Lebenswandel Jürgen Wolff: Vom Banker zum Priester

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Geld oder Leben – das ist ja angeblich ein gängiger Spruch von Bankräubern. Vor dieser Frage stand aber in gewisser Weise auch der Banker Jürgen Wolff. In der Mitte des Lebens hängte er seine erfolgreiche Bank-Karriere an den Nagel und ließ sich zum Priester im Bistum Magdeburg weihen. Wie es dazu gekommen ist, erzählt er bei einem vorweihnachtlichen Treffen.

Ein Mann in Priesterkutte kniet vor einem anderen Mann in religiöser Kleidung nieder, im Hintergrund hängt ein Christuskreuz
Nach einer Karriere als Banker ist Jürgen Wolff (rechts) zum Priester geweiht worden. Bildrechte: MDR SACHSEN-ANHALT/Bistum Magdeburg

Fachkräftemangel ist ein Begriff, der seit Jahren in Deutschland große Debatten auslöst. Während in Wirtschaftskreisen immer lauter ein solcher Fachkräftemangel beklagt wird, behaupten Kritiker, man müsse die Leute nur gut bezahlen, dann gäbe es auch genügend Interessenten, selbst für unbeliebte Jobs.

In der katholischen Kirche ist der Fachkräftemangel allerdings wohl keineswegs nur einen Frage des Geldes. Denn vor die Wahl gestellt, Youtuber, Influencer und Internetmillionär zu werden oder katholischer Priester, dürfte die Antwort nur in den seltensten Fällen in die kirchliche Laufbahn weisen. Selbst wenn es ja prinzipiell möglich ist, später mal Papst zu werden.

Priester als Traumberuf?

Für Jürgen Wolff stellt sich diese Frage allerdings nicht. Er ist mit seinen 49 Jahren der "jüngste" Pfarrer im Bistum Magdeburg, denn er wurde erst im Juli dieses Jahres zum Priester geweiht. Papst wird er also wohl nicht mehr werden, auch wenn die katholische Kirche grundsätzlich Wunder nicht ausschließt. Allerdings sind Kirchen eben auch sehr irdische Einrichtungen, mit klarer Hierarchie und einer ebenso klaren Karriereleiter. Und das steht Jürgen Wolff als frisch geweihter Priester auf der ersten Stufe. Doch der Weg nach Rom war ohnehin nicht sein Ziel. Das Priestertum hingegen schon.

Grauhaariger Mann Bart und Brille vor einer Hecke
Priester war schon immer Jürgen Wolffs Traumberuf. Bildrechte: Bistum Magdeburg/Susanne Sperling

Es war tatsächlich mein erster Berufswunsch, schon in Abiturzeiten. Und eigentlich war alles schon in Sack und Tüten, doch dann habe ich mich nicht getraut. Es war so wie in manchen Filmen: zwei Minuten vor der Angst habe ich mich dagegen entschieden. Und das war im Rückblick vielleicht auch ganz gut, denn sonst wäre ja vielleicht aus der Berufung ein Beruf geworden und dann säße ich hier nicht mehr als Priester.

Jürgen Wolff, Priester in Magdeburg

Karriere als Banker

Statt in die Arme der Kirche zieht es Jürgen Wolff in die modernen Tempel des Geldes. Er absolviert eine Banklehre und studiert anschließend Betriebswirtschaftslehre. Statt um das Wort Gottes geht es um Marktstrategien, Innovationsmanagement und Bilanzen. Nach dem Studium hat Wolff mit Geld aber nur indirekt zu tun. Seine Aufgabe ist es, im Auslandsgeschäft der Deutschen Bank für das zu sorgen, was man etwas umständlich als interkulturelle Kommunikation bezeichnet.

So verbringt Wolff vier Jahre in China und begleitet dort die Übernahme einer chinesischen Bank. 1997 wechselt der im katholischen Rheinland aufgewachsene Banker in die eher unkatholische Saaleregion des Ostens, genauer gesagt nach Halle. Da Jürgen Wolff aber über genug interkulturelle Erfahrung verfügt, fühlt er sich schnell heimisch, sodass er, von gelegentlichen Auslandsaufenthalten abgesehen, seit 23 Jahren in Sachsen-Anhalt wohnt.

Kein Erweckungserlebnis

Die Bibel ist voller Geschichten von Menschen, die ihrem Leben plötzlich eine neue Wendung gegeben haben. Eine der bekanntesten ist die Geschichte des Saulus, einem eifrigen Verfolger der Urchristen, der dann zum Paulus wurde, also zu einem großen Anhänger des Christentums. Und weil diese Bekehrung der Überlieferung nach vor Damaskus geschah, ist von einem so genannten Damaskuserlebnis die Rede.

