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Das Kabarett "... nach Hengstmanns" ist gerade erst renoviert worden. So optimistisch wie die Veranstalter, sind derzeit nicht alle Kulturschaffenden in Magdeburg. Bildrechte: MDR/Leonard Schubert

Steigende KostenTrotz Krise: Kulturschaffende aus Magdeburg geben nicht auf

von Leonard Schubert, MDR SACHSEN-ANHALT

Stand: 24. September 2022, 14:11 Uhr

Für viele Magdeburger Kulturschaffende ist die Lage derzeit prekär. Nach zwei Jahren Pandemie kommen die Zuschauer nur langsam zurück, es fehlen Einnahmen. Gleichzeitig ist auch die Kulturszene von den derzeit steigenden Energiekosten betroffen. Künstler und Veranstalter aus Magdeburg erzählen, wie sie versuchen, optimistisch zu bleiben und mit der Situation umzugehen.

Einer, der sich weigert, sich von der schwierigen Zeit die Laune verderben zu lassen, ist Tobias Hengstmann. Er betreibt gemeinsam mit seinem Bruder und seinem Vater das Kabarett "... nach Hengstmanns" in Magdeburg. Mitten in der unsicheren Zeit hat die Familie einen Kredit aufgenommen, ihren Laden renoviert und angefangen, sich als zweites Standbein eine eigene Gastronomie aufzubauen.

Tobias Hengstmann ist schon fast aus Prinzip optimistisch. "Anders würde ich das gar nicht aushalten", sagt er. "Aber wenn wir krachen gehen, gehen wir sowieso krachen. Und dann wenigstens mit dem Gefühl: Wir haben alles gegeben und so gemacht, wie wir es für richtig gehalten haben."

Denn von alleine, meint er, wird es auf keinen Fall besser. Während der Corona-Pandemie galt das ebenfalls. Als live fast nichts mehr ging, haben die Hengstmanns eine eigene Late-Night-Show und einen Podcast entstehen lassen, um digital ihr Programm an die Leute zu bringen und nicht in Vergessenheit zu geraten.

Im Kaberett "... nach Hengstmanns" will die Familie zukünftig selbst Gastronomie betreiben – gemeinsam mit einem Team. Bildrechte: MDR/Leonard Schubert

Zuschauerschwund noch erträglich

Bisher scheint sich die Haltung auszuzahlen. Bei der Saisoneröffnung nach der Sommerpause war ihr Laden wider Erwarten rappelvoll. Auch der Zuschauerschwund bei anderen Veranstaltungen sei "spürbar, aber in ertragbaren Grenzen".

Trotz allem spürt auch Tobias Hengstmann den Druck. Er erzählt von ausbleibenden Vorbestellungen und von seiner Angst um Magdeburg als Kulturstandort. "Ich hoffe so sehr, dass die anderen Läden überleben, denn ein buntes Kulturleben ist einfach das A und O", sagt er.

Moritzhof befürchtet langfristig die Schließung

Deutlich pessimistischer, ob es am Ende zum Fortbestand reichen wird, ist Katrin Gellrich, Geschäftsführerin vom Kulturzentrum Moritzhof im Magdeburger Stadtteil Neue Neustadt. Sie berichtet davon, dass früher ausverkaufte Veranstaltungen nun nicht einmal halb voll werden, während sich die Energiekosten verdreifacht haben. Bei einem großen Veranstaltungsort, der aus Denkmalschutzgründen auch nicht einfach so saniert werden kann, gehen die Zusatzkosten sofort in die Zehntausende.

Im Moritzhof sei die Lage derzeit prekär, erzählt die Geschäftsführerin. Bildrechte: MDR/Leonard Schubert

Trotz aller geplanter Sparmaßnahmen und neuer Geldeinnahmequellen werde der Moritzhof weiterhin Minus schreiben, wenn das Publikum ausbliebe, meint Katrin Gellrich. Man werde jetzt alles versuchen, aber wenn das nicht reiche, bliebe nur noch die Schließung.

