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Eine Ära endet: 21 Jahre war Lutz Trümper Oberbürgermeister der Stadt Magdeburg. (Archivbild) Bildrechte: dpa

EinschätzungDer Macher und das Machbare – die Spuren von Oberbürgermeister Lutz Trümper in Magdeburg

von Uli Wittstock, MDR SACHSEN-ANHALT

Stand: 21. Februar 2022, 11:42 Uhr

Oberbürgermeister Lutz Trümper regierte über zwei Jahrzehnte lang Sachsen-Anhalts Landeshauptstadt. Am 30. Juni geht der 66-Jährige in den Ruhestand. Welche Spuren bleiben aus seiner Amtszeit in Magdeburg? Eine Einschätzung.

  • Nach 21 Jahren im Amt geht Magdeburgs Oberbürgermeister Lutz Trümper am 30. Juni dieses Jahres in den Ruhestand. Der 66-Jährige blickt auf eine bewegte Amtszeit zurück.
  • Unter seiner Führung wurden einige Großprojekte der Stadtentwicklung fertiggestellt. Zwei sind noch im Bau.
  • "Lutz zeigt klare Kante", hörte man oft von den Magdeburgern und Magdeburgerinnen. Was von seiner Amtszeit bleibt.

21 Jahre wurde ich als Einwohner der Stadt Magdeburg von Lutz Trümper (SPD) regiert. Damit ist "Lutze" länger im Amt als Angela Merkel oder Helmut Kohl. Unter den Oberbürgermeistern in Sachsen-Anhalt ist Trümper nunmehr mit Abstand der Dienstälteste. Schon allein deswegen könnte man von einer Ära sprechen.

Als Lutz Trümper im Juli 2001 sein Amt in Magdeburg antrat, war die Stadt noch eine andere. So gab es etwa noch keinen Tunnel am Universitätsplatz und das Hundertwasserhaus existierte ebenso wenig wie die Sternbrücke in den Stadtpark. Die offizielle Arbeitslosenquote in der Stadt lag bei rund 18 Prozent und der FCM beendete die Saison in der Regionalliga Nord auf dem zwölften Platz. Ein neues Fußballstadion gab damals natürlich auch noch nicht.

Politische Erfahrung half beim Start

Nun hat Lutz Trümper als Oberbürgermeister all diese Projekte nicht persönlich verantwortet, denn sie waren entweder schon im Bau oder zumindest in Planung. Aber er hat als Verwaltungschef immerhin dafür gesorgt, dass sie – trotz mancher Probleme – realisiert wurden.

Trümper konnte allerdings auf einen gewissen Erfahrungsvorlauf verweisen, war er doch vor Amtseintritt bereits fünf Jahre Mitglied im Magdeburger Stadtrat gewesen. Zudem hatte er in der Landesregierung noch ein kurzes Gastspiel gegeben, für ein knappes Jahr, als Staatssekretär für Umwelt.

Trümpers erste öffentliche Auftritte im neuen Amt erinnere ich als ungewöhnlich hölzern. Sein Amtsvorgänger und Parteifreund Willi Polte war zwei Jahre zuvor noch vor einem Millionenpublikum in der ARD-Lindenstraße aufgetreten, um für die Bundesgartenschau in Magdeburg zu werben. Lutz Trümper, so der erste Eindruck, hätte dort allenfalls als stummer Statist seinen Dienst versehen können.

Finanzloch statt Visionen

Die Party schien aber ohnehin erstmal vorbei zu sein. Die großen Kräne im Stadtbild waren verschwunden und hatten die eine oder andere Investruine hinterlassen. Eine Folge der geplatzten Immobilienblase.

Und hatte Oberbürgermeister Polte noch mit unerschütterlichem Optimismus Visionen für die Zukunft der Stadt entworfen, so folgte ihm nun jemand im Amt, der es beim Thema Visionen eher mit seinem Parteifreund Helmut Schmidt hielt: Der soll ja in solchen Fällen zu einem Arztbesuch geraten haben.

Es war aber ohnehin keine visionäre Zeit, denn der Blick in die Stadtkasse offenbarte ein schwarzes Loch, in dem alle Träume ein jähes Ende fanden. Nach dem Gestalter Polte regierte nun der Verwalter Trümper, so der Eindruck aus den frühen Jahren.

Neoliberale Medizin

Doch die Situation in Magdeburg war kein Einzelfall. Auch andere ostdeutsche Städte schoben einen riesigen Schuldenberg vor sich her, denn die Westmilliarden der zehn Nachwendejahre hatten keinen dauerhaften Aufschwung sichern können, wie sich nun zeigte.

Kanzler Schröder war in Berlin angetreten, die Bundesrepublik zu modernisieren. Nach neoliberalem Muster, unter der Formel: weniger Staat, mehr Eigenverantwortung. Diese Entwicklung machte auch vor den ostdeutschen Städten nicht Halt. Die Stadt Dresden verkaufte für knapp eine Milliarde Euro ihre städtische Wohnungsbaugesellschaft. Die Stadt Leipzig versilberte ihr Wasserwerk an einen Investor, um es im Anschluss zurück zu mieten.

Und auch in Magdeburg wurden Forderungen laut, die städtische Wohnungsbaugesellschaft Wobau zu veräußern, um Schulden zu tilgen. Als klarer Gegner dieser Pläne erwies sich der Sozialdemokrat Trümper, denn er hatte mit den Städtischen Gesellschaften noch einiges vor.

