Regenbogenfamilien und Rollenbilder Wie in Sachsen-Anhalts Kitas für Geschlechtervielfalt geworben wird

Julia Heundorf
Bildrechte: MDR/Kevin Poweska

Ein Koffer voller Kinderbücher soll in Sachsen-Anhalt Fachkräfte in Kitas, Grundschulen und Horten über Vielfalt bei Geschlecht und Familien und über Rollenbilder aufklären. Die Einrichtungen können ihn kostenlos ausleihen, für Projekte nutzen, oder einfach zum Stöbern und Lernen. Das Projekt wird gut angenommen, aber wie es ab 2022 damit weitergeht, ist unklar.

Nahaufnahme von mehreren Kinderbüchern und einem rosa Stoff-Pony auf einem Tisch
"David und sein rosa Pony", "Männer weinen" und "Puppen sind doch nix für Jungen!" – diese und andere Bücher werden als Teil des Koffers ausgeliehen. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

Im Jahr 2018 las die Travestiekünstlerin Olivia Jones im Landtag von Sachsen-Anhalt aus ihrem Kinderbuch vor. Die Grünen hatten sie damals eingeladen, weil es aus den Reihen des Landtages Kritik an einer Aufklärungskampagne gegeben hatte. Teil dieser Aufklärungskampagne ist ein Medienkoffer zum Thema Geschlechtervielfalt. Seit es das Angebot vom Land gibt, ist die Nachfrage laut Projektbetreuer Jonathan Franke immer weitergewachsen. Dabei wuchs die Zahl der verfügbaren Medienkoffer von zwei auf sieben.

Die Materialien sind ein kostenloses Angebot zur Weiterbildung. Die Geschichten aus dem Koffer, in denen ein Prinz einen anderen Prinzen heiratet, Mädchen angeln gehen und Jungs backen und nähen, können und sollen erstmal die Erwachsenen erreichen – das Personal in Kitas, Horten und Grundschulen.

Idee kam nach Trainings für geschlechtergerechte Konfliktlösung

"Geschlecht wird tagtäglich ausgehandelt durch die Kinder: in ihrem Spiel, in dem, was sie anhaben beispielweise auch. Geschlecht ist automatisch ein Thema", sagt Jonathan Franke, der als Bildungsreferent beim Kompetenzzentrum geschlechtergerechte Kinder- und Jugendhilfe LSA e.V. (KgKJH) arbeitet. Darauf wolle er die Fachkräfte aufmerksam machen, wenn er ihnen den Koffer übergibt.

Porträt eines jungen Mannes mit Käppi, einem Ohring, goldener Brille und Bart
Bildungsreferent Jonathan Franke kümmert sich um das Medienkoffer-Projekt. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

Der Verein führt schon seit 2015 in Kitas Trainings für geschlechtergerechte Konfliktlösung durch. Geschäftsführerin Kerstin Schumann sagt: "In diesem Zusammenhang ist uns sehr schnell klar geworden, dass Konflikte nicht immer nur was mit Mädchen und Jungen zu tun haben, sondern dass es da mehr gibt."

Mithilfe des Koffers lernen Kitas und Grundschulen mehr über Geschlechterrollen, Geschlechtervielfalt und Familienvielfalt: Wie werden Mädchen und Jungen in der Gesellschaft wahrgenommen? Welche Rollen werden von ihnen erwartet? Es gibt Geschichte über Mädchen, die angeln, und Jungs, die backen. Über Seepferdchen – eine Spezies, in denen das Männchen den Nachwuchs austrägt. Es werden Familien gezeigt, die nur ein Elternteil haben, gleichgeschlechtliche Familien oder Kinder, die bei ihren Großeltern leben.

Auch die Kinder sollen mithilfe der Bücher die Chance haben, das alles kennenzulernen, erklärt Jonathan Franke: "Es sollte am besten gar nicht erst dazu kommen, dass gegenüber Gruppen oder Kategorien Vorurteile entwickelt werden." Viele Bücher, so Franke, würden sehr klare Geschlechterrollen formulieren und Kindern einen einseitigen Weg vorgeben. Mit dem Koffer wolle das Team zeigen, dass das nicht der einzige Weg ist.

Buchungen kommen, aber Zukunft ist ungewiss

Die Koffer voller Kinderbücher zum Thema Geschlechtervielfalt können beim KgKJH ausgeliehen werden. Seit Juni 2021 ist der Buchungskalender allerdings voll. Das Team des Medienkoffers hat bereits Buchungsanfragen für Januar und Februar. Kerstin Schumann sagt, es sei bisher aber unklar, ob es weitergehe. Denn das Aktionsprogramm laufe 2021 aus:

Wir haben einen entsprechenden Projektantrag gestellt und wir wissen, dass der Koffer nicht mehr im neuen Aktionsplan zu finden sein wird, sondern als gelungenes Projekt angesehen wird, […] aber durch den Hauswechsel ist das alles noch unklar.

Kerstin Schumann Kompetenzzentrum geschlechtergerechte Kinder- und Jugendhilfe LSA e.V.

Das Sozialministerium bestätigte MDR SACHSEN-ANHALT, dass das Projekt weiter gefördert werden soll, konnte aber noch nichts über die konkrete Ausgestaltung sagen. Bis vor kurzem gehörte das Ressort Gleichstellung noch zum Justizministerium.

Positive Rückmeldungen aus Kitas und Schulen

Franke ist guter Dinge. Das Team bekäme positiven Zuspruch von fast allen Parteien und auch das Feedback der Kitas, Horte und Grundschulen sei immer positiv. Eine Rückmeldung habe er besonders in Erinnerung behalten: In einer Einrichtung sei nach einem Koffer-Projekt für die Kinder ein Rettungsdienst in der Einrichtung gewesen, um mit den Kindern zu sprechen. Die hätten Stifte verteilt – in rosa für die Mädchen, in blau für die Jungs. Darauf seien die Fachkräfte sofort angesprungen und hätten gefragt, warum. Dann habe es auch grüne Stifte gegeben.

Eine Packung Buntstifte mit mehreren Braun- und beigetönen mit der Aufschrift Hautfarben
"Das Projekt ist sehr darauf ausgerichtet, auch allgemein Vielfalt abzubilden", sagt Franke. Der Fokus liege trotzdem auf dem Geschlecht. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

14 Kommentare

Anni22 vor 6 Wochen

@ Brigitte Ja das wirft Fragen auf, achten die Fachkräfte auch auf geschlechterneutrale Kleidung bei den Kindern, Ich mein warum immer diese Kleidchen für Mädchen und dieser doofe Einhornrucksack?
Das ist immer der Moment wo eigentlich gut gemeinte Dinge von Fachkräften völlig ins Irre abgleiten.

Tacitus vor 6 Wochen

In anderen Beiträgen wird über Mangel an Arbeitskräften in wichtigen Berufen geschrieben. Bei vielen solchen und anderen Vereinen gibt es ein Potenzial.

faultier vor 6 Wochen

Das Kitas keine Verwahranstaten sind ist doch klar und beim Bildungsauftrag hat Genderei und Queres Leben erstmal in dieser Alterstufe nichts zu suchen ,das scheinen zwar ein paar linke Pädagogen anders zu sehen ,glaube aber nicht das unser Enkelkind das jetzt schon zum Leben braucht.

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