Musiker Oliver Vogt: "Noch reicht die Kraft"

Auch Musiker und Tonstudiobesitzer Oliver Vogt aus Magdeburg berichtet, dass sich das Zuschauerverhalten im Vergleich zu 2019 stark verändert hat. Er ist unter anderem Gründungsmitglied des Magdeburger Kabaretts "Zwickmühle" und hat viel in der Kulturszene erlebt. Aber gerade, sagt er, sei die Zeit schon schwierig: "Wenn du mal 40 Prozent der Umsätze hast von 2019 ist das schon viel".

Zum Nachhören: Das Interview mit Oliver Vogt:

Sein Eindruck ist, dass gerade Party oder Mega-Events eher angesagt seien, als anspruchsvolle lokale Künstler: "Die Leute wollen Party machen, ein Bierglas hochhalten. Aber wer da oben auf der Bühne steht, ist eigentlich ziemlich egal." Ballermanhits spielen möchte er trotzdem nicht, sondern seiner Kunst treu bleiben.

Auf "Ballermannmusik" hat Oliver Vogt keine Lust (Symbolbild). Bildrechte: dpa

Wie viele rätselt auch Oliver Vogt über die Frage, warum die Zuschauer oft wegblieben. Teilweise läge es vielleicht an der finanziellen Lage, teilweise daran, dass die Menschen sich ans zu-Hause-bleiben gewöhnt hätten, teilweise an Verunsicherung wegen Corona-Regelungen, vermutet er. "Wenn ich genau wüsste, wieso Leute kommen oder nicht kommen, dann wäre ich reich", sagt er und ergänzt schulterzuckend: "Ich bin ja auch ratlos und kann nur Vermutungen anstellen."

Obwohl die Zeiten nicht einfach sind, kommt aufgeben für Oliver Vogt nicht in Frage. "Noch ist die Kraft da, dass man sagt, wir machen noch ein neues Programm. Wir üben noch neue Songs. Wir gehen auf die Suche nach neuen künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten", erzählt er. "Vielleicht kriegen wir es ja hin, dass die Kultur wieder mehr in die Köpfe der Menschen kommt, wieder mehr zum Grundbedürfnis wird." Live sei einfach anders und wir bräuchten bestimmte Kulturangebote, um nicht zu verrohen. Aber die Rückgewöhnung, "die braucht Zeit".

Kulturbeigeordnete hofft auf Hilfen von Land und Bund

Magdeburgs Beigeordnete für Kultur, Regina-Dolores Stieler-Hinz, erzählt von einer "durchwachsenen Zuschauerbilanz" im Sommer. Noch sei kein roter Faden zu erkennen, wieso einige Veranstaltungen gut gefüllt seien, während andere, vormals beliebte, auf einmal nahezu leer blieben. Für viele Kulturschaffende sei die Belastung durch steigende Energiepreise und Personalkosten bei gleichzeitigen Ausfällen durch zögerndes Publikum und Corona immens.

Magdeburgs Kulturbeigeordnete hofft auf Unterstützung von Land und Bund für die Kulturszene. Bildrechte: MDR/Leonard Schubert

Von Seiten der Stadt gebe es große Bemühungen, die Kulturschaffenden zu unterstützen. Aber die Kommunen alleine seien dazu nicht in der Lage. Derzeit hoffe sie, dass man sich mit dem Land und dem Bund auf Unterstützungen einigen könne. "Unsere Stadt lebt von Vielfalt und Kultur. Kultur ist mehr als nur Spielerei, sondern ein wichtiger Standortfaktor. Wir werden also für die Kulturszene kämpfen." Die Kultur spüle auch Geld in die Stadtkassen, sorge für ein besseres Sozialklima oder dafür, dass Menschen in der Stadt wohnen blieben. Aber das sei schwer in Zahlen messbar.

Bei aller Sorge um die Kulturszene ist Stieler-Hinz eines wichtig: "Wir dürfen dabei nicht vergessen, dass auch viele andere Bereiche durch die akute Lage betroffen sind und Hilfe brauchen. Wir müssen gemeinsam durch diese Krise gehen."

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MDR (Leonard Schubert)

Dieses Thema im Programm:MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 23. September 2022 | 08:00 Uhr

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