Eindrücke aus Magdeburg Winter – warum er eine Erwähnung wert ist

Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Wer über das Wetter redet, der hat sonst nichts zu erzählen, so lautet ein oft gehörter Vorwurf. Anderseits ist das Wetter nicht selten Einstieg in ein Allerwelts-Gespräch, das ein wichtiger Teil unserer sozialen Kommunikation ist. MDR SACHSEN-ANHALT Reporter Uli Wittstock nimmt das Wetter der letzten Tage zum Anlass für ein (Selbst)-Gespräch.

Blick auf die Schrote im Magdeburger Stadtteil Stadtfeld
Hübsch sieht er schon aus, der Winter in Magdeburg. Da kann man nichts sagen. Bildrechte: MDR/Susanne Ahrens

In der Straße, in der ich wohne, gibt es eine strenge Kehrordnung. Da es sich überwiegend um Ein- und Zweifamilienhäuser handelt, kann man am Wochenende sehr gut erleben, wie der Grundsatz "Eigentum verpflichtet" zur Praxis wird. Nach der schneereichen Nacht am Wochenende hörte ich also schon Sonntagmorgen um halb acht das kratzende Geräusch der ersten Schneeschieber. Um neun Uhr waren die Schneemassen der Straße sauber am Gehsteig aufgetürmt, als gelte es, mit den Sonntagsglocken der Kirche einen geräumten Gehweg zu präsentieren. Doch als die Glocken dann läuteten, waren die Gehwege schon wieder verschneit.

Mann arbeitet mit Schneeschaufel.
Manch einer machte Schneeschieben am Sonntag zu seinem Hobby und kam alle paar Stunden seiner Räumpflicht nach. Bildrechte: Colourbox

Gegen Mittag versuchte so mancher sich noch einmal in der Räumpflicht und besonders eifrige brachten es an diesem Tag auf vier Versuche, doch allmählich setzte sich wohl die Einsicht durch, dass diesem Schnee nicht viel entgegenzusetzen war. Der steingraue Himmel streute weiterhin Schnee ins Land und die Wetter-App verzeichnete null UV-Belastung. Der Winter war ins Land gezogen.

Rodeln statt Radeln

In Magdeburg hatten sich bereits am Sonntagnachmittag die Radwege rund um den Stadtpark in Langlaufloipen verwandelt. Die historischen Rodelhänge im ehemaligen Pionierpark, die Teufelsbahn und die Drachenpiste, waren fest in Hand der Familien. Doch wer jetzt keinen Schlitten hat, der kauft keinen mehr, denn für die Sportgeschäfte gilt selbst bei solchem Wetter kein Winternotverkauf. So wurde auf allem bergab gerutscht, was irgendwie geeignet schien. Die sogenannten "Arschrutscher" gibt es offenbar in vielfältigen Variationen. Obstkisten, Müllsäcke und aufgeblasene Gartenpools waren da im Einsatz, ebenso wie Luftkissen und sogar ein Backblech mit Besatzung sah ich bergab rasen.

Mann zieht Kinder auf Schlitten
Ob auf dem Schlitten, Müllsack oder sogar auf dem Backblech – die Magdeburger waren bei ihrem Rodelspaß erfinderisch. Bildrechte: IMAGO / Cavan Images

Gefährlicher wirkten die Versuche, mit Skateboards, deren Rollen demontiert waren, ein Snowboardfeeling nachzustellen, was nach wenigen Höhenmetern meist mit einem Sturz endete. Noch verwegener wirkten einige, darunter auch durchaus ältere Herren, die mit Abfahrtsski den Hang eroberten. Sie hatten sich eine Schanze gebaut und übten sich in einer Magdeburger Skisprungmeisterschaft.

Auch ansonsten zeigten sich die Menschen kreativ im Tiefschnee. So kursieren Filme im Netz, bei denen man Zeitgenossen sieht, die in Ermangelung eines Pferdes ein Auto vorgespannt hatten und sich von diesem mit Ski und Snowboard über den Hasselbachplatz ziehen ließen, ein echtes Cruiserfeeling, natürlich alles andere als verkehrsregelkonform. Der Schnee scheint also durchaus kindliche Instinkte zu wecken. Selbst die Hunde tobten wie junge Welpen durch das Weiß, nur die kleinen wurden getragen. Man hätte wohl zu lange nach ihnen im Schnee suchen müssen.

