdeburg bietet Hilfe an. Laut Prof. Dr. med. Florian Junne von der Klinik kann das Erlebte verschiedene psychische Reaktionen hervorrufen.

Dazu gehörten unter anderem akute Belastungsreaktionen, wochenlange psychische Gesundheitsproblematiken und posttraumatische Belastungen. Den Angaben zufolge können sich Menschen, die Hilfe suchen, telefonisch bei der Klinik melden oder auf Instagram über das Angebot informieren.

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Psychotherapeutische Unterstützung für Betroffene

Schnelle und unbürokratische Hilfe für Menschen, die das Geschehene psychisch belastet, gibt es in folgenden Ambulanzen in Sachsen-Anhalt:

  • Magdeburg: Traumaambulanz für Gewaltopfer Universitätsklinik Magdeburg: 0391 6713483
  • Magdeburg: Traumaambulanz für Kinder und Jugendliche Universitätsklinik Magdeburg: 0391 7918470
  • Halle (Saale): Traumambulanz Universitätsklinikum Halle Telefon: 0345 5573639
  • Wittenberg: Traumaambulanz Klinik Bosse: Telefon 03491 476381
  • Dessau-Roßlau: St. Joseph Krankenhaus Dessau: Telefon: 0340 55691532 oder 0340 5569118
  • Bei der Unfallkasse Berlin gibt es Broschüren zum Umgang mit Traumata. Sie sollen helfen, ein traumatisches Ereignis zu verarbeiten. Zu den Broschüren gelangen Sie hier.

Traumata äußern sich unterschiedlich

Zu den Kliniken in Sachsen-Anhalt, die sich um Traumatisierte kümmern, gehört auch die katholische Alexianer Klinik Bosse in Wittenberg. Uwe Bartlick arbeitet dort als Psychotherapeut. Nach seiner Einschätzung sind viele Menschen nach so einer Tat erst einmal hilflos und können gar nicht fassen, was passiert ist. Danach gebe es unterschiedliche Reaktionen. Manche Betroffene sehen demnach immer noch Bilder von dem Geschehen oder haben das Gefühl, Geräusche zu hören. Es gebe auch Schlafstörungen und innere Unruhe.

Ein gewisser Prozentsatz entwickele traumabedingte Folgeschäden, etwa posttraumatische Belastungsstörungen, Angststörungen oder depressive Störungen.

Zum Teil würden Menschen auch versuchen, das Erlebte aus dem Bewusstsein zurückzudrängen. Trigger könnten das dann wieder in den Vordergrund bringen – auch deutlich nach dem Ereignis.

Wie Traumatisierten geholfen wird

In der Akutsituation geht es dem Psychotherapeuten Bartlick zufolge erstmal darum, Beistand zu leisten – auch ohne viele Worte. Wenn sich eine Traumafolgestörung entwickele, gebe es sehr unterschiedliche Methoden. Eine Angststörung zeige sich etwa oft dadurch, dass Betroffene bestimmte Situationen vermeiden. Dann arbeite man ganz klassisch psychotherapeutisch, indem man versuche, den Patienten schrittweise heranzuführen.

Bei posttraumatischen Störungen gehe es darum, zu schauen, wie emotional stabil der Betroffene sei. Dann könne eine Konfrontation mit dem Trauma folgen, sodass sich der Patient damit auseinandersetzen könne. Es gehe darum, das Geschehene anders zu verarbeiten und nicht unmittelbar emotional intensiv zu reagieren. Eine Maßnahme könnte etwa sein, an den Ort des Geschehens zu gehen, um in der Situation die Sicherheit zu vermitteln, dass man diesen Ort auch erleben könne, ohne dass etwas Schlimmes passiert.

Laut Bartlick zeigt die Forschung, dass Traumata, die nicht unter unserer Kontrolle liegen – etwa Naturereignisse wie Erdbeben – besser verarbeitet werden als von Menschen verursachte Traumata. Je früher den Betroffenen geholfen werde, desto eher bestehe die Chance, dass das Erlebte gut verarbeitet werde.

Entschädigungen und Zeugenhinweise

Zeugenhinweise an die Polizei

Entschädigungsleistungen

Bei Gewalttaten im Inland kann für alle daraus resultierenden physischen und psychischen gesundheitlichen Beeinträchtigungen eine monatliche Entschädigungszahlung erbracht werden. Außerdem gibt es auch Leistungen für die wirtschaftlichen Folgen dieser Gesundheitsschädigung z.B. im Hinblick auf Krankenhausbehandlungen, Psychotherapie, Berufsschadensausgleich oder Bestattungs- und Sterbegeld.

Der Entschädigungsantrag kann formlos beim Landesverwaltungsamt gestellt werden:

  • Herr Dr. Weber, Telefon: 0345/514 3080; E-Mail: Christian.Weber@lvwa.sachsen-anhalt.de
  • Frau Griep, Telefon: 0391/567 2458; E-Mail: Maike.Griep@lvwa.sachsen-anhalt.de
  • Frau Grubenick, Telefon: 0345/514 3309; E-Mail: Uta.Grubenick@lvwa.sachsen-anhalt.de


Alle Informationen sowie Flyer zu den Angeboten finden sich in Kürze auf der Homepage des Sozialministeriums. Die Seite wird fortlaufend aktualisiert und ergänzt.

