Corona-Lockerungen in Sicht Welche Geschäfte für die Stadtentwicklung der Zukunft wichtig werden

Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Allmählich zeichnen sich Corona-Lockerungen ab. Der Handel ist in einigen Regionen mit Einschränkungen wieder möglich. Noch weiß aber niemand, wie viele Läden und Geschäfte die Krise so überstanden haben, dass sie dauerhaft am Markt bleiben. Unklar ist aber auch, ob die Kundschaft, die durch den Lockdown ins Internet abwanderte, in Größenordnungen wieder zum stationären Einzelhandel zurückfindet. Uli Wittstock hat sich dazu umgehört.

Eine Frau verschränkt ihre Arme vor einer Wand aus roten Ziegelstein.
Die Geschäftsidee von Andrea Helmrich ist auch in anderen Städten erfolgreich. Bildrechte: MDR/Uli Wittstock

Seit 28 Jahren ist Andrea Helmrich Chefin in ihrem Laden "Mrs. Hippie". Sie hat schon mehrere Generationen mit Kleidung ausgestattet. Ihr Angebot unterscheidet sich stark von dem anderer Boutiquen. Das wird schon beim Eintreten klar: Der Duft von Räucherstäbchen lässt erahnen, dass man einen Businessanzug oder ein Brautkleid hier wohl eher nicht findet.

Helmrich, die schon zu DDR-Zeiten als Hippie unterwegs war, hat ihr Interesse zum Beruf gemacht: "Meine Idee war es schon immer, die Menschen schön anzuziehen und dabei mit ihnen zu sprechen – also ein bisschen rumquatschen und Kaffee trinken. Mein Laden ist auch ein Ort der Kommunikation und nicht nur des Verkaufs. Das hat bislang gut geklappt."

Erfolg mit Eigenmarke

Eine Frau lehnt sich an einen bunten Holzschrank.
Bildrechte: MDR/Uli Wittstock

Wichtig ist eine gewisse Unverwechselbarkeit. Deshalb hat Helmrich schon vor einiger Zeit eine eigene Marke entwickelt, designed in Leipzig und genäht in Polen, ökologisch unbedenklich. Helmrichs Idee funktioniert auch andernorts: "Schon vor Jahren hat mein damaliger Freund in Leipzig ebenfalls 'Mrs. Hippie' eröffnet, dann noch ein Kumpel in Dresden und später dessen Schwester in Erfurt. Eigentlich sind das alles Magdeburger, aber das wissen die meisten gar nicht. Und das Schöne ist, wir können uns immer noch gut leiden nach all den Jahren."

Auch in Göttingen gibt es "Mrs. Hippie". Helmrich könnte inzwischen Chefin mehrerer Niederlassungen sein, doch an einer Bekleidungskette hat sie kein Interesse. Zwar muss auch in ihrem Geschäft die Kasse stimmen, doch es geht ihr vielmehr um den Kontakt zu ihrer Kundschaft. Selbst im Laden zu stehen ist Helmrich wichtiger als im Büro Geld zu zählen.

Online als Notlösung

So wundert es auch nicht, dass Helmrich bislang den Internethandel als Vertriebsweg ausgeschlossen hatte. Doch seit Corona hat sich das geändert: "Ich muss ja meine Miete zahlen und deshalb habe ich jetzt auch einen Online-Shop. Der läuft gut, aber ich merke, dass es nicht meins ist. Mir ist das zu anonym. Deshalb schreibe immer eine nette Karte und lege auch noch ein Tuch in der passenden Farbe dazu." Die Stammkundschaft nutzt dieses Angebot relativ selten. Auch Helmrich sieht für sich und ihren Laden keine große Online-Zukunft.

Ich möchte die Einkaufskultur fortführen, solange es geht. Ich kann hier sogar Konzerte machen in meinem Laden. Das ist meins: einfach machen, was ich gut finde.

Andrea Helmich, Inhaberin von "Miss Hippie"

Wie weiter mit der Einkaufskultur?

