Magdeburg/Stolberg Kleinstadthelden: Autonome Shuttlebusse für den Nahverkehr

Keine Busse auf dem Land? Nicht mit der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg! Wissenschafler vom Lehrstuhl Logistik wollen mit autonomen Bussen die Mobilität der Menschen auf dem Land verbessern. Eine erste Teststrecke ist in Stolberg bereits geplant. Im Sommer 2021 soll hier der erste Bus Menschen durch die Stadt transportieren. Emissionsfrei und auf Wunsch sogar bis zu eigenen Haustür.

Frau steigt in modernen Kleinbus.
Autonom fahrende Kleinbusse könnten schon bald durch Sachsen-Anhalt rollen. Bildrechte: MDR/Easy Mile

Mal schnell zum Einkaufen in die Stadt, Freunde im Nachbardorf besuchen oder zum Zug am nächsten Bahnhof. Ohne Auto ist das alles kaum möglich. Vor allem wenn man nicht in einer größeren Stadt lebt. Denn im ländlichen Raum fahren immer weniger Linienbusse – auch eine Folge des demographischen Wandels.

Hartmut Zadek, Leiter des Lehrstuhls Logistik an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, hat dieses Problem erkannt. Zadek meint, dass man im öffentlichen Nahverkehr in Zukunft auf autonome Busse setzen wird: "Das heißt, dann auch ohne Personal, denn das ist einer der größten Kostenanteile im öffentlichen Personenverkehr: die Busfahrerkosten. Das versuchen wir durch automatisierten Verkehr an der Stelle in den Griff zu bekommen und dem ländlichen Raum wieder mehr Möglichkeiten zu geben."

Pilotbetrieb in Stolberg

Moderner Kleinbus auf Straße
Der 15 bis 20 km/h schnelle Kleinbus soll schon im Sommer durch Stolberg rollen. Bildrechte: MDR/Easy Mile

Bislang sind die fahrerlosen Busse in Sachsen-Anhalt noch nicht unterwegs. Das soll sich aber schon bald ändern, erklärt Zadek: "Der Stand der Forschung ist, dass wir Fahrzeuge haben, die automatisiert, mittlerweile auf Teststrecken agieren können. Genau das wollen wir auch im ländlichen Raum in Stolberg durchführen – ein Pilotbetrieb eines solchen automatisierten Shuttlebusses."

Mit dem Probebetrieb wolle man auch generell analysieren, wo in Sachsen-Anhalt solche automatisierten Shuttlebusse eingesetzt werden könnten. Die Voranalyse habe bereits ergeben, dass Stolberg für den Pilotbetrieb sehr gut geeignet ist, meint Zadek. Weil dort auch touristisch sehr viel los ist: "Man möchte gern den Verkehr in Stolberg selbst ein Stück weit draußen vorhalten, sodass man von dem Parkplatz, der vor den Toren Stolbergs ist, einen Shuttleverkehr hat, der in die Stadt hineinführt."

Mann mit Sonnenbrille und Schal
Bildrechte: MDR/Maximilian Fürstenberg

Für den ländlichen Raum ergeben sich neue Mobilitätsperspektiven. Einerseits emissionsfrei über E-Antrieb zu fahren. Andererseits viel flexibler auf die Mobilitätsbedürfnisse im ländlichen Raum einzugehen.

Hartmut Zadek

Autonomer Minibus mit Elektroantrieb

Zunächst musste das Team von Hartmut Zadek aber ein geeignetes Fahrzeug für das Projekt finden. Dabei hat man sich für ein Modell des Herstellers Easy Mile entschieden. Ein ähnliches Fahrzeug wurde bereits im Geraer Stadtteil Lusan getestet. Sönke Beckmann betreut das Projekt als wissenschaftlicher Mitarbeiter und erklärt: "Ein Vorteil von dem Bus, der auf Elektrobasis fährt, sind einmal die Co2-Emissionen, die weniger sind, als bei herkömmlichen Bussen. Weitere Vorteile wären in Kopplung mit einer App, der On-Demand-Verkehr und das Abholen von zu Hause aus."

Allerdings braucht ein Pilot-Betrieb auch viel Vorbereitung: "Jetzt sind wir daran, die Strecke vor Ort anzugucken und die Machbarkeit zu bewerten und gegebenenfalls Infrastrukturmaßnahmen aufzustellen. Danach folgen dann Genehmigungen, Zulassungsgenehmigungen des Fahrzeugs sowie ein Eintrainieren auf der Strecke", meint Beckmann. Geplant sei nach derzeitigem Stand ein Betrieb ab Juni 2021. Die Shuttlebusse sollen dann im Sommer fünf Monate lang zwischen Stadtrand und Stadtzentrum von Stolberg pendeln.

Operator fährt erstmal mit

Ganz autonom werden die kleinen Elektrobusse in Stolberg aber erstmal nicht unterwegs sein. Das liegt auch an der schlechten Netzabdeckung in der Region, meint Olga Biletska, die das Projekt als wissenschaftliche Mitarbeiterin in Magdeburg betreut. Denn der Shuttlebus sei noch auf viel Unterstützung angeweisen. So müsse das Fahrzeug mit der Infrastruktur kommunizieren. Aber auch für komplexere Verkehrssituationen, wie Kreuzungen, Ampeln oder Kreisverkehre sei eine Verbindung zur einer Leitstelle notwendig.

Sönke Beckmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Uni Magdeburg.
Sönke Beckmann betreut das Projekt als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Bildrechte: MDR/Maximilian Fürstenberg

Auf absehbare Zeit wird daher immer ein Operator nötig sein, also ein Sicherheitsbegleiter, der mit einem Joystick in Gefahrensituationen eingreifen kann. "Das Ziel ist zu untersuchen, was das für Situationen sind. Wie kann man das in Zukunft besser lösen", so Biletska. Eine Möglichkeit sei die Einrichtung einer Betriebsleitstelle zur Überwachung und Steuerung von solchen automatisierten Shuttlebussen: "Der Vorteil ist, dass der Operator mehrere Shuttlebusse überwachen kann. Man hat eine Übersicht auf der Landkarte, wo man die Shuttlebusse sehen kann. Dann kann der Operator aus der Ferne über die Kameras die Situation bewerten und dann dementsprechend reagieren."

Ob sich die Hoffnung der Forscher auf neue Mobilitätsperspektiven erfüllen kann, wird die Testphase in Stolberg erst noch beweisen müssen. Unterstützung von der EU erhält das Projekt aber schon jetzt. Denn es wird mit Mitteln aus dem Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE) finanziert.

MDR/Maximilian Fürstenberg,Thomas Tasler

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