Genervt von Corona "Mit 28 sollte man knutschen, nicht kniffeln"

Leonard Schubert
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

"Mit 28 sollte man knutschen, nicht kniffeln" – findet ein Freund unseres Autors. Der ist zwar für strenge Maßnahmen, aber trotzdem komplett entnervt von der Coronasituation. Kein Wunder: Wenn ein Jahr nach Pandemiebeginn immer noch kein Ende in Sicht ist, kann einem der Geduldsfaden schonmal reißen. Ein Kommentar eines jungen Erwachsenen.

Eine Frau sitzt während der Corona-Pandemie an einem Tisch in ihrer Wohnung vor einem Laptop, während sie mit weiteren fünf Personen an einer Videokonferenz mit der Videokonferenzanwendung «Zoom» teilnimmt.
Nach mehr als einem Jahr Corona sind Zoomparties nur noch schwer zu ertragen. Wenn sie denn jemals gut waren (Symbolbild). Bildrechte: dpa

Neulich kam Thorsten an und hat mir zum zwölften Mal erzählt, wie viele Zentimeter sein Schnittlauch gewachsen ist. Zum zwölften Mal (!), in vier Tagen. Dabei hat Thorsten vor der Pandemie nicht mal einen Kaktus gehabt. Und auch der Kaktus hätte mich nicht interessiert, wenn ich ehrlich bin. Aber jetzt muss Thorsten ja unbedingt unter die Kleingärtner gehen, weil er wegen Corona keine Hobbys mehr hat. Ich freue mich schon drauf, wenn er wieder Kronkorken von Bierflaschen sammelt, wie früher. Sie merken schon: Ich bin genervt! Oder besser gesagt: Mütend. Die berüchtigte Mischung aus müde und wütend. Das liegt eindeutig an Corona. Und ich glaube, das geht nicht nur mir gerade so.

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Bevor ich anfange, mich zu beschweren, muss gesagt werden, dass ich wahnsinniges Glück habe. Aus meinem engen Umfeld ist niemand schwer an Corona erkrankt oder verstorben, ich habe meinen Job behalten und kann weiter zur Uni gehen und meine WG hat immerhin einen Balkon. Trotzdem habe ich einfach keinen Bock mehr. Die Pandemie klaut mir meine beste Zeit, schon seit über einem Jahr.

Junger Mann hält sich einen Bund Schnittlauch vor das Gesicht
Thorsten und sein Schnittlauch gehen unserem Autor ganz schön auf die Nerven. Dabei hat er selber Erdbeerpflanzen auf seiner Fensterbank (Symbolbild). Bildrechte: colourbox.com

Einfach keinen Bock mehr

Ein guter Freund sagte neulich: "Ich bin 28, ich will knutschen und nicht kniffeln." Er hat ein schlechtes Gewissen, wenn er das sagt. Denn angesichts der Situation ist das ein Luxusproblem. Aber wissen Sie was? Ich weiß genau, was er meint. Mir geht es gerade ähnlich.

Ich habe keine Lust mehr auf die vierzigste Runde Siedler von Catan und ständig nachzudenken, was gerade erlaubt und verboten ist. Ich habe keinen Bock mehr auf Zoomparties oder auf spazieren mit Abstand, keinen Bock auf das zehntausendste Mal Brille beschlagen im Supermarkt oder die neunhundertste schwer verständliche Verordnung. Ich habe keinen Bock mehr auf Witze über Nudeln und Klopapier, auf Lebensratschläge, oder das hundertste "Liebe-dich-selbst-und-tanze-wie-ein-Kind-Video" auf Instagram.

Mein Hintern ist bald mit meinem Schreibtischstuhl verwachsen, weil sich 90 Prozent meines Lebens hier abspielt. Die Leute werden alle verrückt: Mein Mitbewohner fährt seit Wochen mit seinem Fahrrad im Kreis und meine Mitbewohnerin hat aus Langeweile eine Diät angefangen und wiegt ihre Brotscheiben. Ich bin schon zu lange gestresst und unausgeglichen. Und wenn ich weiter so viel in Bildschirme starre, bin ich bald kurzsichtig wie Eddy the Eagle.

