Umstrittener Neubau Neues Hotel in Überflutungsgebiet in Magdeburg

Annette Schneider-Solis
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

In Magdeburg ist ein neues Hotel eröffnet worden. Es steht mitten im Stadtpark, direkt an der Elbe und damit im Überschwemmungsgebiet. Dort darf aber eigentlich gar nicht gebaut werden. Nach dem Hochwasser von 2013 musste dort schon einmal ein Hotel abgerissen werden. Mehrere Stellungnahmen waren gegen den Neubau. Doch die Stadt kam zu einem anderem Ergebnis.

Ein Gebäude mit Holzfassade
Ein neues Hotel in Magdeburg steht da, wo es gar nicht stehen dürfte: mitten im Überflutungsgebiet. Bildrechte: MDR/Annette Schneider Solis

Magdeburg hat ein neues Hotel. Mitten im Magdeburger Stadtpark. Mitten im Grünen. Mitten im Hochwassergebiet. Holzverkleidet, geschwungene Fassaden und mit Erdwärme temperiert. Ein eindrucksvoller, architektonisch interessanter Bau. Trutzig steht er wenige Meter entfernt von der Rothehornspitze.

Dabei dürfte das Hotel dort eigentlich gar nicht stehen. Zum einen, weil der Flächennutzungsplan im denkmalgeschützten Stadtpark lediglich eine Sonderbebauung mit Sportstätten vorsieht. Zum anderen, weil sich das Grundstück mitten im Überflutungsgebiet an der Elbe befindet. 2002, 2006, 2013 – jedes Mal stand das Gelände unter Wasser und mit ihm das "Haus der Athleten", das dort seit den 1970er-Jahren stand und eine mit öffentlichen Geldern geförderte Herberge für Sportler und Sportlerinnen war.

Hotel Elbresidenz abgerissen

1998 wurde das "Haus der Athleten" von der Stadt Magdeburg per Erbbaupacht an die Gemeinnützige Gesellschaft zur Förderung des Leistungssports übertragen. Bis 2007 gehörte das "Haus der Athleten" zum Imperium von Handballmanager Bernd-Uwe Hildebrand. Als der nach Unregelmäßigkeiten seinen Hut nehmen musste, stand mit der Wohnungsbaugesellschaft Kalbe eine Käuferin parat. Die WBG Kalbe ist, anders als es der Name vermuten lässt, ein privates Unternehmen. Anfang 2009 war der Verkauf in trockenen Tüchern. Seitdem firmierte der Bau nicht mehr als "Haus der Athleten", sondern als "Hotel Elbresidenz".

Nach dem Hochwasser 2013 war das Gebäude nicht mehr nutzbar und wurde abgerissen. Bereits damals wurden Pläne für einen Hotelneubau durch die WBG Kalbe offeriert. Die waren aber so nicht umsetzbar. Das Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft und Energie teilte auf Anfrage mit: "Die Errichtung oder Erweiterung baulicher Anlagen ist in festgesetzten Überschwemmungsgebieten nach § 78 Abs. 4 Wasserhaushaltsgesetz (WHG) grundsätzlich untersagt." Laut Bauordnung des Landes würden Baugenehmigungen durch Landkreise und kreisfreie Städte erteilt. Über das Vorliegen der Voraussetzungen entscheide parallel dazu die Wasserbehörde.

Überflutungsfläche dürfte nicht bebaut werden

Fluss mit Häusern im Hintergrund
Das neue Hotel steht direkt an der Elbe und damit im Überschwemmungsgebiet. Bildrechte: MDR/Annette Schneider Solis

Zwar hat die Stadt Magdeburg laut einer Stellungnahme des Landesbetriebs für Hochwasserschutz die Festlegung als Überschwemmungsgebiete blockiert, die von der Oberen Wasserbehörde ausgewiesen worden waren. Der Landesbetrieb für Hochwasserschutz schreibt aber in einer Stellungnahme vom November 2015 auch: "Die Feststellung, dass es sich beim beantragten B-Plangebiet um ein festgesetztes Überschwemmungsgebiet handelt, ist bereits geführt." Der Landesbetrieb geht sogar noch weiter: Laut Wasserhaushaltsgesetz, welches immerhin ein Bundesgesetz ist, hätte die Fläche als Überflutungsfläche nach einem Abriss nicht mehr bebaut werden dürfen.

Hier griff der Investor zu einem Trick: Aus dem geplanten Hotel wurde im Antrag auf wundersame Weise wieder ein "Haus der Athleten". Genauer gesagt: ein Ersatzneubau für das "Haus der Athleten". Als solches ging die Planung in die Antragsrunde.

