Interview zu Stalking "Prinzipiell kann es jeden treffen"

Wer gestalkt wird und sich jemandem anvertrauen möchte, kann sich an eine Interventionsstelle für häusliche Gewalt und Stalking wenden. Vier Standorte gibt es in Sachsen-Anhalt. Lissy Herrmann berät seit 15 Jahren Betroffene in Magdeburg und verrät im Interview, was man gegen Stalking tun kann – und warum der Satz "Wir können ja Freunde bleiben" manchmal falsch ist.

MDR SACHSEN-ANHALT: Frau Herrmann, was macht Stalking-Betroffenen am meisten zu schaffen?

Lissy Herrmann: Am meisten zu schaffen macht ihnen sicherlich, die Situation nicht mehr steuern zu können. Stalking ist ein Phänomen, bei dem jemand agiert und man nur noch reagieren kann. Ganz oft sagen Betroffene, sie wissen nicht, wozu das Gegenüber noch fähig ist. Viele haben Angst vor Übergriffen und Tötung, obwohl zum Glück die wenigsten Fälle so enden. Da spielen sicherlich auch Medien eine Rolle, also wie solche Fälle dort dargestellt werden.

Und was vielen noch Probleme bereitet, ist diese ständige Präsenz – etwa per WhatsApp, E-Mail und Facebook. Außerdem gibt es auch die direkte Konfrontation, die zu Problemen führt. An der Haustür, an der Arbeitsstelle, vor der Kita.

Wen suchen sich Stalker als Opfer aus? Können Sie da Parallelen feststellen?

Forschungen haben ergeben, dass eine intime Vorbeziehung der größte Risikofaktor für nachfolgendes Stalking ist. Es gibt aber auch Berufe, in denen Menschen besonders dafür prädestiniert sind, gestalkt zu werden. Das sind oft helfende Berufe. Therapeuten/innen beispielsweise oder Sozialpädagogen/innen. Es kann aber auch der oder die freundliche/r Verkäufer/in sein. Da wird die Freundlichkeit dann falsch interpretiert. Es sind oft auch Hochschulprofessoren/innen, also Personen, die glorifiziert werden. Die haben ein höheres Risiko, gestalkt zu werden. Prinzipiell kann es aber jede oder jeden treffen. Wichtig ist dabei, dass man Stärke signalisiert und das von vornherein ablehnt. "Wir können ja Freunde bleiben" ist in diesem Zusammenhang eine falsche Aussage.

Wenn wir mal den Blick auf die Täterseite richten – welche Motive gibt es dort? Warum beginnen Menschen mit Stalking?

Da gibt es ganz viele. Das Hauptmotiv ist häufig, dass eine Trennung nicht anerkannt wird. Dann gibt es auch Stalker, die Beziehungen suchen und sich einbilden, dass eine Beziehung zu jemandem besteht. Außerdem gibt es die ganz klassischen Rachegefühle, auch das ist eine hohe Motivation. Liebe und Hass sind da nah beieinander. Wir haben bei Stalkern auch alle möglichen Facetten von Persönlichkeitsstörungen.

Es gibt aber auch ganz viele andere Gründe. Es gibt Stalking unter Kolleginnen und Kollegen, im Untergebenen-Verhältnis zum Beispiel. Da werden bestimmte Leistungen erwartet, auch sexuelle. Und dann haben wir zu einem gewissen Teil auch ein einfaches Bekannten-Stalking. Also jemanden, den man irgendwo trifft, jeden Morgen im Bus, in der Bahn – der/die sich dann einbildet, das ist jetzt die Traumfrau/-mann und dann ein falsches Verständnis davon hat, wie Beziehungsanbahnung läuft. Und das artet dann auch oft in Stalking aus.

Außerdem gibt es – aber das ist kein großer Teil – Stalking von Unbekannten. Das ist natürlich besonders bedrohlich, wenn man gar nicht einschätzen kann, aus welcher Richtung das kommt und wer das ist.

Aus den Kriminalstatistiken geht hervor, dass es in Sachsen-Anhalt zwischen 1.000 bis 1.300 Stalking-Fälle pro Jahr gibt. Geben uns diese Zahlen einen realistischen Eindruck darüber, wie verbreitet Stalking im Land ist?

Es gibt eine ganze Reihe von Studien, wonach zehn bis fünfzehn Prozent der Bevölkerung in ihrem Leben mindestens einmal Opfer von Stalking werden. Das ist also schon mal eine andere Zahl. Und wenn wir überlegen, dass hinter der Zahl, die in der polizeilichen Kriminalstatistik ausgewiesen wird, auch Mehrfachanzeigen stehen, dann bildet das keineswegs die Realität ab.

Ganz viele wählen auch gar nicht den Weg der strafrechtlichen Verfolgung. Denn dabei muss man natürlich auch bereit sein, mitzuwirken. Das ist eine Kampfansage, dazu sind viele Betroffene auch gar nicht mehr fähig oder willens. Und wer schon einmal angezeigt hat und erfahren musste, dass das Verfahren vielleicht eingestellt wurde, überlegt sich ein oder zwei Mal mehr: Zeige ich nochmal an?