Verschiedene Gesellschaftsspiele und Würfel liegen auf einem Holztisch.
Spieleabende stehen nach über einem Jahr auch nicht mehr besonders hoch im Kurs. Bildrechte: MDR/Leonard Schubert

Sehnsucht nach Normalität

Ich weiß, dass das unfair ist. Sie können nichts dafür. Die Pandemie macht mich fertig. Seit über einem Jahr schon fehlt mir ein essentieller Teil meines Lebens. Ich will meine Freunde treffen und in den Arm nehmen können. Ich will reisen und Neues entdecken. Ich will feiern und mich verlieben. Ich vermisse meine Oma und will sie endlich wieder besuchen können! Ich will jung und dumm sein (bin ich trotzdem, erwischt!). Ich will im Morgengrauen betrunken aus der Bar nach Hause laufen oder nach WG-Parties auf dem Teppich einschlafen und beim Aufwachen einen Arm im Gesicht haben und die Sterne im Fenster sehen. Ich will wieder auf Bühnen stehen, auf Konzerten mitsingen, im Kino versinken und im Stadion schreien. Ich will endlich wieder mein normales Leben zurück!

Dabei bin ich noch heilfroh, dass mich die Pandemie nicht mitten in meinem Abschlussjahr an der Schule, in meinem Auslandsaufenthalt oder im ersten Semester erwischt hat, wo man noch viel mehr damit beschäftigt ist, erwachsen zu werden und drauf angewiesen ist, neue Netzwerke zu knüpfen.

Nachtschwärmer feiern im Circus Nightclub am Bramley-Moore Dock
Endlich mal wieder feiern, wie hier die Leute in Liverpool. Das wäre was! Bildrechte: dpa

Konsequentere Maßnahmen erwünscht

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin nicht gegen Corona-Maßnahmen. Insgesamt hätte ich mir sogar ein strengeres und konsequenteres Vorgehen gewünscht. Dieses ziellos wirkende Hin-und-Her, was da gerade passiert, die erst nach Wochen langsam durchgesetzte Notbremse, Öffnungen in prekären Situationen, … all das halte ich für eine ziemliche Katastrophe. Ich will nicht, dass Menschenleben fahrlässig gefährdet werden, Mediziner und Pflegekräfte sich totarbeiten und gleichzeitig irgendwo Menschen Partys feiern und zu tausenden ohne Masken demonstrieren.

Mein Kopf ist für strenge Maßnahmen, aber mein Herz sehnt sich nach Begegnungen und Gesellschaft. Ich bin erschöpft und gereizt. Besonders, weil ich das noch eine Weile werde aushalten müssen.

Noch kein Ende in Sicht

Während es Gottseidank mit dem Impfen endlich vorangeht und ich mich unglaublich freue, dass die besonders gefährdeten Menschen allmählich geschützt werden, weiß ich, dass ich noch ganz schön lange warten muss, bis ich dran bin. So wie die allermeisten jungen Menschen. Das ist in Ordnung! Ich gönne allen Menschen die Impfung, und ich gönne jeder oder jedem jedes kleine Stückchen Normalität, das damit zurückkommt, von Herzen!

Eine Spritze wird aufgezogen
Zum Glück haben mehr und mehr Menschen Impfschutz. Unser Autor muss leider noch eine Weile darauf warten. (Symbolbild) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nur muss ich mich eben drauf einstellen, dass ich noch eine ganze Weile mit Zoompartys und Spaziergängen leben muss. Das macht mir manchmal einfach richtig schlechte Laune. Danke, dass ich das kurz sagen durfte. Das hilft! Ich konzentriere mich jetzt wieder auf was Konstruktives und baue schonmal die nächste Runde Siedler auf. Dann bin ich bereit, die nächsten paar Wochen freundlich zu sein. Außer mein Mitbewohner gewinnt wieder. Dann kann ich für nichts garantieren.

Bleiben Sie gesund und passen Sie aufeinander auf. Wir kriegen das hin. Auch, wenn wir manchmal einfach nur angestrengt und sauer sind. Das wird wieder besser. Versprochen. Und Thorsten, falls du das liest: So ein kleines Stück Schnittlauch auf meinem Brötchen wäre gerade eigentlich doch ne ziemlich gute Idee. Also ruf mich ruhig morgen wieder an und schick mir ein Foto, wie viel er gewachsen ist. So lange du nur irgendwann wieder Kronkorken sammelst und ein Bier mit mir trinkst, ist alles okay.

MDR/Leonard Schubert

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 04. Mai 2021 | 07:00 Uhr

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