Craftbeer Warum in Magdeburg lokale kleine Brauereien im Trend sind

Fabian Frenzel
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Lokales Bier ist im Trend – auch in Magdeburg. In den vergangenen Jahren haben vermehrt kleine Brauereien eröffnet, die sogenanntes Craftbeer herstellen. Experten sprechen über die Gründe und die Zukunft des Bieres in Magdeburg.

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"Ich dachte eigentlich, dass ich kein Bier mag. Aber dann habe ich irgendwann mal ein Pale-Ale getrunken und das hat mich gleich in den Bann gezogen. Das ist ganz anders, als ich persönlich ein Bier kenne. Da hat sich das Feuer entfacht." Der Mann, der das sagt, heißt Alexander Kusserow. Er ist ein lokaler Getränkehändler in Magdeburg und er liebt Bier – inzwischen. Genauer gesagt: Craftbeer. Kusserow ist seit 2012 selbstständig und besitzt mehrere Getränkefilialen, die auf Limonaden und ausgefallene Biersorten spezialisiert sind. Zwei seiner Filialen liegen in Magdeburg.

Alexander Kusserow kennt sich also aus im Bierbusiness, er kennt die Szene in der Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt. "In den vergangenen fünf Jahren hat sich wahnsinnig viel getan", sagt er. Nach und nach gebe es immer mehr kleine neue Brauereien mit innovativen Produkten. Laut Kusserow liegt das vor allem am "Craftbeer-Hype", wie er es nennt.

Craftbiere sind handwerklich gebraute Biere, die nicht in großem industriellen Maßstab produziert werden. Der Trend kommt aus den USA. Dort produzierten ab den 1970ern Hobbybrauer eigene Biersorten, um nicht die großen industriellen Biere trinken zu müssen. "Dieser Trend hat dafür gesorgt, dass sich immer mehr Menschen mit solchen Bieren beschäftigen und Lust auf Neues haben", erzählt Kusserow.

"Die Industriebiere sind alle relativ ähnlich"

Fast immer steht dabei am Anfang ein Brauseminar. Und aus einem Hobbybrauer wird danach gerne mal ein Craftbeer-Brauer. In den USA, wie auch in Magdeburg. So erging es auch Dan Klinger. Der 48-Jährige entschied nach einem Seminar und einem feuchtfröhlichen Geburtstag mit viel Craftbeer, dass er Bierbrauer werden möchte. Seit August 2020 produziert er in Magdeburg unter dem Label "Bierfreunde" insgesamt sechs Sorten. Mehr als 150 Liter werden es aber pro Produktionstag nicht. Klinger macht das nebenbei, tagsüber arbeitet er bei einer Wohnungsbaugenossenschaft. Zum Craftbeer ist er gekommen, weil ihm "Industriebier nicht mehr schmeckt", wie er erzählt. "Ich bin Fan dieser Bierwelt geworden und kann nicht mehr zurück." Ihn fasziniert die Aromenvielfalt und die Kreativität, die er in seinen Bieren ausleben kann.

Diese Argumente haben auch Robert Kellermann überzeugt. Er ist Geschäftsführer der Brauerei "Brewckau" und schon seit 2015 im Geschäft. Im Gegensatz zu Klinger braut er hauptberuflich und produziert viel mehr Bier. Er schenkt sein Bier im eigenen Brauhaus aus und verkauft es in der Region. "Der Trend kommt wahrscheinlich auch von einer Verdrossenheit, dass die Biere alle relativ ähnlich waren", sagt er.

Obwohl man lediglich vier Rohstoffe – Hopfen, Malz, Hefe und Wasser – für ein Bier brauche, könne man aber unendlich viel kreieren. Langeweile beim Geschmack ist also eigentlich nicht nötig.

Nachhaltigkeit und Regionalität sind wichtig

Dass die Zahl kleiner Brauereien wächst, liegt nicht nur am Trend aus den USA, sondern auch daran, welche Produkte die Menschen gerade kaufen und worauf sie besonderen Wert legen. "Der regionale Bezug ist nicht nur beim Bier wichtig, sondern bei allen Lebensmitteln. Die Leute gucken, was sie essen und konsumieren. Da entscheidet man sich oft für die Anbieter vor Ort", erklärt Klinger.