Schneefeldein – ein Land versinkt

Der Montag mit seiner üblichen Großoffensive für Berufspendler, Fernfahrer und Frühaufsteher blieb in Eis und Schnee stecken wie weiland Napoleons Armee vor den Toren Moskaus. Busse und Bahnen rollten noch nicht mal über die ersten Schneehügel vor den Depots. Und wer es irgendwie mit dem Auto auf eine eigentlich befestigte Straße geschafft hatte, der hätte einen Bootsführerschein gebraucht bei dem schlingerigen Kurs über die Schneefelder.

Verkehrsschild Tempo-30-Zone
Sachsen-Anhalt als Tempo-30-Zone, das gibt es auch nicht alle Tage. Bildrechte: Colourbox.de

Doch alsbald bildeten sich nicht nur Fahr- sondern auch Schiebegemeinschaften. Wann immer ein Auto durch Schneeberge kurvte und dann doch stecken blieb, so fanden sich alsbald genügend Helferinnen und Helfer, die den Gestrandeten aus der Schneewehe auf festen Untergrund zurückschoben. Und obwohl sich das ganze Land in eine Tempo-Dreißig-Zone verwandelte, wurde über das sonst übliche Auftreten von Wutbürgern nicht berichtet. Mag sein, dass der Schnee auch auf die Psyche eine beruhigende Wirkung entwickelt, eine Art kaltweiße Dusche für Heißsporne aller Art. Und blickt man nun über die verschneiten Flächen, dann versteht man wohl, was der Begriff "Winterruhe" eigentlich bedeutet.

Zugeschneite Straßen Schnee, Schnee, Schnee: Weiße Farbenpracht auch zum Start in die neue Woche

Neue Woche, altes Wetter: In Teilen Sachsen-Anhalts ist in der Nacht zu Montag weiterer Schnee gefallen. An Normalbetrieb auf den Straßen ist vielerorts nicht zu denken. Eindrücke vom winterlichen Treiben.

Ein Fahrradfahrer fährt auf einer verschneiten Straߟe im Zentrum.
Winterwunderland Sachsen-Anhalt: Nachdem stundenlanger Schneefall schon am Sonntag für eine dichte Schneedecke gesorgt hatte, ist die Lage seit Montagmorgen noch einmal angespannter – wie hier in Halle. Bildrechte: dpa
Ein Fahrradfahrer fährt auf einer verschneiten Straߟe im Zentrum.
Winterwunderland Sachsen-Anhalt: Nachdem stundenlanger Schneefall schon am Sonntag für eine dichte Schneedecke gesorgt hatte, ist die Lage seit Montagmorgen noch einmal angespannter – wie hier in Halle. Bildrechte: dpa
Autos stehen am Stadtrand von Halle/Saale auf einer stark verschneiten Straߟe im Stau.
Nicht nur am Stadtrand kam der Verkehr am Montagmorgen gehörig ins Stocken. Wer mit dem Auto unterwegs war, musste Geduld haben. Bildrechte: dpa
Zwei Studenten schippen mit Schneeschiebern Schnee auf einem Parkplatz in Halle/Saale.
Voraussetzung: Man war überhaupt aus der Parklücke gekommen – wegen hoher Schneeberge immer wieder eine herausfordernde Angelegenheit. Bildrechte: dpa
Eine verschneite Straße im Magdeburger Stadtteil Stadtfeld, am Straßenrand stehen zugeschneite Autos.
Das werden auch die Besitzerinnen und Besitzer einiger dieser Autos zu spüren bekommen, die im Magdeburger Stadtteil Stadtfeld eingeschneit wurden. Bildrechte: MDR/Susanne Ahrens
Zwei Menschen laufen auf einer zugeschneiten Straße in Magdeburg-Stadtfeld.
Wer konnte, ließ Rad und Auto sowieso am besten stehen und machte sich zu Fuß auf den Weg. Definitiv die sicherste Variante! Bildrechte: MDR/Susanne Ahrens
Eine verschneite Kreuzung im Magdeburger Stadtteil Stadtfeld.
Entsprechend verwaist waren mitunter eigentlich stark befahrene Kreuzungen wie hier an der Diesdorfer Straße in Magdeburg. Bildrechte: MDR/Susanne Ahrens
Blick auf die Schrote im Magdeburger Stadtteil Stadtfeld
Das Schöne: Bei all den Problemen auf den Straßen bot die lange nicht gehabte Menge Schnee doch schöne Ansichten – hier entlang der Schrote in Magdeburg. Bildrechte: MDR/Susanne Ahrens
Ein Kind zieht ein anderes Kind auf dem Schlitten durch den Schnee
Die beste Art der Fortbewegung dieser Zeit: Der Schlitten. Bildrechte: MDR/David Fuhrmann
Menschen schieben ein Auto durch den Schnee
Wie dieses Bild beweist, denn viele Autos blieben im Schnee liegen ... Bildrechte: MDR/David Fuhrmann
Autos im Schnee in Halle
... wenn sie denn überhaupt unter all dem Schnee gefunden wurden. Bildrechte: MDR/David Fuhrmann
Marktplatz Wernigerode im Schnee.
Besonders schön auch der Marktplatz in Wernigerode. Bildrechte: MDR/Elke Kürschner
Liegengebliebener LKW in den engen Gassen Wernigerodes.
Weniger schön hingegen ist dieser liegengebliebene LKW, der in den engen Gassen Wernigerodes nicht durch die Gassen kam. Bildrechte: MDR/Elke Kürschner
Schneeberge vor einem Haus.
Keine leichte Aufgabe für Hausbesitzer: Fußwege freihalten – besonders im Landkreis Harz sind die Schneeberge enorm gewachsen. Bildrechte: MDR/Elke Kürschner
Unter einer dichten Schneedecke in Magdeburg sind Straßenbahngleise nur zu erahnen.
Dass es für den Öffentlichen Nahverkehr auch am Montag schwierig werden würde, konnte ahnen, wer in der Nacht zu Montag diese zugeschneiten Weichen sah. Die Schienen waren nur rund um die Weichenheizung zu erahnen. Bildrechte: MDR/André Plaul
Blick auf eine verschneite Straße in Magdeburg.
Heute Morgen wie auch jetzt, später am Tag, gilt: Die Fahrt über verschneite Straßen gestaltet sich herausfordernd. Bildrechte: MDR/André Plaul
Schnee und Wasser im Stadtpark in Magdeburg
Bis zum Nachmittag könnte weiterer Schnee fallen, kündigte der Deutsche Wetterdienst an. Bildrechte: MDR/André Plaul
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Winterferien – es passt

