Neuer Staatsvertrag Kaum Hilfe für Spielsüchtige in Sachsen-Anhalt

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Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Online-Glücksspiel ist bislang eine juristische Grauzone. Mit dem neuen Glücksspielstaatsvertrag sollen Spieler nun besser geschützt werden. Suchthilfe für Spieler ist in Sachsen-Anhalt aber rar. Für die etwa 5.000 Spielsüchtigen reicht das Angebot nicht aus.

Mehrfamilienhaus mit weißer Fassade vom Innenhof fotografiert
Die einzige Anlaufsstelle in Sachsen-Anhalt für Menschen, die süchtig nach Glücksspiel sind, ist in Magdeburg. Bildrechte: MDR/Uli Wittstock

Online kann man schnell tausende von Euro verzocken, doch wer seine Spielsucht in den Griff kriegen will, der muss sich schon aus dem Internet heraus in die reale Welt bewegen. Allerdings muss er in Sachsen-Anhalt sehr weite Wege in Kauf nehmen, denn derzeit gibt es im Land nur eine einzige Beratungsstelle für Spielsüchtige und zwar in der Magdeburger Stadtmission.

So wurde Florian (26) spielsüchtig

Wer hier zur Beratung kommt, hat zumeist mehr als nur ein schwerwiegendes Problem. Der 26-jährige Florian zum Beispiel wirkt nicht wie jemand, der sein Leben nicht im Griff hätte und dennoch hat er ein paar schwierige Jahre hinter sich: "Bei mir fing es an, als ich 18 war und meine Freundin mich mit in eine Spielhalle nahm. Und wie es der Teufel so will, hatte ich gleich am ersten Abend einen ziemlich großen Gewinn. Sofort war ich angefixt."

Was dann folgte, war eine Abwärtsspirale, die schnell nach unten führte. Florian verspielte regelmäßig sein Lehrlingsgeld, zahlte Rechnungen nicht und gelegentlich tauchten Gerichtsvollzieher bei seinen Eltern auf, bis die ihn vor lauter Verzweiflung auf die Straße setzten. Florian zog bei seiner Freundin ein, sein Leben änderte sich aber nicht: "Spieler sind die besten Lügner. Wir sind Meister darin Ausreden zu erfinden."

Eines Tages habe die Polizei vor seiner Tür gestanden, wegen einer unbezahlten Rechnung. "Und da war es dann so weit, dass ich plötzlich mit Handschellen dastand und die Polizei mich mitnehmen wollte, weil kein Geld da war. Und da hat mich dann meine Freundin zum Glück raus gekauft. Das war der Moment, wo ich dachte, Stopp jetzt, das ist eindeutig ein Problem." Zu diesem Zeitpunkt hatte Florian rund 15 Tausend Euro Schulden, zwei Drittel davon hat er inzwischen abbezahlt.

Viele Spielsüchtige, wenig Hilfsangebote

Der Spielsuchtberater in der Magdeburger Stadtmission, Daniel Krause, sagt, es gebe in Sachsen-Anhalt derzeit rund fünftausend Menschen, die akut spielsüchtig seien.

Wer spielsüchtig ist, ordne der Suche nach dem einen großen Kick alle anderen Lebensbereiche unter. Und so seien nicht nur die Spieler betroffen, sondern auch Familien, Freundeskreise oder Arbeitskollegen, kurz gesagt das gesamte soziale Umfeld.

Daniel Krause begrüßt, dass es nun eine bundesweite Behörde geben soll, die das Online-Glücksspiel überwachen wird. Allerdings sei die Behörde in Halle gerade im Aufbau, doch der Online-Glücksspielmarkt sei ab heute frei gegeben. "Besser wäre es gewesen, erstmal das Kontrollsystem aufzubauen und dann alles andere freizugeben. Jetzt ist es so, als wenn man erst den Fuchs in den Hühnerstall lässt und den Zaun dann im nächsten Jahr nachliefert", so Krause.

 Übersicht über die neuen Regeln fürs Online-Glücksspiel - Verbot von Tischspielen wie Poker, Blackjack, Roulette und Baccarat
- Keine Live-Casino-Angebote mehr
- Einzahlungslimit pro Spieler von 1.000€ pro Monat
- Spin-Einsätze von maximal 1€
- Einrichtung eines Panik-Buttons, mit dessen Hilfe sich Spieler für 24 Stunden selbst sperren lassen können
- Regelmäßige Hinweise an die Spieler über Gewinne und Verluste
- bundesweite Spielersperrdatei
- Einschränkung der Werbung (Verbot von 6–21 Uhr)
- Verbot von gleichzeitigen Wetten bei mehreren Online-Casino-Anbietern

