Auswertung der Maßnahmen fehlt Magdeburg: Die Insel der stabilen Inzidenz

Julia Heundorf
Bildrechte: MDR/Kevin Poweska

Als einzige Kommune in Sachsen-Anhalt konnte Magdeburg im Dezember ihre Inzidenzzahlen relativ stabil halten. In allen anderen Städten und Landkreisen hat es seitdem einen deutlichen Anstieg gegeben. Eine Spurensuche zeigt, dass nicht nur die Anstiege selbst ein Problem sind: Es fehlen bisher auch die Möglichkeiten, Infektionsverläufe erfolgreich auszuwerten.

Türme des Doms in Magdeburg und überschattende Grafik mit zwei Linien, davon eine ansteigende
Magdeburg hat es als einzige Kommune geschafft, die Inzidenzzahlen im Dezember 2020 niedrig zu halten. In Halle und in vielen Landkreisen stieg der 7-Tage-Inzidenzwert in der ersten Dezemberwoche deutlich an. Bildrechte: MDR/Michael Rosebrock, Julia Heundorf

Magdeburg ist die Stadt in Sachsen-Anhalt mit der niedrigsten Inzidenz. Seit Anfang Dezember verzeichnen fast alle Landkreise und Städte im Land einen Anstieg der Infiziertenzahlen. Nur Magdeburg bleib weiterhin stabil bei inzidenzwerten um die 90. Der Höchstwert der vergangenen Monate liegt in der Stadt bei 115. Was macht die Stadt richtig – oder was machen andere falsch?

Was Magdeburg richtig macht

Der Amtsarzt der Stadt Dr. Eike Hennig sagt: "Ich werde jetzt hier keine Vergleiche ziehen." Es verbiete sich, über andere Landkreise zu sprechen. Deshalb sagt er, was Magdeburg seiner Meinung nach richtig gemacht hat:

  • Man habe von Anfang an großen Wert auf die Pflegeheime gelegt.
  • Man habe konsequentes Kontaktmanagement betrieben und viele hundert Personen pro Woche – manchmal sogar tausende – in Quarantäne geschickt.
  • Man habe relativ schnell das Personal im Gesundheitsamt aufstocken können, aus anderen Teilen der Verwaltung, um die Nachverfolgung zu betreiben.

Hennig verweist zudem auf große lokale Ausbrüche, die in anderen Kreisen stattgefunden haben. Er sagt: "Man schiebt dann einen Berg vor sich her an Personen, die noch nicht ermittelt werden konnten. Das war auch in Magdeburg zeitweise der Fall. Aber wir können im Moment zwischen einer Inzidenz von zwischen 50 und 100 ermitteln. Das geht."

Im Süden: Tönnies und Sachsen

Am 3. Dezember hat es einen Corona-Ausbruch am Schlachthof Tönnies gegeben. 170 Personen waren im Betrieb positiv auf das Coronavirus getestet worden. Im Burgenlandkreis stieg die Inzidenz auch schon etwa eine Woche früher als in Halle schnell und stark an – Innerhalb einer Woche verdoppelte sich die Inzidenzzahl.

Der Corona-Ausbruch bei Tönnies in Weißenfels könnte den Anstieg der Zahlen ab Anfang Dezember im Süden Sachsen-Anhalt gut erklären. Auch die Nähe zu Sachsen, wo die Zahlen bereits seit Oktober stark angestiegen waren – auch die Zahl der Sterbefälle.

Halle: "Vergleich mit Magdeburg schwierig"

Der Oberbürgermeister der Stadt Halle, Bernd Wiegand (parteilos) will sich nicht mit Magdeburg vergleichen, "denn wir sind hier in einem Großraum." Das sagte er auf einer Pressekonferenz am Mittwoch. Der Ballungsraum mit Halle, Leipzig und dem Saalekreis ist laut Wiegand nicht mit anderen Großstädten zu vergleichen. Er verweist auf die große Zahl der Pendler.

Auch die Amtsärztin Dr. Christine Gröger sagt, ein gegeneinander Aufwerten halte sie für nicht sinnvoll und die Frage müsste wissenschaftlich aufgearbeitet werden.

Magdeburg als Insel

Die Stadt Magdeburg ist nicht ganz allein mit ihren vergleichsweise niedrigen Zahlen. Auch der Altmarkkreis-Salzwedel konnte seine Coronafälle im Dezember stabil halten – in der zweiten Januarwoche hatte es aber auch dort einen vorübergehenden Anstieg mit einem Maximalwert von 212 gegeben.

