Unternehmen mit 130-jähriger Geschichte Karlowsky aus der Börde schneidert Kochschürzen für Rocker – und die ganze Welt

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Anfangs mit Holzkarren rund um Magdeburg, jetzt wird bis nach Neukaledonien im Pazifik geliefert: Die Firma Karlowsky aus Hohendodeleben hat nach der Wende mit Kochschürzen ein rasantes Wachstum hingelegt. Zwischen Spitzenköchen, Spritzbeuteln und Rockern in der Küche – die Geschichte einer Kurzwaren-Dynastie aus Sachsen-Anhalt.

Thomas und sein Sohn Niels Karlowsky vor einer Wand mit Fotos ihrer beiden Markenbotschafter: den Köchen Stefan Marquardt und Robin Pietsch
Thomas und sein Sohn Niels Karlowsky haben zwei bekannte Markenbotschafter: die Köche Stefan Marquardt (li.) und Robin Pietsch. Bildrechte: MDR/Marcel Roth

Thomas Karlowsky schmunzelt auch nach mehr als 30 Jahren über seinen Start nach der Wende. Denn auch heute hört es sich nicht weniger verrückt an als damals: "Mein Traum war es, aus dem Namen Karlowsky eine Marke zu machen. Und ich habe mir gesagt, das geht auch mit der Schürze und Spritzbeutel." Dabei wollte Karlowsky nur ein halbes Jahr vor dem Mauerfall das Firmengrundstück noch gegen einen Wartburg tauschen.

Thomas Karlowsky sitzt neben einer alten Kasse
Thomas Karlowsky im Firmensitz in Hohendodeleben: An der Kasse durfte er als Kind im Kurzwarengeschäft in Diesdorf schon drehen. Bildrechte: MDR/Marcel Roth

Karlowsky wird 1960 in Diesdorf am Rand von Magdeburg geboren – in einem Haus, das schon seinem Urgroßvater August gehörte – oben die Wohnung und unten ein Kurzwarengeschäft: Knöpfe, Nähgarn, Gardinen. "Als Kind durfte ich immer an der Kasse drehen. Ich fand das unheimlich spannend. Bei uns im Geschäft war immer was los." Denn viele Kunden seien auch aus Magdeburg gekommen, weil Karlowskys Kurzwarengeschäft als eines der wenigen privaten Unternehmen mitunter auch Dinge verkauft hat, die es in der Stadt nur schwer gab.

Wechselvolle Geschichte

Karlowsky Urgroßvater August hatte quasi die Kurzwaren-Dynastie aus Diesdorf gegründet. "Es ist schon beeindruckend, wenn man sieht, wie erfolgreich er zu dieser Zeit war", sagt sein Urenkel Thomas heute mit einem Blick auf das wohl spannendste Foto der Firmengeschichte. Darauf lässt sich August Karlowsky in den 1890er Jahren vor seinem ersten Geschäft fotografieren: gut gekleidet in einem Viersitzer mit offenem Verdeck, Typ Victoria – benannt nach der englischen Königin. Zwei Schimmel stehen davor, ein Kutscher hält die Zügel. Über den zwei Schaufenstern steht: "Manufactur Woll- und Schnittwaaren-Handlung von A. Karlowsky".

Eine Kutsche steht vor einem Geschäft. In der Kutsche sitzt August Karlowsky. 6 min
Bildrechte: Karlowsky Fashion GmbH

Urgroßvater August war anfangs noch mit einem Holzkarren von Markt zu Markt gezogen, um Knöpfe, Bettlaken, Nähgarn, Gardinen oder Handtücher zu verkaufen. Und weil Magdeburg damals boomt und zur Großstadt wird, hat er Erfolg: Die Stadt zieht neue Einwohner an, die ihre Wohnungen ausstatten. Und die ihre Kleidung ausbessern und reparieren – Knöpfe und Nähgarn kommen von Karlowsky.

Nachfolger von August wird Hermann Karlowsky, der die Firma zu einem Großhändler macht und ein zweites Geschäft in Magdeburg-Diesdorf eröffnet. Außerdem geht August noch einen Schritt weiter und produziert vieles selbst in einer kleinen Fabrik – Gardinen, Handtücher und Schürzen.