Erste Anfragen zu den Hilfsangeboten sind nach dem Anschlag von Magdeburg inzwischen beim Landesverwaltungsamt eingegangen. Wie eine Sprecherin am 30. Dezember mitteilte, stehen Geschädigten des Anschlags auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt sowie deren Angehörigen, Hinterbliebenen und Nahestehenden im Rahmen des Sozialen Entschädigungsrechts umfangreiche Hilfen zur Verfügung.

Ziel sei es, die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen dieser Tat auszugleichen. Das Soziale Entschädigungsrecht (Sozialgesetzbuch XIV) biete grundsätzlich eine Vielzahl von Leistungen, heißt es dazu in einer Mitteilung, etwa die Krankenbehandlung, psychische Sofortintervention in den Traumaambulanzen oder auch die Übernahme von Überführungs- und Bestattungskosten, Teilhabeleistungen sowie Entschädigungszahlungen für Geschädigte und Hinterbliebene. Aber auch für mittelbar Betroffene stehe das Landesverwaltungsamt unterstützend zur Verfügung.

Für die Hinterbliebenen der Opfer des Anschlags gibt es zudem Spendenkonten. Damit sollen auch die Hilfsorganisationen unterstützt werden, die wegen des Anschlags in Magdeburg im Einsatz sind. Auch an den Opferverband "Weißer Ring" soll ein Teil des Geldes fließen.

Spendenkonten für die Betroffenen


Spendenkonto von DRK, Caritas und Diakonie:
Stichwort: Opferhilfe Magdeburg
IBAN: DE54 3702 0500 0020 2006 71

Spendenkonto Stadt Magdeburg:
IBAN: DE89 8105 3272 0641 0958 72
Die Angabe eines Verwendungszwecks ist laut Stadt nicht nötig.

Hilfen von Bund und Land

Die Bundesregierung und das Land Sachsen-Anhalt wollen den Opfern des Attentats auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt zudem mit umfassenden Hilfen zur Seite stehen. So soll der Umfang des Opferhilfefonds des Landes Sachsen-Anhalt in diesem Jahr von 50.000 auf 500.000 Euro erhöht werden. Das kündigte der FDP-Politiker Guido Kosmehl Anfang Februar im Rechtsausschuss des Landtages an.

Als Reaktion auf die vielen Opfer des Anschlages auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt werde die Koalition im Haushalt für 2025 eine halbe Million Euro bereitstellen. Es solle auch die Möglichkeit geschaffen werden, Mittel ins kommende Jahr zu übertragen. Landesjustizministerin Franziska Weidinger (CDU) hatte im Januar bereits schnelle unbürokratische Unterstützung versprochen und eine Aufstockung angekündigt.

Zudem sprach sich der Justizausschuss dafür aus, die Opferschutzrichtlinie anzupassen. Gelder aus anderen Hilfefonds sollten nicht mehr auf Auszahlungen aus dem Landes-Opferhilfefonds des Landes angerechnet werden. Der Landtag muss darüber noch abstimmen. Zusätzlich soll eine pauschale Hilfszahlung von 1.000 Euro für Betroffene mit nachgewiesenen psychischen Belastungen eingeführt werden. Bisher gab es je nach Betroffenheitssituation nur 300, 3.000 oder 5.000 Euro.

Gedenkort an der Magdeburger St.-Johannis-Kirche, wo Trauernde Blumen und Kerzen ablegen können. Bildrechte: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Ebrahim Noorozi

Die Bundesregierung kündigte an, die Opfer des Anschlags in gleichem Umfang zu entschädigen wie Opfer von Terroranschlägen. Wie viel Geld der Bund zur Verfügung stellt, steht laut dem Bundesopferbeauftragten, Weber, noch nicht fest. Opfer sollen Anspruch auf Härteleistungen haben. Dazu zählen Hilfsangebote, aber auch Entschädigungen. Für den Verlust eines nahen Angehörigen wären Zahlungen in Höhe von 30.000 Euro möglich.

Finanzielle Unterstützung für Händler und Schausteller

Wegen des abgebrochenen Weihnachtsmarkts plant das Wirtschaftsministerium zudem finanzielle Unterstützung für Standbetreiber. Nach eigenen Angaben arbeitet das Ministerium derzeit an einer entsprechenden Richtlinie zur Gewährung von Hilfen für unmittelbar betroffene kleine und mittlere Unternehmen in Form sogenannter "Billigkeitsleistungen". Derzeit liefen die Abstimmungen für eine Bereitstellung der Haushaltsmittel, teilte eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums Mitte Januar mit. 

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Gedenkorte an der Johanniskirche und im Rathaus

An die Opfer des Anschlags kann inzwischen an mehreren Orten in Magdeburg erinnert werden: Die Gedenkstätte am Westportal der Johanniskirche ist einer von ihnen – wenn auch in inzwischen kleinerer Form. Zudem ist im Rathaus ein Erinnerungsort geschaffen worden. Im Saal mit Blick auf den Alten Markt (Saal der Partnerstädte) kann montags bis freitags zwischen 8 und 18 Uhr sowie sonnabends zwischen 10 und 13 Uhr der Opfer gedacht werden.

Mehr über das Attentat von Magdeburg

MDR (Luca Deutschländer, Leonard Schubert, Susanne Ahrens), dpa, epd | Zuerst veröffentlicht am 21. Dezember 2024

Dieses Thema im Programm:MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 03. Januar 2025 | 06:00 Uhr

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