Nachrichten & Themen
Mediathek & TV
Audio & Radio
SachsenSachsen-AnhaltThüringenDeutschlandWeltLeben
Gehwege werden in Magdeburg anscheinend manchmal mit Parkplätzen verwechselt. Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Falschparken in MagdeburgVon einem, der auszog, das Falschparken anzuzeigen

von Fabian Frenzel, MDR SACHSEN-ANHALT

Stand: 19. Februar 2022, 14:51 Uhr

Ein Magdeburger zeigt Falschparker an und postet Fotos des Fehlverhaltens auf Twitter. Beliebt macht er sich damit nicht, setzt sich aber für andere Verkehrsteilnehmer ein. Er fordert Toleranz und Respekt, hört aber häufig Ausreden, Beleidigungen und Bedrohungen.

In der Nähe des Magdeburger Hauptbahnhofes fährt ein Mann im Rollstuhl. Die Szene ist gefährlich – für den Mann, aber auch für alle anderen. Denn: Der Rollstuhlfahrer fährt auf der Straße. Nicht, weil er das gern möchte. Er muss es tun. Um ihn herum sind Kreuzungen und abgesenkten Bordsteine zugeparkt. Alles voller Autos. Möglicherweise ist das nicht das erste Mal gewesen. Denn eine Datenanalyse von MDR SACHSEN-ANHALT zeigt, dass gerade im Innenstadtbereich der Landeshauptstadt viel falsch geparkt wird – und darunter andere Verkehrsteilnehmer leiden.

Sie war der Auslöser dafür, warum die meisten Autofahrer in Magdeburg den 37-Jährigen mit großer Sicherheit nicht ganz so gerne mögen. Denn: Seit Robert N. die Szene beobachtet hat, hat er Hunderte Menschen in Magdeburg angezeigt. Weil sie falsch geparkt hatten. Was folgte, waren Beleidigungen, Unverständnis, fehlende Toleranz und ein Streit mit dem Ordnungsamt, der sogar vor Gericht landete.

"Das kann nicht sein", sagt Robert N., wenn er von dem Rollstuhlfahrer erzählt. Spätestens, wenn ein Mensch mit seinem Rollstuhl auf die Fahrbahn muss, werde Falschparken zum Problem. N. muss es wissen. Denn er arbeitet in der Behindertenhilfe. Deswegen informiert er sich. Liest die Straßenverkehrsordnung (StVO). "Und wenn man da so ein paar einschlägige Sachen drin hat, fällt einem das regelmäßig auf. Man geht mit einem ganz anderen Blick durch die Stadt.", erklärt N.

Auf seinem Weg zur Arbeit mit dem Fahrrad fallen ihm fortan immer mehr Falschparker auf. Irgendwann beschließt er, die Autofahrer und Autofahrerinnen anzuzeigen. Er macht Fotos, notiert Kennzeichen und schickt die Anzeigen per E-Mail ans Ordnungsamt. Mehrere hundert Anzeigen kommen so zusammen. Gleichzeitig ist N. auf Twitter aktiv, postet dort Fotos von falsch parkenden Fahrzeugen.

Wer falsch parkt, landet auf Twitter

Auch ein paar Jahre später ist Robert N. noch in der Magdeburger Innenstadt unterwegs. Es ist ein Dienstag Mitte Februar, N. führt vor der Arbeit noch schnell seinen Hund aus. "Es ist Mittagszeit. Da ist noch nicht so viel los", merkt er an. Mittlerweile ist er weniger aktiv, was das Anzeigeerstatten angeht. Nach einem Rechtsstreit mit der Stadt und dem Landesdatenschutzbeauftragten, der ergebnislos eingestellt wurde, ist N. etwas vorsichtiger geworden. In dem Verfahren ging es darum, dass durch die vielen Anzeigen per E-Mail womöglich gegen den Datenschutz verstoßen wurde.

Heute zeigt er Falschparker nur noch an, wenn eine Voraussetzung erfüllt ist. N. sagt: "Ich mache es nur noch dann, wenn ich persönlich betroffen bin. Also das Auto muss mir sozusagen direkt vor den Füßen liegen. Ist das nicht der Fall, zeige ich das zwar nicht an, mache aber ein Foto und stelle das auf Twitter."

In dem Moment bemerkt er, dass ein weißer Pkw in einer Feuerwehrzufahrt steht. "Das wäre jetzt so ein Fall für Twitter. Mein Haus ist das nicht und es brennt auch nicht. Ich bin nicht persönlich betroffen und werde es nicht anzeigen. Aber sowas fällt mir einfach auf." Wichtig ist ihm zu betonen, dass er nicht gezielt durch die Stadt laufe, um Falschparker zu entdecken. Er sieht sie einfach.

