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InterviewMagdeburgs OB zieht Bilanz: "Kann man nicht meckern"

von Simon Kremer, MDR SACHSEN-ANHALT

Stand: 21. April 2022, 17:53 Uhr

Seit 21 Jahren steht er als Oberbürgermeister an der Spitze von Magdeburg und hat wie kein anderer nach der Wende das Bild der Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt geprägt. Demnächst geht Lutz Trümper (SPD) in den Ruhestand. Im MDR-Interview spricht der 66-Jährige über seine schwerste Zeit als OB, einen Fußball von Franz Beckenbauer und das Geheimprojekt "Steuben".

Dort, wo sonst Touristen sitzen und sich auf deutsch oder englisch von der Zerstörung der Innenstadt im zweiten Weltkrieg erzählen lassen, oder von Generalmajor Friedrich von Steuben, der unter George Washington im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg gekämpft hat, oder vom Siegeszug des roten Weihnachtssterns von Magdeburg in die USA, sitzt Oberbürgermeister Lutz Trümper (SPD) auf dem Oberdeck eines roten Doppeldeckerbusses und blickt auf seine Stadt.

Hinter Trümper steht das Rathaus, in dem er im Juni 2001 seine Antrittsrede gehalten hat. In Deutschland wird da gerade über die zunehmenden, teils tödlichen Angriffe von Kampfhunden auf Menschen diskutiert. Der SC Magdeburg gewinnt unter anderem mit seinem jungen Spieler Bennet Wiegert die Deutsche Handball-Meisterschaft. 21 Jahre später steht das Team mit Wiegert als Trainer wieder an der Tabellenspitze.

Die Terroranschläge auf das World Trade Center in New York liegen im Juni 2001 noch einige Monate entfernt. In Magdeburg steht das Hundertwasserhaus noch nicht, ebenso wenig die Sternbrücke und der Tunnel am Uniplatz. Niemand ahnt damals, dass Lutz Trümper mehr als 20 Jahre die Geschicke von Magdeburg lenken wird. Er ist damals Präsident des 1. FC Magdeburg, als dieser noch in der Oberliga spielt – gegen Vereine wie Halle 96 oder den FC Anhalt-Dessau.

Im Interview mit MDR SACHSEN-ANHALT zieht OB Trümper nach seiner 21-jährigen Amtszeit Bilanz.

MDR SACHSEN-ANHALT: Können Sie sich noch dran erinnern, wie Sie sich gefühlt haben, als Sie vor 21 Jahren Ihre erste Rede im Rathaus gehalten haben?

Lutz Trümper: Da war ich ziemlich nervös, hatte großes Lampenfieber. Das war eine völlig neue Aufgabe, die ich ja nicht kannte. Das war der Moment, wo ich am aufgeregtesten war – mehr als bei einer Prüfung in der Schule oder im Studium.

Wissen Sie noch, was Sie gesagt haben? "Ich hoffe doch sehr, dass sich mein Name in der Zukunft mit positiven Ereignissen in der Stadt verbinden wird"!  

War doch ein guter Wunsch! Hat sich auch erfüllt. Nicht nur. Es hat ja immer alles zwei Seiten.

Und fast prophetisch: "Keine Stadt in Sachsen-Anhalt hat eine so günstige Verkehrslage wie Magdeburg. Die Potenziale für eine prosperierende Landeshauptstadt sind also da. Wir müssen Magdeburg zu einem Innovationsstandort mit internationalem Ansehen gestalten."

Das war hundertprozentig richtig. Und das hat sich auch in vielen Bereichen so durchgesetzt.

Wenn wir uns auf dieser Stadtrundfahrt gemeinsam "Ihre" Stadt angucken: Wie blicken Sie auf Magdeburg?

Die Entwicklung der letzten 30 Jahre ist enorm. Die ersten zehn Jahre hat man immer so das typische Wort in Magdeburg gehört: "Naja, kann man nicht meckern." Und wenn ich heute hier Leute treffe und spazieren gehe, dann kommen die auf mich zu und sprechen mich an und sind schon ganz schön stolz auf die Entwicklung, die die Stadt gemacht hat.

Sie gelten ja nicht gerade als jemand, der Geduld hat, sondern als jemand, der eher mit dem Kopf durch die Wand will!

Nein, nicht unbedingt. Aber wenn ich etwas will, dann kämpfe ich auch dafür. Aber Kopf durch die Wand nicht. Es muss schon überzeugt werden.