Die Stadt als Investor

Trümper hatte offenbar frühzeitig erkannt, dass dieses dereinst weit verbreitete Warten auf Investoren die Stadtentwicklung eher lähmen als fördern würde. Doch was zunächst als Zaudern ausgelegt wurde, sollte sich als Vorteil erweisen. Denn der damalige Nichtverkauf der Wobau ermöglichte es Jahre später, dass die Wobau den Nordabschnitt des Breitens Weges mit der Sanierung des Katharinenturms aufwertete. Ein privater Investor fand sich nämlich nicht, der sich auf dieses Wagnis eingelassen hätte.

Nach jahrelangem Leerstand des Blauen Bocks war es die städtische Gesellschaft SWM, die den Standort neu bebaute. Der Sponsor des Magdeburger Fußballstadions ist auch nicht zufällig der städtische Telekommunikationsanbieter MDCC. Als es um den Erhalt der Magdeburger Hyparschale im Stadtpark ging, widersetzte sich Trümper ebenfalls einem Verkauf. Nach der Sanierung könnte das Gebäude erheblich diesen Teil des Stadtparks aufwerten.

Lutz Trümper 2018 bei der Feier des 1. FC Magdeburg zum Aufstieg in die 2. Fussball-Bundesliga Bildrechte: IMAGO

Keine Luftschlösser

Doch allzu hochfliegend durften Pläne nicht sein, um Trümper zu begeistern. Im Jahr 2007 schlug er vor, den Magdeburger Flughafen zu schließen, wegen Nutzlosigkeit. Dazu konnte sich der Stadtrat allerdings nicht durchringen. Auch den Wiederaufbau der Ulrichkirche lehnte er ab und ließ sich diese Haltung durch einen Bürgerentscheid bestätigen.

In den vergangenen Jahren allerdings formierte sich zunehmend Kritik an den städtischen Entwicklungskonzepten. An Beton habe der OB großes Interesse, weniger hingegen an städtischem Grün, heißt es. Und auch wenn Trümper selbst oft mit dem Fahrrad unterwegs ist, so erinnert das Verkehrskonzept von Magdeburg eher an das vergangene Jahrhundert.

Neue Herausforderungen

Doch diese neuen Ansprüche ans städtische Leben finden sich inzwischen auch im Stadtrat wieder. Die Zeiten, in denen SPD, CDU und bei Bedarf die Linken im Stadtrat Mehrheiten aushandeln konnten, sind vorbei. Jetzt gilt es außerdem, die Interessen von Gartenfreunden, Tierschützern oder Jugendbewegten zu berücksichtigen. Das ist Trümpers Sache nicht, der von schwärmerischer Politik wenig hält.

Lutz Trümper (Mitte) im Februar 2020 beim Spatenstich für den Ersatzneubau am Strombrückenzug. Bildrechte: dpa

So wundert es nicht, dass er im Stadtrat zunehmend als Dozent auftritt, wenn es darum geht, bis in die letzte Verästelung des Verwaltungsrechts zu erklären, warum der eine oder andere Antrag den Problemen nicht gerecht werde. Allerdings ist ein Parlament kein Vorlesungssaal, wie dann Stadträte gelegentlich anmahnen. Und auch die Bürgerbeteiligung ist in der Stadt ausbaufähig.

Magdeburg hat zwar in den Stadteilen eine aktive Gemeinwesenarbeit, die im Vorfeld kommunaler Entscheidungen durchaus einbezogen wird, doch der Einfluss ist begrenzt, insbesondere wenn es um strittige Themen geht. Vor diesem Hintergrund könnte man Lutz Trümper kommunalpolitisch als "stadtväterlichen Typ" beschreiben, der für sich in Anspruch nimmt, zu wissen, wie Probleme angegangen werden sollten. Große Debatten sind da aus seiner Sicht oft überflüssig.

Kontinuität, aber kaum Filz

Bei einem nicht unerheblichen Teil der Magdeburgerinnen und Magdeburger kam und kommt dies gut an. "Lutz zeigt klare Kante" hört man oft, auch wenn das nur bedingt stimmt. Allerdings ist diese Form des Regierens wohl ein wenig aus der Zeit gefallen, wie Trümper offenbar selbst inzwischen festgestellt hat. Auch wenn er von seiner ursprünglichen Rücktrittsankündigung wieder zurücktrat, eine echte "Trümperrolle".

2020 bitten Trümper-Fans den Oberbürgermeister auf fünf LED-Wänden zu bleiben. Bildrechte: imago images/Christian Schroedter

Zwei große Projekte, die mit seinem Namen verbunden sind, wird er nicht mehr als Oberbürgermeister einweihen: den Bahnhofstunnel und den neuen Strombrückenzug. Ob sie die Aufenthaltsqualität in der Stadt so erhöhen, wie von den Befürwortern erhofft, wird sich zeigen. Dass die Stadt Magdeburg in den vergangenen drei Jahrzehnten nur zwei Bürgermeister hatte, steht für eine bemerkenswerte politische Kontinuität. Und obwohl die SPD mehr als 30 Jahre den Oberbürgermeister stellte, hat sich daraus kein Parteienfilz entwickelt, wie er anderenorts oft kritisiert wird.

Auch große Bestechungsskandale sind bislang nicht bekannt geworden, nicht einmal zu einem kleinen Impfskandal reichte es. Selbst bei der Jagd auf falsche Doktortitel blieb der promovierte OB ohne jeden Vorwurf. Vielleicht liegt das aber auch an dem sperrigen Titel der Doktorarbeit: "Zur biologischen Aktivität ausgewählter disubstituierter Benzenderivate". Was genau Lutz Trümper da untersucht hat, müsste man eigentlich nochmal fragen.

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MDR (Daniel George)

Dieses Thema im Programm:MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 20. Februar 2022 | 12:00 Uhr

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