Mehrere Stellungnahmen gegen Bauvorhaben

Im Dezember 2014 beschloss der Stadtrat die Einleitung eines Satzungsverfahrens. Sämtliche Stellungnahmen sprachen sich gegen das Bauvorhaben aus: Untere Wasserbehörde, Landesbetrieb für Hochwasserschutz, Grünflächenamt – sie alle verwiesen auf die Lage im Überschwemmungsgebiet beziehungsweise auf den Erholungscharakter des Parks, der durch einen Hotelbau gestört würde. Sie lehnten den Bau ausdrücklich ab. Das Landesverwaltungsamt wies auf die Lage im Überschwemmungsgebiet, im UNESCO-Biosphärenreservat und auf erforderliche Abstimmungen mit Wasser- und Naturschutzbehörde hin.

Tisch und Heizpliz auf einer Terasse, im Hintergrund ein Fluss
Von der Terasse des Hotels aus hat man einen guten Blick auf die Elbe. Bildrechte: MDR/Annette Schneider Solis

Zwar haben insbesondere die Hochwasserexperten eindringlich vor der Umsetzung des Vorhabens gewarnt und darauf hingewiesen, dass die Fläche als Überflutungsgebiet nicht wieder bebaut werden dürfe, doch rechtlich bindend ist diese Expertise nicht. Praktisch sieht es so aus, dass sich hinter den ablehnenden Stellungnahmen in den Unterlagen der Stadt der Vermerk befindet: "Der Stellungnahme wird nicht gefolgt".

Die Stadt teilte dazu auf Anfrage mit: "Die Stellungnahmen der beteiligten Ämter und Betriebe wurden […] in einem Abwägungsprozess geprüft und das Abwägungsergebnis vom Stadtrat beschlossen. Somit wurden alle Stellungnahmen beachtet."

Stadtrat billigt Bebauungsplan

Im Mai 2015 beschloss der Stadtrat mehrheitlich, den Empfehlungen der Fachleute nicht zu folgen. Bezüglich der wichtigsten Bedenken, der Lage im Überschwemmungsgebiet, schlossen sich die Stadträte mehrheitlich der Argumentation des Investors an: Für den betreffenden Abschnitt der Elbe sei noch keine Festsetzung als Überschwemmungsgebiet per Verordnung erfolgt. Es handele sich auch nicht um eine Neuausweisung eines Bebauungsgebiets, sondern um einen Ersatzneubau. Somit müsse der Flächennutzungsplan nicht geändert werden, denn es handele sich um einen Sportbau.

Am 2. September 2015 beschloss der Stadtrat, den Bebauungsplan 250-5.1 "Haus der Athleten" zu billigen. Am 16. November gab der Stadtrat endgültig grünes Licht. Anfang 2016 wurde die Baugenehmigung für den "Ersatzbau Haus der Athleten" bewilligt. Sie trug elf Unterschriften. Neben dem Antragsteller und einem Vertreter des Stadtplanungsamtes unterschrieb Magdeburgs Oberbürgermeister Lutz Trümper – gleich neunmal und immer in der Funktion als Oberbürgermeister.

Hotel soll vorrangig Sportlerinnen und Sportler aufnehmen

Bild eines Schwimmers an einer blauen Wand. Daneben ein Fahrstuhl
Im Innern erinnern Bilder von Sportlerinnen und Sportler daran, dass das Hotel eigentlich als Herberge für Sportlerinnen und Sportler gebaut wurde. Bildrechte: MDR/Annette Scheider-Solis

Auf die Frage, warum das Bauverbot im Wasserhaushaltsgesetz bei der Genehmigung nicht beachtet wurde, antwortete die Stadt: "Beachtlich war der Umstand, dass es sich um keinen Neubau, sondern um einen Ersatzbau handelt." Die Stadt verweist auf den vorhabenbezogenen Bebauungsplan, in dem die bauliche Fläche für das Haus der Athleten festgesetzt sei mit der "Zweckbestimmung Beherbungsgewerbe vorrangig für Sportlerinnen und Sportler".

Im Herbst 2020, noch vor der Fertigstellung, war dann plötzlich nicht mehr von einem "Haus der Athleten" die Rede. Das Hotel hat jetzt nur noch halb so viele Zimmer und ist kein "Haus der Athleten" mehr. Ganz selbstverständlich spricht Investor Christian Meier von einem Boardinghotel, man habe auch namentlich einen Neuanfang gewollt. Der Zimmerpreis beträgt ab 80 Euro aufwärts. Sportler allerdings, sagte Meier dem MDR, zahlten einen geringeren Preis.

Hotel sieht sich gegen Hochwasser gewappnet

Gegen das Hochwasser fühlt sich der WBG-Kalbe-Chef Meier gewappnet, der das Projekt seines inzwischen verstorbenen Vaters zu Ende führte. Das Hotel verfügt über eine Garage, die als Opfergeschoss fungiert. Allerdings kann das Wasser nicht ungehindert durchfließen, was der Landesbetrieb für Hochwasserschutz in einer Stellungnahme monierte. Auf der Wasserseite schützt ein hoher Wall die Garage vor den Fluten, die eben nicht ungehindert abfließen können.