OB Trümper blickt bei einer Stadtrundfahrt durch Magdeburg auf "seine" Stadt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der rote Doppeldeckerbus fährt über die Otto-von-Guericke-Straße in Richtung Hasselbachplatz. Man sieht zahlreiche Baukräne über den Dächern von Buckau. Der Stadtteil im Süden von Magdeburg macht derzeit wie kaum ein anderer eine enorme Entwicklung durch. Früher war Buckau das Zentrum der Industrie und Arbeiter, dann standen hier heruntergekommene Wohnungen. Heute leben in Buckau viele Familien und Künstler.

Die alte Sporthalle etwa, in der Trümper selbst Handball gespielt hat, wird gerade zu Wohnungen umgebaut. Gegenüber der Halle sind bereits die ersten Neubauten mit Eigentumswohnungen fertig geworden: 220 Quadratmeter für 1,1 Millionen Euro. An der weißen Fassade prangen schon nach wenigen Tagen die ersten Graffiti: "Scheiß Yuppies!"

Das ist ja so ein Stichwort: "Gentrifizierung". Wie schafft man es eigentlich, dass man bei diesen Veränderungen die alten Bewohner in den Stadtteilen mitnimmt, damit sie nicht verdrängt werden? Das verändert ja auch einen Stadtteil massiv, wenn für teures Geld saniert wird.

Es gibt immer Bewegung in den Stadtteilen. Natürlich gibt es jetzt auch zwei Teile. Auf der einen Seite an der Elbe sind die teuren Wohnungen. Das jugendliche Leben, das Leben für Familien, ist ein bisschen weiter vom Fluss weg. Das gehört aber auch zusammen. Man darf nicht immer neidisch sein auf die, die sich eine teure Wohnung leisten können. In der Stadt würde auch vieles nicht laufen, wenn wir die nicht hätten. Man muss die Mischung halten und junge Leute und Leute mit mehr und weniger Geld in einem Stadtteil sozusagen zusammenhalten.

Sie stehen für die Baustellen in der Stadt: etwa den City-Tunnel oder jetzt auch der neue Strombrückenzug. Die Bauten ziehen sich zeitlich und sind deutlich teurer geworden als geplant. Würden Sie diese Bauprojekte heute nochmal so durchziehen?

Erstmal würde ich der Grundaussage widersprechen, die ja auch der MDR immer bringt, dass der Tunnel fünfmal teurer geworden ist. Das ist einfach Quatsch. Es ist eine Vergleichszahl aus dem Jahr 2002. Da hatten wir noch nicht mal in der Planung angefangen. Und da gibt es natürlich bei so einem Projekt Fehler, für die man den Kopf hinhalten muss. Im öffentlichen Bauen gibt es ein ganz großes Phänomen: Ich muss eine Zahl nennen und die Zahl ist meistens erfunden, weil man gar keine Basis dafür hat. Und daran wird man immer gemessen. Wenn Sie jetzt einen privaten Eigenheimbauer fragen, der sein Haus 2002 geplant hat und 2015 anfängt zu bauen, ob er das für den Preis gebaut hat, wie er es damals geplant hatte, dann wird das garantiert nicht so sein.

Der Bus hält auf der Sternbrücke. Trümper steigt aus. Auf der einen Seite der Blick auf die Stadtsilhouette und den alten Elbbahnhof. In den 90er-Jahren haben hier halblegal Partys in den alten Baracken stattgefunden – für zehn Mark Eintritt. Heute gehört das Gebiet zu den teuersten Wohngegenden.

Von hier aus kann man sozusagen die Entwicklung der Stadt der gut betrachten. Das ist, was die Stadt ausmacht: viel Grün, kurze Wege, der Dom als Symbol und dann die neuen Bauten, wo man toll wohnen und auf den Fluss gucken kann.

Auf der anderen Seite der Brücke ist der Blick elbaufwärts, Richtung Mückenwirt. Mit der großen Hochwassermauer. Sie haben einige Krisen miterlebt in Ihrer Amtszeit. Waren die Hochwasser die schlimmste Zeit?