Genau solche Läden werden wahrscheinlich in Zukunft wieder wichtig werden für die Stadtentwicklung. Es ist wohl kein Zufall, dass unter der Pandemie vor allem die großen Modeketten leiden. Inzwischen werden die deutschen Innenstädte von den immer gleichen Angeboten zugestellt, was die Entdeckerfreude des kaufwilligen Publikums doch erheblich einschränkt. Und die wöchentlichen Rabattschlachten haben den Begriff einer Einkaufskultur erheblich diskreditiert.

Ein Mann sitzt an einem Schreibtisch und telefoniert
Peter Lackner, Chef der Magdeburger Wohnungsbaugesellschaft Bildrechte: MDR/Uli Wittstock

Das beobachtet auch Peter Lackner, Chef der Magdeburger Wohnungsbaugesellschaft, einer der größten Vermieter in der Stadt. Von seinem Büro über dem Magdeburger Dommuseum blickt er auf eine lange Schlange vor einem Eisladen. Das könne Amazon eben nicht liefern, sagt Lackner. Doch er weiß auch, dass mit Eisläden einer drohenden Verödung von Innenstädten nicht beizukommen ist. Die Aussichten seien derzeit nicht allzu rosig: "Während wir noch vor zwei Jahren mit einigen Firmen verhandelt haben, über sehr lukrative Läden in der Innenstadt, kam mit Beginn der Corona-Krise die Mitteilung, dass alle Expansionspläne auf Eis gelegt sind – zumindest solange niemand weiß, wie es weitergeht. Das heißt aber auch, dass jedes Geschäft, dass jetzt leer steht, so schnell nicht wiederbelebt wird."

Neue Ideen für die Innenstadt gesucht

Dass der Einzelhandel, vor allem an weniger attraktiven Standorten, gefährdet ist, hat sich schon vor Corona abgezeichnet. Die Pandemie hat diese Probleme nun verstärkt. Einige Regionen reagieren inzwischen – mit Appellen an die die Kunden, ihr Geld möglichst ortsnah auszugeben. Lackner hält davon nichts: "Wir können nicht erwarten, dass jemand aus Mitleid einen Laden aufsucht statt online zu kaufen. Ich kann solche Kampagnen verstehen, aber allein die Aufforderung 'Kauft regional!' reicht mir nicht. Wir müssen unsere Vorstellungen von einer Innenstadt den neuen Herausforderungen anpassen."

Das versuchen inzwischen viele Städte. In Halle und Magdeburg werden derzeit Überlegungen debattiert, den Autoverkehr zurückzudrängen, um ein Flanieren nicht nur in den Fußgängerzonen zu ermöglichen. Peter Lackner findet solche Überlegungen wichtig: "Bislang ist es ja von der Logistik ziemlich egal, ob Dinge von Hamburg nach München gefahren werden. Denn die Transportkosten sind nach wie vor niedrig. Doch das wird sich wegen des Klimawandels deutlich ändern. Dann werden die Online-Händler Probleme haben, weiterhin praktisch zum Nulltarif zu liefern. Der Verkehr der Zukunft wird ein anderer sein."

Hintergründe und Aktuelles zum Coronavirus – unser Update

In unserem multimedialen Update zur Corona-Lage in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen fassen wir für Sie zusammen, was am Tag wichtig war und was für Sie morgen wichtig wird.

Das Corona-Daten-Update – montags bis freitags um 20 Uhr per Mail in Ihrem Postfach. Hier können Sie den Newsletter abonnieren.

Erlebnisshopping statt Preiskampf

Doch das Grundproblem wird bleiben: In einer Gesellschaft, die ohnehin schon im Überfluss lebt, kann man rund um die Uhr online einkaufen. Kneipen schließen, weil die Menschen auch in ihren eigenen vier Wänden sehr komfortabel Bier trinken können. Leute gehen nicht mehr ins Kino, weil das Heimkino in digitaler Top-Qualität viel bequemer ist. Um dem etwas entgegenzusetzen, brauche es neue Konzepte für die Innenstadt, sagt Peter Lackner.

