Lokal erfolgreich trotz Pandemie Vom sicheren Job zur Puzzle-Unternehmerin

Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

In Gerwisch bei Magdeburg hat Heike Worel vor kurzem einen Spieleverlag gegründet. Sie produziert die Spiele vor Ort in ihrem Ein-Frau-Unternehmen. Dafür hat sie Geld in eine große Maschine investiert. Und mit neuen Ideen und Experimenten kommen sogar Kunden aus Übersee. Uli Wittstock war vor Ort.

Heike Worel, Spieleverlag Fragmentis
Heike Worel gründet einen Spieleverlag bei Magdeburg – und beliefert damit einen Weltmarkt. Bildrechte: MDR/Uli Wittstock

Die Maschine sieht aus wie einer jener großen Kästen, mit denen man in Drogerien Fotos ausdrucken kann. Doch was da in der Werkstatt von Heike Worel lärmt, ist kein Drucker, sondern ein CO²-Laserschneider. Die Maschine braucht fünf Minuten, um eine bedruckte Holzplatte in 500 kleine Teilchen zu zerlegen. Was der Automat sorgsam trennt, müssen später dann Menschen wieder zusammenfügen –  man nennt das auch Puzzle.

Heike Worel entwirft die Vorlagen, lässt sie drucken und fertigt die Puzzles dann in der eigenen Werkstatt. Eine reale Mangelerfahrung stand am Anfang, erklärt die Jungunternehmerin:

"Eigentlich wollte ich für meine kleine Nichte ein Geschenk kaufen und bin also durch mehrere Spielmärkte gelaufen und war ziemlich schnell ernüchtert. Denn das, was da angeboten wurde, war phantasielos und zudem billig produziert. Und das schlimmste war, dass dies überall so war, egal ob ich in Magdeburg, Berlin oder München gesucht habe. Und da habe ich mich an eine alte Idee erinnert."

Heike Worel mit einem selbstentworfenen Motiv.
Heike Worel mit einem selbstentworfenen Motiv. Bildrechte: MDR/Uli Wittstock

Von der Beraterin zu Unternehmerin

VieIe Jahre lang beriet Heike Worel im Auftrag der Stadt Magdeburg junge Leute, die sich in der Kreativbranche selbstständig machen wollten. Die meisten von ihnen kamen direkt von Studium und wollten sich nun selbst verwirklichen, mit einer Filmfirma, einem Grafikstudio oder einem Textbüro.

Dann aber stand eine Umstrukturierung bei der Magdeburger Wirtschaftsförderung an und Heike Worel sollte in die Stadtverwaltung wechseln, zu deutlich schlechteren Konditionen. Doch statt in der Verwaltung die letzten Erwerbsjahre zu verbringen, wechselte Heike Worel die Seiten – mit 59 Jahren:

Fast zehn Jahre habe ich die Entwicklung der Kreativwirtschaft in Magdeburg begleitet. Und natürlich hat mich das auch zusätzlich inspiriert, denn ich habe ja gesehen, mit welchen Ideen junge Leute ihren Weg gehen. Und einige von Ihnen haben mir dann auch auf dem Weg zu einem eigenen Spielverlag geholfen.

Heike Worel

Sie nahm also ihr Erspartes zusammen und kaufte für den Preis eines Mittelklasseautos einen modernen Laserschneider. Doch die Grundidee für ihre Selbstständigkeit ist eigentlich ein Spiel aus ihren Kindertagen.

Leinwand mit pinkfarbenem Schlossmotiv in einer Lasermaschine
Für die Gründung des Spielverlages musste Worel zuerst eine große Lasermaschine anschaffen. Bildrechte: MDR/Uli Wittstock

Adlerschießen – eine Mischung aus Puzzle und Würfelspiel

Vier Schwarze Kösten mit weiß hinterlegtem Aufdruck und je einem bunten BIld und Text auf einem schwarzen Tisch
Ein altes Spiel aus ihrer Kindheit hat die Unternehmerin neu umgesetzt. Bildrechte: MDR/Uli Wittstock

In ihrer eigenen Familie gibt es ein Spiel, das seit Generationen weiter gegeben wird. Heike Worel wuchs damit ebenso auf wie später ihre Kinder. Die Grundidee basiert auf einer alten Schützentradition, dem sogenannten Adlerschießen:

"Man sieht das heute noch gelegentlich bei Volksfesten. Da wird eine große Stange aufgestellt, mit einem großen Holzadler an der Spitze. Und dann wird der Adler mit einer Armbrust beschossen, um den Schützenkönig zu ermitteln. So eine Armbrust ist für Kinder natürlich völlig ungeeignet und da ist einer meiner Vorfahren auf die Idee gekommen, ein Brettspiel daraus zu machen. Er hat also den Adler aus Sperrholz zersägt und das dann mit einem Würfelspiel kombiniert."