Am Freitag wurde das Hotel eröffnet. Architekt Steffen Lauterbach bedankte sich in seiner Rede ausdrücklich bei Oberbürgermeister Lutz Trümper, der an der richtigen Stelle den richtigen Druck ausgeübt habe, damit das Vorhaben positiv ausgegangen sei. Der so Gelobte betonte in seiner Rede bei der Eröffnung ausdrücklich, im Genehmigungsverfahren sei alles rechtens gelaufen. Die Fördermittel kämen von der Investitionsbank, die Stadt habe nur den Bebauungsplan geändert und die Genehmigung erteilt. "Immer wieder wird behauptet, wir hätten gegen Recht verstoßen", sagte Lutz Trümper, "das ist alles grober Unfug."

Vier Männer vor einem grünen Stoffband
Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU), Hotelbetreiber Bhupinder Singh, Magdeburgs Oberbürgermeister Lutz Trümper (SPD) und Bruder Clemens von den Prämonstratensern bei der Eröffnung des Hotels. Bildrechte: MDR/Annette Schneider Solis

Bürgerinitiative: Hotel am falschen Platz

Die Bürgerinitiative "Rettet den Stadtpark Rotehorn" sieht das anders und zitiert die Stellungnahmen der Ämter und Betriebe, die vom Bau abgeraten hatten und sich auf geltendes Bundesrecht beriefen. "Herr Trümper war die treibende Kraft, den Bau durchzudrücken", sagt Renate Fiedler, Sprecherin der Initiative. Ihrer Meinung nach ist das Hotel ein schöner Bau, steht aber an der völlig falschen Stelle. Bestärkt wird sie von Umweltministerin Claudia Dalbert: Sie könne angesichts der aktuellen Bilder aus den Hochwassergebieten nur hoffen, "dass diese Bilder zum Nachdenken, Einlenken und zu dem Bewusstsein führen, dass man in Überschwemmungsgebieten nicht baut".

Das neue Hotel im Stadtpark ist dabei nur eines von insgesamt 29 Bauprojekten in sachsen-anhaltischen Überschwemmungsgebieten, die von den Kommunen nach dem Hochwasser 2013 genehmigt wurden. Erste positive Bewertungen hat "das Elb" schon vor Monaten im Internet erhalten – wen wundert’s: mit fünf von fünf Sternen.

MDR/Annette Schneider-Solis, Fabienne von der Eltz

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 20. August 2021 | 16:30 Uhr

10 Kommentare

ribeko vor 8 Wochen

Die Frage, die sich hier in den Vordergrund drängt, lautet: Was treibt Politiker an, ein Projekt gegen alle Widerstände und Vernunft und ohne Not durchzuboxen?



Ein Projekt, welches nur mit sehr fragwürdigen Auslegungen der Gesetzeslage verwirklicht werden konnte.

Ein Projekt, welches kaum ein Bürger an diesem Stadtort befürwortet und auf breite Ablehnung stößt.

Ein privates Projekt, dessen Risko der Investor kannte und ungeniert die öffentliche Hand zur Kasse bittet, ihm ein komplett neues Hotel für 12 Millionen mit Steuergelder mit zu finanzieren

Ein privates Projekt, wo sich bisher kein Fördermittelgeber über die ausgezahlten Fördersummen geäußert hat

Ein Projekt, bei dem die Verantwortlichen selbst den Umstand in Kauf nehmen, dass ihr Ansehen Schaden nimmt.


Trotz allem wird es durchgepeitscht, als würde die Existenz der ganzen Stadt davon abhängen! Warum? Was war der Grund für diese unglaubliche Übermotivation?

ausMagdeburg vor 8 Wochen

interessant wäre z.B. zu wissen, wie viel Fördermittel von den 12,0 Mio Euro Baukosten vom Bund, Land und Stadt, also der
Steuerzahler für ein nigelnagelneues Privathotel übernommen haben und wieso eigentlich?
War die neue Eigentümerin, die private WBG Wohnungsbaugesellschaft mbH etwa seit 2008 nicht gegen Elementarschäden versichert?
Wieso muss der Steuerzahler jetzt wieder "bluten", für das missachtete Risiko eines Privatunternehmen, dem die Problematik doch bestens bekannt war?
Wie oft wurde dieser Standort schon überflutet, hat Schäden am Gebäude angerichtet und musste die öffentliche Hand, der Steuerzahler die Kosten für die Schadensbeseitigung tragen?

Magdebuerg vor 8 Wochen

Ganz nach dem Motto: Was nicht passt, wird von Trümper passend gemacht. So kennt man die Politik und so verliert sie für die Bürgerinnen immer mehr an Glaubwürdigkeit.

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