Schürzen & Spritzbeutel vom Motorenhersteller

Historisches schwerz-weiß Foto von Karlowsky Kurzwarengeschäft in Diesdorf
Eines der beiden Kurzwarengeschäfte von August Karlowsky in Diesdorf. Der Bördeort gehört seit 1926 zu Magdeburg. Das Haus steht heute noch in der Straße Alt-Diesdorf. Bildrechte: Karlowsky Fashion GmbH

In der DDR nimmt die Geschichte der Karlowskys eine aus heutiger Sicht ziemlich schräge Wendung. Hermanns Frau Frieda Karlowsky kann sich zwar vor einer kompletten Enteignung retten und schließt einen Kommissionsvertrag mit dem Staat. Karlowsky ist nun halb privat und halb staatlich. Aber die Fabrik muss sie vermieten – an den Elektromotorenhersteller ELMO Barleben, einen volkseignen Betrieb (VEB).

Wie viele VEB bekommt der Elektromotorenhersteller den staatlichen Auftrag, auch Konsumgüter herzustellen. ELMO fertigt in der Kurzwarenfabrik von Karlowsky Gummischürzen – schließlich stehen dort Nähmaschinen. Die Gummischürzen gehen an alle Schlachthöfe und Fleischereien und somit an die gesamte fleischverarbeitende Industrie in der DDR. Alle Gummischürzen im Land kommen also aus Magdeburg-Diesdorf. Und auch alle Schlagsahne-Spritzbeutel. Denn die entstehen aus den Resten, die vom Zuschnitt für die Gummischürzen übrigbleiben.

Wartburg gegen Firmengrundstück

Thomas Karlowsky und seine Mutter erben, was übrig ist, und wohnen über dem Geschäft in Diesdorf. Thomas studiert Sport und wird Kanu-Trainer. Ihm gehört aber immer noch die Fabrik. "Das Grundstück durfte ich nicht betreten und die Miete war 30 DDR-Mark oder so, jedenfalls irrelevant", erinnert sich Karlowsky vage. Kein schönes Erbe für einen jungen Mann.

"Immer, wenn das Dach undicht war, hat mich ELMO informiert." Karlowsky hat dann eigenhändig das Dach mit Leinentüchern geteert, wie es ihm sein Opa gezeigt hatte. "Das hat mich als junger Bengel alles genervt und ich habe gedacht: Sch* drauf." Und weil sein gelber Trabi schon zehn Jahre alt war, schaltet er im Frühjahr 1989 eine Zeitungsanzeige: "Tausche Firmengrundstück gegen einen 53er Wartburg". Karlowsky dazu: "Ich hatte tatsächlich gedacht, dass ich eine Chance habe, ein Firmenobjekt gegen einen Wartburg zu tauschen. Aber es hat sich keiner gemeldet."

Thomas Karlowsky hält eine historische Zuschneidemaschine und steht vor einem schmalen Tisch, darauf auch eine historische Nähmaschine
Thomas Karlowsky hält die Geschichte der Firma und der Familie wach: eine alte Zuschneide- und Nähmaschine. Bildrechte: MDR/Marcel Roth

Auferstanden aus Schürze, Spritzbeutel & Bürste

eine historische Verpackung von Karlowsky Spritzbeutel
Eines der ersten Produkte von Karlowsky nach der Wende: Spritzbeutel Bildrechte: MDR/Marcel Roth

Ein halbes Jahr später, mitten in der Wendezeit, ist Karlowsky froh, dass der Wartburg-Tausch nicht zustande kam – und er darf zum ersten Mal sein kleines Fabrikgelände in Diesdorf betreten. Danach gibt er als frisch gebackener Unternehmer richtig Gas, wird Auftragsproduzent für Spritzbeutel, die auch zum Beispiel an Dr. Oetker gehen. Karlowsky produziert ebenfalls Kochschürzen, erstmals auch aus Baumwolle: "Unten im Keller haben wir Schürzen genäht, in vier Farben,: Weiß, Rot, Grün und Blau." Aber der Markt für Kochschürzen und -jacken, für die ganze Gastronomie-Szene ist im wiedervereinigten Deutschland längst vergeben.

Einen Fuß bekommt Karlowsky trotzdem in die Tür. Und zwar mit einem noch ungewöhnlicheren Produkt: einer Kellnerbürste. Die ist neu in der Kellner-Ausbildung vorgeschrieben. Und Karlowsky kann sie in Naumburg besorgen und an einen Großhändler verkaufen. Schürzen lässt er dann in Masse in der JVA in Naumburg nähen.

Schnell lässt er sich den launigen Slogan "Deutschlands Schürzenjäger Nummer eins" schützen. Thomas Karlowsky setzt jetzt ganz auf Schürzen. Eine seiner spektakulären Ideen sind Schürzen, an denen am obersten Knopf ein Swarowski-Stein glitzert.

Mit schwarzen Schürzen zur Marke

2010 krempelt Karlowsky die Gastro-Szene für immer um. Gemeinsam mit Fernsehkoch Stefan Marquardt designt er eine Kochjacke. Zu Marquardts Erkennungszeichen Bandana-Tuch, Brille und Bart kommt nun noch die ganz besondere Schürze von Karlowsky hinzu.