Neue Maßnahmen für Spielsüchtige

Was von den Vorgaben auch technisch umzusetzen ist und ob der Datenschutz wirklich gewährleistet werden kann, ist jedoch derzeit genauso unklar, wie die Sinnhaftigkeit einiger Regelungen. Die Obergrenze für von eintausend Euro für monatliche Spieleinsätze hält Daniel Krause eindeutig für zu hoch: "Das Statistische Bundesamt gibt die durchschnittlichen Ausgaben für Freizeit und Kultur mit 256 Euro für einen Durchschnittsverdiener an. Wir haben jetzt den vierfachen Wert davon. Also dieser Betrag von tausend Euro ist exorbitant."

Immerhin hat Sachsen-Anhalt angekündigt, die Beratung von Spielsüchtigen zu verbessern. Neben der Beratungsstelle in Magdeburg soll es künftig auch in Halle, Dessau-Roßlau, Stendal und Halberstadt Angebote für Spielsüchtige geben. Derzeit allerdings hat Daniel Krause nur einen Vertrag bis zum Ende des Jahres und wie schnell eine neue Landesregierung die Beschlüsse der alten umsetzt, ist derzeit unklar.

Darauf will der Betroffene aufmerksam machen

Auch der 26-jährige Florian mahnt, das Thema Spielsucht stärker in den Blick zu nehmen. Denn während des Lockdowns hätte so mancher Abwechslung im Netz gesucht, ohne die Gefahren zu sehen: "Ich spreche von dieser ganz jungen YouTube-Generation. Es gibt da einen bekannten Influencer, der macht auch Werbung für Glücksspiele. Viele Jugendliche spielen das und sie verstehen einfach nicht was wirklich dahintersteckt und was für Probleme auftauchen können. Die wissen nicht, wieviel man kämpfen muss, um da wieder rauszukommen. Wirklich vorbei ist das eigentlich nie. Man hat immer wieder diesen Anreiz, immer wieder diesen Kampf, diesen inneren Schweinehund, den man besiegen muss."

Und tatsächlich kennt auch Florian die Geschichten vom Traumgewinn, dem einen großen Glücksgriff. Und den gibt es tatsächlich nicht nur im FiIm, aber am Ende heißt es auch hier: Die Bank gewinnt.

Ich kenne Leute, die haben hohe fünfstellige Summen gewonnen, also wirklich hohe fünfstellige Summen. Aber die haben davon sich auch kein Auto gekauft, maximal noch ein Fahrrad. Und dann war das Geld trotzdem weg. Also, die haben das alles wieder verspielt.

Florian ist süchtig nach Glücksspiel
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Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Über den Autor Geboren ist Uli Wittstock 1962 in Lutherstadt Wittenberg, aufgewachsen in Magdeburg. Nach dem Abitur hat er einen dreijährigen Ausflug ins Herz des Proletariats unternommen: Arbeit als Stahlschmelzer im VEB Schwermaschinenbaukombinat Ernst Thälmann. Anschließend studierte er evangelische Theologie. Nach der Wende hat er sich dem Journalismus zugewendet und ist seit 1992 beim MDR. Er schreibt regelmäßig Kolumnen und kommentiert die politische Entwicklung in Sachsen-Anhalt.

MDR SACHSEN-ANHALT/Julia Heundorf

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 01. Juli 2021 | 12:00 Uhr

1 Kommentar

goffman vor 16 Wochen

"Mit dem neuen Glücksspielstaatsvertrag sollen Spieler nun besser geschützt werden" - in erster Linie soll damit das Glücksspiel legalisiert werden!

Es ist gut, dass das Beratungs- und Hilfsangebot ausgeweitet wird.
Besser wäre es, die Prävention zu verbessern. Hier passiert jedoch genau das Gegenteil. Legalisierung des Glücksspiels, Legalisierung der Werbung - kombiniert mit dem Trugbild erhöhter Sicherheitsmaßnahmen:
wer 1000 € im Glücksspiel verzockt (1000 € - pro Monat!), hat doch bereits jegliche Kontrolle verloren!
Das ist so absurd.

Jeder Euro Steuergeld, der damit verdient wird, sollte direkt zweckgebunden in die Prävention gehen - das wäre das mindeste, wenn man den Mist schon legalisiert. Ach ja: und jeder Politiker, der das mit verbrochen hat, sollte mal einen Monat in einer Suchtberatungsstelle arbeiten müssen.

Gut, das mittlerweile das Lobby-Register beschlossen ist. Schade, dass es erst 2022 kommt und schade, dass es nicht so umfangreich ist, wie es sein müsste.

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