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Adrian hat es geschafft: Nach zwei Jahren Cannabissucht ist er nun seit mittlerweile über einem Jahr "clean". Bildrechte: MDR/ Kevin Poweska

Sucht in Zeiten von Corona

"Es hat sich alles nur um Cannabis gedreht"

von Kevin Poweska, MDR SACHSEN-ANHALT

Stand: 02. April 2021, 09:47 Uhr

600 Euro im Monat – so viel hat Adrian in den zwei Jahren seiner Cannabissucht für den Konsum der Droge ausgegeben. Das Geld hat der damalige Schüler noch von seinem Vater bekommen – eigentlich war es für seinen Lebensunterhalt gedacht, aber daraus wurde nichts. Seit mehr als einem Jahr ist Adrian mittlerweile clean. Im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT erklärt der heute 19-Jährige seine Sucht und den Einfluss von Corona auf seine aktuelle Situation.

MDR SACHSEN-ANHALT: Wie kam es zu deiner Cannabis-Sucht?

Adrian: "Ich bin zu Schulzeiten in eine WG gezogen und da haben alle gekifft. Da wollte ich natürlich auch nicht der Außenseiter sein und dann hab mich immer mit dazugesetzt. Die haben dann 'einen' geraucht und dann hab ich auch gesagt: Ja gut, dann nehm ich auch mal einen Zug. Die haben dann auch so ein bisschen gestichelt. So wurde es dann von Zeit zu Zeit mehr. Ich habe dann auch immer mehr mit den Leuten gemacht und immer mehr konsumiert. So hat sich das dann alles langsam gesteigert. Im Endeffekt war es einfach aus dem falschen Freundeskreis heraus."

Wie sah ein typischer Tag während der Sucht bei dir aus?

"Ich bin morgens aufgestanden und habe direkt vor der Schule einen Bongkopf geraucht. Dann bin ich zur Schule gegangen – aber auch da habe ich in den Pausen haben wir dann konsumiert. Nach der Schule ging es dann auch um nichts anderes mehr: Man hat sich in der WG getroffen und das einzige Thema war Cannabis. Das ging dann auch wirklich bis abends so. Andere Hobbys außer Cannabis konsumieren hatte ich in der Zeit eigentlich nicht."

Der Cannabis_Konsum hat im Fall von Adrian zu einer Sucht geführt. (Symbolfoto) Bildrechte: imago images/Addictive Stock

Wie sah das mit der Finanzierung der Drogen aus? Du warst ja noch Schüler und später Azubi.

"Etwa 600 Euro haben mich die Drogen im Monat gekostet. Zu Schulzeiten habe ich das Geld von meinem Vater genommen, was eigentlich für meine Verpflegung gedacht war. Später in der Ausbildung habe ich dann – neben dem Geld von meinem Vater – auch das Gehalt von der Ausbildung für Cannabis ausgegeben. Ich hab dann auch durch mehr Geld auch ein bisschen mehr konsumiert."

Wie kam es dazu, dass du aufgehört hast zu konsumieren?

"Ich war bei Freunden – die natürlich auch konsumiert haben – und da hat dann plötzlich einer ein Glas Cola auf den Tisch gestellt und gesagt: Da ist LSD drin. Da waren wir schon ziemlich high und ich dachte mir dann, ich probiere das jetzt einfach mal. Ich habe bisher nur Gutes davon gehört. Ab diesem Moment begann für mich der absolute Horrortrip meines Lebens. Ich hatte Angstzustände und alles Mögliche. Als ich wieder runtergekommen bin, hab ich mir dann gesagt: Du musst mit der Scheiße aufhören – mit allem. Also am Ende war es ehrlich gesagt gut, dass ich diesen Horrortrip durchgemacht habe, weil ich weiß nicht, ob ich sonst aus der Sucht rausgekommen wäre. Fluch und Segen zugleich."

Wie war die erste Zeit im Entzug?

"Es war erst mal ziemlich doof. Man kommt an und denkt: Toll, jetzt bin ich in der Psychiatrie – wo bist du denn hier gelandet? Ich hatte auch die typische Entzugsdepression. Ich war ziemlich fertig und hatte auf nichts Lust. Der Beginn beim Entzug war die schwierigste Zeit, aber das wurde dann mit der Zeit immer besser."

