Magdeburger fährt ins polnisch-ukrainische Grenzgebiet Hilfe für Geflüchtete: "Es ist Krieg – ganz normal"

Daniel Krüger ist Unternehmer aus Magdeburg. Mit seinem Kleinbus ist er in das polnisch-ukrainische Grenzgebiet gefahren, um den Geflüchteten Hilfsgüter zu bringen. Im Interview erzählt er, ihn habe die Haltung der Menschen vor Ort beeindruckt.

Zwei ukrainische Frauen ihren Kindern stehen in einem Zelt.
Oleksandra, Zeleana und ihre Kinder kommen aus Lviv. Für die 93 Kilometer nach Przemysł haben sie vier Tage gebraucht, berichtet der Unternehmer Daniel Krüger aus Magdeburg. Ihre Männer sind geblieben, um zu kämpfen. Bildrechte: Daniel Krüger

MDR SACHSEN-ANHALT: Wo erreichen wir Sie gerade?

Daniel Krüger: Momentan bin ich auf einem riesengroßen Supermarktparkplatz im polnischen Przemyśl, das ist ungefähr zehn Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. Der Parkplatz ist voll mit ukrainischen Menschen. Hier gibt es eine Art Busbahnhof, der permanent von polnischen Behörden organisiert wird. Im Zwanzig-Minuten-Takt kommen hier Busse aus der Ukraine an mit Menschen, die teilweise vier Tage oder mehr an der Grenze standen.

Unternehmer Daniel Krüger aus Magdeburg hilft Geflüchteten an der ukrainischen Grenze.
Bildrechte: Daniel Krüger

Daniel Kürger ... wohnt in Magdeburg und ist Chef einer Kommunikationsfirma.

Wie ist die Stimmung unter dem Menschen, die dort ankommen?

Da ist alles dabei: Fassungslosigkeit, Wut, ganz viel Trauer natürlich. Aber auch Hoffnung und Freude, dass die Menschen es rausgeschafft haben.

Sie haben den ganzen Tag über mit vielen Ukrainern gesprochen. Welche Geschichte ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Ich habe den achtjährigen Bogdan aus Lwiw getroffen. Das ist rund hundert Kilometer von mir entfernt. Das ist von mir aus gesehen die nächste größere Stadt auf ukrainischer Seite. Ich habe ihn gefragt, wie es ihm geht und er darauf 'Ganz normal, Krieg'. Dabei hat er, als ob nichts wäre, sein Mittagessen weitergegessen. Das war schon krass für mich.

Danach habe ich mit seiner Mutter gesprochen. Sie hat mir erzählt, dass die beiden für die 94 Kilometer zwischen den beiden Städten vier Tage unterwegs waren, weil der Stau an der Grenze quasi unendlich ist. Sie war heilfroh, es mit ihrem Sohn geschafft zu haben. Aber ihr Mann ist in der Ukraine geblieben und verteidigt die Stadt.

Das hat mich schon sehr berührt und ordnet unsere Probleme zu Hause auch noch mal ganz neu ein. Das lässt mich schon darüber nachdenken, was ist wesentlich. Ich hab auch gerade durch solche Begegnungen größten Respekt vor den Menschen, die hier ankommen, was sie erlebt haben, wie sie auch Haltung zeigen.

Was brauchen die Menschen, die dort ankommen?

Ganz klar, was sie nicht brauchen: Sie brauchen keine Anziehsachen. Das ist mein Appell an die Menschen in Deutschland: Bitte hört auf, eure Schränke auszumisten. Das wird alles nicht gebraucht. Ganz dringend wird gebraucht, medizinische Artikel jeglicher Art, Schmerzmittel, Blutstiller, alles, was man in OPs benötigt. Außerdem werden Schlafsäcke, Decken oder Zelte benötigt. Auch haltbare Lebensmittel wie Konserven werden gebraucht, vor allem in der Ukraine.

