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Kunstmuseum MagdeburgVerstörende Werke des ukrainischen Fotografen Sergiy Bratkov

09. Juni 2024, 03:00 Uhr

Der Ukrainer Sergiy Bratkov war bis vor zwei Jahren ein gefeierter Fotograf in Russland. Wegen seines ukrainischen Passes wurde er des Landes verwiesen und lebt nun in Berlin. Der preisgekrönte Fotograf ist bekannt für seine radikalen und schrillen Fotografien. Seine als Werkschau geplante Ausstellung in den Kunstsammlungen Magdeburg zeigt nun stattdessen seine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Krieg und nur wenige Fotos. Die frisch entstandenen Werke sind erstmals zu sehen.

Die Ausstellung "My brother's cats" beginnt mit einem Katzenfilm. Eine Katze mit einer Glitzerkette um den Hals sitzt auf einer nicht detonierten Bombe. Das sieht der Betrachter erst auf den zweiten Blick. Entstanden ist der Film in Charkiw im Jahr 2022.

"My brother's cats" sind die Katzen des Bruders von Sergiy Bratkov, eine von ihnen sitzt hier auf einer nicht detonierten Bombe in Charkiw. Bildrechte: Anne Sailer

Ein Künstler mit Tiefgang

Der 1960 geborene Sergiy Bratkov ist eigentlich bekannt für seine ergreifenden Porträts. Auf den ersten Blick wirken seine Protagonisten fast anmutig. Beispielsweise ein junges Mädchen, das auf einem alten Sessel sitzt. Erst auf den zweiten Blick sieht man an ihrer Pose: Sie wurde zum Sexualobjekt degradiert. Ein paar Fotos haben es in die Ausstellung geschafft: Auf einem ist Bratkovs Vater zu sehen, ein sympathischer alter Mann. Beim genaueren Hinsehen sieht der Betrachter einen bekleckerten Latz, ein schmutziges Bett, Kanister als Armstützen.

Sergiy Bratkov hat das Foto "Portrait of My Father" genannt, es stammt aus dem Jahr 2015. Bildrechte: Sergey Bratkov

Das zeichnet Bratkovs Fotos aus. Dieser zweite Blick, der hat ihn bekannt gemacht.

Annegret Laabs, Direktorin des Kunstmuseums unser lieben Frauen Magdeburg

"Das zeichnet Bratkovs Fotos aus. Dieser zweite Blick, der hat ihn bekannt gemacht", sagt die Direktorin des Kunstmuseums, Annegret Laabs. Diese Werke wollte sie ursprünglich auch zeigen, mit dem Beginn des Krieges rückte diese Idee jedoch in den Hintergrund. Daher sind jetzt hauptsächlich Werke zu sehen, die in Frankfurt am Main entstanden sind. Bratkov hat Kriegsbilder aus der Zeitung ausgeschnitten, vergrößert und übermalt.

Die Kuratorin der Ausstellung, Annegret Laabs, steht vor zwei Bildern, die erst vor kurzem entstanden sind – Bratkovs unmittelbare Reaktion auf den Krieg. Bildrechte: Anne Sailer

Sergiy Bratkov – Chronist wider Willen

Zu sehen sind Gebäude in seiner Heimatstadt Charkiw. Alles ist vom Künstler überpinselt, mit seiner Farbe tilge er die Gebäude, so wie der Krieg die Gebäude tilgt, erklärt Laabs. Das gleiche macht er mit den Menschen. Sie verschwinden unter der Farbe, die der Künstler aufgetragen hat. Diese klare Bildsprache ist bedrückend.

Mit seinen Sprachbildern wagt Bratkov einen Rückgriff auf den russischen Konstruktivismus der 1920er-Jahre. Bildrechte: Anne Sailer

Ich kann gar nicht mehr fotografieren. Mir ist das Motiv abhanden gekommen.

Sergiy Bratkov, ukrainischer Fotograf

"Ich kann gar nicht mehr fotografieren. Mir ist das Motiv abhanden gekommen", beschreibt Bratkov seinen derzeitigen Gemütszustand im Berliner Exil. Neben den Frankfurter Arbeiten, die sich mit dem Krieg in seiner Heimat befassen, hat er neue Sprachbilder geschaffen. Bilder, die er lange nicht mehr gemacht hat.

Auf bunten Flächen experimentiert er mit Farben und Buchstaben. Einen Kriegsbezug gibt es auch hier. Wer die kyrillischen Buchstaben zu entziffern vermag, kann beispielsweise "Rückkehr" lesen. Das impliziert die Frage nach der Rückkehr ins Heimatland.

Die Kunst in der Pflicht

Der Museumsleiterin des Kunstmuseums Magdeburg Laabs ist bewusst, dass das Thema Krieg gerade sehr belastet und dass jemand, der Kunst erleben will, vielleicht auch mal abschalten möchte. Aber Kunst könne einen anderen Blick ermöglichen als Fernsehbilder, meint sie. Die Kunst zeige die Seele der Menschen, des Künstlers. Das Team des Kunstmuseums Magdeburg lässt die Besucherinnen und Besucher in der Ausstellung "My brother's cats" zudem nicht allein. Sie bieten Führungen und Gespräche an. Einen Katalog zur Ausstellung gibt es auch.

Sergiy Bratkov lebt im Exil in Berlin. Das Kunstmuseum Magdeburg zeigt aktuelle Werke von ihm. Bildrechte: Sergiy Bratkov

Quelle: MDR KULTUR (Anne Sailer)
Redaktionelle Bearbeitung: asa

Weitere Informationen

Ausstellung "My brother's cats"

Eröffnung:
Sonnabend, 9. Juni 2024, 17 Uhr

Kunstmuseum Magdeburg
Kloster Unser Lieben Frauen
Regierungsstr. 4-6
39104 Magdeburg
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 10 bis 17 Uhr
Sonnabend und Sonntag 10 bis 18 Uhr

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 07. Juni 2024 | 06:15 Uhr