Aufklärung in Echtzeit Wie eine Daten-Brille der Uni Magdeburg dem SEK bei seiner Arbeit hilft

Annette Schneider-Solis
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Beim Einsatz von Spezialkräften ist schnelles und professionelles Handeln erforderlich. Um dem SEK die Arbeit zu erleichtern, haben Experten der Uni Magdeburg ein System zur Lagedarstellung in Echtzeit erarbeitet. Eine entsprechende Brille wird gerade entwickelt.

SEK-Kräfte trainieren einen Einsatz.
Eine Datenbrille, wie sie der Beamte links trägt, soll künftig SEK-Einsätze in Gebäuden erleichtern. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis

Es muss ran, wenn es richtig gefährlich wird: Das Spezialeinsatzkommando wird geholt, wenn bewaffnete Täter im Spiel sind, bei Geiselnahmen, Überfällen. Die Spezialisten sind ausgebildet, in unbekannte Gebäude einzudringen und die Täter zu überwinden. In den meisten Fällen kennen sie die Situation vor Ort nicht. Das birgt zusätzliche Gefahren.

Gemeinsam mit der Uni Magdeburg und der Metop GmbH arbeiten sie nun daran, unbekanntes Terrain besser zu erkunden. Moderne Technik hilft ihnen dabei.

Spezialeinsatzkommando (SEK)

Das Spezialeinsatzkommando (SEK) ist eine Einheit der Polizei. Die Polizei jedes Bundeslandes verfügt über mindestens ein SEK. Entsprechungen auf Ebene des Bundes sind die 1972 gegründete GSG 9 der Bundespolizei sowie die 1994 gegründete Zentrale Unterstützungsgruppe Zoll (ZUZ). SEK-Beamte sind für Terrorismusbekämpfung, Geiselbefreiung und Zugriffe ausgebildet. Sie kommen bei besonderen Gefährdungslagen sowohl präventiv (zum Beispiel zum Schutz bei Staatsbesuchen), als auch operativ (auf Anforderung regulärer Polizei) zum Einsatz.

Brille vollgestopft mit Technik

Ein altes Industriegebäude in Magdeburg. Hier soll sich ein bewaffneter Täter verschanzt haben. Zwei Polizisten in der Uniform des Spezialeinsatzkommandos pirschen entlang der schützenden Wand durch die Räume, die Waffen im Anschlag. Immer wieder blicken sie zur Seite, sichern sich gegenseitig.

Professor Frank Ortmeier leitet das Evok-Entwicklerteam.
Frank Ortmeier, Professor für Software Engineering an der Uni Magdeburg, leitet das Projekt Evok. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis

Das Besondere: Einer der beiden trägt eine Brille. Keine normale Brille, sondern eine, die vollgestopft ist mit Technik: Stereokamera, Infrarotkamera, Computer, Sender. Die Brille verrechnet die Informationen der Kamera zu Tiefenbildern und verschickt sie über ein provisorisch aufgebautes Funknetz.

"Das sind Millionen Gigabyte pro Sekunde", erklärt Frank Ortmeier. Er ist Professor für Software Engineering an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg und hält die Fäden beim Projekt Evok in der Hand. Evok steht für Echtzeit-Vor-Ort-Aufklärung und Einsatzmonitoring. Das Projekt soll den Polizisten helfen, ihre Arbeit sicherer zu machen.

Dafür wird eine handelsübliche VR-Brille von Microsoft benutzt. Wenn man durchguckt, projiziert die Brille den Startbildschirm von Windows auf die Hand. Per Mausklick auf die Hand lässt sich die Brille steuern. Zunächst sieht man viele Dreiecke, die zu einem Tiefenbild verarbeitet werden. Die Aufgabe der Informatiker ist es, die riesigen Datenmengen zu verarbeiten, zu reduzieren und zu übertragen.

Bilder von Räumen – zweidimensional oder dreidimensional

Dafür haben sie gemeinsam mit der Firma Metop und anderen Partnern Algorithmen entwickelt. Auf einem Laptop, der in einem Ernstfall in der Einsatzzentrale steht, bauen sich Bilder von Räumen auf – zweidimensional oder dreidimensional. Sie zeigen die Räume, durch die die Polizisten laufen.