Getränkehändler Kusserow merkt das auch bei seinen Kunden und Kundinnen: "Sie erwarten kurze Transportwege und möglichst lokale Rohstoffe. In Zeiten des Klimawandels sind das Themen, die immer mehr Menschen umtreiben." Deswegen sei das auch ein bundesweiter Trend beim Bier. Es gehe mehr in Richtung Handwerk statt Industrie.

Hobbybrauer sorgen für Inspirationen

Den bewussten Umgang der Kunden mit den Produkten schätzt auch Robert Kellermann: "Wir haben Stammkunden, die uns ehrlich sagen, was sie von dem Bier halten." Das bringe ihn und seine Biere voran.

Das ist es auch, was die Craftbeer-Szene in Magdeburg zusätzlich fördert: Sie erhält sich quasi von selbst. "Wir haben hier eine Hobbybrauer-Szene, die unterschätzt und kaum wahrgenommen wird", sagt Kusserow. Männer und Frauen, die zu Hause eigenes Bier brauen, sich austauschen und auch mit den lokalen Brauern in Kontakt sind. Im Brauhaus von Robert Kellermann trifft sich beispielsweise einmal im Monat ein Bierstammtisch. Dort sitzt auch der 36-Jährige häufig mit am Tisch. "Ich würde lügen, wenn ich mich dort nicht manchmal von den Ideen der Hobbybrauer inspirieren lasse", so Kellermann.

Konkurrenz untereinander gibt es laut Klinger nicht. "Im Gegenteil: Es freuen sich alle, wenn wir diese kleine Nische besetzen." Kellermann ergänzt, dass alle eine gemeinsame Basis hätten: "Man hat einen relativ schnellen Draht zueinander, weil man eine Sache macht, die man wirklich liebt."

Generell wirken die lokalen Craftbeer-Brauer mit ihrer Situation in Magdeburg zufrieden. Sie sind vernetzt, kreativ und brauen Bier aus Leidenschaft. Noch findet aber zumindest Kellermann, dass es zu wenige von ihnen gibt. "Für eine Stadt mit 240.000 Einwohnern finde ich, dass es ziemlich wenige regionale Biere gibt. Es ist Pionierarbeit, die man leisten muss. Magdeburg hängt da ein bisschen hinterher", so der 36-Jährige.

Gehe in Magdeburg mal in eine Pizzeria. Da wirst du nur eines der großen Biere bekommen und keines aus Magdeburg.

Alexander Kusserow Getränkehändler

Getränkehändler Kusserow hat eine Idee, wie das Craftbeer in Magdeburg noch präsenter werden könnte: "Die Biervielfalt, die wir hier haben, sollte auch in der Gastronomie sichtbarer sein." Die großen Brauereien lockten Restaurants mit Sponsorings und lukrativen Verträgen. "Gehe in Magdeburg mal in eine Pizzeria. Da wirst du nur eines der großen Biere bekommen und keines aus Magdeburg." Er hofft, dass sich das in Zukunft ändert, ist sich aber sicher: "Der Craftbeer-Trend wird weiter anhalten."

Fabian Frenzel
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über den Autor Fabian Frenzel arbeitet seit November 2014 bei MDR SACHSEN-ANHALT für die Online-Redaktion. Dabei liegt sein Schwerpunkt vor allem im Bereich Social-Media. Er würde gerne mehr Texte über sein Hobby "Männerballett" schreiben, hat aber noch nicht die richtige Rubrik dafür gefunden. Sein Journalismus-Studium hat der gebürtige Brandenburger in Berlin und Eichstätt/Ingolstadt absolviert. Die ersten journalistischen Schritte machte er bei der Märkischen Allgemeinen Zeitung und RADIO ENERGY Berlin.

Sein Lieblingsort in Sachsen-Anhalt ist Calbe (Saale), wo ein Teil seiner Verwandtschaft lebt. Hätte er dort nicht für ein paar Monate Unterschlupf gefunden, wäre er heute vermutlich nicht beim MDR. Und: Er ist gern da, wo man geocachen kann. Also im Prinzip überall draußen.

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 08. November 2021 | 08:30 Uhr

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