Ein Mann mit Jacket schaut in die Kamera
Bildrechte: MDR/Uli Wittstock

Wir müssen eine Mischung aus Kommerz und Kultur schaffen. Es geht um den Einkauf als Erlebnis. Wenn jemand in die Stadt kommt, will er bummeln, den Dom sehen, im Hundertwasserhaus einen Kaffee trinken und dann noch eine Tasche kaufen.

Peter Lackner, Chef der Magdeburger Wohnungsbaugesellschaft

Einzelhandel mit Tradition

Ein Mann stützt sich auf ein Verkaufsregal.
Franz-Josef Lohmeier bleibt optimistisch. Bildrechte: MDR/Uli Wittstock

Insofern hat Franz-Josef Lohmeier mit seinem Herrenmodegeschäft gute Chancen. Mit ein wenig Mühe sieht man durch sein Schaufenster Teile des Magdeburger Domes. Das Herrengeschäft "Schreiber und Sundermann" hat eine mehr als einhundertjährige Tradition. Dass nun ausgerechnet die Digitalisierung das Ende der Firma einläutet, glaubt Inhaber Lohmeier nicht: "Eine Schraube oder ein technisches Utensil kann man im Netz kaufen, denn da stehen die Daten fest. Aber wenn es um Dinge geht, die man Anprobieren muss und das noch mit Beratung, kann das nur ein Fachgeschäft leisten. Insofern blicke ich ganz optimistisch in die Zukunft."

Klick and chick?

Wer bei "Schreiber und Sundermann" einkauft, legt weniger Wert auf aktuelle Modetrends. Das Angebot richte sich an Menschen, die nicht mit dem Internet aufgewachsen ist. Für sich und seine Kundschaft sieht Franz Josef Lohmeier in den nächsten Jahren keine dramatischen Veränderungen. Allerdings seien weitere technologische Entwicklungen nicht auszuschließen. Die Möglichkeiten des Internets seine noch lange nicht ausgereizt. Das zeige die bisherige Erfahrung, sagt Lohmeier: "Das Smartphone hat ja die Einkaufskultur dramatisch verändert. Man ist unterwegs, stöbert aus Laneweile mal ein wenig im Netz und zack ist der Artikel gekauft."

Aber ein klassisches Einkaufserlebnis ist das nicht. Die Frage ist jedoch, ob ein solches Erlebnis in Zukunft nur eine Minderheit interessiert, so wie sich ja auch nur noch relativ wenige Menschen von einer Oper angesprochen fühlen.

Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Über den Autoren Geboren ist Uli Wittstock 1962 in Lutherstadt Wittenberg, aufgewachsen in Magdeburg. Nach dem Abitur hat er einen dreijährigen Ausflug ins Herz des Proletariats unternommen: Arbeit als Stahlschmelzer im VEB Schwermaschinenbaukombinat Ernst Thälmann. Anschließend studierte er evangelische Theologie. Nach der Wende hat er sich dem Journalismus zugewendet und ist seit 1992 beim MDR. Er schreibt regelmäßig Kolumnen und kommentiert die politische Entwicklung in Sachsen-Anhalt.

MDR/Uli Wittstock

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 06. Mai 2021 | 09:30 Uhr

0 Kommentare

Mehr aus Magdeburg, Börde, Salzland und Harz

E-Akku-Brand 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mehr aus Sachsen-Anhalt

Eine Collage aus Handy mit roter Corona-Warn-Kachel, einem Gedenkstrauß und einer halbvoller Hörsaal. 1 min
Bildrechte: MDR/dpa
1 min 27.01.2022 | 18:00 Uhr

Die drei wichtigsten Themen vom 27. Januar aus Sachsen-Anhalt erfahren Sie hier kurz und knapp in nur 60 Sekunden. Präsentiert von MDR-Redakteur Jan Schmieg.

MDR S-ANHALT Do 27.01.2022 18:00Uhr 00:55 min

https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/video-themen-heute-siebenundzwanzigster-januar-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video