Also erst wird der Adler per Puzzle zusammengesetzt und dann mit einem Würfelspiel wieder in seine Einzelteile zerlegt. Doch so spielerisch die Produkte von Heike Worel sind, so wenig spielerisch war ihr Start in die Selbstständigkeit. Und das, obwohl sie selbst viele Jahre Unternehmensgründungen begleitet hat. Vor allem die Zertifizierung als Kinderspielzeug brachte erhebliche Probleme mit sich. 

Der Weltmarkt und die eigene Werkstatt

Doch es hat sich gelohnt, denn die Nachfrage ist groß. Zwar werden nach wie vor viele Spielzeuge und Puzzles in China gefertigt, weil es dort kostengünstig und in großer Stückzahl möglich ist. Aber Heike Worel  hat eine Nische entdeckt, in der sie preislich durchaus mithalten kann – allerdings nur unter einer Voraussetzung:

Die Puzzles werden in China sagen wir mal für zehn Euro eingekauft und der Händler verkauft sie hier für fünfzig Euro. Mein Puzzle kostet auch fünfzig Euro, aber die Händler würden es bei mir nie zu diesem Preis einkaufen, denn bei ihnen im Laden würde das dann mehr als einhundert Euro kosten. Deshalb vertreibe ich die Puzzles übers Internet.

Heike Worel

Zwar hatte sie schon Anfragen, ob sie nicht Interesse hätte, größere Stückzahlen zu produzieren, doch Heike Worel will sich ihre Unabhängigkeit bewahren. Sie habe keinen Spieleverlag gegründet, um genau jene Massenware zu produzieren, die sie eigentlich kritisiert. Das ist in gewisser Weise auch eine Kritik an den Auswüchsen der Globalisierung, von der sie aber natürlich auch profitiert, wie sie einräumt.

Neue Märkte in Übersee

Da Heike Worel in der Kreativwirtschaft tätig ist, testet sie ständig, was so ein Laserschneider noch so alles kann, nämlich nicht nur Schneiden, sondern auch Gravieren. 

Weißes Regal mit kleinen weißen, schmalen Dekohäusern
Die Gründerin hat mit ihrem Laserschneider experimentiert und mit den Dekohäusern einen Nerv bei Kunden aus den USA getroffen. Bildrechte: MDR/Uli Wittstock

Und so hat sein nun einen Überraschungserfolg gelandet, mit einem neuen Produkt, das jedoch eher Deko als ein Spiel ist: "Ich habe versucht, mit dem Laser alte Holzbalken zu bearbeiten. Ich schneide sie also in Stücke, bemale sie und gehe dann mit dem Laser darüber. So entstehen Dekohäuschen für Regale oder Fensterbretter. Und ich war sehr erstaunt, das neben Deutschland vor allem das Interesse in den USA sehr hoch ist."

Von Gerwisch aus beliefert Heike Worel also mit ihrem Ein-Frau-Unternehmen nun den Weltmarkt – moderne Technologie und das Internet machen es möglich. Was aber noch wichtiger ist, sind eigene Ideen. Dass es an diesen mangeln könnte, diese Sorge hat Heike Worel aber nicht.

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 24. März 2021 | 13:40 Uhr

1 Kommentar

DanielSBK vor 6 Wochen

Super! Aber dieses "Ein-Frau-Unternehmen" wird Sachsen-Anhalt und Deutschland als innovativen Wirtschaftsstandort auch nicht mehr retten können... der Zug ist abgefahren. Aubaden dürfen das dann alle u40jährigen und deren Nachkömmlinge. Aber darüber verliert der Autor hier natürlich kein Wort.

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