Und er hat Recht. Man muss die Falschparker in Magdeburg nicht aufwendig suchen. Der weiße Pkw fährt zwar nach wenigen Minuten wieder los, aber eine Ecke weiter kommt plötzlich ein Transporter rückwärts auf einen Fahrrad- und Gehweg gefahren. Warnblinker an. Und dann steht der da erstmal. Es werden Pakete ausgeliefert. Das sei relativ normal um die Mittagszeit rund um den Hasselbachplatz, sagt Robert N.

"Die Transporter von Gewerben stehen gerne auf Gehwegen, weil sie eventuell nicht im Haltverbot stehen wollen. Ich weiß nicht, warum der Gehweg da die bessere Alternative ist? Da wird über den Tag hinweg schon sehr systematisch gegen die StVO verstoßen", resümiert der 37-Jährige. Dass die Transporter dann oft die Warnblinkanlage anschalten, findet er besonders absurd.

Gerade in der Mittagszeit wird in Magdeburgs Innenstadt viel auf Gehwegen oder in zweiter Reihe geparkt. Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Warum machen die das? Das ist eigentlich noch eine zusätzliche Ordnungswidrigkeit, wenn kein Notfall besteht. Die können ja nicht ernsthaft glauben, dass ich durch die Warnblinkanlage das Auto besser sehe. Ein Transporter, der mitten auf einem Rad- oder Gehweg steht, kann ich nicht übersehen. Da fahre ich schon nicht gegen.

Robert N. über warnblinkende Falschparker

Neben den Problemen mit den Dienstleistern beobachtet Robert N. auch viele Falschparker am Abend. Die Menschen suchen dann einen Parkplatz in der Nähe ihrer Wohnung, so der 37-Jährige. Und nehmen dabei auch Geh-, Radwege oder Kreuzungsbereiche nicht aus. Hauptsache in der Nähe der Haustür, so N.

"Deutsche denken, sie haben das Recht vor der Wohnungstür zu parken"

"So sind wir sozialisiert worden. Mit dem Auto kann man überall hin. Mit dem Auto kann man alle Wege erledigen, die man so hat. Man braucht das Auto. Das hat der Deutsche so verinnerlicht. Und ich habe das Recht, sozusagen mit meinem Auto vor der Wohnungstür zu stehen." Genau das funktioniere in einer Stadt wie Magdeburg mit vielen Wohnungen nicht. Dabei gebe es aus seiner Sicht durchaus größere Parkplätze in der Stadt, von denen man mit einem kleinen Spaziergang nach Feierabend zu seiner Wohnung laufen könne.

Der Spaziergang in der Innenstadt geht derweil zu Ende. Robert N. muss sich auf den Weg zur Arbeit machen. Eine Anzeige wird es heute für niemanden geben. Jemanden angesprochen hat er auch nicht. Der Mann, der mit seinem weißen Pkw die Feuerwehrzufahrt zugeparkt hatte, hätte ihm wahrscheinlich eh nur eine Ausrede genannt, vermutet Robert N. Überhaupt hat er sich ein dickes Fell zugelegt. Er wird beleidigt und auch immer mal bedroht. Dass er nicht sonderlich beliebt bei Autofahrern und -fahrerinnen ist, ist ihm bewusst. Aber das perlt an ihm ab. Ein bisschen mehr Respekt und Toleranz für die anderen Verkehrsteilnehmer würde er sich dagegen wünschen. "Da ist oft gar kein Problembewusstsein vorhanden, obwohl die Leute wissen, dass sie falsch parken." Ganz selten würden sich Menschen entschuldigen und noch seltener umparken, wenn er sie auf das Fehlverhalten hinweist, so N.

Die Gassi-Runde ist eigentlich vorbei, doch da fährt eine Frau in einem roten Pkw an ihm vorbei. Mitten auf dem Gehweg in der Hegelstraße. Und sie macht das in einer Seelenruhe, als wäre es das normalste auf der Welt. Sie fährt fast hundert Meter über den Gehweg. Man könnte fast meinen, sie hat den Gehweg mit der Straße verwechselt. N. zuckt nur mit den Schultern, schaut gar nicht hinterher. Er kennt das. Er hat ja diesen besonderen Blick dafür.

Mehr zum Thema Falschparken

MDR (Fabian Frenzel, Manuel Mohr)

Dieses Thema im Programm:MDR SACHSEN-ANHALT | 05. März 2022 | 08:30 Uhr

Kommentare

Laden ...
Alles anzeigen
Alles anzeigen