Wir haben eine Kochjacke designt, die damals revolutionär war. Und sie war schwarz.

Thomas Karlowsky

Marquardt ist einer der ersten berühmten deutschen Fernsehköche, gilt als Rock'n'Roller unter den Küchenchefs, auch weil er Rockmusik beim Kochen hört. "Rock Chef" nennen die beiden deshalb die schwarze Kochjacken-Kollektion. Und die Aufregung in der Gastro-Szene ist enorm: Sterneköche so schwarz wie Schornsteinfeger? Das hatte es noch nie gegeben. Und es sorgt für Aufmerksamkeit und bis heute auch für Aufträge. Schwarz ist heutzutage auch in Sterneküchen nicht mehr verpönt. Und Schwarz ist immer noch die Farbe, in der Karlowsky heute die meisten Schürzen verkauft.

Geschichten aus Sachsen-Anhalt

Bühne im Goethe-Theater in Bad Lauchstädt
Bildrechte: Patricia Reese
Am 4. Mai 1521 kam Martin Luther auf der Wartburg an.
Am 4. Mai 1521 kam Martin Luther auf der Wartburg an. Bildrechte: MDR/Falk Fleischer
Alle anzeigen (49)
Bühne im Goethe-Theater in Bad Lauchstädt
Bildrechte: Patricia Reese

Mit der schwarzen Kochjacke erreicht Karlowsky sein Ziel: Der Name wird in der Gastro-Szene eine Marke. Zu den Olympischen Spielen 2012 gelingt Urenkel Thomas auch der Coup, die Köche im deutschen Haus in London auszustatten. Seit 2018 ist Sachsen-Anhalts Sternekoch Robin Pietsch aus Wernigerode Markenbotschafter von Karlowsky. "Premium-Marke Diamond Cut" nennt Karlowsky die weiße Kochjacke mit Reißverschluss.

Karlowskys Zukunft ist grün

Heute designt Karlowsky nicht nur Schürzen, sondern auch Bekleidung für Pflegefachkräfte und Ärzte. Produziert wird in Bulgarien, Rumänien, Polen, in Pakistan, Indien, China und Bangladesch. Gerade baut Karlowsky eine Fabrik in Marokko. Liefern kann die innerhalb eines Tages. Und sie liefert weltweit – selbst bis nach Neukaledonien im Pazifik.

Im nächsten Jahr soll Sohn Niels zweiter Geschäftsführer werden. Er hat sich in den vergangenen Monaten vor allem darum gekümmert, Karlowsky nachhaltiger zu machen. Die Firma hat sich mit dem "Grünen Knopf" zertifizieren lassen: dem ersten staatlichen Siegel für nachhaltige Textilien. "Nachhaltigkeit und transparente Lieferketten – das war ein Riesenprojekt", sagt Vater Thomas Karlowsky. Nur 80 Firmen in Deutschland dürfen mit dem "Grünen Knopf" werben, der im Auftrag des deutschen Entwicklungshilfeministeriums vergeben wird.

Vom Holzkarren zu nachhaltig produzierten Textilien: Karlowskys 130-jährige Geschichte zeigt auch, wie sich die Textilindustrie internationalisiert hat. Mit dem Firmensitz ist Karlowsky der Börde treu geblieben – die 30 Beschäftigten arbeiten heute in Hohendodeleben. Und ein wenig August Karlowsky steckt immer noch drin, glaubt Urenkel Thomas: "Das Verrückte nach Knöpfen und Garn – die vielen kleinen Dinge, die zum Textilbereich dazu gehören. Aber er hätte sich wahrscheinlich nie vorstellen können, dass wir heute international sind und Karlowsky weltweit gekauft wird."

MDR (Marcel Roth)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | Geschichten aus Sachsen-Anhalt | 25. April 2022 | 11:40 Uhr

0 Kommentare

Mehr aus Magdeburg, Börde, Salzland und Harz

Mehr aus Sachsen-Anhalt

Eine Collage aus Studierenden im Hörsaal, Reiner Haseloff und Florian Wellbrock. 1 min
Bildrechte: dpa/IMAGO
1 min 29.06.2022 | 18:22 Uhr

Die drei wichtigsten Themen vom 29. Juni aus Sachsen-Anhalt erfahren Sie hier kurz und knapp in nur 60 Sekunden. Präsentiert von MDR-Redakteurin Viktoria Schackow.

MDR S-ANHALT Mi 29.06.2022 18:00Uhr 01:10 min

https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/video-nachrichten-aktuell-neunundzwanzigster-juni-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video