Im benachbarten Landkreis Stendal wurden Ende November und Anfang Dezember zahlreiche Menschen positiv auf das Coronavirus getestet. Vom Magdeburger Niveau bei etwa 90 Infektionen in sieben Tagen pro 100.000 Einwohnern, stieg der Wert innerhalb einer Woche auf über 200. Und bis Weihnachten weiter auf 374.

Die Entwicklung der Inzidenzzahlen sieht in dieser Zeit der in Halle sehr ähnlich, übersteigt sie sogar – ohne größeren Corona-Ausbruch in einem Schlachtbetrieb.

Und: Der Altmarkkreis Salzwedel verzeichnet den zweithöchsten Fall-Verstorbenen-Anteil. Die Prozentangabe über den Anteil der Verstorbenen an allen bestätigten Fällen weist laut Sozialministerium Sachsen-Anhalt darauf hin, dass in den betroffenen Kreisen weniger Fälle identifiziert werden.

Problem: Wirksamkeit der Maßnahmen wird nicht nachverfolgt

Magdeburg hat im Vergleich zu anderen Städten keinen auffälligen Fall-Verstorbenen-Anteil. Das teilte das Sozialministerium mit. Etwa 1,9 Prozent der identifizierten Covid-19-Patientinnen und -Patienten in der Landeshauptstadt seien verstorben. In Halle seien es weniger gewesen: 1,3 Prozent. Das Sozialministerium hat aus Gründen der Vergleichbarkeit nur Sterbefälle gezählt, "die an COVID-19 – also ursächlich an COVID-19 – verstarben."

Was die Recherche rund um die stabile Inzidenzzahl in Magdeburg aber deutlich zeigt, ist, dass eine Auswertung der Maßnahmen fehlt. Die Verantwortlichen scheuen den Vergleich mit anderen Städten.

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Dringende Frage wird nicht gestellt

Warum kann die Landeshauptstadt ihre Zahlen stabil halten, während um sie herum zum gleichen Zeitpunkt die Inzidenzwerte steigen?

Der Magdeburger Amtsarzt Eike Hennig sagt höflich: "Es verbietet sich natürlich, über andere Städte und Landkreise zu sprechen." Halles Oberbürgermeister Bernd Wiegand sagt: "Der Vergleich mit Magdeburg ist schwierig." Seine Amtsärztin sagt, man müsse das wissenschaftlich auswerten.

Auch aus Stendal heißt es, es gebe zwar Anhaltspunkte, um den Anstieg zu erklären, aber keine wissenschaftlich fundierte Auskunft. Derzeit gebe es im Landkreis Stendal dafür auch keine Kapazitäten, denn "die Mitarbeiter/innen des Gesundheitsamtes sind vorrangig mit der Bekämpfung der Pandemie beschäftigt."

Julia Heundorf
Bildrechte: MDR/Kevin Poweska

Über die Autorin Julia Heundorf arbeitet seit Februar 2020 für MDR SACHSEN-ANHALT. Sie ist im Landkreis Harz aufgewachsen und hat ihren Bachelor in Halle und Bologna gemacht, den Master Medien, Kommunikation und Kultur in Frankfurt (Oder), Sofia und Nizza.

Nach Magdeburg kam sie für einen Job an der Uni. Zu ihren Lieblingsorten in Sachsen-Anhalt gehören die Dörfer westlich von Osterwieck, der Heinrich-Heine-Weg zum Brocken und das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle.

Redaktion/Recherche: MDR/Julia Heundorf

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 29. Januar 2021 | 17:00 Uhr

3 Kommentare

lilly p. vor 15 Wochen

Ich möchte mich Henne anschließen, in der Fieberambulanz herrscht Tag für Tag gähnende Leere. Es wird scheinbar niemand mehr zum Test geschickt und zack hat Magdeburg natürlich einen Topwert.

Henne2003 vor 15 Wochen

Schön, dass Magdeburg so niedrige Zahlen hat. Aber wie wäre es mal mit einem Vergleich der Anzahl der durchgeführten Test? Wer nicht testet, kann auch keine negativen Zahlen bekommen ...

Machdeburjer vor 15 Wochen

Wo sind denn die Leute, welche vor Wochen noch gegen Trümper gewettert haben?

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