Ein solches Damaskuserlebnis kann Jürgen Wolff nicht vorweisen. Es war auch nicht sein Ziel, Buße zu üben, etwa wegen seiner langjährigen Arbeit bei der Deutschen Bank: "Das ist dann doch eine sehr mittelalterliche Vorstellung. So, wie man es in dem berühmten Roman 'Der Namen der Rose' nachlesen kann. Die Idee, man müsse in einen Orden eintreten und dann Buße tun für den Rest seines Lebens, nein, das ist nicht meine Sicht auf das Leben als Priester." Und sonderlich bußfertig wirkt Jürgen Wolff auch nicht, zumal aus seiner Sicht der Weg von der Bank auf die Gemeindekanzel ein relativ kurzer ist.

Es geht ja grundsätzlich in beiden Bereichen um Dienstleistungen und da stehen immer die Menschen im Mittelpunkt, das gilt für Banker genauso wie für Priester. Der eine kümmert sich um das monetäre Heil und der andere um das Seelenheil der Menschen.

Jürgen Wolff, Priester in Magdeburg

Der Osten als neue Heimat

In seiner ersten Heimat ist Jürgen Wolff in einer katholischen Welt aufgewachsen, nämlich im westlichen Rheinland. Der Teil Deutschlands also, in dem schon zu römischen Zeiten Christen lebten. Ein großer Teil des gesellschaftlichen Lebens ist dort von der Institution Kirche durchdrungen, vom Schützenverein über die Jugendfreizeit bis hin zum Karneval.

Ein Mann in Priesterkleidung liegt bäuchlings auf dem roten Teppich in einer Kirche
Jürgen Wolff sieht sich als Dienstleiter fürs Seelenheil. Bildrechte: MDR SACHSEN-ANHALT/Bistum Magdeburg

Nun allerdings lebt und arbeitet Wolff als Priester in einer Region, in der den meisten Menschen der liebe Gott herzlich egal ist. So mancher Vertreter der Westkirchen dachte nach der Wende, man werde die alten volkskirchlichen Strukturen im Osten wieder etablieren können, so erwies sich dies als wohl eher als Trugschluss. Denn statt zu steigen, sank die Zahl der Kirchenmitglieder weiter.

Für Jürgen Wolff ist das allerdings genau der Grund dafür, in Sachsen-Anhalt zu bleiben. Zumal inzwischen selbst in den westdeutschen Hochburgen des Katholizismus die Zahl der Gläubigen zurückgeht, was sich unter anderem auch an steigenden Kirchenaustritten zeigt.

Also ich persönlich habe jetzt keine Notwendigkeit gesehen, in das katholische Rheinland zurückzukehren. Ich finde es sehr charmant, hier in der Diaspora zu sein, also in einer Minderheit.

Jürgen Wolff, Priester in Magdeburg

Denn aus seiner Sicht seien Kirche und Glauben hier so, wie man es sich wünsche: Wer sich hier in den Gemeinden engagiere, der mache es, weil er oder sie den eigenen Glauben wirklich lebe – und nicht irgendwelche Konventionen folge, sagt Wolff.

Die erste Weihnachtspredigt

In diesem Jahr wird Jürgen Wolff zum ersten Mal eine Weihnachtpredigt halten. Und zwar in der kleinen Kirche im Magdeburger Stadtteil Ottersleben, die allerdings wegen der Hygienebeschränkungen nicht voll besetzt sein wird. Corona wird auch in seiner Predigt eine Rolle spielen.

Ich hab einen Freund, der mir vorwarf, wir würden als Kirchen, damit meint er nicht nur die Katholiken, so tun, als gäbe es zu Weihnachten keine Probleme – wie zum Beispiel Corona. Und das stimmt eben nicht, denn Weihnachten findet ja nicht außerhalb der Realität statt. Es gibt ja diesen neuen Begriff des Postfaktischen, was eigentlich nur ein anderes Wort für Lüge ist. Das Thema meiner Predigt steht also schon fest: Weihnachten ist nicht postfaktisch.

Jürgen Wolff, Priester in Magdeburg
Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Über den Autor Geboren ist Uli Wittstock 1962 in Lutherstadt Wittenberg, aufgewachsen in Magdeburg. Nach dem Abitur hat er einen dreijährigen Ausflug ins Herz des Proletariats unternommen: Arbeit als Stahlschmelzer im VEB Schwermaschinenbaukombinat Ernst Thälmann. Anschließend studierte er evangelische Theologie.

Nach der Wende hat er sich dem Journalismus zugewendet und ist seit 1992 beim MDR-Hörfunk. 2016 erschien sein Roman "Weißes Rauschen oder die sieben Tage von Bardorf" im Mitteldeutschen Verlag Halle.

Quelle: MDR/aso

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