Kommentar Wie weiter mit der Magdeburger Hermann-Gieseler-Halle?

Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Die Magdeburger Hermann Gieseler-Halle hat große Zeiten erlebt. Hier jazzte einst Louis Armstrong und die Handballer des SCM schlugen legendäre Schlachten auf der "Platte". Die Stadt das denkmalgeschützte Gebäude zunächst an einen Investor verkauft. Nun geht sie wieder in städtischen Besitz über. Ein Kommentar.

Historische Aufnahmen von 1922 der Hermann-Gieseler-Halle
Die Hermann-Gieseler-Halle wurde nach dem Ersten Weltkrieg errichtet und steht heute unter Denkmalschutz. (Archivbild) Bildrechte: MDR/HBA

"Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen." So steht es im Grundgesetz. Was aber macht man, wenn die Pflicht zur Last zu werden droht, zum Beispiel wegen steigender Kosten? Man sucht nach einer Möglichkeit, das Eigentum loszuwerden, in der Hoffnung, dass andere möglicherweise besser mit dieser Pflicht umzugehen wissen.

Als die Stadt Magdeburg sich entschied, statt einer Sanierung des denkmalgeschützten Ensembles auf einen kostengünstigeren Neubau zu setzen, war klar, dass die Zukunftsaussichten für die Gieseler-Halle im Stadtteil Stadtfeld Ost nicht gerade gestiegen waren. Als dann schließlich ein Investor gefunden war, stellte sich alsbald heraus, dass der zwar keine belastbaren Pläne für die Halle hatte, dafür aber Pläne für einen seelenlosen Kastenbau nebenan, in den ein Möbelmarkt einziehen sollte.

Investor bekommt Gegenwind

Was aber in den 1990er Jahren noch als irgendwie akzeptabler Eingriff in die städtische Baukultur durchgegangen wäre, stieß nun auf erheblichen Widerstand. Denn Kistenarchitektur, die schon auf der grünen Wiese deplatziert wirkt, passt noch viel weniger in ein städtisches Wohnumfeld. Insofern ist die Entscheidung, den gesamten Privatisierungsprozess rückabzuwickeln, folgerichtig.

Hermann-Gieseler-Halle
Gegen den Bau eines Möbelmarktes in direkter Nachbarschaft zur Gieseler-Halle regte sich Protest. Bildrechte: MDR/Daniel George

Allerdings ist das nur ein Teilerfolg, denn die Zukunft der Gieseler-Halle ist damit nicht unbedingt klarer geworden. Dass nämlich eine Privatisierung der denkmalgerechten Nutzung zuträglich ist, darf durchaus bezweifelt werden. Erinnert sei an das Schicksal des Magdeburger Stadtbades in der Maxim-Gorki-Straße, dem ältesten Hallenbad Deutschlands, von dem Dank eines "Investors" nicht mehr übrigblieb als eine geschotterte Fläche, die heute noch besichtigt werden kann.

Auch das traurige Schicksal des Magdeburger Kristallpalastes kann als Mahnung gelten. Weil sich die Eigentümer nach der Rückübertragung nicht auf eine Nutzung einigen konnten, erinnert das einst prächtige Gebäude inzwischen an die Ruinen eines überwucherten Dschungelpalasts.

Suche nach einer Nutzung

Die Stadt Magdeburg hat nach zwei verheerenden Kriegszerstörungen nicht mehr allzu viel historische Bausubstanz vorzuweisen. Umso wichtiger wäre es also, mit dem Vorhandenen pfleglich umzugehen. Das dies funktioniert, zeigt die Magdeburger Hubbrücke, die sich als technisches Denkmal großer Beliebtheit erfreut, was aber vor allem auch dem Umstand geschuldet ist, dass sie als Brücke noch nutzbar ist.

Die Zukunft des Gieseler-Halle ist derzeit hingegen ungeklärt, denn als Sportstädte wird sie durch den Neubau am Lorenzweg nicht mehr gebraucht. Auch die neue Grundschule, die in unmittelbarer Nähe gebaut wird, verfügt über eine eigene Sporthalle. Studierende der Magdeburger Otto-von-Guericke-Universität haben nun eine Umfrage gestartet, um im Stadtteil Ideen für die Halle zu sammeln. Eine Nutzung als reine Markthalle dürfte sich aber kaum umsetzen lassen, denn das Gebäude liegt nicht zentral in Magdeburg. Eine Markthalle ohne Marktplatz macht wenig Sinn.

Nutzungsideen scheiterten an den Sanierungskosten

Der Bürgerverein Stadtfeld favorisiert eine Mischnutzung und hat dabei vor allem den Freizeitbereich im Blick, mit Indoorspielplatz, Erlebnisgastronomie oder die Nutzung als Eislauf- oder Skaterhalle. All diese Ideen gab es auch schon, als es um den Erhalt der Magdeburger Hyparschale ging. Sie scheiterten, weil die Nutzungsideen nicht mit den Sanierungskosten in Einklang zu bringen waren. Deshalb entschloss sich die Stadt, die Sanierung selbst zu übernehmen.

Möglicherweise wäre dies auch eine Option für die Gieseler-Halle. Der Sanierungsstau des Gebäudes wurde im Jahr 2016 auf rund 30 Millionen Euro beziffert. Mit jedem weiteren Jahr Planungsunsicherheit dürfte diese Summe noch steigen.

Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Über den Autor Geboren ist Uli Wittstock 1962 in Lutherstadt Wittenberg, aufgewachsen in Magdeburg. Nach dem Abitur hat er einen dreijährigen Ausflug ins Herz des Proletariats unternommen: Arbeit als Stahlschmelzer im VEB Schwermaschinenbaukombinat Ernst Thälmann. Anschließend studierte er evangelische Theologie. Nach der Wende hat er sich dem Journalismus zugewendet und ist seit 1992 beim MDR. Er schreibt regelmäßig Kolumnen und kommentiert die politische Entwicklung in Sachsen-Anhalt.

MDR/Ulli Wittstock

2 Kommentare

Basil Disco vor 5 Wochen

"Denn Kistenarchitektur, die schon auf der grünen Wiese deplatziert wirkt, passt noch viel weniger in ein städtisches Wohnumfeld." Wie recht Sie haben, Herr Wittstock. Hat in Magdeburg aber Tradition. Im Stadtzentrum steht ein seelenloses Einkaufszentrum von der Stange, über hundert Bäume mussten dafür fallen, am Bahnhof wurde der grüne Bahnhofsvorplatz mit zwei Kisten vollgestellt. Eine Kastanienallee und zwei uralte Ulmen am Breiten Weg wurden der Profigier der Wohnungsgesellschaften geopfert, kein Stadtpark und keine Grünfläche ist vor der Bauwut sicher. Seit neuestem ist man nun im Hochhauswahn bei gleichzeitigem Leestand von 21000 Wohnungen (Stand 2019 statistisches Landesamt). Man kann gar nicht so viel fressen wie man ...

immer CDU vor 5 Wochen

warum wird es aktuell nicht als Impfzentrum genutzt? ich will seit Monaten geimpft werden. selbst mehrfache Anrufe beim Hausarzt blieben ergebnilos und man staunt über die täglichen Erfolgsmeldungen wie viele geimpft sein sollen, ich werde Woche für Woche ja Monat für Monat vertröstet. Hausarzt bekommt nur Mittwoch und Donnerstag Impfstoff und impft strikt nach Alter der Patienten das aktuell bei 85 legen soll

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