Wie hilfreich ist für dich die Suchtberatung?

"Die Suchtberatung gibt mir schon ziemlich viel. Man kann über dieses Thema nicht einfach mit Außenstehenden reden, weil viele davon natürlich keine Ahnung haben. Bei der Suchtberatung ist das Schöne, dass man einfach berichten kann, wie es einem ohne das Suchtmittel geht. Es ist wichtig, dass man da auch eine Hilfestellung bekommt, wenn es einem nicht gut geht. Außerdem erinnere ich mich dadurch immer wieder daran, dass ich dieses Problem nun einmal habe – und das werde ich ab jetzt mein ganzes Leben haben. Das hilft mir ungemein."

In Zeiten von Corona hat sich ja auch die Suchtberatung etwas angepasst. Was glaubst du wäre passiert, wenn in dieser Zeit die Beratung für dich nicht möglich gewesen wäre?

"Ich glaube nicht, dass ich rückfällig geworden wäre, weil ich meiner Meinung nach schon ziemlich gefestigt bin. Aber es wäre trotzdem doof, diesen Austausch über das Thema nicht zu haben. Es ist einfach wichtig, sich über das Thema zu unterhalten und sich damit auseinanderzusetzen.

Auch Selbsthilfegruppen sind ja nicht möglich. Was fällt dadurch für dich weg?

"Das ist tatsächlich nicht cool. Das hat mir immer ein gutes Gefühl gegeben, wenn man sich mit anderen über dasselbe Problem austauschen konnte. Da konnte man gemeinsam Lösungen finden aus den verschiedenen Erfahrungen. Das war immer schön und deswegen ist es sehr schade, dass das zur Zeit nicht geht."

Adrian hat es geschafft: Er ist seit mehr als einem Jahr clean und hat sein Leben komplett umgekrempelt. Bildrechte: MDR/ Kevin Poweska

Wirken sich die Corona-Regeln noch weiter auf dich bei deinem Prozess aus?

"Für mich ist mittlerweile der Kontakt mit Freunden ziemlich wichtig – aber das geht ja zur Zeit nicht mehr so wie früher. Das bricht weg und dann ist man öfter mal alleine und da kommt man dann natürlich schnell mal auf diesen Gedanken: Da gibt es ja noch dieses Cannabis. Aber ich bleibe da stark."

Wie geht es dir heute?

"Mir geht es sehr viel besser. Früher war ich inaktiv und alles hat sich um das eine gedreht. Heute habe ich endlich wieder Hobbys wie Musik machen, Volleyball, Dart oder Computer spielen. Ich habe einen gefestigten und vor allem cleanen Freundeskreis – das ist sehr wichtig. Ich bin einfach froh über das letzte Jahr, dass ich das alles so durchgezogen habe mit der Therapie. Es hat sich alles um 180 Grad gedreht."

Gibt es etwas, was du dir vor der Sucht im Nachhinein mehr gewünscht hättest?

"Ich finde, dass in den Schulen zu wenig aufgeklärt wird. In der 8. Klasse war ein Polizist da und hat ein paar Drogen mitgebracht, damit wir uns das einmal anschauen konnten. Er hat dann noch ein bisschen was zum Thema Sucht gesagt, aber damals war das Thema für mich einfach nicht präsent. Ich würde es besser finden, wenn das in den Schulen öfter gemacht werden würde. Ich hatte dann, als es dazu gekommen ist, diese Aufklärung in der Schule schon wieder vergessen. Ich denke, dass es vielleicht nicht soweit gekommen wäre, wenn es eine bessere Aufklärung gegeben hätte."

Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über den AutorKevin Poweska arbeitet trimedial im Funkhaus von MDR SACHSEN-ANHALT. Aktuell ist er im sechsten Semester seines Bachelor-Studiengangs Journalismus an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Während seines Studiums absolvierte er bereits ein Praktikum bei der Braunschweiger Zeitung. In seiner Freizeit ist Kevin gerne sportlich aktiv: Zudem ist er journalistisch sportlich voll dabei: Kevin führt einen Blog zu den Deutschen Tennisherren.

MDR/Kevin Poweska

Dieses Thema im Programm:MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 12. März 2021 | 19:00 Uhr

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