Es ist in gewisser Weise tragisch, dass ausgerechnet in dem Jahr, im dem der Winter ins Flachland zurückkehrt, die Sportläden wegen Corona geschlossen sind. Die Umsätze wären sonst wohl steil nach oben gegangen. Auch der Tourismus im Harz hätte wohl eine äußerst erfolgreiche Saison erlebt.

Wir hatten es uns angewöhnt, im Urlaub dem Winter nachzureisen. Nun aber, da der Urlaub nicht möglich ist, kommt der Winter zu uns.

Uli Wittstock MDR-Reporter
Eine verschneite Straße im Magdeburger Stadtteil Stadtfeld, am Straßenrand stehen zugeschneite Autos.
Der Winterurlaub ist auch im Magdeburger Stadtteil Stadtfeld eingezogen. Bildrechte: MDR/Susanne Ahrens

Andererseits hatten wir es uns angewöhnt, im Urlaub dem Winter nachzureisen. Nun aber, da der Urlaub derzeit nicht möglich ist, kommt der Winter zu uns. Und wenn die Meteorologen Recht behalten, dann wird der Schnee uns weit in die nächste Woche begleiten. Aber mit dem ersten Schnee ist es wie mit der ersten Liebe – der Reiz verflüchtigt sich irgendwann. Nutzen wir also die nächsten Tage für ein unbeschwertes Winterfeeling. Wer weiß, wann es hierzulande wieder so weiß wird.

Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Über den Autor Geboren ist Uli Wittstock 1962 in Lutherstadt Wittenberg, aufgewachsen in Magdeburg. Nach dem Abitur hat er einen dreijährigen Ausflug ins Herz des Proletariats unternommen: Arbeit als Stahlschmelzer im VEB Schwermaschinenbaukombinat Ernst Thälmann. Anschließend studierte er evangelische Theologie. Nach der Wende hat er sich dem Journalismus zugewendet und ist seit 1992 beim MDR. Er schreibt regelmäßig Kolumnen und kommentiert die politische Entwicklung in Sachsen-Anhalt.

MDR/lk

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 10. Februar 2021 | 15:10 Uhr

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