Das Stalking-Gesetz ist 2017 verschärft worden. Seitdem ist Stalking bereits dann strafbar, wenn es "objektiv geeignet" ist, das Leben der Betroffenen nachhaltig zu stören. Zuvor konnte Nachstellung nur dann bestraft werden, wenn der Stalker das Leben eines Opfers schon "erfolgreich" beeinträchtigt hatte. Ist diese Verschärfung ausreichend?

Es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Gut ist, dass das Delikt aus dem Privatklagebereich raus ist und ein Offizialdelikt geworden ist [Offizialdelikte sind Straftaten, die vom Staat verfolgt werden müssen. Ein Privatkläger muss selbst aktiv werden und Beweise für die Nachstellungen erbringen; Anm. d. Red.].

Aber wir haben immer noch die Hürde beim Nachweis der persönlichen Beeinträchtigung – oder in der Sensibilität der Strafverfolgungsbehörden, das auch wirklich zu erkennen, dass diese Handlungen wirklich beeinträchtigen könnten. Nachstellung ist ja nicht immer gefährdend. Wir haben auch Nachstellungshandlungen, die in keiner Weise gefährdend sind – Liebesbriefe, Blumensendungen – aber auch das ist Nachstellung. Und da ist es nicht für jeden so ersichtlich, dass das Handlungen sind, die schwer beeinträchtigen.

Ich bin keine Juristin, ich kann nur die Erfahrungen von Betroffenen mit diesem Straftatbestand bewerten. Es ist auch heute noch so, dass recht viele Verfahren in diesem Zusammenhang eingestellt werden. Ich würde mir im Interesse der Betroffenen wünschen, dass die Strafermittlungsbehörden klare Signale setzen und auch früher versuchen, einzudämmen. Es gibt ja einen großen Strafrahmen. Und auch eine Geldstrafe ist eine Strafe und setzt sicherlich ein besseres Signal als eine Einstellung des Verfahrens.

Außerdem würde ich mir wünschen, dass Verfahren schneller laufen. Ich weiß, dass Staatsanwaltschaften sehr überlastet sind. Aber ich erlebe Betroffene, die in der Länge der Verfahren viele Probleme bekommen.

Stalking kann sich unterschiedlich äußern. Es kann sein, dass jemand beleidigt wird, dass ihm nachgestellt wird und so weiter. Das ist anders als zum Beispiel beim Diebstahl, wo ganz klar ist, worin die Straftat besteht. Ist das ein Problem bei der Strafverfolgung?

Das kann sicherlich ein Problem bei der Strafverfolgung sein. Aber es ist mittlerweile so, dass das ganz gut zusammengetan und im Zusammenhang gesehen wird, also etwa in den Händen eines Sachbearbeiters bei der Kriminalpolizei landet. Die Kriminalpolizei ist mittlerweile zu weiten Teilen sehr gut aufgestellt, solche Zusammenhänge zu erkennen. Wie das dann in der strafrechtlichen Bewertung ist, das unterliegt anderen Regularien. Aber es ist schon so, dass das bei der Kriminalpolizei gut ermittelt wird.

Was raten Sie Stalking-Betroffenen?

Wichtigster Tipp ist es eigentlich immer, alle Kontakte abzubrechen und sich ganz klar zu verhalten. Klare Ansagen machen, keine Ausflüchte finden, sondern wirklich sagen: Ich will das nicht, lass das sein, komm hier nicht hin, kontaktiere mich nicht. In der logischen Konsequenz bedeutet das dann natürlich, alles zu blocken. Nummern blocken, keine Informationen mehr zulassen. Man sollte auch das Umfeld instruieren, also dass auch Kollegen, Freunde und Familie keine Informationen zulassen.

Und dann sollte man alles dokumentieren, ein Stalking-Tagebuch führen – mit Datum, Uhrzeit, wo war was, gegebenenfalls Zeugen vermerken. Das ist unabdingbar, wenn man das strafrechtlich verfolgen lassen möchte – oder wenn man über das Gewaltschutzgesetz eine Schutzmaßnahme beantragen möchte.

Das Gespräch führte Kalina Bunk.

Übersicht der Interventionsstellen häusliche Gewalt und Stalking Magdeburg
Telefon: 0391 6106226
Mobil: 0176 25345132
Mail: interventionsstelle@gmx.net

Halle
Telefon: 0345 6867907
Mobil: 0176 10035262
Mail: interventionsstelle-halle@web.de

Stendal
Telefon: 03931 700105
Mobil: 0176 52115290
Mail: miss-mut.stendal@web.de

Dessau
Telefon: 0340 2165100
Mobil: 0177 7844072
Mail: intervention.dessau@spi-ost.de

Die Beratung ist in den Beratungsstellen vor Ort, aber auch bei den Betroffenen zu Hause möglich – oder an einem dritten, sicheren Ort. Die Berater sind zum Beispiel bei Zeugenvernehmungen dabei und leisten Vorarbeit für polizeiliche Ermittlungen.

In den Gesprächen wird zunächst die Situation analysiert und eingeschätzt, wie groß die Gefahr ist. Danach wird über eine Strategie beraten, also zum Beispiel, wie man bei der Erstattung einer Anzeige vorgeht.

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Quelle: MDR/kb

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 03. März 2019 | 19:00 Uhr

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