Hier in Polen ist es so, dass hier eine wahnsinnige Hilfsbereitschaft herrscht. Hier kommen aus ganz Polen permanent Menschen an, bringen, was sie zu Hause finden. Hier kommen Menschen mit riesengroßen Suppentöpfen an, die müssen die ganze Nacht über gekocht haben. Hier vor Ort ist der Bedarf an Hilfsgütern also nicht groß. Ganz im Gegenteil zur Ukraine.

Was können Sie vor Ort konkret tun, wie versuche Sie zu helfen?

Ich habe gerade ein paar Deutsche, die neu angekommen sind, ein bisschen koordiniert. Habe denen gezeigt, wo sie sich hinstellen müssen. Man steht dann hier mit Schildern, die man hochhält und schreibt auf diese Schilder die Städte, die man anfahren würde, um so den Menschen bei der Weiterreise zu helfen.

Ansonsten habe ich auch einer Familie bei der Weiterreise geholfen und habe sie ins Land reingefahren, an einen Ort, wo sie wohl Verwandte hatten. Und weil ich polnisch spreche, helfe ich beim Übersetzen, wo ich kann.

Viele Menschen in Sachsen-Anhalt überlegen, ins Grenzgebiet zu fahren, um zu helfen. Sei es, um Hilfsgüter hinzubringen oder um Menschen aus der Ukraine die Weiterreise zu ermöglichen. Aus Ihrer Sicht eine gute Idee?

Mein Eindruck ist, dass die meisten Menschen aus der Ukraine nicht weiterreisen wollen. Die wollen in Polen bleiben, weil sie dort Verwandte und Bekannte haben, und natürlich wollen sie nahe ihrer ukrainischen Heimat bleiben. Nur wenige wollen weiter nach Westeuropa.

Sie haben selbst in Magdeburg Hilfsgüter gesammelt und ins Grenzgebiet gefahren – wie kam es dazu?

Ich habe nicht mehr zusehen wollen, was passiert. Und weil ich polnisch spreche, hatte ich das Gefühl, gut helfen zu können. Kurzerhand habe ich bei der Ukrainischen Vereinigung in Magdeburg angerufen und weil ich auch einen kleinen Bus habe, war dann schnell klar, dass ich fahren werde.

Haben Sie noch eine Tipp an Menschen in Sachsen-Anhalt, die sich auch auf den Weg machen wollen?

Ja, fahren Sie mit großen Autos, damit die Staus nicht noch länger werden. Außerdem solle man nicht bis ganz nah an die Grenze fahren, sondern große Städte im Hinterland ansteuern. Man wird in jeder größeren polnischen Stadt Menschen finden, die Waren sammeln, auf Lkw packen und in Richtung Ukraine bringen. Wichtig ist auf jeden Fall, nicht halsüberkopf loszufahren, sondern vorab recherchieren, wie man wo helfen kann.

Wie geht es für Sie weiter?

Ich werde jetzt hier noch eine Nacht bleiben und dann mal schauen, ob es Menschen gibt, die ich mitnehmen kann. Und dann werde ich schauen, ob ich nochmal einen größeren Transport fahre oder wie ich von Magdeburg aus helfen kann. In dem man Informationen weitergibt oder Geld sammelt – auch das ist sehr wichtig.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Hannes Leonard.

MDR (Hannes Leonard)

3 Kommentare

Denkschnecke vor 48 Wochen

Ich wünsche Ihnen, dass Sie hier in Deutschland nie in dieselbe Situation kommen, in der sich gerade die Leute in der Ukraine befinden, und dann auf die Hilfe anderer angewiesen sind.

Tyson vor 48 Wochen

Hat er denn nichts anderes zu tun?
Bringt hier Menschen her die wiederum der Steuerzahler bezahlt.
Oder kommt der Herr für alle die er hier her bringt selber auf also Wohnung und Verpflegung?

rallfi vor 48 Wochen

also ich habe noch Platz für eine Fam mit mehreren Kindern

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