Und noch viele andere Informationen: Schutzklassen von Fenstern und Türen etwa, Sprengfallen und andere Gefahren. Den Verantwortlichen dort kann das helfen, wichtige Entscheidungen zu treffen. Auch die Polizisten bekommen das Bild auf ein Smartphone, das sie am Unterarm befestigt haben. Nachfolgende Trupps können die Räume sehen, bevor sie sie betreten, und so Gefahren rechtzeitig erkennen.

Auf einem am Unterarm befestigsten Smartphone erhalten auch die Einsatzkräfte Informationen zum Gebäude.
Auch die Einsatzkräfte vor Ort bekommen die Informationen auf ein Smartphone. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis

Menschen helfen, ohne Einsatzkräfte zu gefährden

"Zum Glück kommen solche Situationen nicht allzu häufig vor", sagt Ralf Heidrich, der im Landeskriminalamt Sachsen-Anhalt für die Spezialeinheiten zuständig ist. "Aber Terroranschläge in Europa wie in Bataclan haben gezeigt, dass wir auf solche Situationen vorbereitet sein müssen." Dann komme es darauf an, Menschen zu helfen, ohne die Einsatzkräfte zu gefährden.

Räume zu scannen, ist mit handelsüblicher Technik bereits möglich. Doch der Aufwand, alle wichtigen Gebäude provisorisch zu scannen und Lagepläne bereitzuhalten, ist viel zu groß. Zumal Gebäude ja auch umgebaut werden können. Deshalb soll ein System entwickelt werden, mit dem das in Echtzeit geschieht.

Große Datenmengen sind eine Herausforderung

Die Informatiker stehen bei ihrer Aufgabe vor mehreren Herausforderungen. Dazu gehört, dass die Einsatzkräfte sich taktisch bewegen, also immer wieder die Blickrichtung ändern, während sie den Raum erkunden. "Das ist nicht nett für die Bildverarbeitung", so Frank Ortmeier. Hinzu kommen die großen Datenmengen, die anfallen und für jede drahtlose Kommunikation ein harter Brocken sind.

In einem realen Fall sind mehrere Gruppen unterwegs. "Unser Ziel ist es, diese Informationen von allen Trupps gleichzeitig zu verarbeiten. Sie nähern sich von verschiedenen Richtungen. Das muss zu einem Bild verarbeitet werden." So weit ist Evok noch nicht. Aber schon das, was derzeit in Magdeburg entsteht, ist weltweit einmalig und wird auch von anderen Polizeien und auch Feuerwehren beobachtet.

Informatiker überwachen beim Evok-Testlauf das Ergebnis am Laptop.
Das Entwicklungsteam überwacht den Evok-Testlauf auf dem Laptop. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis

Zusammenarbeit mit Polizei in Baden-Württemberg

"Es besteht großes Interesse. Wir arbeiten unter anderem mit der Polizei in Baden-Württemberg zusammen", sagt Ralf Heidrich. "Auch für die Feuerwehr ist das interessant, wenn sie in verrauchte Räume kommt und Menschen gerettet werden müssen."

Evok wurde im vergangenen Jahr mit dem Hugo-Junkers-Preis ausgezeichnet und setzte sich dabei unter fast 100 Bewerbern durch. Anwendungsreif ist es noch nicht. Die Brille würde im realen Einsatz stören, weil kein Helm darüber aufgesetzt werden kann. Die Technik müsste an der Kleidung der Einsatzbeamten befestigt werden. Die Bedienung darf nicht ablenken, denn in solchen Einsätzen geht es zuerst um das eigene Überleben. Das Bundesministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung fördert Evok mit 800.000 Euro.

Annette Schneider-Solis
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über die Autorin Annette Schneider-Solis arbeitet seit Mai 1994 für den MDR. Sie ist vor allem als Reporterin im Land unterwegs. Ihre Themenpalette ist breit. Annette Schneider-Solis ist in Magdeburg geboren, hat in der Nähe von Stendal Zootechnikerin gelernt, das Abi an der Abendschule gemacht und in Leipzig Journalistik studiert. Seit 1985 arbeitet sie als Journalistin, seit 1994 als Freie, vor allem für den MDR, aber auch für die dpa und ab und zu für verschiedene Zeitungen. Lieblingsorte in Magdeburg hat sie viele - dazu gehören der Stadtpark und der Möllenvogteigarten in Magdeburg und die ländlichen Regionen. Vor allem das weite Grünland in der Altmark und die Felder in der Börde.

MDR/Annette Schneider-Solis, Gero Hirschelmann

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 25. Juni 2021 | 19:00 Uhr

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