Das sind Entscheidungen, die mir nicht mehr aus dem Kopf gehen wollen. Wo wir den Stadtteil Cracau damals aus Sicherheitsgründen evakuiert haben. Und ich bin dann nachts durchgefahren mit einem Auto und kein Mensch war auf der Straße. Das war schrecklich. Eine leere Stadt, wo niemand mehr ist und dann die Gefahr drohte, es könnte jetzt alles sozusagen absaufen. Da merkt man, man hat die Verantwortung, dass man mit Fehlentscheidungen auch einen Riesenschaden machen kann. Und bei Hochwasser ist es immer so eine Situation: Entweder wirst du der Held oder du bist der ganz große Depp. Eine Entscheidung kann über dein weiteres Leben komplett entscheiden.

Was ist denn Ihre schönste Erinnerung an Ihre Amtszeit?

Ich weiß noch, als ich bei der Stadioneinweihung [Franz, Anm. d. Red.] Beckenbauer vom Flughafen abgeholt habe, mit ihm in meinem Auto zum Stadion gefahren bin und dabei noch meinen Fußball signiert bekommen habe. Das war ein besonderer Moment.

Aber eben auch 2005 das Stadtjubiläum und die Einweihung der Sternbrücke, weil da so viele Leute waren. Und dann waren wir mitten auf der Brücke und dann fing die Brücke an zu schwingen. Wo wir gedacht haben: "Oh Gott, oh Gott ist die Brücke richtig gebaut worden?" Das sind so Momente, wo man sich daran erinnert, wo gute Sache zusammen auf den Weg gebracht worden sind.

Wir hatten im Vorfeld dieses Gesprächs auch die Nutzerinnen und Nutzer gefragt, welche Fragen die an Sie haben. Und die meistgestellte Frage mit Abstand war: Warum hören Sie auf? Wollen Sie nicht weitermachen?

Ja, das ist eine ganz einfache Sache. Man muss auf sein Alter gucken. Die Wahlperiode für Bürgermeister in Sachsen-Anhalt ist sieben Jahre. Wenn jetzt noch einmal Ja gesagt hätte, dann wäre ich am Ende 74 gewesen. Es gibt auch noch andere Dinge, die man machen kann. Familie hat immer nur eine ganz kleine Rolle gespielt, weil man nie Zeit hatte und immer unterwegs war. Ich habe nie große Urlaubsreisen gemacht, maximal zwei Wochen am Stück.

Welche Länder wollen Sie denn unbedingt noch besuchen?

Kanada, Neuseeland und Australien. Wenn ich nach Kanada fahre, dann möchte ich das länger machen, also vier bis sechs Wochen mit einem Wohnmobil quer durchs Land fahren.

Wenn Sie sagen, Sie haben auf vieles verzichtet: Bereuen Sie da manche Dinge auch?

In meinen ganzen Berufsleben keinen einzigen Tag.

Auch nicht den Austritt aus der SPD? Das haben Sie mal so bezeichnet!

Das war eine Sondersituation.

Trümper hatte während der Flüchtlingskrise 2015 Obergrenzen zum Zuzug gefordert – mitten im Landtagswahlkampf. Damit hat er sich gegen die eigene Parteilinie gestellt. Viele meinten damals, Trümper sei in der CDU oder noch weiter rechts besser aufgehoben.

Gerade im Hinblick auf die Flüchtlingssituation haben Sie ja auch den Ruf, ein sehr harter Hund zu sein. Ich weiß aber, Sie haben sich auch selber persönlich engagiert. Sie haben sich damals – 2015 – um zwei jugendliche Syrer gekümmert.

Um eine ganze Familie. Das mache ich noch. Ich habe noch Kontakt mit der Familie. Das sind aber zwei Sachen, die man trennen muss. Man muss auch eine Integration von beiden Seiten organisieren können und dafür braucht man Kraft, Zeit und Geld. Und das geht nicht in so einer riesen großen Dimensionen.

Macht Ihre Frau sich schon ein bisschen Sorgen, wie es ist, Sie zu Hause zu haben?

(Lacht) Die macht sich Sorgen, wie ich auch. Ob das klappt zu Hause. Ob sie mich wirklich einen ganzen Tag ertragen kann.

Wenn Sie wie ein Bundesminister einen Zapfenstreich bekommen könnten und sich dafür Musik aussuchen dürften: Welche Musik würde bei Ihrem Abschied gespielt?

Meine Frau hat mir schon gesagt, ich soll mal fünf Lieder raussuchen und aufschreiben, mit denen ich gute Erinnerungen hatte an meine Jugendzeit. Da sind ein paar dabei. Zum Beispiel von Karat "Jede Stunde".

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MDR (Simon Kremer, Maria Hendrischke)

Dieses Thema im Programm:MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 21. April 2022 | 08:30 Uhr

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